|
MENSCHENKINDER
Drei Lebensläufe, drei Welten: Geschichten von unserer Zukunft auf dem Planeten Erde
Johanna Wieland, Anna Neumann, Roland Frommann, Andrea Künzig
GEO im Verlag Gruner & Jahr, 2000; ISBN: 3570192415 * info
Eine Buchempfehlung der Österreichischen Hebammenzeitung:
"Dieses Buch habe ich "gefressen". Und dann musste ich es immer wieder zur Hand nehmen, schauen und lesen. Es ist ein dicker Fotoband: drei Geschichten von drei Menschenkindern und ihren Familien: Francis aus Kenia, Ha Le aus Vietnam und Paulina aus Deutschland.
Die Fotos erzählen viel; die Texte ergänzen diese Bilder-Geschichten wunderbar. Allein die ersten Bilder unmittelbar nach der Geburt könnten nicht unterschiedlicher sein. Francis Mutter liegt erschöpft auf ihrer häuslichen Matte, bei ihr kauert ihre Hebamme, Ha Le auf einem verrosteten und schmuddeligen Gebärbett und Paulinas Mutter thront in einem Kreißsaal-Technikpark - mit Schäfchentapete. Die Probleme und Freuden während der Schwangerschaft, die Familienkonstellation, die ersten Wochen und Monate sind exemplarisch für die ökonomische und soziale Welt, in die die Kinder hineingeboren wurden. Trotzdem sind es ganz individuelle Geschichten.
Für Susanna ist die Geburt von Francis, ihr neuntes Kind, eine große Mühsal und eine reelle Gefahr: auf 100 000 Lebendgeburten kommen 1000 mütterliche Todesfälle. Ihre Hebamme besitzt für die Geburtshilfe bei Susanna nichts als ein Paar Handschuhe, eine Rasierklinge, ihre Erfahrung - und das "Ohr", eine spirituelle Gabe, mit der sie Kontrakt aufnehmen kann zum Ungeborenen. Susanna hat wenig, oft nicht einmal genug zu essen für ihre Kinder. Ihr Mann arbeitet in der Stadt und ist selten da. Doch sie hat Frauen um sich, die sie unterstützen, Kinder, die ihr die geschwollenen Beine in der Schwangerschaft massieren und die sich umeinander kümmern.
Mai aus Hanoi ist schon etwas wohlhabender, aber das hat seinen Preis: viel Arbeit, viel Hektik. Die westliche Lebensart hat schon voll durchgeschlagen, den ganzen Tag läuft der Fernseher, und Ha Le´s älterer Bruder muss lernen und leisten für die Schule bis ihm die Augen zufallen. Ihr Haus ist winzig und wenig komfortabel, es ist laut und die Luft ist schlecht in einer asiatischen Großstadt, am Wochenende macht man einen seltenen Ausflug auf dem Moped - ein Auto ist viel zu teuer. Teuer ist auch der Ultraschall - er kostet 2 Monatsgehälter! Sie leisten es sich trotzdem. Die Betreuung bei der Geburt ist kalt und lieblos, keine vertrauten Menschen haben Zugang, erst nach der Geburt. Doch Mai und ihre Söhne sind geborgen in einem Netz von Tradition und einer großen Familie, die ihnen Halt gibt - und viel Fröhlichkeit und Liebe. Paulinas Mama Petra ist eine schöne reiche Frau mit einer tollen Wohnung und einem erfolgreichen Mann. Sie hat sich schon vor der Geburt für eine Epidurale entschieden (so wie fast die Hälfte der Frauen, die in dieser Klinik in Hamburg entbinden!), ist von 6 Ärzten und Hebammen und einem nervösen Mann bei der Geburt umgeben, hat eine Latte von Erziehungsbüchern, geht mit ihrem Töchterchen zum Babyschwimmen und zur Spielgruppe, fährt in den Schiurlaub. Aber ihr Mann kommt abends spät nach Hause, ihre Familie ist weitverstreut, und eigentlich wirken Mutter und Baby verloren und deplaziert in der schicken Konsumwelt.
Die traditionelle Rollenverteilung ist zugeschnappt wie bei 98% der anderen jungen Paare in Deutschland; 40% der Ehen gehen in die Brüche...
Die LeserInnen erfahren hier aber nicht nur viel über die jeweiligen Lebensumstände, sondern werden auch anhand von Statistiken und Daten zu Gesundheit und Bevölkerungswachstum, Versorgung, Bildung, Kindersterblichkeit, AIDS informiert. 6 Milliarden Menschen leben heute auf der Welt; Anlass dafür, zu zeigen wie Menschenkinder in einer reichen Industrienation, in einem Schwellenland und in einem Entwicklungsland mit einer hohen AIDS Rate empfangen werden. Paulina wirkt nicht glücklicher als Ha Le oder der runde freundliche Francis Mutia (er heißt auch "der Letzte", da seine Mutter einige Monate später eine Sterilisation vornehmen lies.) In Kenia sterben 57, in Vietnam 32 und in Deutschland 5 von 1000 Säuglingen. Auch daran und nicht nur an den Bildern vom Hab und Gut der drei ist zu erkennen, wie ungleich und ungerecht die Verteilung auf der Welt ist."
Dorothea Rüb, Österreichische Hebammenzeitung (6/00)
Quelle und mehr Buchbesprechungen bei:
Österreichische Hebammenzeitung
http://zeitung.hebammen.at/
|