Buchbesprechung




Tränen nach der Geburt
Wie depressive Stimmungen bewältigt werden können

Elisabeth Geisel
Kösel; ISBN: 3466343690 * info
251 Seiten, 15,50 €

Strahlende Gesichter im Fernsehen, betrübte, schweigende Mienen in der Straßenbahn - Illusion und Wirklichkeit.

Hier im Norden Deutschlands, bei stürmischem Regenwetter und wolkenbehangenem Himmel, wirken die Straßen wie ausgestorben. Ich betrachte die bunten Lichter im Fenster eines Wohnhauses gegenüber und stelle mir vor, wie es dahinter wohl zugehen mag. Andersens Märchen vom kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzchen kommt mir in den Sinn, eine einsame Seele von Kind, die erfriert in der Kälte unter Menschen im Weihnachtsrummel, während es die kleinen Lichter entzündet, da niemand kam, um eines der erhellenden Schwefelhölzchen zu kaufen und dem Kind damit sein Leben zu bezahlen.

Solch traurige Märchen entstammen der Wirklichkeit, die der Sprache beraubt wurde, das Schmerzhafte beim Namen zu nennen. Beliebt ist, was ablenkt, betäubt, süchtig macht nach mehr an rosaroter Illusion, Erhalt und Pflege glücklicher pausbäckiger Babybilder. Die Macht der Vorstellung ist beständig, der wache Blick in die Wirklichkeit alles andere als ein Lebkuchenschlecken.

Glücklicherweise gibt es Menschen, die wagen, das »Böse« beim Namen zu nennen, um nicht länger davon beherrscht zu werden. Nicht selten stehen sie auf dem Markt wie das Mädchen mit den Schwefelhölzchen. Beliebt sind Bücher mit bunten Basteltipps, lustigen Liedern und netten Geschichten rund um den amüsanten Familienalltag. Dass nicht wenige Mütter zutiefst deprimiert in ihrem Heim kauern, mit einem schreienden Baby oder quengelnden Kleinkind, enttäuscht von Verwandten, Freunden, Bekannten, ohne Vertrauen in ihre ureigenen Fähigkeiten, verlassen von »Gott und der Welt«, gelangt kaum an die Öffentlichkeit.

Mit ihrem Buch Tränen nach der Geburt: Wie depressive Stimmungen bewältigt werden können leistet die Autorin Elisabeth Geisel einen wertvollen, aufrührenden und »gesund aggressiven« Beitrag zur Entzündung all der ungenutzten Energiequellen schlafender, niedergedrückter und eingekesselter Seelen. Ihre reichhaltigen Gedanken, Beobachtungen und Erkenntnisse um die Ursachen depressiver Stimmungen schenken den Betroffenen geistige Nahrung, die schweigende Seele zum Reden zu bewegen, ihr das Recht einzugestehen, traurig zu sein bei all der Lebensfeindlichkeit unserer kopfbeherrschten Kultur.

Ist da nicht eigentlich gesund, wer krank ist? Wer noch fähig ist zu leiden, statt kritiklos zu funktionieren wie ein empfindungsloses Zahnrad im Getriebe »Mensch-neben-Mensch«?

Jeder Mensch ist einmal geboren worden. Manch einer weiß vielleicht gar nicht um seine Tränen, erst die Geburt des eigenen Kindes erinnert an die unterdrückten Schmerzen, die in der Vergangenheit begraben liegen, ohne wirklich bewältigt zu sein. So ist das Buch von Elisabeth Geisel im Grunde kein reines Elternbuch, sondern eines, das all die schweigenden inneren Kinder weckt, um ein Recht auf naives, natürliches, unperfektes Leben einzuklagen, auf das wir in unserer Gewohnheit all zu hingabevoll und bereitwillig verzichten.

Jutta Riedel-Henck
www.trostreich.de

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