Buchbesprechung




Gründe und beeinflussende Faktoren für die Fortsetzung der Schwangerschaft nach der Diagnose eines Down-Syndroms
Beatrix Wohlfahrt

Der Andere Verlag
Erscheinungsdatum: 2002
Auflage: 1. Aufl.; ISBN: 3936231508 * info
Broschiert - 119 Seiten; 19,90 Euro


Ein faszinierender Titel dieses Buches, der erstens ungewöhnlich lang ist und sich zweitens mit einem Thema beschäftigt, das ganz konträr zur gegenwärtigen Pränataldiagnostik-Diskussion erscheint. Laut Statistik führt der "positive" Befund des Down-Syndroms im Rahmen der PND-Diagnostik zu 92 % zu einem Schwangerschaftsabbruch. Somit scheint der Titel dieses Buches: Diagnose Down-Syndrom & Fortsetzung der Schwangerschaft schon fast in sich widersprüchlich zu sein. Dementsprechend schwierig war es für die Autorin Mütter für ihre Doktorarbeit zu finden, die den Ansprüchen des Titels entsprachen.
"Für die vorliegende Studie wurde das geradezu paradigmatische Beispiel für die Indikation zur Anwendung einer pränatalen Diagnostik herausgegriffen: Das Down-Syndrom, das unter dem Terminus "Mongolismus" die vorhandenen gesellschaftlichen Ressentiments gegenüber geistiger Behinderung bis heute verfestigt." (S.16)
Im Einleitungsteil werden die komplexen ethischen Problemfelder der Pränataldiagnostik und die Rolle der genetischen Beratung differenziert analysiert. Dabei scheint die Autorin mit der philosophischen Betrachtung von Hans Jonas in das Wesen der Medizin und den Auswirkungen der neuen Machbarkeiten einen ansprechenden Rahmen für diese Doktorarbeit gefunden zu haben.
Ebenfalls in der Einleitung entwirft Frau Wohlfahrt in dem Kapitel "Zur Historie des Down-Syndrom" einen umfassenden geschichtlichen Blick, der die Entwicklung zur heutigen Ablehnung von Menschen mit Down-Sydnrom deutlich und gleichzeitig auf die Fehler innerhalb dieser Entwicklung aufmerksam macht.
Anhand von Interviews mit fünf Frauen, die sich entschieden haben die Schwangerschaft trotz der Diagnose "Down-Syndrom" fortzusetzen, versucht die vorliegende Studie sowohl die persönlichen Gründe und beeinflussenden Faktoren als auch die gesellschaftlichen Einflüsse im Kontext dieser Entscheidung herauszuarbeiten.
Bei einigen Aussagen der Mütter befiel mich eine Gänsehaut. Es handelt sich teilweise um tiefgehende, prägnante und durchdachte Aussagen.
Für jeden professionell Tätigen (egal ob Gynäkologen, Humangenetiker, Hebamme, Berater, Psychologen), der mit diesem Themenbereich der Folgen der PND konfrontiert ist, dürfte es hilfreich sein, die Entscheidungsgründe und das Erleben dieser Frauen zu verstehen.
Obwohl es sich um eine Dissertation zum Erwerb des Doktorgrades der Medizin handelt werden viele psycho-soziale, geschichtliche, philosophische und gesellschaftliche Aspekte des Themas sowie die vielschichtigen Aussagen der 5 Mütter integriert, um ein in der Kürze gelungenes Gesamtbild zu schaffen.
"Das Ziel der Studie ist es, ein möglichst umfassendes Spektrum von Einflussfaktoren in systematischer Form zu erfassen und zu klassifizieren." (S. 26) Dieses ist der Autorin in besonderer Dichte und Vielfalt gelungen ebenso wie die anschließende Vertiefung der gewonnene Ergebnisse. Dabei werden immer wieder die für die Entscheidung bestehenden individuellen Normierungen und die "sich in ihnen spiegelnden gesellschaftlich relevanten Werthaltungen und Orientierungsimperative" (S. 26) angesprochen und reflektiert.
Das Buch ist leicht verständlich, gut aufgebaut, informativ und absolut lesenswert.

D. Wolf-Stiegemeyer
www.muetter.besondere-kinder.de

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