Wenn Mütter ihr Baby abgeben
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Ärztezeitung online
www.aerztezeitung.de
2001
Immer mehr Kliniken in Deutschland richten Babyklappen oder Babyfenster ein, an denen Mütter in Not ihr Neugeborenes anonym ablegen können
Wenn Mütter ihr Baby abgeben - Rechtslage vielerorts unsicher
von Dorothea Zimmer
Etwa 50 getötete Neugeborene werden jedes Jahr in Deutschland gefunden - versteckt, vergraben, verbrannt. Als Vorbeugemaßnahme gegen derartige Kurzschluß-Tötungen wurden im Laufe der vergangenen Monate an verschiedenen Orten in Deutschland sogenannte Babyklappen oder Babyfenster eingerichtet, an denen Mütter in Not ihre Kleinen anonym abgeben können.
"Neugeborenes in Plastiktüte in der Mülltonne gefunden."
Derartige Meldungen geistern immer wieder durch die Presse. Die Kriminalpolizei rechnet mit einer Dunkelziffer von bis zu 1000 Kindern, die Jahr für Jahr sterben, weil ihre Mütter nicht wissen, wohin mit ihnen. Es sind Frauen aus verschiedenen Schichten und Altersgruppen, die meisten sind jedoch noch sehr jung. "Und sie werden immer jünger," meint Gertraud Almer, Pflegedienstleiterin an der Klinik für Kinder und Jugendliche in Augsburg. Vor wenigen Wochen wurde hier ein solches Babyfenster mit geringem Aufwand in kurzer Zeit eingerichtet.
Ein wenig hinter Bäumen verborgen, aber mit von weitem sichtbarer Aufschrift, finden Frauen ein kleines Doppelfenster. Wenn sie es öffnen, können sie das Kind dahinter in ein auf 37 Grad erwärmtes Bett mit Wickelmatratze legen und das Fenster wieder schließen. Sie haben noch etwas Zeit, sich zu entfernen, erst dann wird über eine eingebaute Lichtschranke ein akustisches und visuelles Signal in der Intensivstation der Klinik ausgelöst. Das Baby wird von einer Schwester abgeholt und medizinisch versorgt. Danach wird das Jugendamt verständigt.
Im Jugendamt wird daraufhin auf eine Liste mit registrierten Kurzzeit-Pflegeeltern zurückgegriffen. Diese nehmen das Findelkind für acht bis zehn Wochen auf. In dieser ganzen Zeit besteht für die leibliche Mutter die Möglichkeit, sich zu melden und ihr Baby wieder zu sich zu nehmen. Auch während des ganzen Jahres, wenn das Kind schon bei Eltern, die ein Adoptionsrecht auf es anmelden, lebt, ist dies noch möglich. Nach etwa einem Jahr kann das Baby dann rechtmäßig adoptiert werden.
In Augsburger Klinik ist volle Versorgung gewährleistet
Im Fall der Klinik Augsburg ist die rechtliche Lage für diese Mütter eindeutig. Sie haben sich nicht strafbar gemacht, denn ihr Kind wurde nicht gemäß § 221 StGB mit der Gefahr des Todes oder schwerer Gesundheitsschädigung ausgesetzt. Da in der Klinik volle Versorgung gewährleistet ist, gilt der Akt der Mutter als Abgabe des Kindes.
Schwieriger ist die Lage an anderen Orten. In München beispielsweise hat das Kloster St. Gabriel, das unter anderem schwer erziehbare Mädchen und Frauen in Not betreut, ein solches Babyfenster eingerichtet. "Lebenspforte" wird es von den Schwestern genannt. Darin finden die Mütter sogar ein Stempelkissen für einen Abdruck von Füssen und Händen ihres Kleinen, damit sie die Mutterschaft nachweisen können, falls sie sich später entscheiden, das Baby wieder zu sich zu nehmen. Das Kloster hat jedoch keine medizinische Rund-um-die-Uhr-Betreuung, daher ist die Rechtslage zur Zeit unsicher.
In Hamburg ist das Babyfenster, hier Babyklappe und Projekt Sternipark genannt, zwar an der Kinderklinik Altona installiert, aber es wurde ein Verein dafür gegründet, der selbst keinen Versorgungsauftrag hat und daher den Frauen auch keine Straffreiheit garantieren kann.
Ein Babyfenster wurde auch im St. Anna-Krankenhaus im oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg eingerichtet. "Projekt Moses" heißt die Initiative hier. In Passau, im brandenburgischen Schönow, in Frankfurt und in Köln wird ebenfalls darüber nachgedacht, eine derartige Vorbeuge-Maßnahme zu errichten. Initiatoren sind meist Frauen des Sozialdienstes katholischer Frauen und der Frauen-Union.
Bislang gibt es noch wenig Erfahrung mit dem Babyfenster. Die betroffenen Einrichtungen denken darüber nach, wie die Information über diese Notmaßnahme am besten an die in Frage kommenden Mütter gelangen soll, ohne daß Werbung mit dieser Möglichkeit gemacht wird.
Kurzes Infoblatt soll an Hauptschulen verteilt werden
"Das ist natürlich eine Gratwanderung," meint Gertraud Almer. Auch hier haben der Sozialdienst katholischer Frauen und die Kreis-Frauen-Union es schließlich übernommen, in den nächsten Wochen ein kurzes Informationsblatt zu erstellen und an allen Hauptsschulen, Beratungsstellen und Sozialämtern zu verteilen.
Die Initiatorinnen sind überzeugt, daß damit nicht nur Leben gerettet wird, sondern auch verhindert werden kann, daß junge Frauen ihr Leben mit einer Kurzschlußhandlung ruinieren. Werde das Babyfenster nur einmal pro Jahr genutzt, meinen sie, habe sich der Aufwand in jedem Fall gelohnt.
www.aerztezeitung.de/docs/2000/11/20/208a1802.asp
Babyfenster / Interview
mit der Augsburger Pflegedienstleiterin Gertraud Almer
"Wir geben Kindern eine Chance, die sonst vielleicht getötet worden wären"
Seit kurzem existiert an der Augsburger Klinik für Kinder und Jugendliche ein "Babyfenster", das es unter dem Namen "Babyklappe" auch bereits in anderen Städten gibt. Überforderte Mütter können hier anonym ihr Neugeborenes abgeben. Dorothea Zimmer von der "Ärzte Zeitung" sprach mit Pflegedienstleiterin Gertraud Almer über die umstrittene Präventions-Maßnahme zum Schutz von Säuglingen.
Ärzte Zeitung: Wie entstand die Idee des Babyfensters, was sind die Motive für eine solche Einrichtung?
Almer: Wir sind mit unserem Babyfenster dem Hamburger und Amberger Beispiel gefolgt. Die Initiative ging in Amberg vom Sozialdienst katholischer Frauen und bei uns von der Kreis-Frauen-Union aus, um vor allem sehr jungen Frauen, die sich nicht für eine Abtreibung entschieden haben, aber überfordert sind, Hilfestellung zu geben. Wenn wir nur ein einziges Kind damit vor der Mülltonne bewahren, hat sich die Einrichtung schon gelohnt.
Ärzte Zeitung: Die Maßnahme ist nicht unumstritten. Befürchten Sie nicht, damit junge Frauen eher zu ermutigen, keine Verantwortung für sich selbst und ihr Kind zu übernehmen?
Almer: Nein. Wir glauben nicht, daß wir mit dem Babyfenster das Verhalten der Betroffenen irgendwie beeinflussen. Es handelt sich um eine Extremlösung für Extremfälle, die existieren und wahrgenommen werden müssen. Wir geben damit lediglich Kindern eine Chance, die sonst vielleicht getötet worden wären, und Müttern, die sich vielleicht im Affekt straffällig machen und damit ihr ganzes Leben ruinieren.
Ärzte Zeitung: Apropos straffällig. Machen sich Mütter, die ihr Baby aussetzen, nicht auch strafbar?
Almer: Es handelt sich hier nicht um eine Aussetzung, die mit der Gefahr des Todes oder schwerer gesundheitlicher Schädigung für das Neugeborene verbunden ist. Denn das Babyfenster ist an einer Klinik eingerichtet, die die rasche Versorgung der Kleinen übernimmt und sie zu Pflegeeltern und späterer Adoption weiterleitet, falls die leibliche Mutter sich nicht mehr meldet. Außerdem können die Mütter ihr Baby völlig anonym abgeben.
Ärzte Zeitung: Da gibt es aber doch ein Problem: Wie sollen die Betroffenen überhaupt von dieser Einrichtung erfahren? Sie lesen in der Regel kaum Zeitung, sind nicht in ärztlicher Betreuung, sprechen oft mit niemandem über ihre Schwangerschaft und bringen das Baby irgendwo alleine - häufig auf der Toilette oder im Wald - zur Welt.
Almer: Das ist genau der kritische Punkt, an dem wir arbeiten. Es wurde jetzt beschlossen, daß der katholische Sozialdienst und der Kreisverband der Frauen-Union eine Kurzinformation über die Einrichtung des Babyfensters und mit der Telefonnummer des Jugendamtes verfassen. Diese soll an allen Hauptschulen, Sozialämtern und Beratungsstellen ausgelegt werden.
Quelle: www.aerztezeitung.de/docs/2000/11/20/12Zimmer.asp
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