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Der Schnullerschock
Pia Hintze - Roman
München: dtv premium, 2003
ISBN: 3 * info -423-24337-6
240 Seiten, broschiert; € 15,00
Roman oder Erfahrungsbericht, Dichtung oder Wahrheit? Oder beides miteinander vermischt?
Die Geschichte der schwedischen Autorin Pia Hintze, in deren Mittelpunkt die 34-jährige Sarah steht, scheint geradezu der Realität entsprungen und könnte ebenso gut Ergebnis eines Gespräches zwischen Freunden sein, in dem angestaute Gefühle aus der Seele sprudeln, um sich, längst überfällig, von einem lang gehegten und quälenden Druck zu befreien.
In der Tat geht es in dem Roman wie auch im Leben jedes denkfähigen Menschen um die Enttäuschung von Wunschvorstellungen rund um Liebe, Ehe, Kinder, Freundschaft und Karriere.
Die brave Protagonistin, noch mit unsichtbarer Nabelschnur an die eigenen Eltern gebunden, führt uns in dem Buch durch ein aufwühlendes Drama intimer Selbstgespräche, zugleich die Handlung verweigernd, wenn es darum geht, ihre Individualität und persönlichen Bedürfnisse ins Spiel zu bringen. Bestückt mit Plänen und Hoffnungen wartet sie meist vergeblich, dass Partner, Eltern und Freunde ihre Wünsche erriechen und ungefragt darauf eingehen.
Sei es bei der Fruchtwasseruntersuchung, die Sarah entgegen innerer Abneigung und Ängste über sich ergehen lässt, um während dessen in Ohnmacht zu fallen, im Umgang mit der betreuenden Hebamme, von der Schwangeren als aufdringlich und unsensibel empfunden, oder bei der Entscheidung zum Kauf und Bezug eines Hauses auf dem Land, den die stadtliebende Mutter alsbald bereut: Ihre innere Stimme schimpft in einem fort und wendet sich mit ihren wahren Gedanken vertrauensvoll an den Leser.
Unterdrückte Wut, verschluckter Widerstand, Ärger, Enttäuschung, Trauer - ein ganzer Haufen heftiger Gefühlswallungen schwappt an die Oberfläche, das Lesetempo rasant zur letzten Seite treibend auf der Suche nach der endlichen Lösung aus der Stress-Spirale einer jungen Mutter, die sich isoliert und einsam fühlt, verlassen von ihrem in seine Arbeit flüchtenden Mann, missverstanden von Bekannten und vermeintlichen Freunden.
Die alte Welt bricht zusammen, eine neue ist noch nicht gefunden. Erst allmählich wagt Sarah, ihrer Stimme Ausdruck zu verleihen und sich durchzusetzen: im Gespräch mit jungen Müttern, die ihre Babys mit dem allseits bekannten Schlafprogramm behandeln, gegenüber einer kinderlosen Freundin, die Sarah um ihre Mutterschaft beneidet, den Stress der durchwachten Nächte dabei großzügig ausblendend, oder im Streit mit Karl, dem Vater ihres Sohnes Nils - Sarah kämpft sich mühsam durch das erste Lebensjahr ihres ersten Kindes, um zugleich selbst geboren zu werden und die Rolle der Tochter dabei abzustreifen wie eine schnaufend strampelnde Raupe.
Koliken, schreiende Babys, wunde Brustwarzen, Tragebeutel und unbenutzte Kinderwagen ... all das kommt in diesem Roman zur Sprache. Ein wohltuendes Leseerlebnis für Mütter und Väter, die sich mit wachen Sinnen durch die erste Zeit ihres frisch gebackenen Elterndaseins hangeln, sich mit Wehmut, aber auch ungeahnten Glücksgefühlen von ihrem alten Leben verabschiedend.
Der Schnullerschock, ein schönes Geschenk für gestresste Mütter, am besten im Kombipack mit einem Babysitter-Abonnement für die regelmäßige Betreuung ihrer Kleinen - und damit ein paar genüssliche freie Stunden zum Lesen und Entspannen.
Jutta Riedel-Henck
www.trostreich.de
Weitere Rezensionen:
Begegnung statt Erziehung
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