|
Hebammen im Konfliktfeld der pränatalen Diagnostik
Angelica Ensel
erschienen bei der Hebammengemeinschaftshilfe
D-76133 Karlsruhe, Gartenstr. 26
2002; ISBN: 3934021107 * info , Preis 15,- Euro
"Das Dilemma der Frau ist das Dilemma der Hebamme." Diese Feststellung zieht sich durch das bisher einzige Buch, das sich dezidiert mit der Rolle und der Haltung von Hebammen zur pränatalen Diagnostik beschäftigt. Die Autorin publiziert schon seit geraumer Zeit zum Thema Pränataldiagnostik und hat dazu auch sehr gute Unterrichtsmaterialien nicht nur für die Hebammenausbildung herausgegeben.
Als Grundlagenmaterial des Buches dienen 21 Interviews mit deutschen und Schweizer Hebammen aus und zu den verschiedensten Arbeitsfeldern, von der Schwangerenvorsorge bis zur Mitarbeit in der Ethikkommission und zur Trauerbegleitung. Zwei persönlich betroffene Hebammen erzählen von ihren Entscheidungskonflikten und dem Verlust ihrer Kinder.
Historische und rechtliche Gegebenheiten werden beleuchtet. Es werden auch öffentliche Stellungnahmen in Verbandszeitschriften und Positionspapiere der Standesvertretung sowie Dokumente und Briefwechsel zum Thema vorgestellt.
Es scheint, dass Vorsorge für die meisten Schwangeren ohne Technologie keine "richtige" Vorsorge zu sein scheint. Eine Kollegin sagt zu den Ultraschalluntersuchungen, bei denen Ärzte etwas murmeln und Frauen in Angst und Unsicherheit stürzen: "Wir dürfen die Scherben auffangen."
Beim späten Schwangerschaftsabbruch wird die zerrissene Position der Hebamme am deutlichsten. Die Gefühle von Schuld (-zuweisung), großer Belastung, Hilflosigkeit und auch Wut während der Betreuung können die Kolleginnen oft erst im Interview richtig zulassen.
Für Angelica Ensel gibt es im Umgang mit Geburt, Behinderung und Tod ein "spirituelles Vacuum". Nach Schwangerschaftsabbrüchen jenseits der 24. Woche (oft aber auch zu einem früheren Zeitpunkt) werden Kinder in 30% der Fälle lebend geboren. Deshalb wird immer häufiger der Fetozid eingesetzt. In diesen Situationen zeigt sich das spirituelle und das ethische Vakuum extrem.
Hebammenschülerinnen berichten von abgetriebenen Kindern, die sie in die Kühltruhe zu den Plazenten legen mussten. "Man geht ohne Würde mit diesen Kindern und auch mit den Frauen um. Ihr Unbehagen ist noch nicht durch Anpassungsversuche oder Verdrängungsmechanismen verdeckt: "Diese Hektik, sich das vom Hals schaffen zu wollen, weil man nicht damit umgehen kann."
Eine Schülerinnengruppe hat aufgrund ihrer negativen Erfahrungen einen Veranstaltungstag in der Klinik organisiert und verschiedene Professionen eingeladen. Am Schluss haben sie gemeinsam mit den Ärzten einen Film über einen jungen Mann mit Down-Syndrom angesehen. Eine Kollegin hat die Teilnahme an Spätaborten verweigert und musste bis zum Arbeitsgericht gegen ihre Entlassung kämpfen.
In dem Bemühen, Frauen ihr Entscheidungsrecht zuzugestehen und eine gute Betreuung zukommen zu lassen, versäumen Hebammen oft eine pointiertere Haltung zur Pränataldiagnostik und ihren Konsequenzen.
Angelica Ensel fordert von Hebammen eine politische Stellungnahme ein, die auch zunehmend erfolgt, z.B. durch Öffentlichkeitsarbeit oder Mitgliedschaft in kritischen Netzwerken. Der Bund freiberuflicher Hebammen hat am Internationalen Hebammentag im Mai 2001 dazu aufgerufen, an diesem Tag keine späten Abbrüche durchzuführen. In Österreich steht eine berufspolitische Auseinandersetzung noch weitgehend aus.
Das Buch bietet einen sehr guten Ansatz, sich fundiert und differenziert mit dem Dilemma der Frauen und der Hebammen auseinander zu setzen und Wege aus dem Dilemma zu suchen.
Dorothea Rüb
in der Österreichischen Hebammenzeitung Nr. 1/03
http://zeitung.hebammen.at/ > Rezensionen
|