Prof. Dr. Norbert Brockmeyer
Dermatologische Klinik im St. Josef Hospital
Klinikum der Ruhr-Universität Bochum
Mehr und mehr Frauen gefährdet
Auch Heterosexuelle zunehmend betroffen
Prof. Brockmeyers Erklärung zum beginnenden AIDS-Kongress
Weltweit leben über 36 Millionen Menschen, die das HI-Virus in sich tragen. "Gern übersehen wir dabei, dass mehr als die Hälfte Frauen sind", darauf weist Professor Dr. Norbert Brockmeyer (Dermatologische Klinik im St. Josef Hospital, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum) im Vorfeld des am
Mittwoch beginnenden AIDS-Kongresses in Berlin (4.-7. Juli 2001) hin. Wie der Vorsitzende der Deutschen AIDS-Gesellschaft (DAIG) erklärt, habe die DAIG die Arbeitsgruppe "All Around Women Special" gegründet.
Frauenspezifische Forschung, aber auch AIDS und Schwangerschaft, sind zwei der wichtigsten Themen der Arbeitsgruppe auf dem Deutschen AIDS-Kongress in Berlin.
20 Prozent der Aids-Infizierten sind Frauen
In Deutschland seien rund 20 Prozent aller mit dem Aids-Virus Infizierten Frauen, so Prof. Brockmeyer. Die Epidemie habe damit auch in Europa ein Stadium erreicht, in dem die Krankheit alle angehe: Rund ein Fünftel der
Betroffenen seien Heterosexuelle. In Osteuropa liege der Anteil der Frauen inzwischen schon bei 25 Prozent: "Auch der Anteil der Heterosexuellen steigt dort weiter, er liegt bei fast 40 Prozent", sagte Prof. Brockmeyer. Ein Trend, der auch in Deutschland ungebrochen ist. Im Jahr 2000 waren 25 Prozent der Neuinfizierten Frauen.
Frauen haben mehr "Viruslast" und weniger Helferzellen
"Dies bedeutet für die gesamte Gesellschaft eine Herausforderung", mahnt Prof. Brockmeyer. Gleichzeitig sei aber auch die Aidsforschung gefordert: "Frauenspezifische Aspekte sind auch international häufig unterrepräsentiert." So wurde zum Beispiel bei HIV-infizierten Frauen eine höhere "Viruslast" und niedrigere Zahl so genannter "Helferzellen" (CD4-Zellen) nachgewiesen. Beides sind wichtige Indikatoren: "Viruslast" bezeichnet die Anzahl der vorhandenen Viruspartikel. Diese Zahl kann gemessen werden. Ihre Höhe gibt Aufschluss darüber, ob die HI-Viren ausreichend von der körpereigenen Abwehr bzw. dem für Aids typischen
individuellen Medikamenten-Cocktail unterdrückt werden. Weiterer Indikator ist die Zahl der CD4-Zellen. Dies sind vor allem Lymphozyten, eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen, die auch Helferzellen genannt werden. Das HI-Virus zielt insbesondere auf diese Zellen und kann sie
offenbar auch direkt töten. Je geringer die Zahl der Helferzellen, desto stärker ist das menschliche Immunsystem geschwächt.
Andere Therapieformen notwendig
Da bei Frauen beide Werte deutlich von denen der Männer abweichen, könne man sich ausrechnen, dass dies auch Folgen für den Fortschritt der Krankheit habe, und dass sich daraus ebenso andere Therapieentscheidungen ergeben sollten. Systematische Untersuchungen, die hierüber Aufschluss geben,
liegen aber nicht vor. Ebenso unklar sind die Neben- und Wechselwirkungen der aktuellen antiretroviralen Therapien, obwohl internationale klinische Studien Hinweise darauf geben, dass bestimmte Medikamente bei Frauen andere Nebenwirkungen hervorrufen als bei Männern. Mit zunehmender
Dauer der Behandlung werden sogar toxische Nebenwirkungen der Therapien immer häufiger zum Thema. "Dies lässt nur einen Schluss zu: Es besteht dringender Forschungsbedarf.", so Prof. Brockmeyer.
Frauenarbeitsgruppe schaut genau hin
Die in Bochum gegründete Arbeitsgruppe "All Around Women Special" mit der Diplom-Psychologin Ulrike Sonnenberg-Schwan, München, als Vorsitzender, Prof. Dr. med. Gabriele Arendt, Düsseldorf, als Stellvertreterin und Dr. med. Heidemarie Kremer, Herdecke, als wissenschaftliche Beirätin hat aus diesen Gründen eine so genannte multizentrische frauenspezifische Kohortenstudie begonnen, mit der der Krankheitsverlauf bei Aids-Patientinnen genauer beobachtet wird.
Erfolg: Geringeres Risiko für ungeborene Kinder
Ein wesentlicher Erfolg im Kampf gegen Aids gelang bei der Behandlung von Schwangeren Aids-Patientinnen: "In Deutschland wird Aids in der Schwangerschaft bei früher Anbindung der Schwangeren an ein spezialisiertes HIV-Zentrum quasi nicht mehr auf das ungeborene Kind übertragen", sagt Prof. Brockmeyer. Die Deutsche Aids-Gesellschaft hat ihre
Erfahrungen gemeinsam mit der Österreichischen Aids-Gesellschaft (ÖAG) zu Therapieempfehlungen ausgearbeitet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sie in ihre Behandlungsempfehlungen aufgenommen (Prevention of Mother-to-Child Transmission of HIV)
Mehr Mittel für die Aids-Forschung angemahnt
Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg dieser "Transmissions-Prophylaxe" ist ein individuell auf die Mutter abgestimmtes, interdisziplinär erarbeitetes Vorsorgekonzept. Allerdings erfordert die Vorsorge eine intensive Zusammenarbeit mit den Ärzten und unter Umständen auch einigen finanziellen Aufwand. "Das Konzept lässt sich deshalb nicht einfach zum Beispiel auf Afrika übertragen", sagt Professor Brockmeyer. Dabei wäre dies dringend notwendig: "In einigen Ländern Afrikas sind beinahe die Hälfte der Schwangeren HIV infiziert. Wenn Aids erfolgreich bekämpft werden soll, benötigen wir dringend Forschungsgelder, um an Verbesserungen und Vereinfachungen weiterarbeiten zu können", mahnte Professor Brockmeyer.
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Norbert Brockmeyer
Dermatologische Klinik im St. Josef Hospital
Klinikum der Ruhr-Universität Bochum
44799 Bochum
Tel. 0234-5090;
E-Mail: n.brockmeyer@derma.de
Deutsch-Österreichische Empfehlungen zur HIV-Therapie in der Schwangerschaft:
http://www.daignet.de
Diagnostik und Behandlung HIV-diskordanter Paare mit Kinderwunsch:
http://www.daignet.de
Die Weltgesundheitsorganisation WHO
http://www.who.int
Bochum, 02.07.2001
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Impressum Aktualisiert: 12.04.2012 webmaster@geburtskanal.de |
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