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Vision Familie von morgen
DIE FLICKEN-FAMILIE
Die Jüngeren schleppen die Mineralwasserkisten, die Alten passen auf die Kinder auf: Für die Zukunft erwarten Soziologen ein kompliziertes Geflecht von zusammengewürfelten Patchwork-Familien, in denen sich mehrere Generationen miteinander arrangieren.
Marianne ist geschieden, Sohn und Tochter sind erwachsen. Allein ist Marianne deshalb nicht - auch wenn sie es manchmal gern wäre.
Denn erstens ist da ihr Freund Jan, der so lange gedrängelt hat, bis sie schließlich mit ihm zusammenzog. Morgens kommt der Sohn zum Frühstück vorbei, weil sich in seinem Kühlschrank hundert Prozent weniger befinden als in Mama Mariannes. Die Tochter steht mit dem Enkelbaby vor der Tür, denn sie muss zur Arbeit und hat gerade niemanden für den Kleinen, außer Mama Marianne natürlich.
Und schließlich möchte die Ex-Schwiegermutter bei der Ex-Schwiegertochter einziehen: Sie hat sich mit der neuen Freundin ihres Sohnes, des Ex-Mannes von Marianne, verkracht und ist nun obdachlos. Marianne ist zwar nur eine Fernsehfigur, Über-Mutter in der ZDF-Vorabendserie "Nesthocker", aber sie repräsentiert die Zukunft der Familie: Das Vater-Mutterzwei-Kinder-Ideal wird allmählich abgelöst von einem komplexen Bündnis aus Eltern, Kindern, Stiefeltern, Ex-Frauen und Ex-Männern, Stiefkindern, Schwiegereltern, Ex-Schwiegereltern, Großeltern und vielen angeheirateten oder auch wieder ehemals angeheirateten Verwandten.
Von den rund zehn Millionen Familien mit Kindern in Deutschland entsprechen nach Expertenschätzungen zwischen 1,5 und 2,5 Millionen nicht mehr dem Fünfziger-Jahre-Modell aus verheirateten Eltern und leiblichen Kindern. Stattdessen setzen sie sich aus Stiefvätern und Stiefmüttern oder unverheirateten Lebenspartnern zusammen, die Kinder aus früheren Ehen mitbringen und dann vielleicht noch gemeinsamen Nachwuchs haben.
Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Beispiel ist zum vierten Mal verheiratet und zieht mit Doris Schröder-Köpf sein drittes Stiefkind groß. Die neunjährige Klara nennt er "meine Tochter", was dem biologischen Vater Sven Kuntze, Reporter beim ARD-Morgenmagazin, nur recht ist: "Ich bin sehr froh darüber, dass er das Kind erzieht."
Die Bestseller-Autorin Hera Lind will nach der Trennung von ihrem Lebensgefährten Ulrich Heidenreich die beiden jüngsten der vier gemeinsamen Kinder mit in ihre neue Beziehung mit dem Hotelier Engelbert Lainer nehmen. Der wiederum hat selbst schon zwei Töchter, die nun auch zur neuen Stieffamilie gehören.
Beim "Big Brother"-Star Harry ist die Situation komplizierter: Seine Frau Gerti hat vier Kinder aus erster Ehe, dann bekam sie mit Harry zwei weitere. Ein Kind nahmen sie in Pflege. Gertis Ex-Mann ist inzwischen mit Harrys Ex-Frau verheiratet. So machten zwei Scheidungen und zwei Hochzeiten aus zwei Kleinfamilien eine komplizierte Großfamilie.
Die Zahl der Eheschließungen sinkt, während sich andererseits immer mehr Paare trennen (1998 waren es in Deutschland 192 000), derzeit liegt die Scheidungsquote bei etwa 36 Prozent. Parallel dazu steigt die Anzahl der Scheidungskinder, die der allein Erziehenden und, wenn die Eltern wieder heiraten, die der Stieffamilien. In den USA, so haben Statistiker errechnet, wird es in sieben Jahren mehr solcher Patchwork-Familien geben als traditionelle Lebensgemeinschaften.
Auch die Zahl der allein Erziehenden nimmt zu: 1998 wurde jeder 13. Haushalt von einem Elternteil geführt, 17 Prozent der Kinder unter 27 Jahren leben bei Mutter oder Vater. Allerdings täuscht die Statistik: Eine Studie ergab kürzlich, dass nur ein Drittel dieser Frauen und Männer die Kinder wirklich allein erzieht - bei den übrigen zwei Dritteln helfen der andere leibliche Elternteil, der Stiefvater oder die Stiefmutter mit.
Paarbeziehungen wurden instabiler - jeder will das Leben führen, das er für sich ideal findet
Die Paarbeziehungen sind in den vergangenen 30 Jahren immer instabiler geworden, und dieser Trend wird sich fortsetzten. Schuld daran ist die Individualisierung: Jeder will das Leben führen, das er für sich ideal findet.
So verdienen immer mehr Frauen inzwischen ihr eigenes Geld und sind damit nicht mehr aus finanziellen Gründen gezwungen, in einer Ehe auszuharren, die längst unglücklich ist. Und weil sich so viele Paare trennen, ist Scheidung sozial akzeptiert - was wiederum zu noch mehr Trennungen führt. Außerdem verbessert die hohe Zahl der Geschiedenen die Chance, unter diesen Singles einen Partner für die zweite, dritte oder vierte Ehe zu finden. Auch diese Gewissheit ermutigt viele, aus ihrer gescheiterten Beziehung auszusteigen.
Oft versuchen Paare vor der Heirat eine Ehe auf Probe und ziehen erst mal in eine gemeinsame Wohnung. Rund zwei Millionen Partnerschaften ohne Trauschein gibt es in Deutschland. Solche Beziehungen scheitern jedoch besonders häufig - vermutlich an der von vornherein skeptischen Haltung der Partner. Schließlich beobachten Soziologen ein Phänomen, dass sie "intergenerationale Scheidungstradierung" nennen. Damit meinen sie, dass Scheidungskinder sich besonders häufig wieder trennen: Ihr Risiko liegt, so ergab eine Studie, in den alten Bundesländern um 118 Prozent höher als bei Kindern aus intakten Ehen.
Zentraler Risikofaktor aber ist die überhöhte Glückserwartung. "Der Mensch der Moderne hat - mehr als derjenige aus traditionellen Gesellschaften - das Bedürfnis nach Bestätigung durch den 'anderen', den intimen Partner", sagt die Berliner Psychoanalytikerin Eva Jaeggi. Doch weil heute allein Liebe als ausreichender Grund für eine Heirat gilt, Liebe aber fast nie von Dauer ist, muss die romantische Idealvorstellung von der gemütlichen Zweierhöhle enttäuscht werden. So suchen die Partner das große Glück in der nächsten Beziehung, wenn auch in der überwiegenden Zahl dieses Mal ohne Trauschein. Und meistens ebenso vergeblich.
"Der Mensch der Moderne hat ein starkes Bedürfnis nach Bestätigung durch den Partner"
Die Gesetze sind währenddessen der Lebenswirklichkeit um Jahrzehnte hinterher: Stiefeltern müssen zwar Windeln wechseln und Vokabeln abfragen, haben aber kein Sorgerecht. Sie dürfen noch nicht mal Auskunft verlangen, wenn ihre Stiefkinder im Krankenhaus liegen. Und wer mit seiner ersten Familie ein Haus gebaut und vom Staat die Eigenheimzulage eingestrichen hat, muss das Heim für die zweite Familie ganz allein finanzieren - obwohl das Geld gerade dann meist wegen der Unterhaltspflichten für Ex-Mann, Ex-Frau und Kinder besonders knapp ist.
Schwule und lesbische Paare sollen sich, so sieht es die rot-grüne Regierung vor, offiziell als Paar registrieren lassen können. Nach dem Tod eines Partners würde der andere dann beispielsweise in der gemeinsamen Wohnung bleiben können, selbst wenn er nicht im Mietvertrag steht. Andererseits dürfen homosexuelle Paare auch in Zukunft keine Kinder adoptieren. Die Berliner Agentur "Queer and Kids" bietet daher an, Lesben und allein stehende Frauen an Schwule zu vermitteln, die gern Vater werden wollen. So lange die Frauen die künstliche Befruchtung selber vornehmen, ist alles legal.
Viel gravierender wird jedoch ein weiteres Phänomen der Individualisierung die Gesellschaft verändern: Frauen bekommen immer weniger Kinder, derzeit, statistisch gesehen, 1,2 pro Paar. Jede dritte 1965 geborene Frau wird überhaupt keinen Nachwuchs bekommen. Es sind, grob gesehen, zwei Gruppen von Frauen, die keine Kinder haben werden: zum einen die gut ausgebildeten, für die Beruf und Familie unvereinbar sind und die sich für die Karriere entscheiden. Zum anderen sind es sozial schwächere Frauen, die den mühsam erreichten niedrigen Lebensstandard nicht noch tiefer sinken lassen wollen. Kinder kosten laut Schätzung von Familienverbänden bis zum Ende ihrer Ausbildung rund 600 000 Mark, und das ist für diese Frauen einfach zu teuer.
Eine gleich hohe Bereitschaft von Männern, die Karriere für den Erziehungsurlaub zu unterbrechen, wie sie von Frauen erwartet wird, flexiblere Angebote für Kinderbetreuung und die finanzielle Besserstellung von Familien hätten den Rückgang der Geburten vermutlich weniger deutlich ausfallen lassen. Doch nun sind die Folgen verfehlter Politik und überholter Rollenvorstellungen dramatisch: Im Jahr 2030 wird jeder Berufstätige nahezu einen Rentner finanzieren müssen. Erst jetzt, mit 20jähriger Verspätung, arbeiten Politiker aller Parteien daran, das Rentensystem entsprechend umzustrukturieren.
Einwanderer werden den Mangel an jungen Menschen zumindest teilweise ausgleichen müssen. Das allerdings wirft doppelte Schwierigkeiten auf: Die Wirtschaft verlangt nach leistungsstarken Zuwanderern, und die müssen möglichst jung sein. Soll man also eine untere Leistungs- und eine obere Altersgrenze für Immigranten einführen? Die Hoffnung, dass die Multikulti-Deutschen später reichlich Nachwuchs zeugen, wird von der Statistik zerstört: Einwanderer der zweiten Generation bekommen ebenfalls weniger Kinder. Allein 1998 sank die Geburtenzahl bei Ausländern in Deutschland um 4,8 Prozent.
Doch nicht nur die Finanzierung der Renten stellt die Gesellschaft vor neue Anforderungen. Wer zum Beispiel soll sich um die wachsende Zahl alter Menschen kümmern, die sich nicht mehr selbst versorgen können? Bisher waren es in erster Linie die Töchter und Schwiegertöchter, die diese Verantwortung übernommen haben. Doch wenn sie als Renten-Einzahler dringend gebraucht werden und beruflich so eingespannt sind, dass sie noch nicht einmal Kinder zur Welt bringen können - wie sollen sie da Zeit für gebrechliche Eltern, Schwiegereltern oder vielleicht auch noch Großeltern haben? Der Pflegeversicherung wird es an Geld mangeln, professionelle Betreuung für alle zu bezahlen.
Die Lösung könnte in der Resolidarisierung der Gesellschaft liegen: Zunächst müssen auch Söhne und Schwiegersöhne in die Pflegepflicht genommen werden. Außerdem könnten Wohnprojekte entstehen, in denen Menschen verschiedener Generationen leben und füreinander sorgen: Die Jüngeren schleppen die Mineralwasserkisten, die Älteren passen auf die Kinder auf. Schon jetzt gibt es in mehreren Städten solche funktionierenden Mehr-Generationen-Wohngemeinschaften.
Freiwillig geknüpfte Sozialbeziehungen sind allerdings weniger eng und dauerhaft als Blutsbande - das wird auch im 21. Jahrhundert so sein. Aus Wohngemeinschaften kann man ausziehen, wenn die alten Mitbewohner zu anstrengend werden, Ehepartner kann man verlassen; Eltern allein zurückzulassen ist dagegen nicht nur emotional schwierig, sondern auch gesellschaftlich inakzeptabel.
Auf Grund seiner Untersuchungen geht der Berliner Professor für Mikrosoziologie Hans Bertram davon aus, dass Familien Netzwerke sind, in denen sich alle gegenseitig unterstützen - und zwar auch dann, wenn die Kosten des Engagements höher sind als der Nutzen. Bertram spricht von "multilokalen Mehrgenerationenfamilien": Die Mitglieder leben nicht unbedingt im selben Haushalt (nur dann werden sie von der Statistik als Familie erfasst), aber sie sind durch "enge, persönliche und familiär intime Beziehungen" verbunden.
Die Zukunft liegt, so Bertram, nicht in horizontalen Verbindungen, und zwar schon deshalb nicht, weil viele Kinder keine Geschwister und keine Cousins haben werden. Die vertikalen Familienbeziehungen sind es, die über die Jahre konstant bleiben und bleiben werden. Da die Menschen immer älter werden, gebe es heute eine größere Zahl von Mehrgenerationenfamilien als je zuvor.
Trotz aller Mobilität lebt die Hälfte der Kinder immer noch in der Nähe ihrer Eltern, in Großstädten sind es sogar 63 Prozent. In Bertrams Studie gaben 56 Prozent der Befragten an, einmal oder mehrmals wöchentlich Kontakt zur Mutter zu haben. Auch mit dem Gespräch zwischen Eltern und Kindern ist es einfacher geworden, seit Familien nicht mehr so autoritär und hierarchisch strukturiert sind wie vor 50 Jahren. Bertram fand heraus, dass die zwischen 1968 und 1972 Geborenen persönliche Dinge häufiger mit ihren Eltern besprechen als mit Freunden.
Fernseh-Mama Marianne hat in der Serienfolge, die das ZDF kürzlich ausstrahlte, die vertikalen Verwandten horizontal aus dem Haus geworfen. Aber sie wird sie als zukunftweisende Schwiegertochter-Mutter-Großmutter ganz sicher alle wieder aufnehmen. Vielleicht schon in der nächsten Folge.
MARIANNE WELLERSHOFF
Quelle:
Spiegel online
http://www.spiegel.de/spiegel/21jh/0,1518,105951,00.html
Dez. 2000
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