Buchbesprechung


Hebammen im Konfliktfeld der pränatalen Diagnostik –
Zwischen Abgrenzung und Mitleiden

von Angelica Ensel
HGH Schriftenreihe 10, Karlsruhe 2002; ISBN: 3934021107 * info
Preis: 15.- Euro


Frauen, deren Beruf es ist, anderen Frauen beizustehen, wenn sie Leben gebären, sehen sich unvermittelt vor die Aufgabe gestellt, ihnen zu helfen, ein Kind zur Welt zu bringen, das nicht leben soll. Fortsetzen der Schwangerschaft oder abbrechen nach einem auffälligen Ergebnis der pränatalen Diagnostik – der Konflikt der Frau ist auch der der Hebamme. Um diese Problematik dreht sich der Großteil der 240 Seiten dieses Buches. Und er wird an Hand der Aussagen der interviewten Hebammen eindringlich und nachvollziehbar geschildert. Sie beschreiben, wie sie mit dieser unerwarteten Aufgabe konfrontiert wurden und welche Bewältigungs- und Lösungsstrategien jede Einzelne für sich gefunden hat. Die Berichte legen sehr einfühlsam die Zerrissenheit der Frauen dar, die sich für einen späten Abbruch entscheiden, erzählen aber auch von jenen ,die sich dagegen entschieden haben.

Vorgeschaltet ist die Beschreibung der Rahmenbedingungen der pränatalen Diagnostik: ihre historische Entwicklung, ihr heutige Praxis, die Bedingungen der Schwangerenvorsorge und die rechtlichen Aspekte; darüber hinaus sind die Positionen der verschiedenen Interessengruppen zur PND dargelegt. Den Schluss bildet ein ausführliche Dokumentation der Konfliktsituation zweier selbst betroffener Hebammen.

Der Text ist gekonnt komponiert: Das anzuhandelnde Thema wird vorgestellt, an Hand der Interviews mit Inhalt gefüllt und so gedanklich weiter fort entwickelt. Schwierige Sachverhalte werden in klarer Sprache dargelegt, und die Interviews sind sprachlich so bearbeitet, dass der Text wie aus einem Guß erscheint.

Ein Sachbuch von allerbestem Zuschnitt: Es ist informativ, fesselt mit seinen Geschichten, vermittelt Wissen auf spannende Weise und gewährt durch das, was die Hebammen mit dem Thema pränatale Diagnostik erleben, allen Menschen einen tiefen Einblick in die Problematik.

Vera Herbst, Braunschweig
(erschienen in: AFK-INFO, März 2003)

Das Buch ist erhältlich im Buchhandel oder bei:
HGH - Hebammengemeinschaftshilfe e.V.
Gartenstr. 26
76133 Karlsruhe



Eine weitere Rezension dieses Buches:

Schwangerschaft im 21. Jahrhundert ist kaum noch eine Zeit der guten Hoffnung. Wie nie zuvor stehen werdende Eltern heute unter dem Druck, alles tun zu müssen für die bestmögliche Qualität ihres Nachwuchses. Konkret bedeutet diese ihnen auferlegte Verantwortung für ein gesundes Kind, die ihnen angetragenen Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik zu nutzen und – im Falle eines schlechten Ergebnisses – Konsequenzen zu ziehen.

Vorgeburtliche Diagnostik in Form des Ultraschalls gehört heute zum Standard der ärztlichen Schwangerenvorsorge. Was das im Einzelnen und persönlich bedeuten kann, ist werdenden Eltern trotz einer Fülle von Informationen und Ratgebern meist nicht bewusst. Spätestens mit dem Eintritt in die ärztliche Schwangerenvorsorge beginnt die Konfrontation mit den Möglichkeiten und Grenzen vorgeburtlicher Diagnostik und vielen – manchmal sehr schwer wiegenden – Entscheidungen.

Während pränatale Diagnostik früher entweder aufgrund einer genetischen Vorbelastung oder als so genannte „Altersindikation“ schwangeren Frauen ab 35 Jahren empfohlen wurde, ist das Screening des Ungeborenen mit Ultraschall (in der 10., 20. und 30. Schwangerschaftswoche) heute integrierter Bestandteil des ärztlichen Vorsorge. Auffälligkeiten, die dabei festgestellt werden, stellen die Eltern vor die Entscheidung, eine genetische Untersuchung mittels invasiver Diagnostik vornehmen zu lassen - Untersuchungen (Amniozentese oder Chorionzottenbiopsie), die mit einem erhöhten Fehlgeburtsrisiko verbunden sind.

Im Falle eines positiven Untersuchungsergebnisses stehen die Eltern vor der „unmöglichen Entscheidung“ über Leben und Tod eines (Wunsch-)Kindes. Ein Abbruch im zweiten Schwangerschaftsdrittel ist kein schnell durchzuführender Eingriff, sondern eine kleine Geburt, die durch Hormongaben oft über mehrere Tage eingeleitet werden muss. Neben den Schmerzen ist dieser Prozess bei den meisten Frauen von Ängsten, Trauer, Ambivalenzen und Schuldgefühlen begleitet. Häufig leiden die Frauen unter den Folgen eines Traumas, das, wenn es nicht verarbeitet wird, die Partnerschaft und auch eine folgende Schwangerschaft extrem belasten kann.

Frauen, die sich bewusst und informiert gegen vorgeburtliche Diagnostik entscheiden, müssen sich nicht nur in den ärztlichen Praxen, sondern oft auch gegenüber ihrer sozialen Umgebung massiv abgrenzen und rechtfertigen für ihren Wunsch, bestimmte Aspekte nicht vorher wissen zu wollen. Eltern, die heute ein behindertes Kind bekommen, werden zunehmend für ihr Schicksal verantwortlich gemacht.

Pränatale Diagnostik verändert jedoch nicht nur das Schwangerschaftserleben und die Gefühle zum Ungeborenen. Die mit den Technologien verbundenen Implikationen und Aufforderungen wirken auf alle Berufsgruppen, die mit schwangeren Frauen und ihren Partnern arbeiten. Hebammen, ÄrztInnen, Pflegende, PsychologInnen, SeelsorgerInnen und MitarbeiterInnen von Beratungsstellen erleben, wie die neuen Technologien und ihre Folgen ihre Arbeitsfelder prägen. Sie erfahren so die dunkle Seite der pränatalen Diagnostik, über die in der Öffentlichkeit immer noch wenig gesprochen wird.

Während die für die Eltern hoch problematischen Aspekte vorgeburtlicher Diagnostik in den Medien zunehmend thematisiert werden, sind die Konflikte der beteiligten Berufsgruppen kaum bekannt. Im Brennpunkt der Auseinandersetzungen stehen ÄrztInnen und Hebammen, die die Frauen durch die gesamte Schwangerschaft begleiten. Um nicht im Falle eines behindert geborenen Kindes für immense Regressforderungen herangezogen zu werden, stehen ÄrztInnen heute – auch bei einer kritischen Einstellung zu den Möglichkeiten und Grenzen vorgeburtlicher Diagnostik – unter dem Druck, die Frauen umfassend aufzuklären, was oft zu massiven Verunsicherungen führt. Hebammen, die schwangere Frauen oft in größerer Nähe begleiten und beraten, erleben die Ängste und Ambivalenzen noch unmittelbarer. Beim späten Abbruch nach pränataler Diagnostik sind sie diejenigen, die – meist allein mit der Frau – den belastenden Prozess, der sich manchmal über mehrere Tage hinzieht, bis zum bitteren Ende begleiten. In dieser nahen Beziehung erfahren Hebammen – manchmal bis zur eigenen Überforderung – vom Dilemma der Entscheidungskonflikte. Sie erleben die Schuldgefühle und später die oft langen Trauerprozesse, ebenso wie die Auswirkungen der Belastungen auf eine weitere Schwangerschaft.

Wie pränatale Diagnostik die involvierten Professionen vor völlig neue Aufgaben und konfliktbeladene Herausforderungen stellt, hat Angelica Ensel am Beispiel ihrer eigenen Berufsgruppe untersucht. Als Ethnologin und Hebamme führte sie zahlreiche Interviews mit ihren Kolleginnen zum Einfluss der Technologien auf alle Arbeitsfeldern von Hebammen. Dazu gehören: Schwangerenvorsorge, Begleitung beim späten Abbruch, Mitarbeit in klinikinternen Ethikkommissionen, Trauerbegleitung und die Betreuung von Frauen, die sich entschieden haben, ihr behindertes Kind zu gebären.

Zu Wort kommen auch Kolleginnen, die bei ihren eigenen Schwangerschaften durch vorgeburtliche Diagnostik selbst in schwere Konflikte gerieten. Auch wenn sie Fachfrauen sind, sind Hebammen in dieser Situation genauso emotional verstrickt wie die Frauen, die sie betreuen. Bei Katja B.s Kind werden beim Ultraschallscreening in der 22. Schwangerschaftswoche schwerste Fehlbildungen festgestellt, die ein Leben außerhalb des Mutterleibs nicht zulassen. Sie entscheidet sich gegen einen Abbruch, um sich selbst und ihrem Kind die gegebene Zeit zu lassen. Ihr Kind stirbt wenige Stunden nach der Geburt in ihren Armen – ein „heilsamer Weg“, wie sie sagt.
Antonia entscheidet sich für einen anderen Weg. Auch bei ihrem Kind werden schwerste Fehlbildungen festgestellt. Nach eingehender Diagnostik entscheidet sie sich für den Abbruch der Schwangerschaft. Als Hebamme weiß sie, was auf sie zukommt. Sie regelt alle Umstände in der Klinik und gestaltet den Abschied von ihrem Kind, soweit es in ihren Möglichkeiten steht. Sie ist froh, den alternativen Weg nicht gegangen zu sein, denn: „Ich wusste, dass es sterben wird, aber wir konnten es im Sterben begleiten.“

Das Buch ist ein bewegendes Zeugnis der zentralen ethischen Konflikte um pränatale Diagnostik, die im Rahmen der Hebammenarbeit auftreten können – ein Stück Zeitgeschichte, das tiefe Einblicke in grundlegende Probleme ebenso wie in ureigenste Aufgaben dieses Berufsstandes gibt. Angelica Ensel lässt ihre Kolleginnen sprechen. Die beeindruckenden, oft sehr gefühlvollen Aussagen werden sensibel kommentiert und analysiert. Die Autorin präsentiert eigene Positionen, ist aber nie verurteilend. So entsteht ein komplexes Bild dieser Problematik, bei der es keine einfachen Lösungen gibt. Wie ein Fokus spiegelt pränatale Diagnostik grundlegende ethische Konflikte, die entstehen, wenn sich die Technologie des Körpers bemächtigt und die Beteiligten vor die Forderung stellt, das „Gekonnte müsse auch das Gesollte sein“, wie der politische Anthropologe Günther Anders gesagt hat.

Für das Dilemma der Entscheidungskonflikte gibt es keine Lösungen. Dennoch haben schwangere Frauen durchaus Möglichkeiten, bewusst und reflektiert mit den Konfrontationen umzugehen. Die Begleitung durch eine Hebamme von Anfang an kann, wenn die Beziehung stimmt, Frauen stärken, ihren eigenen Weg zu finden.

„Ich führe die Frauen zurück“, so beschreibt Reinhild W. ihre zentrale Aufgabe als Hebamme bei der Schwangerenvorsorge und -begleitung. Zurück „zur Grundintention einer Schwangerschaft“, sagt sie und meint damit: Es geht darum, auf sich selbst hören, im Kontakt mit den eigenen Gefühlen und im inneren Dialog dem Ungeborenen sein. Daraus können Frauen Kraft und Selbstbewusstsein schöpfen.

Mehr denn je stehen Hebammen heute vor dieser zentralen Aufgabe. Während vor 20 Jahren das selbstbewusste Engagement der Frauenbewegung für eine menschliche und selbstbestimmte Geburt zu entscheidenden Veränderungen in der Geburtshilfe führte und nicht zuletzt dazu beitrug, den Hebammenberuf aufzuwerten, scheint es inzwischen, dass wir einen Backlash erleben. Der hohe Stellenwert, der der Technologie bei ihrer Sozialisation in der ärztlichen Schwangerenvorsorge beigemessen wird, bewirkt, dass Frauen ihr eigenes Wohlgefühl von den Ergebnissen der Untersuchungen abhängig machen und den Kontakt zu sich selbst und zum Kind verlieren. Hebammen erleben, dass sich diese Ängste in einer zunehmend technisierten und medikalisierten Geburtshilfe auf das Geburtsverhalten der Frauen auswirken.

„Das Dilemma der Frauen ist das Dilemma der Hebammen“, stellt Angelica Ensel zu Beginn ihres Buches fest. Die Autorin betrachtet aber auch die andere Seite dieses Kräfteverhältnisses: „Die Kompetenzen der Hebammen sind die Kompetenzen der Frauen“ – eine Erkenntnis, die Frauen und Hebammen dem Backlash entgegensetzen können.

Der Wechsel zwischen den O-Tönen der Hebammen und den Beiträgen der aus Innen- und Außensicht kommentierenden Autorin bewirkt, dass das Buch trotz der belastenden Thematik gut zu lesen und auch für Laien verständlich geschrieben ist. Eine Einführung in die Geschichte und Entwicklung der pränatalen Diagnostik sowie einleitende Beschreibungen der verschiedenen Arbeitsfelder geben auch denjenigen LeserInnen, die bisher nicht mit dem Thema vertraut ist, umfassende Verständnisgrundlagen.

Das Buch richtet sich nicht zuletzt an die Angehörigen aller Berufsgruppen, die mit schwangeren Frauen und ihren Partnern arbeiten. Eltern, die selbst intensive Auseinandersetzungen mit vorgeburtlichen Untersuchungen erlebt haben, werden hier vielen Aspekten ihrer eigenen Erfahrungen aus einer anderen Perspektive wiederbegegnen.

Frauke Franckenstein

Fenster schliessen