Baba Jaga
Russisches Volksmärchen
Vor langer Zeit lebten in Russland ein Mann und eine Frau. Sie hatten eine kleine Tochter und waren eine glückliche Familie. Eines Tages wurde die Frau sehr krank und starb. Eine lange Weile hatte der Mann grossen Kummer. Als er endlich seine Trauer überwunden hatte, heiratete er eine zweite Frau. Diese aber war ein böses Weib.
Sie liebte das kleine Mädchen nicht und war ihm keine gute Stiefmutter. Stattdessen schimpfte sie ununterbrochen mit ihm und prügelte es oft. Am liebsten wollte sie es umbringen. Der Vater war die meiste Zeit aus dem Haus und bemerkte von all dem nichts.
Als der Mann eines Tages wieder nicht zuhause war, sprach die Stiefmutter zu dem Mädchen: "Geh zu meiner Schwester und bitte sie um Nadel und Faden, damit ich dir ein Kleid nähen kann." Ihre Schwester aber war die böse Baba Jaga, die auch 'Das knochige Bein' genannt wurde.
Das Mädchen traute sich nicht, ihr zu widersprechen und machte sich auf den Weg. Unterwegs kam sie an der Hütte ihrer alten Tante vorbei. Sie trat ein und sagte "Guten Tag, liebe Tante." Die Tante antwortete ihr freundlich "Guten Tag, mein Kind, was hast du für Sorgen?"
"Meine Stiefmutter hat mich losgeschickt, damit ich bei Baba Jaga um Nadel und Faden bitte." "Da hast du gut daran getan, dass du vorher zu mir gekommen bist." lautete die Antwort. "Baba Jaga ist eine gefährliche Frau und du musst sehr vorsichtig sein! Nimm dieses Band, dieses Brot, Öl und ein Stück Fleisch. Wenn dich eine Birke mit ihren Ästen schlagen will, binde ihre Äste mit dem Band zusammen. Wenn das Tor am Eingang quietscht und knallt und dich nicht durchlassen will, so bestreiche die Angel mit Öl. Wenn dich die Wachhunde bedrohen und dich beißen wollen, so gib ihnen das Brot. Und wenn der Kater dein Gesicht zerkratzen will, so gib ihm das Fleisch."
Das Mädchen war dankbar und machte sich voller Angst auf den Weg zu Baba Jaga. Bald kam sie in den Wald. Nach einiger Zeit erblickte sie hinter einem grossen Zaun eine merkwürdige Hütte, die auf vier Hühnerbeinen stand. In der Hütte saß 'Knochiges Bein' Baba Jaga und webte.
Guten Tag, Baba Jaga", sagte das Mädchen mit zitternder Stimme.
"Guten Tag, Mädchen. Was willst du von mir?"
"Meine Stiefmutter hat mich geschickt, damit ich dich um Nadel und Faden bitten soll. Sie will ein Kleid für mich nähen."
"Das kann ich dir wohl geben, aber vorher musst du dich hierher setzen und für mich weben."
Das Mädchen wagte nicht, zu widersprechen und tat, wie ihm geheißen. Es setzte sich an den Webstuhl am Fenster und begann, zu weben. Baba Jaga betrachtete sie eine Weile, dann stand sie auf, verliess die Hütte und sprach zu ihrer Dienstmagd: "Ich gehe jetzt zu Bett. Heize den Badeofen an und schrub mir das Mädchen gut mit heissem Wasser. Wenn ich geschlafen habe, will ich es essen." Dann ging sie ins Bett.
Das Mädchen hatte aber ihre Worte gehört und war zutiefst erschrocken. Sie sprach zur Magd: "Bitte erbarme dich meiner und zünde kein Feuer an, stattdessen giesse Wasser auf den Ofen." Sie schenkte der Magd ein selbstgewebtes buntes Tuch. Da hatte die Magd Mitleid mit dem armen Mädchen und tat, worum sie gebeten worden war.
Baba Jaga erwachte von ihrem Schlaf und rief: "Webst du, mein Kind?"
"Ich webe fleissig', antwortete das Mädchen mit zitternder Stimme. Da schlief die böse Frau beruhigt wieder ein.
Das Mädchen sprach zu dem Kater, der in der Stube saß und sie beobachtete: "Lieber Kater, kannst du mir nicht sagen, wie ich von hier fliehen kann?" Dann schenkte sie ihm das Stück Fleisch.
Der Kater war zufrieden und hatte Mitleid mit dem Mädchen. Er sprach: "Pass gut auf! Dort auf dem Tisch liegt ein Handtuch und ein Kamm. Nimm beides und lauf weg so schnell du kannst. Baba Jaga wird dich verfolgen, du musst aber immer weiterlaufen. Wenn du sie ganz nah hörst, wirf den Kamm über deine rechte Schulter auf die Erde. An dieser Stelle wird ein dichter Wald entstehen. Solange Baba Jaga diesen Wald durchquert, renn so schnell du kannst! Wenn du sie wieder dicht hinter dir hörst, wirf das Handtuch über die rechte Schulter auf den Boden. Sofort wird ein ein grosser Fluss entstehen."
Das Mädchen dankte dem Kater, nahm Kamm und Handtuch und lief davon. Da sprangen die Hunde auf sie zu und wollten sie in Stücke reissen. Das Mädchen gab ihnen aber das Brot und die Hunde ließen sie in Ruhe. Das Tor quietschte und wollte sie nicht durchlassen. Da goss das Mädchen Öl auf die Angel und konnte hindurch schlüpfen. Die Birke wollte sie mit ihren Ästen aufhalten. Aber das Mädchen band ihr die Äste mit dem Band zusammen, da liess die Birke sie weiterlaufen. Sie lief so schnell sie konnte, ohne sich umzuschauen.
Im Haus von Baba Jaga hatte der Kater den Platz des Mädchens am Webstuhl eingenommen und tat, als ob er webe. Als Baba Jaga erwachte, rief sie wieder: "Webst du, mein Kind?" Da antwortete der Kater "Ich webe fleissig."
Als Baba Jaga aber ins Zimmer kam, sah sie, dass das Mädchen verschwunden war und stattdessen der Kater am Webstuhl saß. Da fing sie an zu schimpfen. "Du bist ein undankbarer Nichtsnutz. Warum hast du das Mädchen nicht aufgehalten? Weshalb hast du ihr nicht die Augen ausgekratzt?"
Der Kater gab ihr zur Anwort: "Ich habe dir viele Jahre treu gedient, aber du hast mir niemals auch nur das kleinste Stück zu essen gegeben. Das Mädchen aber hat mir ein Stück Fleisch geschenkt."
Baba Jaga war zornig. Draussen fragte sie die Hunde: "Warum habt ihr das Mädchen nicht in Stücke gerissen? Warum habt ihr sie nicht wenigstens gebissen?" Da antworteten ihr die Hunde: "So viele Jahre stehen wir schon in deinen Diensten, aber nie hast du uns auch nur eine trockene Brotrinde gefüttert. Das Mädchen aber hat uns Brot gegeben."
Wütend befragte Baba Jaga das Tor: "Warum hast du nicht gequietscht und geknallt? Warum hast du das Mädchen durchgelassen?" Da antwortete das Tor: "Ich diene dir schon so viele Jahre und nie hast du auf mich achtgegeben. Das Mädchen aber hat meine Angel mit Öl geschmiert."
Als letztes fragte Baba Jaga aufgebracht die Birke: "Warum hast du mit deinen Ästen nicht nach dem Mädchen geschlagen oder sie in die Augen gestochen?" Da antwortete die Birke: "Solange ich dir diene, hast du nie meine Äste zusammen gebunden, damit ich besser wachsen kann. Das Mädchen aber hat mir ein Band geschenkt."
Da war Baba Jaga ausser sich vor Zorn. Sie rief nach der Dienstmagd und schrie: "Was bist du nur für eine dumme Pute! Wieso hast du mich nicht geweckt? Warum hast Du nicht gerufen? Wie konntest du zulassen, dass das Mädchen wegläuft?"
"Ich arbeite für dich nun schon seit vielen Jahren", antwortete die Magd, "aber du hattest nie auch nur ein nettes Wort für mich. Das Mädchen aber hat freundlich zu mir gesprochen und hat mir sogar ein feingewebtes Tuch geschenkt."
Da sprang Baba Jaga auf ihren Besen, nahm ihre Keule in die Hand und machte sich auf, das Mädchen zu suchen.
Das Mädchen war schon ein gutes Stück gelaufen, als es Baba Jaga hinter sich hörte. Schnell nahm es den Kamm und warf ihn über die rechte Schulter auf die Erde. Sofort wuchs ein dichter hoher Wald an dieser Stelle. Baba Jaga konnt nicht hindurch fliegen und fing an, sich mit den Bäumen zu streiten. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie durch den Wald hindurch gekommen war. Das Mädchen aber war schon ein gutes Stück weiter. Sie rannte und rannte.
Nach einer ganzen Zeit hörte sie wieder Baba Jaga hinter sich. Diesmal war sie noch viel näher! Schnell nahm das Mädchen das Handtuch und warf es über die rechte Schulter auf die Erde. Sofort entstand ein breiter und tiefer Fluss. Es war genauso, wie der Kater gesagt hatte.
Am Ufer des Flusses stand Baba Jaga und knirschte vor Wut mit den Zähnen. Sie konnte den Fluss nicht durchqueren. Da holte sie eine Herde Stiere zu Hilfe, die in der Nähe geweidet hatten. Sie befahl ihnen, das Wasser des Flusses auszutrinken. Die armen Stiere mussten das ganze Wasser austrinken, vorher wollte Baba Jaga ihnen keine Ruhe lassen. Es ging ihr aber nicht schnell genug und so legte sie sich auf den Boden und trank selbst so viel von dem Wasser bis sie platzte.
Als der Vater am Abend heimkam, fragte er zuerst nach seiner Tochter. Die böse Stiefmutter erzählte ihm, dass sie zur Tante gegangen sei, um Nadel und Faden zu holen. Er solle sich keine Sorgen machen, sie habe sich sicher nur verspätet, weil sie noch ein Schwätzchen gehalten habe.
Als es aber dunkel wurde und das Mädchen nicht heimkam, machte der Vater sich grosse Sorgen. Er wollte gerade losgehen, um seine Tochter zu suchen, da kam das Mädchen zur Tür herein. Vom vielen Laufen war sie ganz ausser Atem.
"Wo kommst du bloß so spät her", fragte der Vater ganz besorgt.
"Ach Vater", schluchzte das Mädchen, "die Stiefmutter hat mich zu Baba Jaga geschickt. Diese ist aber in Wirklichkeit eine böse Hexe und wird auch "Das knochige Bein" genannt, weil sie in Wirklichkeit eine Menschenfresserin ist. Mich wollte sie auch fressen! Aber ich konnte ihr gerade noch entkommen."
Als der Vater das hörte, wurde er sehr zornig. Er nahm den Besen und jagte damit die böse Stiefmutter aus dem Haus, damit sie niemals wiederkomme. Seither lebt er glücklich und zufrieden mit seiner Tochter und in dieser Gegend hat man nie wieder eine böse Hexe gesehen.

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