Urahne, Großmutter, Mutter und Kind…
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Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
In dumpfer Stube beisammen sind; Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt, Großmutter spinnet, Urahne, gebückt, Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl - Wie wehen die Lüfte so schwül! Das Kind spricht: "Morgen ist Feiertag, Wie will ich spielen im grünen Hag, Wie will ich springen durch Tal und Höh'n, Wie will ich pflücken viel Blumen schön; Dem Anger, dem bin ich hold!" Hört ihr's, wie der Donner grollt? Die Mutter spricht: "Morgen ist Feiertag, Da halten wir alle fröhlich Gelag, Ich selber, ich rüste mein Feierkleid; Das Leben, es hat auch Lust nach Leid, Dann scheint die Sonne wie Gold!" Hört ihr's, wie der Donner grollt? |
Großmutter spricht: "Morgen ist Feiertag,
Großmutter hat keinen Feiertag, Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid, Das Leben ist Sorg' und viel Arbeit; Wohl dem, der tat, was er sollt!" Hört ihr's, wie der Donner grollt? Urahne spricht: "Morgen ist Feiertag, Am liebsten morgen ich sterben mag: Ich kann nicht singen und scherzen mehr, Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer. Was tu ich noch auf der Welt?" Seht ihr, wie der Blitz dort fällt? Sie hören's nicht, sie sehen's nicht, Es flammet die Stube wie lauter Licht: Urahne, Großmutter, Mutter und Kind Vom Strahl miteinander getroffen sind, Vier Leben endet ein Schlag Und morgen ist's Feiertag. |
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind…
Der falsche Mythos von der Großfamilie
Die Großfamilie aus (mindestens) drei Generationen, glücklich vereint unter einem Dach, wird noch heute häufig als das Ideal der Familie aus "guten alten Zeiten" betrachtet. Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass dies ein falscher Mythos ist. Auch früher war nicht überall die Mehr-Generationen-Familie die Norm - und wenn, bedeutete das nicht unbedingt das "glückliche Idyll", an das man so gerne glauben würde.
Zum Ideal hochstilisiert wurde die Mehr-Generationen-Familie in der Romantik und im Biedermeier. In literarischen Bildern wurde damals die Familie von drei oder vier Generationen unter einem Dach mit dem Versprechen von Dauer, Stabilität, Harmonie und Schutz beschworen. Ein Beispiel dafür ist Gustav Schwabs Ballade "Das Gewitter", wo man liest: "Urahne, Großmutter, Mutter und Kind im stillen Stübchen beisammen sind..."
Nicht nur die Kunst, auch die Wissenschaft nährte diesen Mythos. So beobachtete Frédéric Le Play, ein "Urahne" der Familiensoziologie, Mitte des 19. Jahrhunderts bei bodenbesitzenden Bauern in einigen Regionen Europas das Zusammenleben von drei Generationen unter der umsichtigen Führung eines Patriarchen - und hob es als die besonders stabile "Stammfamilie" hervor.
Und zur selben Zeit verherrlichte der Begründer der deutschen Volkskunde, Wilhelm Heinrich von Riehl, die stabile Großfamilie der Bauern und Bürgern - und stellte die "Kleinfamilie" der Armen und Industriearbeiter als minderwertig dar. In den Großfamilien der Bauern und Bürgern, befand von Riehl, garantiere die auf dem Eigentum an Haus und Boden beruhende Autorität des Familienvaters und dessen sittliches Regime über Frauen und Kinder die Stabilität der Familie, des Staates und der Gesellschaft. Die Armen in ihren rechtlosen Verhältnissen und die junge Industriearbeiterschaft würden hingegen in der Regel nur zwei Generationen, Eltern und Kinder, zusammenleben. Dies und das fehlende Eigentum an Haus und Boden mache ihre "Kleinfamilien" instabil.
Die Eltern der armen Klassen, besonders die Väter, wurden als defizitäre Erzieher gesehen. Bürgerliche Beobachter dieser Zeit sorgten sich vor allem um die Kinder. Wuchsen sie nicht mangels Erziehung zu einer "gefährlichen Klasse" heran?
Mehr als hundert Jahre später, Mitte der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts, begannen sich im deutschsprachigen Raum Forschungen zur Geschichte der Familie zu etablieren. Die Haushaltsstrukturen frühere Zeiten wurden rekonstruiert - und es wurde nachgewiesen: Die durchschnittliche Haushaltsgröße vor der Industrialisierung unterschied sich nicht wesentlich von der der Industriegesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts. Festgestellt wurde ein erheblicher Unterschied zwischen Stadt und Land - aber der ließ sich bis ins ausgehende Mittelalter zurück verfolgen. Riehls Bewertung der alteuropäischen Großfamilie als besonders stabil und gesellschaftsstabilisierend entpuppte sich als ideologisch und spekulativ.
Die Drei-Generationen-Familie, fand man heraus, war keineswegs universell verbreitet. Zwar fanden sich bei den Bauern von Irland bis in die Sudetenländer, von Norwegen bis in den Alpenraum, Großfamilien. Aber sie waren nicht "Stammfamilien" im Sinn Le Plays - sondern Drei-Generationen-Familien, in denen die erste Generation, oft ein Witwer oder eine Witwe, den Hof nicht patriarchal führte, sondern bereits an die Erben übergeben und sich auf ein prestigearmes Altenteil zurückgezogen hatte. Die Übergabeverträge, die zur Regelung von Konflikten zwischen den Generationen abgeschlossen wurden, ließen alles andere als Harmonie zwischen den Generationen erkennen.
Drei-Generationen-Familien fanden sich - neben anderen Familienformen - häufiger in ost- und südosteuropäischen Ländern, vor allem in Russland, im Baltikum und in der Sonderform der Zadruga auf dem Balkan. Eine Zadruga ist gekennzeichnet vom Zusammenleben mehrer Geschwister mit Ehegatten und Kindern unter der patriarchalen Führung des ältesten Mannes. In Süd- und Mittelfrankreich gab es kaum Drei-Generationen-Familien, jedoch lebten hier oft Brüder und deren Frauen zusammen, während nördlich der Loire sowie im gesamten West- und Mitteleuropa Kleinfamilien deutlich überwogen.
Die Klein- bzw. Kernfamilie war zur Zeit dieser Forschungen, Mitte der 70er-Jahre, bereits zur konkurrenzlosen, normalen Familienform geworden. Schon nach dem Zweiten Weltkrieg feierte man sie, beeindruckt von ihren Leistungen im Chaos des Kriegsendes und des Wiederaufbaues, als erstaunlich krisenfeste "Zelle der Gesellschaft". Und die Wissenschafter stellten in den 50er-Jahren fest: Die Kleinfamilie war auch gar nicht so isoliert, wie man - im Blick auf das "Ideal" der Mehr - Generationen - Familie - geglaubt hatte. Auch wenn es Eltern und Großeltern vorzogen, nicht unter einem Dach zu wohnen, hatten sie meist regelmäßige Kontakte und halfen sich gegenseitig. Leopold Rosenmayr prägte dafür 1958 den Begriff "Intimität auf Abstand".
Informationen: Univ. Prof. Dr. Reinhard Sieder, Universität Wien, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, A - 1010 Wien, Dr. Karl Luerger Ring 1, E-Mail: reinhard.sieder@univie.ac.at Literatur: Besitz und Begehren, Erbe- und Elternglück - Familien in Deutschland und Österreich. In: Geschichte der Familie, Band 4, 20. Jahrhundert, André Burguière u.a. Hrsg. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1997
Text-Quelle:
www.oif.ac.at/presse/bzw/artikel.asp393.html
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