Stellungnahme zur Diskussion um die Gesetzesverschiebung zur Legalisierung der Anonymen Geburt und zur Babyklappe

Das Gesetz zur Legalisierung der anonymen Geburt ist bis zu einem ungewissen Zeitpunkt gestoppt wurden. Frauen, die aus welchen Gründen auch immer ihren Namen bei der Entbindung nicht nennen wollen, werden weiterhin unter falschem Namen entbinden und evtl. vor Abschluss ihrer medizinischen Behandlung heimlich das Krankenhaus verlassen.

Als Koordinatorin des Verbundprojektes Babyklappe von Caritas und Diakonie in Berlin verfolge ich mit tiefer Besorgnis, dass von einigen Adoptionsfachleuten die Einrichtung von Babyklappen und die Legalisierung der anonymen Geburt einseitig und negativ dargestellt wird.

Im Zusammenhang mit der Babyklappe und der anonymen Geburt besteht ein Interessenkonflikt zwischen Mutter und Kind, der sehr schwer auszuhalten ist. Tatsächlich tragen Menschen die nichts über ihre Herkunft wissen, eine schwere Last. Ich gehe aber davon aus, dass liebevolle Adoptiveltern einem Kind helfen werden einen solchen Lebensanfang in sein Leben und in seine Zukunft zu integrieren. Wir tragen alle etwas Schweres mit uns herum; doch ein erwünschtes Kind in einer Adoptivfamilie wird ein wesentlich geringeres Risiko eines schweren Kindheitstraumas haben, als ein in seiner Herkunftsfamilie lebendes unerwünschtes Kind.

Ein Kind aus der Babyklappe oder ein anonym entbundenes Kind ist nicht, wie jetzt oft zu lesen ist "entpersonalisiert" oder "ohne Identität". Auch dieses Kind hat seine eigene unverwechselbare Persönlichkeit, die es mit liebevoller Begleitung weiter entwickeln wird.

Es gibt Mütter, die Ihr Kind nicht behalten wollen, aber nicht bereit sind, sich an eine Adoptionsvermittlung oder an eine andere Beratungsstelle zu wenden. Der immer wieder vorgebrachte Einwand, Frauen, die sich auf den Weg zur Babyklappe machen, würden auch den Weg zur Adoptionsvermittlung gehen können, entspricht nicht der Lebenswirklichkeit von Menschen, die kein Vertrauen in Beratungsstellen setzen.

Der Behauptung mit der Babyklappe und der anonymen Geburt würden "Dritte-Welt-Verhältnisse" oder wie anderenorts geschrieben, "mittelalterliche" Zustände geschaffen, ist entgegenzuhalten, dass wir auch in unserer Gesellschaft teilweise diese Zustände haben. Armut und Ausbeutung, Gewalt und Isolation sind in unserer reichen Gesellschaft unübersehbar. So kann es dazu kommen, dass Frauen durch die Geburt eines Kindes in Panik und in eine scheinbar aussichtslose Situation geraten. Hier davon auszugehen, dass einer Frau in diesem Moment nicht zu helfen sei und ihr nichts anzubieten widerspricht dem Auftrag professioneller Sozialarbeit.

Im Zusammenhang mit der Babyklappe und der anonymen Geburt arbeiten ausschließlich Fachleute aus dem sozialpädagogischen Bereich. Auch viele Ärzte und Ärztinnen unterstützen die Idee der Babyklappe und der anonymen Geburt. Anders wäre dies gar nicht zu realisieren

Die Babyklappe ist ein extremes Angebot für extreme Situationen und stellt eine Alternative dar zum toten Kind in der Mülltonne oder in der Kanalisation oder zur lebensgefährlichen Aussetzung auf der Straße. Nur darum geht es und nicht um eine Konkurrenz zur gut vorbereiteten und offenen Adoption, die in jedem Fall vorzuziehen wäre, aber leider nicht immer allen Betroffenen gerecht wird.

Caritas und Diakonie bieten Beratung, Unterstützung und Notunterkünfte für Schwangere und für Frauen mit neugeborenen Kindern an. In den Babyklappen befinden sich mehrsprachige Briefe mit weitergehenden Hilfsangeboten und Bitten an die Mutter sich zu melden.

Das Kind aus der Babyklappe oder das anonym entbundene Kind wird, sobald es keine medizinische Betreuung mehr braucht durch das Jugendamt und durch eine staatlich anerkannte Adoptionsvermittlungsstelle in eine Pflegefamilie weitervermittelt. Alle Kinder, die uns auf diese Weise anvertraut werden, werden respektvoll und sorgfältig betreut. Dies gilt für alle Kinder und selbstverständlich in besonders hohem Maße auch für kranke und behinderte Kinder.

Darauf Einfluss zu nehmen, dass für Frauen und Kinder im Zusammenhang mit der Babyklappe und der anonymen Geburt Rechtssicherheit geschaffen wird, sollte ein gemeinsames Anliegen aller Fachbereiche sein.


Ursula Künning
Juni 2002

Ursula Künning
Verbundprojekt Babyklappe von Caritas und Diakonie in Berlin
Pfalzburger Str. 18
10 719 Berlin
Tel. 030-860 09 246
Fax 030-860 09 290
e-mail: babyklappe@caritas-berlin.de

 

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