Der Drache mit den roten Augen

von Astrid Lindgren


Ich denke oft an unseren Drachen. Nie werde ich jenen Morgen im April vergessen, an dem ich ihn zum ersten Mal sah. Mein Bruder und ich kamen in den Schweinestall. Wir wollten die kleinen Ferkel anschauen, die in der Nacht geboren worden waren. Da lag die große Muttersau, und im Stroh drängelten sich zehn Ferkelchen an sie. Ganz allein für sich in einer Ecke stand jedoch ein kleiner, schwächlicher grüner Drache mit bösen Augen.
"Was ist das denn?" fragte mein Bruder. Er war so erstaunt, dass er kaum sprechen konnte.
"Ich glaube, das ist ein Drache", sagte ich. "Die Sau hat zehn Ferkel und einen Drachen bekommen."
Und so war es auch. Wie es zugegangen war, wird man wohl nie erfahren. Ich glaube, die Muttersau war genauso erstaunt wie wir. Besonders entzückt war sie von ihrem Drachenkind nicht, aber sie gewöhnte sich allmählich daran. Nur daß es sie jedesmal biß, wenn es trinken wollte, daran gewöhnte sie sich nie. Das konnte sie so wenig leiden, daß sie sich schließlich weigerte, ihm etwas zu trinken zu geben.
Mein Bruder und ich mußten daher jeden Tag hinüber zum Schweinestall gehen, um dem Drachen Futter zu bringen. Wir brachten ihm kleine Kerzenstummel, Schnüre, Korken und alles, was Drachen gern essen. Bestimmt wäre der Drache verhungert, wenn mein Bruder und ich nicht immer wieder mit unserem Korb zum Schweinestall gegangen wären. Alle Ferkel grunzten vor Hunger, wenn wir die Tür zum Schweinstall öffneten, der Drache aber stand einfach ganz still da und starrte uns aus seinen roten Augen an. Nicht einen Ton sagte er, doch wenn er fertiggegessen hatte, rülpste er jedesmal ziemlich laut, und dann machte er ein zufriedenes, rauschendes Geräusch, indem er mit dem Schwanz wedelte.
Wenn eins der Ferkel versuchte, einen von den Leckerbissen zu erwischen, wurde der Drache wütend und biß es ordentlich. Er war wirklich ein böser kleiner Drache.
Aber wir mochten ihn. Wir kratzten ihm oft den Rücken, und es sah jedesmal aus, als ob er das gern hätte. Seine Augen glühten rot vor Glück, und er stand mäuschenstill da und ließ sich kratzen.
Ich kann mich erinnern, daß er einmal in den Trog gefallen war, aus dem die Sau fraß. Wie es zuging, daß er dort landete, weiß ich nicht mehr, aber ich werde nie den Anblick vergessen, wie er da im Schweinetrog herumschwamm, so ruhig, so selbstsicher, so glücklich darüber, daß er schwimmen konnte.
Mein Bruder fischte ihn mit einem Stock heraus und stellte ihn zum Trocknen ins Stroh. Er schüttelte sich, daß die Kartoffelschalen nur so um ihn herumspritzten, und hinterher lachte er leise vor sich hin und starrte uns aus seinen roten Augen an.
Manchmal konnte er tagelang maulen, ohne daß man wußte, warum. Dann tat er so, als höre er nicht, wenn man ihn rief, stand einfach in einer Ecke und kaute Stroh und benahm sich überhaupt komisch. Wir wurden dann immer sehr böse auf ihn und beschlossen, ihm kein Futter mehr zu bringen.
"Hast du das gehört, du Dickkopf?" sagte mein Bruder einmal zu ihm, als es wieder soweit war. "Du kriegst keinen einzigen Kerzenstummel mehr, pilutta, pilutta!" (Pilutta sagte man zu jener Zeit, das bedeutete ungefähr dasselbe wie ätsch!)
Aber stellt euch vor - da begann der kleine Drache zu weinen. Helle Tränen kullerten aus seinen roten Augen, und er tat uns leid.
"Nicht weinen", sagte ich schnell. "Wir haben es nicht so gemeint - du kriegst so viele Tannenbaumkerzen, wie du nur essen kannst."
Da hörte der kleine Drache auf zu weinen, lachte vor sich hin und wedelte mit dem Schwanz.
Jedes Jahr am zweiten Oktober denke ich an den Drachen meiner Kindheit. Denn an einem zweiten Oktober verschwand er. Die Sonne ging an jenem Tag vor vielen Jahren strahlend unter, der Himmel leuchtete in den wundervollsten Farben, und ein leichter Nebel lag über den Wiesen. Es war einer von jenen Abenden, wo man sich nach etwas sehnt, und man weiß nicht, wonach. Der kleine Drache, die Muttersau und ihre Ferkel waren auf die Wiese hinausgelassen worden, damit sie ein bißchen Bewegung bekamen. Mein Bruder und ich waren auch da, um zuzusehen.
Wir froren in der Abendluft, die kühl vom Nebel war. Wir hüpften auf und ab, um uns warm zu halten, und ich dachte: Jetzt geh ich bald ins Haus und leg mich in mein warmes Bett, und bevor ich einschlafe, lese ich noch ein Märchen. Gerade da kam der kleine Drache auf mich zu. Er legte mir die kalte Tatze auf die Backe, und seine roten Augen waren voller Tränen.
Und dann - nein, war das seltsam - flog er einfach fort. Wir hatten nicht gewußt, daß er fliegen konnte. Aber er hob sich geradewegs in die Lüfte und flog mitten hinein in den Sonnenuntergang. Schließlich sahen wir ihn nur noch als einen kleinen schwarzen Punkt in der feuerroten Sonne. Und wir hörten ihn singen. Er sang mit einer ganz reinen, hellen Stimme, während er flog. Ich glaube, er war glücklich.
An diesem Abend habe ich kein Märchen gelesen. Ich lag unter der Decke und weinte um unseren grünen Drachen mit den roten Augen.

aus Märchen von Astrid Lindgren, mit Zeichnungen von Ilon Wikland
Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 1989, Seite 211 bis 221.

Astrid Anna Emilia Lindgren
geborene Ericsson
geboren am 14. November 1907 in Næs bei Vimmerby, Schweden
gestorben am 28. Januar 2002 in Stockholm

Astrid Lindgren starb Ende Januar 2002 im hohen Alter von 94 Jahren in Stockholm. Sie ist bekannt für ihre Bücher, die seit Jahrzehnten zu den grossen Klassikern der (Kinder-)Literatur gehören. Mit Pippi Langstrumpf, Karlson, Ronja und Madita, Rasmus, den Kindern aus Bullerbü und vielen anderen hat sie Charaktere erschaffen, die Stunden der Freude schenken und bei denen immer Zivilcourage eine Rolle spielt.

Die Frau Astrid Lindgren und ihr soziales Engagement als Mutter, Autorin, Tierschützerin, Vertreterin der Rechte von Kindern (und ganz besonders von behinderten Kindern) ist beeindruckend. Zeitlebens hat sie sich gegen gesellschaftliche Mißstände eingesetzt. Geistreich, scharfzüngig, kämpferisch und gütig hat sie ihr Leben gegen Spießbürgertum und Konformismus gelebt.

Neben vielen internationalen Auszeichnungen erhielt sie im Jahre 1994 den Alternativen Nobelpreis, bereits im Jahre 1978 war ihr der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen worden.

Die grösste Ehre, die wir ihr erweisen können, besteht wohl darin, sie und ihre wunderbaren Geschichten nicht zu vergessen.

 

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