Die zwei Seiten einer Medaille - oder
Was steckt hinter der Verunglimpfung der Hebammen?

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Leserbriefsammlung zu einem Artikel im FOCUS Magazin vom März dieses Jahres

Mit der Schagzeile: "Ideologinnen im Kreißsaal" griff der Focus vom 20.3.06 die Praxis der freiberuflich arbeitenden Hebammen an. Man unterstellte ihnen Fahrlässigkeit und niedere Beweggründe im Umgang mit Geburten und versuchte, ihre Qualifikation und Kompetenz in Misskredit zu bringen. Gleichzeitig betrieb man Artikel-Werbung für die geplante Klinikgeburt und den Wunschkaiserschnitt.

Dementis und Gegenstellungnahmen führten die Zeilen der Focus-Redakteurin ad absurdum, doch das Blatt räumte ihnen nicht mehr den Platz in den Leserbriefspalten ein, den sie brauchten, um die Leserschaft in vollem Umfang über die Falschdarstellungen und Verunglimpfungen aufzuklären.

Eltern mit Hausgeburts- oder Geburtshauserfahrung wissen, dass der Focus-Artikel keinerlei Informationswert hat, sondern irreführend ist und mit seinem Erscheinungszweck andere Interessen bedient als die der Betroffenen. Sie gehören aber in aller Regel nicht zur Leserschaft dieses Blattes, und sie können oder wollen sich nicht auf das schmutzige Geschäft an der Propagandafront beziehen. So erklärt es sich, dass in dieser Leserresonanz weniger die Eltern als vielmehr ihre StellvertreterInnen repräsentiert sind.

Statt eines Leserbriefes:
von Anna-Margarita Schepper
Sozialreferentin in der Erwachsenenbildung
49078 Osnabrück, Lipper Str. 2, Tel. (05 41) 4 11 37

Warum, frage ich mich, bringt der Focus einen so offensichtlich verfälschenden und demagogisch angelegten journalistischen Beitrag?

Mitte bis Ende März dieses Jahres griffen überregionale Medien eine Reihe gesundheitspolitischer Themen auf, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun hatten: das 'Stillen' in der ZEIT; Impfen/Impfungsgegner im "Spiegel", das Thema 'Krebs' im Fernsehen, das Bild der Ärzte in der Öffentlichkeit auf großflächigen BILD-Plakaten und last not least das angebliche Vorgehen frei praktizierender Hebammen im "Focus". Unterm Strich bot sich der Gesamteindruck einer Kampagne und daneben der Verdacht, als sollten die Medien die Existenzberechtigung medizinischer Intervention aufpolieren, während Nachrichten aus dem Gesundheitssystem derzeit nur das nackte ökonomische Interesse jenes Wirtschaftszweiges vermittelten: Milliardenlöcher in den Gesundheitskassen, Ärztestreik, Änderung der Beitragszahlungen, private KV etc.

Dass es im Gesundheitssystem zunehmend um Gewinnanteile und weniger um Qualität geht, liegt am Prinzip der Regelsubvention durch die gesetzlichen Krankenkassen. Im Unterschied zu anderen betriebswirtschaftlichen Unternehmen entfällt für Zulieferer und Produzenten im Gesundheitssystem der Wettbewerb am freien Markt. Sie brauchen lediglich Einfluss auf die Politik der Verteilung zu nehmen. Insofern ist es schlüssig, dass in den Branchen Pharmazeutische Industrie, Medizintechnik/Apparatemedizin, Gentechnologie, Klinikbetreiberfirmen, Müllentsorgung etc. Lobbyismus an der Tagesordnung ist. Seine Vertreter geben sich in den Etagen der Ministerien die Klinke in die Hand. Flankierend nutzen sie Werbung und Öffentlichkeitsarbeit in den Medien, der vierten Gewalt im Staat.

Den Hauptanteil der Kosten im Gesundheitssystem stellt der Klinikbetrieb dar - oder anders gesagt, dort ist der größte betriebswirtschaftliche Gewinn zu erzielen. Allerdings gehört dazu auch die Ware Mensch oder "Gesundheit", die der Medizinbetrieb nur zum Teil selbst produziert - durch krankmachende Behandlung. Der Verwertungsdruck vorhandender Kapazitäten, in unserem Fall geburtshilflicher Abteilungen nebst Intensivstationen verlangt nach Patientengut. Spielen da 1 bis 2 Prozent fehlende Hausgeburten eine Rolle?

Vom monetären Zweck her ist eine so aggressive Verfolgung der verschwindend geringen Hausgeburtsrate kaum einsichtig. Es scheint eher um das Denken in den Köpfen potentieller Neukunden zu gehen.

Tatsächlich stellt der Gang in die Klinik ein weitaus höheres Gesundheitsrisiko für Mutter und Kind dar, als es eine natürliche Geburt vermag. In fast jeder Familie gibt es traumatisierte, z. T. verdrängte Geburtserfahrungen mit verdeckten psychischen und physischen Langzeitfolgen. Dieser nagenden Skepsis tritt man mit entsprechenden public-relation-Offensiven entgegen, wonach der Verzicht auf ärztliche Hilfe als Verantwortungslosigkeit hingestellt wird.

Dabei stört der schlichte Gedanke, dass Schwangerschaft keine Krankheit ist und Geburten nicht ins Krankenhaus gehören. Auch der geringste Anteil natürlicher Geburten kann noch provozieren, zeigt er doch, dass es Eltern und Hebammen gibt, die ein Kind menschenwürdig auf die Welt kommen lassen wollen und dies auch können.

Glücklich verlaufende Hausgeburten werfen ungewollt ein Licht auf die Ineffizienz, Geldverschwendung und Unangemessenheit klinischer Geburtshilfe.

Erfasst der neoliberale Kurs nun auch die Bewahrung des Kostbarsten am Beginn des Lebens? Das Schlagwort von den "Ideologen" dient seit Jahrzehnten dazu, politisch Engagierte zu diskreditieren, die sich für Demokratie, die Würde und das Recht Schwächerer einsetzen. Der Gebrauch im Zusammenhang mit Geburtspraxis macht deutlich, dass die Journalistin hier antritt, um eine grundsätzliche ethische Haltung zur Geburt zu diffamieren. Stehen doch gerade Hausgeburtshebammen für hohen Einsatz, große Verantwortung und besonderes Wissen um die Geburt, einem der elementarsten und sensibelsten Momente im Leben.

Es folgen Reaktionen von Eltern, die nicht gerade zur Focus-Leserschaft gehören, aber Leserbriefe geschickt haben. Ihre Kommentare wurden vom Focus nicht abgedruckt. Daher sollen sie an dieser Stelle veröffentlicht werden:

Birgit Seifert
Lipper Winkel 18a
49078 Osnabrück

FOCUS Magazin
Abteilung Leserbriefe
Arabellastr. 21
81925 München

Osnabrück, den 5. April 2006

Stellungnahme zu Artikel "IdeologInnen im Kreißsaal", Focus Nr. 12

Sehr geehrte Damen und Herren,

Missstände in der Gesellschaft müssen aufgezeigt werden. Doch das tut dieser Bericht nicht - im Gegenteil: hier wurde äußerst schlecht recherchiert und unsachlich dargestellt. Sinnverdrehungen werden als Wahrheiten verkauft. Doch warum wird ein vollkommen verzerrtes Bild dargestellt? Wer hat Angst vor den knapp 1,3% Haus- bzw. Geburtshausentbindungen? Diese Frage macht mich traurig.

Ist es etwa die Angstausschlachtung wie bei der Vogelgrippe? Oder sucht man das Schwarze Schaf, das es tatsächlich in allen Sparten gibt, aber niemals für alles verantwortlich ist, auch nicht für die Fussballergebnisse?

Ganz offensichtlich will der Artikel verunsichern und die Köpfe der Leser in eine ganz bestimmte Richtung lenken.

Ich dagegen möchte weiterhin Frauen Mut machen, selbstbestimmt Kinder zu gebähren. Ich selber habe vier meiner sechs Kinder zu Hause bzw. im Geburtshaus geboren, die beiden ersten Kinder in der Klinik. Diese Klinikgeburten haben große körperliche und seelische Narben hinterlassen. Sie waren für mich so traumatisch, dass ich keine Mühe gescheut habe, nach Alternativen zu forschen und dabei zur Expertin wurde. Auf dieser Suche habe ich auch Erpressung und Androhung von Entmündigung erlitten. Zum Glück für mich, meinen Mann und meine Kinder konnte ich danach noch vier komplikationslose Entbindungen erleben.

Was hat das mit "Ideologie" zu tun?

Mit freundlichen Grüßen

*


Marion Tönniges
Gänseweg 4
49453 Wetschen

Focus Magazin
Abt. Leserbriefe
Arabellastr. 21
81925 München

Wetschen, den 12.4.06

Betr.: Artikel "Ideologinnen im Kreißsaal" in Ausgabe 12/06

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn ein Leser Ihre Zeitschrift kauft und liest ist davon auszugehen, dass er den Inhalt für bare Münze nimmt. Davon ist beim o.g. Artikel jedoch dringend abzuraten und es ist aus meiner Sicht unverantwortlich, derartige Unwahrheiten in die Welt zu setzen.

Ich selber bin Mutter von vier zu Hause geborenen Kindern. Zu keiner Zeit wurde ich durch eine Hebamme zu einer Hausgeburt gedrängt sondern wir wurden im Geburtsvorbereitungskurs sachlich über alle Möglichkeiten und deren Abläufe informiert. Wie können Sie in Ihrer Zeitschrift von einigen wenigen schwierig verlaufenen Geburten auf die Mehrheit der Hausgeburten schließen? Aus meiner Sicht besteht ein weitaus höheres Risiko für Mutter und Kind bei einer Klinikgeburt. Warum wird nicht gleichzeitig darüber berichtet, welche Schäden dort an Mutter und Kind entstehen? Durch die häufig langwierige Aufnahmeprozedur nehmen die Wehen vor Aufregung oft ab. Dem wird natürlich später durch ein wehenförderndes Mittel wieder abgeholfen. Damit der ganze Wehenvorgang gut überwacht werden kann, muß die Mutter unnötigerweise auf dem Rücken liegen. Bei Bedarf gibt es dann noch ein wehenhemmendes Mittel usw. Erblickt das Kind dann endlich das Licht der Welt, wird ihm dieses Licht dann häufig wieder durch unnötige Augentropfen verdunkelt. Schön, wenn man dann der Mutter noch vom Stillen abraten kann und sie somit gleich zu Kunden von Hipp/Alete etc. pp. werden und für die Ärzte sofort neue Kunden geschaffen werden. Dann wird das Kind noch schön durchgeimpft. Ich kann durchaus einsehen, dass z. B. die Gefahr einer Tetanuserkrankung für ein wenige Wochen altes Kind unglaublich hoch sein muß!

Was den in Ihrem Artikel so angepriesenen Kaiserschnitt angeht kann ich nur sagen, dass dies eine traurige Entwicklung ist. Warum müssen insbesondere Mediziner und sog. Wissenschaftler permanent versuchen, besser als die Natur zu sein? Eine Geburt in einer entspannten Atmosphäre und einer guten Vorbereitung ist keine Qual! Natürlich gibt es schwierige Geburten, bei denen ein Arzt erforderlich ist. Generell jedoch sollten Ärzte nichts mit einer Geburt zu tun haben. Nach meinen Informationen sind es jedoch gerade die Ärzte, die die Hebammen und deren Arbeit nicht anerkennen.

Sie schreiben, dass es vor allem Frauen mit einem hohen Bildungsstand seien, die einen Kaiserschnitt wählen. Daraus könnte man schließen, dass es überwiegend die ungebildeten Frauen seien, die sich noch mit einer normalen Geburt zufrieden geben. Hoffentlich nimmt Ihnen das keine Frau ab!

Ich möchte noch hinzufügen, dass es durchaus einige Kliniken gibt, in denen eine Geburt sehr entspannt verläuft und die den Frauen nichts aufnötigen bzw. über deren Kopf hinweg entscheiden. Leider sind diese jedoch in der Minderheit. Das liegt wohl auch daran, dass es leider auch hier in erster Linie um das liebe Geld geht und da ist eine Frau in den Wehen doch ein hervorragendes Opfer. Hier sind gute Vorbereitungskurse und ein wachsamer Mann neben der Frau gefragt!

Mit freundlichen Grüßen

*


Weitere Leserbriefe und Stellungnahmen:

Stellungnahme des Bundes freiberuflicher Hebammen Deutschlands, BfHD
http://www.geburtskanal.de/Aktuelles/Kurzmeldungen/Detail.php?ID=126

Stellungnahme des Bundes Deutscher Hebammen, BDH
http://www.geburtskanal.de/Aktuelles/Kurzmeldungen/Detail.php?ID=143

Stellungnahme des Schweizer Hebammenverbandes http://www.geburtskanal.de/Aktuelles/Focus_SchweizHebVerb.2006.pdf

Stellungnahme von Ingeborg Stadelmann, Hebamme und Autorin
http://www.geburtskanal.de/Aktuelles/Focus_Stadelmann.2006.pdf

Leserbrief-Sammlung - Briefe an den Bund Deutscher Hebammen
http://www.geburtskanal.de/Aktuelles/Focus_LBSammlung.BDH.2006.pdf

*


Die FOCUS-Redaktion erhielt nach eigener Aussage "etwa 100 Briefe" als Antwort auf den Artikel "Ideologinnen im Kreißsaal". Lediglich zwei Leserbriefe wurden (auszugsweise) abgedruckt. Der Artikel aus Heft 12/2006 sowie die beiden Leserbriefe sind online abrufbar:
http://focus.msn.de/gesundheit/geburtshilfe


Juli 2006

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Aktualisiert: 25.11.2011  webmaster@geburtskanal.de
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