Buchbesprechung




Wie weit gehen wir für ein Kind?
Im Labyrinth der Fortflanzungsmedizin

Martin Spiewak
Eichborn Verlag 2002; ISBN: 3821839252 * info
255 S., € 22,90

Wirklichkeit und Alltag im Labyrinth der Fortpflanzungsmedizin:
menschliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte im Kontext

Einfühlsam und sachlich schreibt Martin Spiewak - Wissenschaftsredakteur der ZEIT - seine Reportage über 25 Jahre Fortpflanzungsmedizin, gibt einen aktuellen Überblick der derzeitigen Möglichkeiten und angewandten Methoden und skizziert die Zukunft.

Die betroffenen Menschen mit Kinderwunsch und ihr Umgang mit den Errungenschaften im Bereich der künstlichen Befruchtung stehen dabei im Vordergrund. Er begleitet Paare auf ihrem Weg und geht auf die Empfindungen, Hoffnungen und Enttäuschungen der Frauen und Männer ein, beschreibt die Sorgen und Nöte bei den oftmals qualvollen Prozeduren der IVF-Behandlung und ihre äusserst mageren Erfolgsergebnisse, nimmt die Reproduktionsmediziner und ihre Lobby unter die Lupe und scheut sich auch nicht, in deutlichen Worten auf die Problematik der künstlich gezeugten Kinder (und ihrer Eltern) hinzuweisen. Die Erlebnisberichte der betroffenen Paare sind facettenreich und erschütternd.

"Ich wurde von den Ärzten gut aufgeklärt, nur eines haben sie mir verschwiegen: die Albträume, die ich habe…"
(Zitat einer Frau nach einem Fetozid, im Buch )

Laienverständlich beschreibt er die verschiedenen Methoden der künstlichen Befruchtung. Kritisch beleuchtet er die breite Palette der Nebenwirkungen und Folgeerscheinungen: beispielsweise Thrombose und Schlaganfall nach hormoneller Überstimulation, Narkoserisiko bei der Eizellenentnahme, "Embryonenreduktion" bei unerwünschten Mehrlingsschwangerschaften oder schwere psychische Erkrankungen. Über die Spätfolgen all dieser Verfahren und Eingriffe bei der IVF ist bis heute wenig bekannt…

Er nennt klare Zahlen und lässt auch nicht unerwähnt, wie die Statistiken der Reproduktionsmedizin verfälscht werden: u.a. wird auch eine Fehlgeburt als "Erfolg" gebucht. Tatsächlich endet jede 4. Schwangerschaft nach künstlicher Befruchtung mit einer Fehlgeburt.

Martin Spiewak geht sehr sensibel auf die menschlichen Aspekte der betroffenen KinderwunschpatientInnen ein, ohne die Erfolgsaussichten zu beschönigen und die Risiken der Kinderwunschbehandlung zu verschweigen.
Er macht deutlich, dass es sehr schwierig ist, eine oft jahrelange Kinderwunschbehandlung seelisch und körperlich unversehrt zu überstehen. Die "Achterbahn der Gefühle" in diesem Roulette-Spiel führt nicht selten zu einer existenziellen Bedrohung. Erfahrungen wie Fehl- oder Totgeburten, erfolglose Behandlungszyklen, frühgeborene oder kranke Kinder stellen eine Extrembelastung auch für die Partnerschaft dar.

Die psychologische Betreuung ist vielen Medizinern im Fruchtbarkeitsgeschäft ein Fremdwort, viele Frauen und Paare fühlen sich allein gelassen und hilflos ausgeliefert:

"Die Reproduktionsmedizin löst schwerwiegende Probleme und schafft gleichzeitig neue. Für die negativen Nebenwirkungen fühlen sich die Ärzte jedoch in der Regel nicht zuständig. Bei der Beratung und seelischen Betreuung der Patientinnen und Patienten vor und während Ausnahmesituationen versagen sie meist auf der ganzen Linie. Ihr Einwand, dass für eine "sprechende Medizin" kein Geld da sei, sagt viel über das medizinische System aus, noch mehr jedoch über das berufliche Selbstverständnis seiner Protagonisten."

Für die überwiegende Mehrheit der Paare, denen die Reproduktionsmedizin keinen Erfolg beschert hat, werden im Buch Hilfen aufgezeigt.

Der Autor geht der Frage nach, wie und warum es der Reproduktionsindustrie gelungen ist, aus der "guten Hoffnung" ein einträgliches Geschäft mit einem kaum kalkulierbaren Risiko zu machen. Er spricht von der letzten und tiefgreifendsten Revolution der Menschheit - und ist dabei keinesfalls ein Schwarzmaler, wenn er die bereits weitreichenden Eingriffe in menschliches Leben ausschmückt und die Frage stellt: "Wie weit gehen wir für ein Kind?" Und damit spricht er jeden Einzelnen von uns an. Haben wir noch die Wahl?

Dieses Buch ist ein hervorragender Beitrag zur Diskussion um Sinn und Unsinn, Geschäftsgebaren und tatsächliche Erfolge, Aussichten und zukünftige Machbarkeiten der Fortpflanzungsmedizin. Es ist eine wertvolle Informationsquelle und dient insbesondere als Orientierungshilfe für alle, die sich mit dem Gedanken tragen, sich in die Mühlen der Fortpflanzungsmedizin zu begeben.


Silvia Skolik
Geburtskanal Redaktion, Januar 2003

Fenster schliessen