Die Analphabeten sind an der Macht
oder
Schuld und Söhne

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von Luise F. Pusch

"Unsere Söhne sind arm dran" - so beginnt Uwe Wittstock in der "Welt" vom 21. April eine weitere Strophe des seit dem PISA-Schock immer länger & lauter werdenden Klagelieds über unsere benachteiligten Knaben. Der Schock wäre uns erspart geblieben, hätte man nur die Mädchen getestet, die spitzenmäßig abschnitten. Schon im Oktober 2002 verarbeitete Jochen Bölsche im "Spiegel" diese Kränkung des männlichen Egos mit einem Tadel an die Frauen: Sie seien schuld, ganz besonders die Feministinnen. Sie hätten aus unseren Vor- und Grundschulen jungenfeindliche Biotope gemacht. Und nun Wittstock: "Das Erziehungssystem fördert immer noch stärker Mädchen, obwohl die Probleme der Jungen viel größer sind."
Die "Probleme" der Jungen schildert Wittstock eingangs anschaulich mit einer Erzählung über seinen Sohn: Er kann noch kaum laufen, aber ist bereits bestens imstande, ein Mädchen zu drangsalieren. Erst stößt er sie um, dann wirft er ihr Sand ins Gesicht, und zum Schluß haut er ihr mit der Schaufel eins auf die Nase. Der arme Junge.

Wenn dies jungentypisches Verhalten ist (und daran zweifelt Wittstock nicht), dann haben nach meiner bescheidenen weiblichen Auffassung die Mädchen größere Probleme als die Jungen.

Sie sind in jeder Hinsicht besser als die Jungen, in ihren schulischen Leistungen, in ihrem sozialen und kommunikativen Verhalten, aber sämtliche Spitzenpositionen in unserem Land und sonst in der Welt sind besetzt von Männern. Kein Wunder, daß die Welt Probleme hat. Die Autorin einer preisgekrönten Studie über das unerträglich rüpelhafte Verhalten der Jungs in der Schule formulierte es privat so: Die Analphabeten sind an der Macht.
Tatsächlich wäre es zu begrüßen, wenn in den Schulen mehr Männer sich der schweißtreibenden Aufgabe der Zivilisierung des männlichen Nachwuchses unterziehen würden. Auch bei der undankbaren Familien-, Haus- und Erziehungsarbeit wären sie uns sehr willkommen, sie können daraus gern weniger "jungenfeindliche Biotope" machen. Aber sie finden halt die ihnen qua Geschlecht zustehenden Spitzenpositionen, jene bekannten frauenfeindlichen Biotope, viel attraktiver.

© 2004 Luise F. Pusch

aus: Laut & Luise - Die aktuelle Glosse bei FemBio
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Aktualisiert: 25.11.2011  webmaster@geburtskanal.de
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