Der Weihnachtsbaum

Ein Hexenmärchen von Britta Gless

Wütend stapfte die kleine Hexe Braxa in ihrer kleinen Hütte hin und her.
"Alle Leute feiern Weihnachten," schimpfte sie, "nur ich nicht!"
"Aber du hast doch noch nie Weihnachten gefeiert!" wunderte sich ihr Rabe Xarano.
"Na und?" fauchte Braxa ihn an, "nur, weil man früher etwas nicht gemacht hat, heisst das doch noch lange nicht, dass man es nie machen muss! Ich will eben auch mal Weihnachten feiern!"

Xarano legte den Kopf schräg und schaute sie an. "Weißt Du denn, wie man Weihnachten feiert?" fragte er.
"Wie meinst du das?" erschrocken sah Braxa den Raben an. "Muss man da etwas besonderes beachten?" Auf einmal fiel ihr auf, dass sie ja gar nichts über Weihnachten wusste. "Xarano, weißt du denn, wie man Weihnachten feiert?"

"Klar," antwortete dieser großspurig, "hab ich schon oft gesehen!"
"Na also!" Braxa war erleichtert. "Dann erzähl mal."
Und Xarano erzählte ihr, dass man dazu einen Baum brauchte, der dann geschmückt werden müsste, und dass man sich Geschenke macht.
"Was denn," Braxa staunte, "man schenkt sich selber was?"
Xarano musste lachen. "Nein, den Menschen, die man gern hat!"
Braxa sah sich suchend in ihrer Hütte um. "Einen Baum hab ich nicht in meiner Hütte," sagte sie, "dazu wäre hier gar kein Platz!"
"Ach," meinte Xarano, "dann ist's schonmal schlecht mit Weihnachtenfeiern."
Traurig sah Braxa ihn an. "Und nu? Ich möchte doch soooo gern einmal Weihnachten feiern."

Xarano überlegte. "Hm...du könntest ja vielleicht einen klitzekleinen Baum hierher hexen," schlug er vor.
"Gute Idee!" rief Braxa aus und murmelte schnell einen Zauberspruch.
Plötzlich stand ein wunderschön gewachsener Kirschbaum im Raum.
Xarano schüttelte den Kopf. "Nein, so sieht der Baum, den ich meine, nicht aus."

Aber er konnte eigentlich auch gar nicht so richtig sagen, was für ein Baum so ein Weihnachtsbaum eigentlich war. Und so probierten Braxa und Xarano noch ein Weilchen hin und her.

Dann, als irgendwann ein knorrige Eiche im Raum stand, hatte Braxa die Nase voll. "Jetzt ist Schluss mit Zaubern, ich will jetzt endlich den Baum schmücken! Sag mir jetzt, womit er geschmückt wird!" schimpfte sie.
Xarano war mit dem Ergebnis zwar noch nicht so ganz zufrieden, aber er sah ein, dass jedes weitere Wort die Lage nur verschlimmert hätte.
"Hm..."überlegte er, "die Bäume, die ich immer gesehen habe, haben gefunkelt und geblinkt. Da muss also etwas glitzerndes dran."
Und schon ging die Zauberei von vorne los. An allem hatte Xarano etwas auszusetzen, nichts erschien ihm richtig.

Am Ende, als die Eiche voll hing mit Gläsern, Löffeln und anderen Haushaltsgegenständen, sank Braxa erschöpft in ihren Sessel.
"Ich weiss nicht," sagte sie, "Weihnachtenfeiern ist irgendwie ziemlich anstrengend. Ob ich das nochmal haben muss?"
Xarano flatterte plötzlich aufgeregt mit den Flügeln. "Ich weiss es, ich weiss es!" rief er aus.

"Was weißt Du?" fragte Braxa ihn erstaunt.
"Ich weiss jetzt, wie ein Weihnachtsbaum aussehen muss!"
"Ach komm, Xarano, das hast du vorhin auch schon gesagt."
Aber der Rabe liess sich nicht beirren. Er flatterte zum grossen Bücherschrank und zupfte mit seinem Schnabel ein Buch heraus, das er bei einem seiner Streifflüge zufällig einmal gefunden hatte. "Hier steht es drin!", krächzte er.

Neugierig kam Braxa näher und blätterte in dem Buch herum.
"Ooooh," staunte sie, als sie die Abbildung mit einem wundervoll geschmückten Weihnachtsbaum sah.
Jetzt wusste sie plötzlich, was sie hexen musste, und als sie es geschafft hatten, saßen Braxa und Xarano mit glänzenden Augen vor ihrem ersten Weihnachtsbaum und ihnen war ganz feierlich zumute.

© 2000/2001 Britta Gless

Quelle und mehr Märchen von der kleinen Hexe Braxa:
http://www.braxa.de

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Aktualisiert: 25.11.2011  webmaster@geburtskanal.de
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