Adoptiert
Auf der Suche nach den Wurzeln
Ich, Elisabeth Elise, wurde vor 27 Jahren in Weilheim in Oberbayern geboren. Meine leibliche Mutter war damals wohl in einer sehr schwierigen Situation. Sie gebar mich eines nachts auf der Toilette ihres damaligen Wohnsitzes. Mit mir in eine Decke gewickelt kam sie damals ins Krankenhaus und gab mich anschließend zur Adoption frei.
Mit nur wenigen Wochen kam ich zu meiner jetzigen Familie. Zuvor wurde ich von meiner leiblichen Mutter zu einer ihrer Freundinnen gegeben, die dann vom Jugendamt aufgefordert wurde, mich in ein Kinderheim zu bringen - was sie auch tat. Von dort aus kam ich zu meinen Adoptiveltern. Ich bin mit dem Wissen groß geworden, adoptiert zu sein. Schon in meinen frühesten Kindertagen, bei den ersten Fragen, die ich meiner Mutter (Mutter ist also meine jetzige "Adoptivmutter") stellte, schlug mir absolute, gefühlvolle und ehrliche Wahrheit entgegen. Die Situation wurde mir kindlich erklärt - und ich verstand. So kam mir lange Zeit nicht der Gedanke, dass es für mich und mein Leben wichtig sein könnte, zu erfahren, woher ich eigentlich ursprünglich komme und wo meine Wurzeln sind. Hier möchte ich einfügen, dass, ganz gleich, was geschehen wird, meine Adoptivfamilie immer meine Familie sein und bleiben wird. Dies sind die Menschen, die mich groß gezogen haben, mich lieben und in jeder Situation voll und ganz für mich da waren und hinter mir stehen. Daran wird auch das Kennenlernen meiner leiblichen Eltern (vielleicht finde ich meinen leiblichen Vater auch noch) nie etwas ändern. Das ist meine wahre Familie.
Erst Jahre später, ich glaube das erste Mal mit 17 oder 18, befiel mich der Gedanke, wissen zu müssen, was damals eigentlich wirklich passiert ist. Doch auch zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht die Kraft mich darum zu kümmern. Der Moment, in dem ich aktiv wurde, kam ganz von selbst. Ich war und bin immer noch der Meinung, dass die Dinge passieren, wenn sie passieren müssen - wenn die Zeit reif ist.
Ich musste erst aus meiner Heimatstadt München wegziehen, einen gewissen Abstand bekommen und schon fiel ich den Mitarbeitern des Jugendamtes in Weilheim mit Fragen und Nachforschungen auf die Nerven. Ich wusste aus Erzählungen, dass ich noch Geschwister haben müsste und dort wollte ich ansetzen.
Und plötzlich ging alles ganz schnell: Das Jugendamt fand eine meiner Schwestern, Manuela, und gab ihr mit meinem Einverständnis meine Telefonnummer. Ich kam eines Abends von einem sehr anstrengenden Bewerbungsgespräch nach Hause und fand auf meinem Anrufbeantworter eine Nachricht von einer gewissen Manuela. Da ich sonst keine Manuela kannte, war mir sofort klar: Das kann nur meine Schwester sein!
Das war ein irres Gefühl. Auf einmal gibt es da jemanden, der dein Blut hat, der zu Dir gehört. Der Teil deiner Familie ist! Unser erstes Telefonat dauerte fast eine ganze Stunde und wir waren beide ein bisschen gehemmt. Ich schlug dann vor, dass wir uns treffen sollten und sie lud mich zu sich nach Hause ein. In Ihrem Wohnort hatte ich bis dahin fast jedes Familienfest mit meiner Adoptivfamilie in einem Landgasthof gefeiert. Und, wie ich später feststellen musste, war ich jahrelang am Haus meiner Schwester vorbeigefahren, ohne zu wissen, dass dort meine Schwester wohnt! Etwa nach dem Motto: Warum in die Ferne schweifen - das Gute liegt doch so nah!
Bis zu diesem ersten Treffen hatte ich nie wirklich die Befürchtung gehabt, dass es eventuell auch schief gehen könnte - dass ich mich mit dieser Person möglicherweise nicht verstehen oder sie mich vielleicht nicht mögen könnte. Dieser Gedanke kam mir erst, als ich ein paar Tage später mit meinem Auto auf ihrem Hof stand und feststellte: Ich habe nicht die Kraft, aus diesem Auto auszusteigen! Ich war wie gelähmt.
Da kam sie mir aber schon entgegen gelaufen - ein schüchterner Händedruck und dann fielen wir uns um den Hals. Es war "Liebe auf den ersten Blick". Wir verstanden uns sofort. Nun sehen wir uns regelmäßig trotz einer Entfernung von 200 km. Inzwischen haben wir so viele Gemeinsamkeiten gefunden - eigentlich unglaublich: Die gleiche Mutter, aber verschiedene Väter. Und trotzdem: die Augen sind ähnlich, das Kinn, die Nase, beide sind wir klein und schlecht in Mathematik und haben die Schule gehasst. Wir haben die gleiche Art, mit Männern umzugehen und haben damit unsere lieben Probleme. In diesen Punkten scheinen wir beide die gleichen Gene mitbekommen zu haben. Nur die Zähne - die haben wir wohl beide von unseren Vätern.
Wir kennen uns jetzt seit einem Jahr und meine Schwester ist mir inzwischen so ans Herz gewachsen, dass ich mir mein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen kann. Ein Gefühl, als ob sie schon immer da gewesen wäre - nur noch viel schöner und intensiver!
Das war jedoch nicht immer so. Nach unserem ersten Treffen hat sich in meiner Seele etwas getan. Mein Innerstes kam nach oben und zeigte mir, was ich in meiner Jugend alles verdrängt und als "nicht wichtig" abgetan hatte. Ich bekam Fieberschübe und der ganze Schmerz, den ich mir über Jahre nicht eingestanden hatte, kam hoch. Ich weinte viel und zweifelte an meiner ganzen Person, an meiner Existenz. Es ging mir so schlecht, das ich Angst bekam, das alles alleine nicht durchstehen zu können und wandte mich an einem befreundeten Psychologen. Dieser hörte sich meine Geschichte an und sagte nur einen Satz zu mir, der mir wieder auf die Beine half: "Lissy, Persönlichkeit überwiegt die Gene!" Meine Angst war ja, dass auch ich in der Lage sein könnte, ein Baby wegzugeben. Ich verstand meine leibliche Mutter nicht und wollte keinesfalls werden wie sie. Aber kann man denn das Erbgut, das man hat, ob adoptiert oder nicht, leugnen?
Nein, kann man wohl nicht, aber es zählt eben doch, was man in seinem Leben erlebt und was man von den Menschen, die einen lieben, mit auf den Weg bekommen hat.
Heute, nach einem Jahr des Suchens und Findens, habe ich immer noch die eine Schwester - und die werde ich auch nie wieder verlieren. Alle anderen Geschwister sind noch nicht ausfindig gemacht. Allerdings ist unsere leibliche Mutter (ich kann schon nicht mehr nur "meine" leibliche Mutter sagen. Ich muss und möchte "unsere" sagen. Ist das nicht schön?) vom Jugendamt auf uns aufmerksam gemacht worden und hat scheinbar ebenfalls Interesse daran, uns doch noch kennen zu lernen. Ich weiß, es wird nicht einfach werden - und ob ich Antworten auf die Fragen bekomme, die mir so auf der Seele brennen, weiß ich auch nicht. Ich weiß auch nicht, ob dieses Treffen mit unserer leiblichen Mutter überhaupt jemals zustande kommt. Aber es kann nur besser werden und irgendwann werde ich den größten Teil meiner "dunklen Vergangenheit" beleuchtet haben. Ich werde wissen, wer ich bin und werde wissen, dass ich liebenswert bin - so wie ich bin.
© Elisabeth Tiessen, August 2003
zurück
|
|
|
© 2000-2010 Geburtskanal ™
Impressum Aktualisiert: 12.04.2012 webmaster@geburtskanal.de |
|
|
Aktuelles Artikel Kurzmeldungen Gesundheit Unterhaltsames Aufgelesen Veranstaltungen Archiv |
|
Wissen A-Z Umfassende Wissensbasis zu Familienplanung, Schwangerschaft, Geburt und Leben mit Kindern |
|
Hot News Brandaktuelles In eigener Sache Newsletter ...und mehr |
|
Suchen & Finden im unserem Fachleute-Verzeichnis: Hebammen, -praxen Geburtshäuser Fachärzte/-innen Kliniken und Institutionen ExpertInnen der Frauen- und Familiengesundheit Organisationen und BeraterInnen Selbsthilfegruppen ...und mehr |
|
Literatur Themenspezifische Bücherlisten Buchbesprechungen Neue Bücher Unsere Buch-Tips Aktuelle Fachliteratur Besonderes J |
|
Pinnwand Kontakte Marktplatz Tauschbörse Geburtsanzeigen ... kostenlos inserieren |
|
Bildergalerie Kinder der Welt Wie Leben entsteht Fotokunst Malerei Eindrücke Abbildungen ... und mehr |
|
Bequem Einkaufen Online Shops Neue Produkte Besondere Angebote Unsere Empfehlungen Anbieter-Verzeichnis |
|
Über uns Impressum Unsere Zielsetzung Mitmachen ? Service - Kontakt Kooperationen Werbung - Statistik Rechtliches |
|
Links Linksammlungen zu verschiedenen Themenbereichen |