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Das Gedächtnis des Körpers
Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern
Joachim Bauer
Eichborn Verlag, 2002; ISBN: 3821839562 * info 224 Seiten, € 19,90
Vor dem Hintergrund der Entwicklung in der Psychiatrie und dem Vormarsch der psychiatrischen Genetik - die dazu führt, dass Menschen mit seelischen Problemen und Erkrankungen als Behandlung und "Hilfestellung" lediglich die Verabreichung von immer mehr Psychopharmaka und/oder die experimentelle Gentherapie aufgezwungen wird - ist dieses Buch von besonderer Wichtigkeit.
Joachim Bauer stellt in seinen Ausführungen die Umwandlung von persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen in biologische Signale - und damit die individuelle Steuerung und Veränderbarkeit unserer Gene - verständlich dar. Unsere Gene sind Einflüssen unterworfen, Veränderungen geschehen durch Ereignisse in unserem Leben und oft ohne unser Zutun. So berichtet er u.a. von alarmierenden Konsequenzen aus persönlichen Gewalterfahrungen und frustrierenden Beziehungsgestaltungen. Angst- und Stresserfahrungen regulieren unsere Gene ebenso wie das positive Erleben aus guten Beziehungen. Dies hat unmittelbare Folgen auf die Produktion von Hormonen und Botenstoffen und damit auf die ständigen Umwandlungsprozesse in unserem Gehirn und den Feinstrukturen unseres Nervensystems.
Er erläutert die erst kürzlich entdeckte neurobiologische Erkenntnis, wonach sog. Spiegel-Nervenzellen optisch aufgenommene Verhaltensweisen anderer Personen im eigenen Gehirn so abspeichern können, dass daraus eigene Handlungsprogramme entstehen können. Was Menschen - insbesondere Kinder - sehen (z.B. in den Medien), hat damit neurobiologische und oftmals alarmierende Folgen.
Anhand des Krankheitsbildes der Depression erklärt er u.a. die Veränderungen der Gene und beschreibt ausführlich, wie traumatische Erfahrungen als "genetischer Fingerabdruck" gespeichert werden und sich auch nach Jahren als organische oder psychosomatische Erkrankung auswirken können. Neue Sichtweisen aufgrund seiner Forschungen ergeben sich auch zu Erkrankungen wie dem Bournout-Syndrom, Fibromyalgie, chronischen Schmerzzuständen und Trauma-Folgekrankheiten (wie z.B. gehäuft auftretende Borderline-Erkrankungen bei jungen Menschen).
Mit neuen Argumenten untermauert er seine Kritik am stetig steigenden Masseneinsatz von Psychopharmaka. Anhand von Forschungsergebnissen stellt er die Psychotherapie als heilende und zwischenmenschliche Beziehungserfahrung dagegen und macht klar, wie wichtig und heilsam insgesamt positive Erfahrungen im menschlichen Miteinander sind und dass sich dadurch nachhaltig positive Auswirkungen auf die neurobiologischen Strukturen und die Gene erreichen lassen. Die Genmanipulation als ultimatives Mittel der Wahl zur Lösung unerwünschter Eigenschaften oder Erkrankungen führt der Autor ad absurdum.
Prof. Bauer hat mit diesem Buch nicht nur ein Plädoyer für die Psychotherapie als erfolgreiche und langfristig wirkungsvolle Behandlung der Seele bei psychisch Kranken geschrieben, sondern auch den Stellenwert positiver Erfahrungen durch eine harmonische Lebensweise und ebensolche zwischenmenschlichen Beziehungen deutlich gemacht.
Auf einen einfachen Nenner gebracht: Joachim Bauer belegt wissenschaftlich, was wir eigentlich alle wissen, aber viel zu oft ignorieren: schlechter Einfluss, egal in welcher Form und woher, hat unmittelbare und langfristige negative Folgen auf unser seelisches und damit körperliches Wohlbefinden. Nicht die Manipulation unserer "beschädigten" Gene oder dauerhafte Psychopharmaka-Gabe ist die Therapie oder verspricht Heilung, sondern ein Umdenken in unserer Lebensführung und unsere eigene verantwortliche Einflussnahme!
Der Leser bekommt neben einer Fülle aktueller Informationen und wissenschaftlicher Erkenntnisse viele Denkanstösse und Ansätze
für den verantwortlichen Umgang mit der eigenen Lebenssituation und mit unseren Mitmenschen. Bei aller Wissenschaftlichkeit ist das Buch laienverständlich und spannend geschrieben, die jeweils kurze Zusammenfassung am Ende eines jeden Kapitels ist äusserst hilfreich.
Dieses Buch empfiehlt sich für alle, die ein besseres Verständnis (nicht nur für psychisch kranke Menschen) entwickeln möchten und für die ein gesundes und heilsames Miteinander von besonderem Interesse ist.
Der Autor:
Prof. Dr. med. Joachim Bauer ist Psychiater, Psychotherapeut und Internist. Er arbeitet am Universitätsklinikum Freiburg, Abt. f. Psychosomatik und Psychotherapeuthische Medizin. www.psychotherapie-prof-bauer.de
Silvia Skolik
Geburtskanal Redaktion, Februar 2003
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