Kind und Schicksal

von Jutta Riedel-Henck


Kinder - eine Herausforderung, Geschenk des Himmels, eine Aufgabe, die es zu meistern gilt ... Warum?

Meinen die einen, es sei eine Schande, Kinder in diese Welt zu setzen, glauben andere an die Erfüllung von Hoffnungen und Wünschen durch ihre Nachkommen.

So manch eine Diskussion dreht sich um Sinn und Unsinn des »Kinder-Kriegens«, Mütter und Väter werden aufgefordert, sich zu rechtfertigen, warum sie Kinder bekommen möchten oder gerade nicht, warum nur eines oder gleich acht, welcher Art ihre Erziehung sei und wie sie sich die Zukunft ihrer Familie vorstellen.

Nicht selten geraten Eltern oder solche, die es werden wollen, in eine Art Wettbewerb, in dem Kinder die Rolle eines Leistungsträgers annehmen. Plötzlich dreht sich alles um die Zeugungs- und Gebärfähigkeit von Mann und Frau, als sei es ein Verdienst, den es sich zu erarbeiten gilt. Kinder wecken den Stolz ihrer Eltern, werden vorgezeigt wie ein Orden, ein Preis, den sie sich erkämpft haben.

Wer ehrlich ist mit sich und seinen Nachkommen, weiß, wie wenig wir Menschen wirklich leisten, wenn ein Kind gezeugt wird und im Mutterleib heranwächst. Naturgegebene Entwicklungen lassen sich beobachten, beschreiben, analysieren und vergleichen. Und so sehr der Mensch auch danach strebt, in solche Schöpfungsprozesse einzugreifen oder sie durch eigenes Handeln vorwegzunehmen: die Allmacht der uns alle verbindenden Natur bleibt ein unerreichbares Wunder - glücklicherweise.

Die Macht des so genannten Schicksals wirkt auf viele Menschen ausgesprochen brutal. Wenn die Wirklichkeit sich nicht nach ihren Vorstellungen richtet, die ausgeklügeltste Berechnung des Geistes vom realen Leben in Frage gestellt wird, erwächst aus der Krise die Frage nach dem Sinn all des Leidens auf dieser Welt. »Warum lässt Gott all das Elend, all die Kriege überhaupt zu?«

Religionen, Sekten, Glaubensgemeinschaften haben auf solche Fragen verschiedene Antworten. Solange die Menschen damit zufrieden sind, gibt es keinen Grund, darüber zu streiten. Aber sie sind es nicht - die kleinen und großen Kriege zwischen Menschen und Menschengruppen sind dafür ein untrüglicher Beweis.

Doch selbst das reicht den denkenden Menschen nicht als Warnung, überlieferte und gepflegte Vorstellungen einer strengen Prüfung zu unterziehen. Stattdessen werden die Ursachen für lang gehegte Konflikte in den Gegenparteien gesucht, um sie mit aller Macht zu bekämpfen. »Krieg dem Kriege« ist das Motto, Bomben gegen Bomben, Terror gegen Terror. Am Ende siegt, wer den größten Terror erzeugt, und Verlierer sind wir alle.

Die Bezeichnung »Kinder-Kriegen« hat seit langem einen festen Platz in unserem Sprachgebrauch. Die Flut von Erziehungsratgebern auf dem Markt wirkt dabei wie ein Gleichnis. Probleme mit Kindern erhitzen die Gemüter von Verwandten, Freunden, Bekannten und Experten, und wer darunter leidet und sensibel reagiert, scheint diesem Kriegsgeschehen nicht gewachsen zu sein: untauglich und ausgemustert!

Ich bin eine solche untaugliche, ausgemusterte »Soldatin«. Über angebliche Kleinigkeiten kann ich mich furchtbar aufregen, allzu leicht gerate ich aus der Fassung beim Anblick von unglücklichen Kinderaugen, für die ich keine weite Reise antreten muss.

Der offizielle »Frieden« in unserem Land ist Ausdruck einer allgemein geduldeten und geförderten Verdrängung von tief sitzenden und im Untergrund wütenden Konflikten. Dass die Deutschen 54 Jahre nach Ende des letzten Weltkrieges bereit und fähig sind, sich aktiv an einem Krieg zwischen »fremden« Völkern zu beteiligen, scheint mir wie der letzte und entscheidende Schritt ihrer langwierigen Verdrängungsarbeit. Statt sich endlich den eigenen Problemen im Land zu widmen, werden Bomben geworfen, von oben herab, im wahrsten Sinne des Wortes.

Gewalt gegen Gewalt potenziert Gewalt, statt sie zu lösen. Das haben die Deutschen bzw. jene, die in ihrem Namen Bomben werfen, nach wie vor nicht begriffen, und das gilt im Großen wie im Kleinen.

Nun möchte ich mich nicht an dieser Verdrängungsarbeit beteiligen und mit gewaltigen Worten auf den gewaltigen Taten herumhacken. Es ist an der Zeit, sich um wirkliche Lösungen zu bemühen, Lichtblicke auf dem überhitzten Kriegsschauplatz, Hoffnungsschimmer zu suchen, um uns allen Appetit auf ein gesundes Leben zu machen. In diesem Sinne begrüße ich alle ausgemusterten Soldaten und Soldatinnen, Kriegsdienstverweigerer und Deserteure, ihr Ausgestoßensein als Geschenk anzunehmen, das den Weg zum wahren Frieden weist.

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© Jutta Riedel-Henck
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