Kodex-Verstösse
Aktueller Report des International Baby Food Action Network (IBFAN)
Ein Report von Frank König
Aktionsgruppe Babynahrung e.V.
http://www.babynahrung.org
Breaking the Rules/Stretching the Rules 2001 dokumentiert auf über 70 Seiten Beweise von Verstößen aus 14 untersuchten Ländern. Untersuchungsgegenstand war die Einhaltung des Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten und der bezugnehmenden Resolutionen der Weltgesundheitsversammlung durch die Hersteller und Vermarkter künstlicher Säuglingsnahrung. Die Ergebnisse erfassen 16 transnationale Babynahrungshersteller und 13 Hersteller von Saugflaschen und Saugern.
Man sollte sich vor Augen führen, dass hinter jedem aufgedeckten Verstoß viele weitere stehen, von denen viele unentdeckt und andere der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Die dokumentierten Verstöße in diesem Bericht repräsentieren deshalb nur die sprichwörtliche Spitze des Eisberges.
Die Gesundheitseinrichtungen bleiben weiterhin die am häufigsten benutzte und effizienteste Einfallstraße der Firmen, um die Mütter zu erreichen. Die Firmen gehen davon aus, ihre Werbeausgaben durch die Verkäufe an Mütter, nachdem sie das Krankenhaus verlassen haben, zurückzugewinnen. Zum Beispiel haben mindestens vier Firmen Verträge mit Krankenhäusern in Taiwan, denen sie 25 bis 30 Dollar für jeden gefütterten Säugling zahlen, um das Privileg in Anspruch nehmen zu können, dort Exklusivlieferant von Säuglingsnahrung zu sein. In den Gesundheitseinrichtungen werden den Müttern Werbematerialien, Gratisproben und Geschenke ausgehändigt, auf denen die Firmen- oder Markennamen erscheinen.
Fast alle Firmen werben mit Gratisproben
Tatsächlich registriert die Untersuchung eine alarmierende Renaissance der "Spenden" in Form von Gratislieferungen von Anfangs- und Folgenahrungen sowie weiterer Babynahrung wie Cerealien. Gratis- oder vergünstigte Lieferungen werden manchmal von den Einrichtungen angefordert, aber viel häufiger als das sind sie unerbetene Spenden. Oft wird zwar offiziell ein Betrag in Rechnung gestellt, dieser dann aber nicht eingetrieben.
Viele Mütter vertrauen dem Gesundheitspersonal wegen dessen vermeintlich objektiver Ratschläge. Geschenke an Gesundheitsarbeiter zielen darauf, diese an die Firma, ihre Markennamen und ihre Großzügigkeit zu erinnern. Eine Firma versorgte einen amerikanischen Arzt mit frischem Heilbutt! Auch kleine Geschenke begründen Loyalität und Wohlwollen gegenüber der Firma, die vorherrschende Praxis, Reisen und Forschung zu sponsern, einmal außer Acht gelassen. Werbematerial wie Magazine, Faltblätter und Broschüren werden den Müttern über Geschäfte, Gesundheitseinrichtungen oder durch die Post zugänglich gemacht. Häufig unter dem Vorwand, das Stillen zu fördern, enthalten diese Materialien durchgängig falsche Informationen über das Stillen und unzutreffende Bilder, sorgfältig entworfen, um Zweifel in den Müttern gegenüber ihrer Fähigkeit stillen zu können zu säen.
Mindestens sieben Babynahrungsfirmen benutzen Baby Clubs als Strategie, um Kontakt zu Müttern herzustellen und ihre Produkte zu vermarkten. Mütter, die Mitglieder werden, erhalten Geschenke, Säuglingsnahrungsproben, Ergänzungsnahrung und Rabattcoupons. Mitgliederlisten sichern den Firmen für mindestens ein Jahr nach Geburt des Babys leichten Zugang in das Heim der Mütter.
Das Internet öffnet die Tore zum weltweiten Markt
In Ergänzung zur Werbung auf ihrer eigenen Website sponsern unterschiedliche Firmen gesundheitsbezogene Seiten oder die Homepages von Ärzten, von denen Links die Besucher direkt zu den Seiten der Firma leiten. Links von den Seiten der Ärzte und ihrer Standesvereinigungen zu den Firmenseiten bewirken dort nicht nur vermehrt Besuche, sondern spiegeln gleichzeitig eine medizinische Empfehlung für die Produkte der Firma vor.
Keine der in diesem Report aufgeführten Firmen hält die Vorschriften des Internationalen Kodex bezüglich der Etikettierung ein. Mindestens drei Firmen verwenden Bilder oder Darstellungen, die den Gebrauch von Säuglingsnahrung idealisieren. Viele der Etiketten betonen die Ähnlichkeit zur Muttermilch oder vermitteln unbewiesene Gesundheitsbehauptungen. Die Etiketten sind für viele Frauen die einzige Informationsquelle zur Säuglingsnahrung. Trotzdem sind sie in einigen Ländern in einer Fremdsprache abgefasst.
Die Verwirrung für das Gesundheitspersonal und die Mütter wurde durch eine alarmierende Produktfülle gesteigert: Die Untersuchung fand eine endlose Auswahl an "Spezial-" nahrungen, die für so genannte allergie- und erbrechgefährdete Babys beworben werden. Die letzteren sind gewöhnlich eingedickte Säuglingsnahrungen, bei denen ein negativer Einfluss auf das Wachstum der Säuglinge nachgewiesen wurde. Werbung und Etiketten vieler Ergänzungsnahrungen empfehlen die Verwendung von der ersten Woche an.
Die im Report aufgeführten Beweise demonstrieren die systematische Missachtung des Kodex durch die Hersteller und Vertreiber künstlicher Säuglingsnahrung auch noch 20 Jahre nach dessen Verabschiedung. Alle in die Untersuchung einbezogenen Länder haben vor allem über Verstöße der Firma Nestlé berichtet. So benutzt Nestlé eine Reihe im Kodex geächteter Werbetechniken, wie Preisnachlässe, spezielle Aufsteller, Coupons, Proben, mit Geschenken gekoppelte Verkäufe, Poster, Sonder- und Kopplungsverkäufe.
Eine aktuelle Internet-Anzeige, "möglich gemacht durch Nestlé Carnation Babynahrungen", bietet der Gewinnerin von Nestlés Neue-Mama-Lotterie einen Einkaufsbummel, ein exquisites Essen sowie "drei Monate Lieferung von Nestlé Carnation Säuglingsnahrungen". Falls die zu beglückende Mutter zufälligerweise stillen sollte, wird sie trotzdem aufgefordert ihre E-Mail-Adresse anzugeben, denn statt der Nahrungen könne sie eine "Entsprechung in bar" erhalten. Ein solches Marketing bewirbt nicht nur Säuglingsnahrung, sondern "sucht den direkten Kontakt zu Müttern junger Kinder", beides ist durch den Kodex untersagt.
Boykott gegen Nestlé
Aus diesen und vielen weiteren Gründen besteht in 20 Ländern ein aktiver Verbraucherboykott gegen Nestlé, da diese Firma für mehr Verstöße als jede andere verantwortlich zeichnet und die Führungsrolle in der Unterwanderung der Umsetzung des Internationalen Kodex und nachfolgender Resolutionen durch Regierungen und andere Körperschaften innehat. Weitere Firmen, die ihren Sitz in Deutschland haben und im Report negativ auffallen, sind Hipp, Humana, Mead Johnson, Milupa (Nutricia), Avent, Chicco, Gerber/Nuk und Johnson & Johnson/MAM. Die Untersuchungen für diesen Report schließen als einziges europäisches Land Italien ein.
Die Aktionsgruppe Babynahrung wird voraussichtlich im Herbst, rechtzeitig zur diesjährigen Weltstillwoche, eine Übersetzung des Reports anbieten. Diese wird durch die seit dem Erscheinen des letzten deutschen Reports im März 1998 eingegangen Anzeigen von deutschen Kodexverstößen ergänzt werden, damit auch für Deutschland ein zutreffendes Bild über das gesundheitsschädigende Wirken der Hersteller künstlicher Säuglingsnahrung gezeichnet werden kann.
Der Internationale Report ist erhältlich bei der
Aktionsgruppe Babynahrung
Untere-Masch-Straße 21
37073 Göttingen
Tel. 0551 - 531034
Fax 0551 - 531035
Weltweit mehr als 150 Gruppen und Organisationen
Im International Baby Food Action Network (IBFAN), das 1979 von WHO und UNICEF aus wachsender Entrüstung der Öffentlichkeit über immer aggressivere Vermarktungsmethoden der Säuglingsnahrungshersteller gegründet wurde, haben sich weltweit mehr als 150 Gruppen und Organisationen in 90 Ländern zusammengeschlossen, die sich für die Verbesserung der Säuglings- und Kindergesundheit einsetzen. Insbesondere arbeitet IBFAN für die Förderung des Stillens und für die Beendigung unethischer Vermarktungspraktiken für Babynahrung, Flaschen und Sauger.
Laut UNICEF sterben jährlich 1,5 Millionen Säuglinge, weil sie nicht gestillt sondern mit der Flasche ernährt werden. Armut, Unkenntnis und mangelnde Hygiene bedeuten hohe Risiken bei der Flaschenernährung: Häufig sind Durchfallerkrankungen, Austrocknung und Infektionskrankheiten die tödliche Folge.
Hauptsächlich auf Druck der Öffentlichkeit verabschiedete die WHO im Mai 1981 den Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten. IBFAN veröffentlicht regelmäßig Berichte über die Vermarktungsmethoden der Hersteller von Muttermilchersatzprodukten, das Internationale Kodex Dokumentationszentrum (ICDC) in Penang (Malaysia), fördert über Trainingsworkshops für PolitikerInnen und Politiker, Verwaltungspersonal der Ministerien und Fachleute aus dem Gesundheitsbereich die Umsetzung des Kodex in jeweiliges nationales Recht. Mittlerweile haben 20 Länder den Kodex und die nachfolgenden Resolutionen weitgehend in Gesetze umgesetzt.
Monitoringberichte zur Überwachung des Internationalen Kodex
und viele weitere Materialien unter:
http://www.babynahrung.org/material.html
Weitere Informationen finden Sie hier:
http://www.babynahrung.org
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