Der erste Schrei
Eine bemerkenswerte Ausstellung
DER ERSTE SCHREI
Eine Ausstellung im Heimatmuseum Berlin - Neukölln
von Dorothea Rüb
Vor kurzem habe ich eine Ausstellung besucht, die mich sehr beeindruckt hat. Die Geschichte der Geburt im letzten Jahrhundert in diesem Stadtteil von Berlin mit immerhin 350.000 Einwohnern ist hier sehr gelungen präsentiert.
Empfangen werden die Besucher von einer Fotogalerie von Schwangeren und einem Fries mit den Vornamen der im ersten Halbjahr 2000 in Neukölln geborenen Kindern; deutlicher Ausdruck für die multikulturelle Gesellschaft die hier lebt. Das Namensthema wir in der Ausstellung noch einmal aufgegriffen, indem zu den einzelnen kleinen Räumen die in dieser Zeit gängigen Namen auf einer Tafel angebracht wurden. Eine Installation in der Mitte, "Die Unbenannten" der Künstlerin Anne Rochette zeigt Babys auf Schaukeln, losgelöst vom Boden, vom Alltäglichen, im Zustand offener Möglichkeiten und Träume.
Die Säuglingssterblichkeit zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wird ebenso thematisiert wie die Sexualreformbewegung der Weimarer Zeit, die Geburtenpolitik der Nazis mit ihrer mörderischen Unterscheidung von
"höher-" und "minderwertigen" Müttern und Babys, ledige Mütter und uneheliche Babys in den 50er Jahren, Pille und Frauenbewegung, Alternativkultur und Umweltängste, Babyindustrie und Babykult.
In ca. 15 - Jahresschritten werden die Besucher in und durch Räume geführt, die deutlich machen, wie in dieser Zeit Kinder auf die Welt kamen bzw. die Welt aussah, in die sie hineingeboren wurden. Die Reise beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Säuglingssterblichkeit betrug zwischen 1902 und 1913 im Durchschnitt 18,5%. Dann geht es weiter mit den 20/ 30ern und den 40er Jahren. Das Foto einer Hebamme mit Stahlhelm spricht Bände!
Damals wurden in der Frauenklinik Neukölln Zwangssterilisationen in großem Stil durchgeführt; jedes fünfte, 1943/44 in der Klinik geborene Neugeborene stammte von einer Zwangsarbeiterin. Nur wenige dieser Kinder haben überlebt. Zwei von ihnen konnten vom Museum zur Ausstellung eingeladen werden, eine beachtenswerte Geste, sie nach über 50 Jahren aus der Namenlosigkeit und dem Vergessen in die Berliner Gegenwart zu holen.
In den folgenden Räumen werden die 50/60er Jahre mit ihrem Familienidyll, die 70er mit der Geburtsmedizin, dem Aufkommen der Frauenbewegung und der Pille, die 80er mit der Katastrophe von Tschernobyl wieder lebendig. Mit den "neuen Vätern", mit Wickeltisch, gängigen Ratgebern zu Schwangerschaft und Geburt und Tragetuch kommt man im letzten Raum in der heutigen Zeit an.
Eine Videoinstallation der Künstlerin Sybille Hofter, die einfach nur Bauch, Atem und Kindsbewegungen zeigt, lädt dann ein zu Ruhe, Reflexion und zum Gespräch.
Eine Stellwand, in der verschiedene Objekte und Symbole vom Schwangerschaftstest bis zur Geburtszange zu sehen sind, verknüpft noch einmal die Geschichte mit gegenwärtigen, selbstverständlich gewordenen Geburts-Utensilien wie einer Infusionsflasche. Ein großformatiges Bild der Malerin Mainah -Miriam Munsky, die in den Siebzigerjahren einige Monate auf der Geburtenstation hospitierte und eine ganze Serie von Bildern über ihre Wahr-Nehmungen gemalt hat, zeigt eine Frau als entpersönlichte Patientin.
Es lohnt sich, das Heimatmuseum Berlin - Neukölln zu besuchen, das nicht von ungefähr mit dem Museumspreis des Europarates ausgezeichnet wurde. Die Ausstellung ist noch bis 7.4.2001 zu sehen. Der Katalog ist sehr lesenswert und zum Preis von 9,80 DM + Versandkosten zu bestellen im:
Heimatmuseum Berlin - Neukölln
Museum für Stadtkultur und Regionalgeschichte
Ganghoferstr. 3
D 12043 Berlin
Tel +49 30 6809 2535
e-mail: museum-neukoelln@ipn.de
www.museum-neukoelln.de
In Wien wird anlässlich des Internationalen Hebammenkongresses von April bis September 2002 im Volkskundemuseum auch eine Ausstellung zum Thema Geburt gezeigt werden.
Dorothea Rüb
Redaktion Österreichische Hebammenzeitung
Das Museum in Berlin-Neukölln
Anschrift:
Heimatmuseum Neukölln
Museum für Stadtkultur und Regionalgeschichte
Ganghoferstr. 3-5
12040 Berlin
Tel. 030 - 6809-2535
Fax 030 - 6809-3811
www.museum-neukoelln.de
Öffnungszeiten:
Mi-Fr 13-18 Uhr
Sa,So 12-18 Uhr
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