"Interview mit mir selbst"

von Mascha Kaléko

Ich bin vor nicht zu langer Zeit geboren
In einer kleinen klatschbeflissenen Stadt
Die eine Kirche, zwei bis drei Doktoren
Und eine große Irrenanstalt hat.

Mein meistgesprochenes Wort als Kind war "nein",
Ich war kein einwandfreies Mutterglück.
Und denke ich an jene Zeit zurück:
Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein.

Im letzten Weltkrieg kam ich in die achte
Gemeinschaftsschule zu Herrn Rektor May
Ich war schon zwölf, als ich mir dachte,
Daß, wenn die Kriege aus sind, Friede sei.

Zwei Oberlehrer fanden mich begabt,
Weshalb sie mich - zwecks Bildung - bald entfernten;
Doch was wir auf der hohen Schule lernten,
Ein Wort wie "Abbau" haben wir nicht gehabt.

Beim Abgang sprach der Lehrer von den Nöten
Der Jugend und vom ethischen Niveau -
Es hieß, wir sollten jetzt ins Leben treten.
Ich aber trat nur ins Büro.

Acht Stunden bin ich dienstlich angestellt
Und tue eine schlecht bezahlte Pflicht.
Am Abend schreib ich manchmal ein Gedicht.
(Mein Vater meint, das habe noch gefehlt.)

Bei schönem Wetter reise ich ein Stück
Per Bleistift auf der bunten Länderkarte.
An stillen Regentagen aber warte
Ich auf das sogenannte Glück…


Mascha Kaléko, deutsch-polnische Dichterin, wurde am 7. Juni 1907 in Chrzanów (Schidlow), Polen geboren, sie starb 1975 in Zürich.
Sie war mit ihrer Familie aus Galizien nach Berlin gekommen, wo sie zur Schule ging und später schnell in der literarischen Szene Fuss fasste. Schon als junge Frau wurde sie während der Weimarer Republik für ihre satirischen Verse berühmt, die u.a. auch bei Rowohlt publiziert wurden. Masha Kaléko musste als Jüdin Deutschland 1938 verlassen.

Biografie bei fembio.org
http://www.fembio.org/women/mascha-kaleko.shtml

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Aktualisiert: 25.11.2011  webmaster@geburtskanal.de
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