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Der folgende Beitrag entstammt der Webseite des BHSR -BundesHebammenSchülerinnenRat (www.BHSR.de)
Warum das Externat so wichtig ist.
Durch den Austausch mit Hebammenschülerinnen aus ganz Deutschland wissen wir, dass die Ausbildungsbedingungen von
Schule zu Schule sehr unterschiedlich sind.
"Die Ausbildung soll insbesondere dazu befähigen, Frauen während der Schwangerschaft, der Geburt und dem Wochenbett
Rat zu erteilen und die notwendige Fürsorge zu gewähren, normale Geburten zu leiten, Komplikationen des Geburtsverlaufs
frühzeitig zu erkennen, Neugeborene zu versorgen, den Wochenbettverlauf zu überwachen und eine Dokumentation über den
Geburtsverlauf anzufertigen." - so schreibt es das Hebammengesetz in §5 vor. Das Wort "insbesondere", so ist in den
Erläuterungen dazu nachzulesen, bringt zum Ausdruck, "dass die jeweiligen Einzelziele der Ausbildung keineswegs
abschließend zu verstehen sind." Soviel zum eigentlichen Ausbildungsziel.
Im Moment beinhaltet die Hebammenausbildung 1600 Stunden theoretischen und praktischen Unterricht und 3000 Stunden
praktische Ausbildung. Diese praktische Ausbildung findet für alle Tätigkeitsfelder im klinischen Bereich statt.
Über externe Einsätze in anderen Einrichtungen wie Sozialstationen oder bei freiberuflichen Hebammen entscheidet die
Schulleitung. Sie sind nicht vorgeschrieben, aber "zulässig,..., wenn das Ausbildungsziel es zulässt oder darüber
hinaus erfordert..." (Erläuterungen zu §6 HebG, Prof. Dr. H. Horschitz und H. Kurtenbach).
Gerade in diesem Bereich der Ausbildung gibt es ganz erhebliche Unterschiede. Nur sehr wenige Schulen bieten ein
Externat für 3 Monate an, in denen die Schülerinnen bei selbst gesuchten Hebammen das Handwerk lernen können. Einen
längeren außerklinischen Einsatz gibt es nirgends. Einige andere Hebammenschülerinnen dürfen für einen Zeitraum
zwischen 3 und 7 Wochen in ein Externat gehen. Teilweise werden sie dabei in anderen Kliniken eingesetzt, um
wenigstens verschiedene Arten der Geburtshilfe kennenzulernen. Andere haben drei oder vier Hebammen oder Geburtshäuser
zur Auswahl, die die Schule für ein Externat für geeignet hält. Wieder andere dürfen sich innerhalb ihres Bundeslands,
in ganz Deutschland, in ganz Europa, wenige sogar weltweit Hebammen suchen, bei denen sie lernen möchten. Die Vorgaben
sind sehr verschieden und abhängig vom Engagement der Schulleitung, vom Verständnis des Ausbildungsträgers und von
Vorschriften der Aufsichtsbehörde. Kurz gesagt: die praktische Ausbildung findet hauptsächlich in Krankenhäusern statt.
Die Zustände, unter denen wir das oben beschriebene (gesetzlich vorgegebene) Ausbildungsziel zu erreichen versuchen,
sind katastrophal. Wie wenig wir auf die tatsächliche Arbeit als Hebamme vorbereitet sind, wird vielen von uns erst
nach dem Examen klar. Dann, wenn sie nach zermürbender Stellensuche - "weil es wichtig ist, erstmal Erfahrungen zu
sammeln bevor frau beginnt freiberuflich zu arbeiten" - schließlich zunächst vorsichtig beginnen, Frauen im häuslichen
Wochenbett zu betreuen, eventuell ab und zu eine Schwangere zu beraten und Geburtsvorbereitungskurse anzubieten, im
Idealfall vielleicht sogar einen Belegvertrag unterschreiben. Dann stehen sie vor Aufgaben, auf die sie praktisch nicht
vorbereitet sind.
Gesprächsführung und Kommunikation, Begleitung von Frauen im Umgang mit Pränataldiagnostik, Ernährungsberatung, Umgang
mit Migrantinnen, Begleitung von Familien im Übergang in eine neue Lebensphase, Betreuung von Frauen nach traumatischen
Erlebnissen (seien es vorangegangene Geburten, sexueller Missbrauch oder Genitalverstümmelung), individuelle Beratung zu
unterschiedlichsten Themen, mit denen Hebammen konfontiert sind in ihrer täglichen Arbeit, von Familienplanung über
komplizierte Schwangerschaftsverläufe bis hin zu Stillproblemen oder Wochenbettpsychosen, Begleitung in Trauerprozessen,
... und - nicht zu vergessen - das Hebammenhandwerk, die Hebammenkunst. Handgriffe zur Diagnostik in der Schwangerschaft
und während der Geburt, die Kontrolle der kindlichen Herztöne und das Erkennen von Komplikationen im Geburts- oder
Wochenbettverlauf ohne allzeit bereite technische Hilfsmittel... Hebammenarbeit ist Handwerk, dass von Generation zu
Generation weiter gegeben werden muss. Wieviel wichtiges Wissen geht verloren, weil ständig Nachwuchs aus einer klinisch
orientierten Ausbildung kommt und ohne Gesellen- oder Wanderjahre, wie es in anderen handwerklichen Berufen Tradition
ist, direkt ins Berufsleben startet!
Es ist kein Geheimnis, dass das eigentliche Ausbildungsziel seit vielen Jahren immer mehr aus den Augen verloren wird,
weil die Voraussetzungen praktisch nicht vorhanden sind. Seit Jahren fordern Hebammenschülerinnen ein längeres Externat,
manche kämpfen noch immer darum, überhaupt im außerklinischen Bereich lernen zu dürfen. Schon wenn wir den Gesetzestext
lesen wird deutlich, dass heute das Externat nicht nur ein wünschenswertes Privileg, sondern eine Notwendigkeit ist.
"Frauen während der Schwangerschaft, der Geburt und dem Wochenbett Rat zu erteilen und die notwendige Fürsorge
zu gewähren"
Voraussetzung für eine Ausbildung in diese Richtung wäre zuerst und vor allem ZEIT. Zeit zum Zuhören, Beobachten und
Einschätzen der Situation. Zeit für Beratung. Zeit für Fürsorge. Zeit für die Anleitung von und Reflexion mit
Schülerinnen. Radikale Stellenreduzierung, Arbeitsüberlastung der angestellten Hebammen sowie ökonomisch orientierte
und technisierte Standards in den Kliniken und schließen das aus.
"normale Geburten zu leiten"
Voraussetzung dafür, das lernen zu können, wäre: normale Geburten zu erleben. Was ist "normal"? Für eine
Hebammenschülerin von heute ist normal:
- bei jeder dritten Frau ein Kaiserschnitt wegen Makrosomie, Beckenendlage, Verdacht auf Mißverhältnis,
subjektiver Beschwerden oder Inkontinenzangst,
- Geburtseinleitung mit nicht dafür zugelassenen Medikamenten,
- peridurale Anästhesie,
- Wehen"optimierung" durch Infusionen,
- Geburtsbeschleunigung durch Spasmolytika und mechanische Erweiterung des Muttermunds,
- aktive Anleitung zum Pressen in Steinschnittlage (Augen zu, Mund zu, Kopf auf die Brust und mit aller Kraft),
- Ellbogendruck mit ganzem Körpereinsatz auf den Bauch der Mutter, und schließlich Vakuumextraktion wegen
pathologischem CTG.
"Normale Geburten zu leiten"
- heißt das so oft wie möglich die Hände am Damm einer Gebärenden gehabt zu haben? Denn darauf kommt es an, um zum
Examen zugelassen zu werden: auf Dammschutz-Zahlen und nicht auf die Anzahl begleiteter Geburten. Natürlich werden wir
nach der Ausbildung fähig sein, Geburten zu leiten, aber eine Frau bei einer normalen Geburt zu betreuen (normal bedeutet
in meiner Interpretation: physiologisch, in Ruhe, ohne unnötige Eingriffe in den Geburtsverlauf, nicht im Krankenhaus
- denn Krankenhaus-Aufenthalte finde ich für gesunde Menschen nicht normal), damit werde zumindest ich mich überfordert
fühlen. Geduld zu haben ist meiner Meinung nach das schwerste, aber wichtigste in der Geburtshilfe. Doch nach dreijähriger
Prägung wie sie im Moment zum größten Teil stattfindet, macht die Angst selbst die geduldigsten von uns flatterig.
"eine Dokumentation über den Geburtsverlauf anzufertigen"
... die könnte nach einer Geburt wie eben beschrieben etwa so aussehen: Einleitung bei 41+0 SSW wegen
Terminüberschreitung. Partusisten i.v. wegen prolongierter Dezeleration im CTG. Buscopan-Zäpfchen wegen straffem
Muttermund. Oxytocin-Infusion wegen unkoordinierter Wehentätigkeit. Frau wünscht PDA. Spontangeburt durch VE nach
Kristellerhilfe und mediolateraler Episiotomie wegen pathologischem CTG und mütterlicher Erschöpfung.
"den Wochenbettverlauf zu überwachen"
Vor allem diesen Teil der Ausbildung nur oder überwiegend in der Klinik stattfinden zu lassen, ist den Anforderungen,
denen wir uns in der Wochenbettbetreuung nach dem Examen gegenüber sehen werden, in keiner Weise angemessen. Wir können
Vitalwerte kontrollieren, über Stationsabläufe informieren und den Umgang mit elektronischen Milchpumpen erklären. Wir
kennen überlieferte Zufütterungsmethoden in den ersten zwei Tagen nach der Geburt: die Mutter muss spätestens 24 Stunden
nach der Geburt mit dem Pumpen beginnen, um die Milchbildung anzuregen. Stillen ist schon wichtig, aber am Anfang ist ja
keine Milch da, deshalb müssen die Kinder Glukose bekommen, damit sie nicht austrocknen. Ab dem zweiten Tag ist eine
Zufütterung mit künstlicher Nahrung zu empfehlen, damit die Gewichtskurve nicht unter die von den Kinderärzten festgelegte
Linie rutscht. Saugverwirrung - das Wort gab es früher gar nicht. Früher haben alle Kinder zusätzlich die Flasche und einen
Schnuller bekommen und sie sind auch gesund groß geworden.
Vieles, was wir lernen, hängt auch von den diensthabenden Hebammen oder (Kinder-)Krankenschwestern ab. Aber es gibt
genug grundlegende Dinge, die wir in der klinischen Ausbildung nicht lernen können, weil es praktisch unmöglich ist,
sie in einen Stationsablauf zu integrieren. Krankenhäuser sind Unternehmen, die ökonomisch funktionieren müssen.
Stellenabbau und Arbeitsüberlastung führen zu Frustration bei den Mitarbeitern. Es ist keine Zeit für individuelle
Betreuung. Von Zeit für die praktische Anleitung von Schülerinnen ganz zu schweigen.
Mein Fazit nach mehr als anderthalb Jahren im Bundeshebammenschülerinnenrat: ich darf mich nicht beklagen, denn auf
meine eigene Ausbildung trifft nicht alles von dem zu, was ich hier anführe.
Trotzdem waren auch für mich der Außeneinsatz in einem anderen Kreißsaal und vor allem das Externat die erste wirkliche
praktische Einführung in das Hebammenhandwerk.
In fünf Wochen Außeneinsatz durfte ich erleben
- dass Wehen von allein beginnen, wenn Mutter und Kind so weit sind,
- dass Frauen sie ertragen ohne PDA,
- dass Frauen "getragen werden" von ihrer Hebamme durch Momente tiefster Verzweiflung, Angst und Schmerzen,
- dass das Kind überlebt ohne lückenlose CTG-Überwachung,
- dass die Hebamme nicht in Krisen verfällt, wenn die Frau nicht auf dem Rücken liegen will,
- dass Ärzte im Raum sind ohne dass man sie bemerkt,
- dass Latenzphasen zwischen Eröffnung und Austreibung überwunden werden ohne Oxy-Tropf,
- dass nicht vaginal untersucht wird, wenn die Frau das nicht will,
- dass der Muttermund sich öffnet obwohl die Hebamme ihn nicht aufreißt,
- dass Hebammen vom Bett zurück treten, sobald das Kind geboren ist und niemand außer der Mutter es berührt,
- dass Plazenten geboren und nicht herausgezogen werden,
- dass eine Hebamme Tränen in den Augen hat, weil sie sich so über die glückliche Mutter und über die verzauberte
Hebammenschülerin freut.
Ich war hingerissen von diesen tollen Frauen, die es geschafft haben, aus dem Kreißsaal einer Klinik eine Schutzhütte
für die Familienwerdung zu machen und gleichzeitig auch noch mit Freude, Geduld und viel Herz ihr Wissen, ihre Kunst an
Schülerinnen weiter geben, obwohl (oder gerade weil?) sie nicht in einem Lehrkrankenhaus arbeiten.
Zusätzlich gehöre ich zu den glücklichen Hebammenschülerinnen, die in ein relativ langes Externat gehen durften.
Ich konnte für sieben Wochen eine freiberufliche Hebamme begleiten, die ich mir selbst suchen durfte.
Da staunte ich Bauklötze.
Sie braucht keinen Ultraschall, um die Fruchtwassermenge zu bestimmen. Sie braucht keine Zervixlängenbestimmung.
Sie braucht keine Akupunkturnadeln, Duftlampen, Wassergymnastik, Elfengesänge oder Mondrituale. Sie ist einfach nur
Hebamme. Für ihre Arbeit braucht sie ihre Hände, ihre Sinne und ihre unglaubliche Liebe zu ihrem Beruf. Die Frauen, bei
deren Betreuung ich sie begleiten durfte, waren dankbar für ihr Motto "heraus zu finden, was du, dein Kind und dein
Mann nicht brauchen und Euch auf Eurem eigenen Weg zu unterstützen". Alles, was mir in meiner Ausbildung große
Schwierigkeiten bereitet, schien auf einmal nicht mehr wichtig. Es war nicht nötig, schnell zu sein. Es war nicht
wichtig, nach einem standardisierten routinierten Schema zu arbeiten. Ich durfte manche Frau untersuchen, aber ich
musste es nicht. Mir wurde nicht gesagt: "Du musst mehr reden, musst die Frau anleiten und anfeuern". Ich durfte leise
sein. Ich hatte zum ersten Mal nach einer Geburt nicht ein ungutes Gefühl, weil mir jegliche Fähigkeit fehlte
einzuschätzen, ob alle Interventionen (technisch, mechanisch, medizinisch oder kommunikativ) tatsächlich notwendig waren.
Stattdessen erlebte ich ein Gefühl des absoluten Friedens. Nicht die Hebamme hatte eine Frau von ihrem Kind entbunden.
Eine Frau hatte ein Kind geboren. Weiter nichts. Das Normalste und doch das Außergewöhnlichste und Wundervollste auf der Welt.
Ich habe gelernt zuzuhören, hinzusehen, hinzufühlen und zu vertrauen - auf mein Herz und auf das Gefühl der Frauen.
Ich habe ganzheitliche Begleitung und Betreuung erlebt. Ich habe gesehen, dass das Hebammenhandwerk (die Hebammenkunst)
existiert und funktioniert. Ich habe viel gelernt, was nicht in Büchern steht, und wurde dabei begleitet - mit unglaublicher
Kompetenz, Geduld, Einfühlungsvermögen und vor allem Begeisterung. Dafür werde ich "meiner" Hebamme immer dankbar sein.
Und soviel es geht werde ich weiter üben, immer wieder, nur leider meistens ohne Anleitung.
Deshalb ist das Externat so wichtig.
Autorin:
Peggy Borchert,
ehemalige Hebammenschülerin in Berlin,
jetzt Beirätin beim BundesHebammenSchülerinnenRat, BHSR:
www.bhsr.de
Januar 2007