Buchbesprechung




Ein Baby will getragen sein
Alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens

Evelin Kirkilionis
Kösel Verlag, Neuaufl.2002; ISBN: 3466344085 * info
168 S., 12,25 Euro

Als ich für die Arbeiten an meinem Buch über »Schrei-Babys« auf der Suche nach Literatur zum Thema Tragen war, stieß ich durch einen Prospekt der Firma DIDYMOS auf eine Doktorarbeit, die ich sogleich per Fernleihe bestellte. Was ich hier las, passte genau zu meinen persönlichen Erfahrungen, da meine unruhige, stundenlang schreiende und wenig schlafende Tochter eines besonders mochte: getragen werden.

War ich deshalb eine verwöhnende Mutter, die ihr Kind nicht loslassen konnte, in der Gefahr, durch ständiges Herumtragen, Tätscheln und Verhätscheln ein wehleidiges Quengelkind heranzuziehen? Nein, denn hier stand es schwarz auf weiß, und das sogar im Namen der Wissenschaft: »Der menschliche Säugling zeigt verhaltensbiologisch auch heute noch seine Zugehörigkeit zum Jungentypus Tragling«.

Autorin dieser aufschlussreichen Doktorarbeit war die Humanethologin Evelin Kirkilionis. Dass ihre Erkenntnisse nun in kompakter, leicht verständlicher Form vorliegen, um jene anzusprechen, die es aus Erfahrung am besten wissen müssten - nämlich die tragenden Mütter (und Väter!) - wurde höchste Zeit.

Was mag eine peruanische Indiofrau nur denken, wenn Sie hört, dass wir Deutschen Bücher lesen, um das Tragen von Babys zu lernen oder überhaupt erst einmal zu bejahen? Sind wir nicht ein armseliges Volk, dass wir das Natürlichste der Welt nicht einfach leben, wenn unser Herz danach schlägt?

Eine Mutter, die sich heute auf die Straße wagt, muss das ABC der Rechtfertigung beherrschen, wenn sie von verbreiteten Meinungen abweicht und dies sogar in der Öffentlichkeit vertritt. Da braucht es vor allem wissenschaftliche Argumente, sind die Deutschen doch der Wissenschaft hörig, ob sie deren Hintergründe durchschauen oder nicht.

Sich dem Druck der Öffentlichkeit zu entziehen, um mit einem dicken Fell durch die Straßen zu laufen, ist schwer für eine dünnhäutige, sensible, für die Signale ihres Babys empfangsbereite junge Mutter. Stattdessen muss sie stets auf der Hut sein vor Beschimpfungen, dummen Bemerkungen oder schiefen Blicken Vorübergehender. Während sie ihr Baby schützt, ist sie selbst schutzlos in unserer gefühlskalten Kultur. Und da das Wort im Land der Intellektuellen mehr gilt als der zufriedene Gesichtsausdruck eines schlafenden Babys, brauchen wir Bücher wie dieses.

Im praktischen Teil werden verschiedene Tragehilfen vorgestellt, ihre Vor- und Nachteile besprochen und - ganz besonders hilfreich - mit ausführlichen Anleitungen zum Binden der Tücher ergänzt. Ob auf dem Rücken, der Hüfte, vor dem Bauch liegend oder sitzend: Für jede Haltung gibt es Tipps und Tricks zum richtigen Binden und Knoten. Und auf die Frage: »Werden Sie eigentlich von einer Tragetuchfirma gesponsert?«, kontert die Autorin prompt: »Ich hätte nichts dagegen, vielleicht können Sie ein gutes Wort für mich einlegen.«

In der Tat erinnert das Titelbild des Buches an die regelmäßig in Elternzeitschriften geschalteten Anzeigen der Firma DIDYMOS. Evelin Kirkilionis hat ihr Werk dennoch eigenständig geschrieben, und der mündige Leser wird nicht zum Kauf eines entsprechenden Produktes verpflichtet.

Jutta Riedel-Henck

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