Der Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern (bbe e.V.) hat sich im Oktober 2006 aus aktuellem Anlass mit einem offenen Brief an die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen gewandt. Wir halten dieses Anliegen für sehr wichtig und bitten um Ihre Aufmerksamkeit:
Offener Brief: Frühhilfesystem statt Frühwarnsystem
Sehr geehrte Ministerin von der Leyen,
wir als Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern begrüßen die Tatsache, dass das
Bundesfamilienministerium verstärkt eine Zusammenarbeit zwischen den hilfegewährenden Behörden fördern möchte.
Immer öfter rufen bei uns Familien mit behinderten und chronisch kranken Eltern an, die sich zuvor hilfesuchend
an Jugend- und Sozialbehörden gewandt haben. Nur ca. 50% dieser Familien haben Hilfen erhalten, die anderen
wurden abgewiesen, weil die Zuständigkeit verneint wurde. Danach folgt oftmals ein Hin und Her zwischen den
Behörden - irgendwann geben die Eltern entnervt auf und können dem Kreislauf der Überforderung kaum mehr etwas
entgegensetzen.
Nicht selten müssen die behinderten und chronisch kranken Eltern sich auch den Vorwurf anhören, sie hätten sich
selbst in diese Lage gebracht. Hier können wir die derzeitige Praxis der Behörden nur deutlich kritisieren. Wenn
Eltern nach Unterstützung nachfragen, ist dies als Zeichen einer großen Verantwortlichkeit gegenüber ihren
Kindern zu verstehen - sie haben ihren Hilfebedarf erkannt und wollen mit den Behörden zusammenarbeiten. Die
Bereitschaft der Eltern zur Zusammenarbeit, die in Fällen von Bremen und anderen tragischen Beispielen vermisst
wird - wird nicht selten zu einem frühen Zeitpunkt verbaut.
Wenn alle von einem Frühwarnsystem reden, verstehen überforderte Eltern nur: wer nicht gut genug erzieht, dem
werden die Kinder weggenommen. Warum sprechen wir nicht von einem Frühhilfesystem? Das nimmt die Sorgen und den
Hilfebedarf überforderter Eltern ernst und ist nicht nur eine Schuldzuschreibung - die weder Eltern noch Kindern hilft.
Eltern sein ist keine von Geburt angeborene Fähigkeit - es ist ein Lernprozess. Dafür brauchen alle Eltern
Vorbilder und Unterstützung. Das familiäre Unterstützungsformen heute immer seltener werden, können wir alle
bedauern. Wieder herstellen lassen sie sich bei den mehr und mehr Ein- bis Zweikindfamilien und der erwarteten
Flexibilität für den Arbeitsmarkt kaum.
Wie auch führende Forscher und Forscherinnen beim Thema Kindeswohlgefährdung sind wir der Meinung, dass die Ursachen
für die Überforderung von Eltern heute nicht selten vielseitige Ursachen haben. Diesen Eltern und damit den Kindern
zu helfen, sollte vorrangiges Ziel Ihrer Initiative sein. In diesem Sinn, arbeiten auch wir gern mit an einem
Hilfesystem, damit möglichst viele Eltern mit unterschiedlichen Voraussetzungen ihrer Verantwortung gegenüber
ihren Kindern gerecht werden können. Für uns heißt dies beispielsweise, dass dringend ein Rechtsanspruch auf
Elternassistenz für behinderte und chronisch kranke Eltern gesetzlich verankert werden muss, damit diejenigen
behinderten und chronisch kranken Eltern die entsprechenden Hilfen zur Erziehung und Betreuung ihrer Kinder
bekommen, die sie brauchen. Wenn der Rechtsanspruch auf Arbeitsassistenz im SGB IX verankert wurde, verstehen wir
nicht, warum diese Hilfen nicht auch für behinderte und chronisch kranke Eltern gelten, die ebenfalls einen wichtigen
Job mit der Erziehung ihrer Kinder ausüben.
Mit freundlichen Grüßen
Kerstin Weiß
Vorstand
Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern - bbe e.V.
www.behinderte-eltern.com
Oktober 2006
Hinweis:
Seit September 2006 ist die Literaturdatenbank zum Thema Elternschaft von Menschen mit Behinderungen online.
Der Bundesverband behinderter und chronisch kranker Eltern (bbe e.V.) hat auf der Grundlage einer Literatursammlung
des Hessischen Koordinationsbüro für behinderte Frauen (HKBF) inzwischen über 350 Literaturhinweise zusammengestellt.
Medienvertreter, Studierende und andere interessierte Menschen, die sich für das Alltagsleben behinderter Eltern
interessieren, können in der neuen Datenbank des bbe e.V. nun gezielt nach Veröffentlichungen suchen. Über 350
Hinweise zu Artikeln, Büchern, Diplomarbeiten, Dissertationen, Interviews und Erfahrungsberichten aus dem Internet
können in der Datenbank recherchiert werden.
Projekt indokus - bbe e.V.
Tel. 0511 - 69 63 256
Email bbe.indokus@gmx.de
www.behinderte-eltern.com