Harz-Klinikum:
Fachleute schaffen für Frühchen spezielle Bedingungen
Wie im Bauch der Mutter
von Edda Kremer

Laura nach der Geburt.
Die Kleine wog 740 Gramm.
Foto: privat
Die Neonatologie im Harz-Klinikum Wernigerode erregt überregionales
Interesse. Ärzte und Schwestern schaffen für Babys, die zu
früh auf die Welt kommen, Bedingungen wie im Mutterleib. Der
Bundesverband "Das frühgeborene Kind" setzt sich für
eine spezielle entwicklungsfördernde Betreuung ein und hat eine
Initiative gegründet – mit Harzer Fachleuten.
Wernigerode. Laura liegt im Arm ihrer Mutter und
schläft seelenruhig. Die Kleine ist vier Monate alt, 2365 Gramm
schwer. Ein Gewicht, das andere Babys gleich nach der Geburt auf die
Waage bringen. Laura hat sich jedes Gramm erkämpft. "740
Gramm waren es bei ihrer Geburt", erinnert sich Mutter Grit
Martiniak. In der 28. statt der 40. Woche setzten die Wehen ein.
Frühgeburt, Neugeborenen-Intensivstation (Neonatologie). Für
die 28-jährige Vienenburgerin begann eine Zeit zwischen Hoffen
und Bangen.
"Ich habe mich trotz aller Widrigkeiten sehr wohl gefühlt. Während
der intensiven medizinischen Behandlung war ich voll eingebunden und
konnte immer bei meinem Kind sein", berichtet Grit Martiniak.
"Mutter und Kind auch nach der Geburt als Einheit zu betrachten, ist ein ganz
wichtiger Teil der Behandlung", erklärt Dr. Dieter
Sontheimer, Chefarzt der Kinderklinik des Harz-Klinikums Wernigerode.
Das sei mit entscheidend für eine gesunde Hirnentwicklung der
Frühchen – die neurologische Basis für Fähigkeiten,
Gedanken und Gefühle der Kinder. Oder mit anderen Worten: "Wir
formen den Computer, der ein Leben lang bleibt", sagt
Sontheimer.
Fachheft für alle Kliniken
Gemeinsam mit Stationsschwester Kerstin Buch aus Wernigerode ist der Arzt
Mitglied im Bundesverband "Das frühgeborene Kind" mit
Sitz in Frankfurt. Ein Jahr lang arbeiteten die Harzer Fachleute mit
Ärzten, Schwestern, Psychologen und Sozialtherapeuten aus ganz
Deutschland zusammen und entwickelten "Leitsätze zur
entwicklungsfördernden Betreuung in der Neonatologie".
"Das Fachheft ist vor wenigen Tagen fertig geworden und
soll deutschlandweit in Kliniken verteilt werden", sagt
Sontheimer, der Sprecher der Arbeitsgruppe ist." Ziel ist es,
sich am Kind zu orientieren. Das Kind bestimmt, seine Signale sind
richtungsweisend, und die Eltern werden mit einbezogen. Das erfordert
viel Fingerspitzengefühl ", sagt Schwester Kerstin Buch,
und Sontheimer fügt hinzu: "An vielen Kliniken wird zu
wenig Rücksicht genommen."
Der Chefarzt ist sich bewusst, dass so eine Aussage bei Kollegen in
anderen Krankenhäusern Zündstoff für Diskussionen
birgt. "Besonders an Kliniken mit Spitzentechnik", so
Sontheimer. Der Spezialist ist der Meinung, Intensivmedizin sei
selbstverständlich erforderlich, jedoch auf das Notwendige
reduziert. Sontheimer: "Wir wollen für Frühgeborene
Bedingungen wie im Mutterleib schaffen."
Das heißt: Statt grellen Halogenstrahlern, den Brutkasten mit
Tüchern abdecken und ein gedämpftes Licht erzeugen, kein
Lärm in der Nähe der Babys, wenig Gerüche, ein
individuell am Kind angepasster Tages- und Nachtrhythmus. Außerdem
spezielle Hängematten, in denen die Kinder ähnlich liegen
wie im Bauch der Mutter. Und das Wichtigste: viel Nähe von den
Eltern. Sie dürfen ihr Kind rund um die Uhr sehen, sollen es
ausdrücklich. Beim Känguruhen liegt das Baby zum Beispiel
mehrere Stunden auf der nackten Brust von Mutter oder Vater. Die
Eltern spüren, riechen, ihre Stimmen hören, ihnen nahe
sein, so wird in der Neugeborenen-Intensivstation Wernigerode
verfahren. Günstig hierfür ist, dass in der Wernigeröder
Klinik Geburtshilfe und Neonatologie auf einer Etage liegen, quasi
Tür an Tür.
Mehr Personal ?
Wenn Eltern nicht bei ihrem Baby sein können, nehmen sie Tonbänder
mit ihren Stimmen auf. Solche und andere Behandlungsem pfehlungen
enthalten die neu entwickelten Leitlinien des Bundesverbandes "Das
frühgeborene Kind". "Die Ansätze, wie z. B.
Känguruhen, gibt es an vielen Kliniken", sagt Sontheimer.
Doch nach Ansicht des Bundesverbandes sind es noch zu wenige.
Sontheimer: "Die Kliniken, die die entwicklungsfördernde
Betreuung intensiv umsetzen, sollen ein Zertifi kat erhalten."
Mehr Zeit, mehr individuelle Betreuung, erfordert das mehr Personal? "Ja,
langfristig wäre mehr Personal notwendig", sagt Sontheimer.
Der Wernigeröder orientiert sich mit seinem Schwestern- und
Ärzteteam an Heidi Als. Die Ärztin aus Boston (USA) ist
führend auf diesem Gebiet und war schon im Harz zu Gast.
"Studien belegen die Behandlungserfolge: Mehr
Nervenverbindungen, die Babys entwickeln sich besser, wachsen
schneller und integrieren sich zeitiger", zählt der
Chefarzt auf.
Bestätigung dafür, dass die Wernigeröder mit ihrer "individuellen
Betreuung" auf einem guten Weg sind, ist das Feedback der
Eltern. So wie das von Lauras Mutter Grit Martiniak. "Man ist
seinem Kind hier nach der Geburt sofort ganz nah. Und das ist
ungemein wichtig und beruhigend – für Mutter und Kind."
Dieser Artikel erschien in der Volksstimme.de am 22.6.2006
http://www.volksstimme.de
August 2006