
© Arbeitskreis
Down-Syndrom e.V.

Es war einmal ein kleiner Emil, der arbeitete als Chromosom 21 zusammen mit
vielen anderen Chromosomen.
Er war so ziemlich der kleinste unter seinen
Chromosomenkollegen und hatte es deshalb manchmal gar nicht leicht.
Was war das doch immer für ein Gewühl und Gedrängel
unter den Chromosomen! Der arme Emil wurde von den großen Chromosomen oftmals
übersehen, er wurde angerempelt und getreten, und gelegentlich sogar rannte ihn
einer, der es besonders eilig hatte, einfach über den Haufen.
Der kleine Emil war darüber sehr traurig. Er fühlte sich
einsam inmitten seiner großen Chromosomenkollegen.

Nur das blasse Kerlchen, das als Chromosom 22 arbeitete, winkte ihm im
Vorbeilaufen hin und wieder zu, aber es hatte so wichtige Aufgaben zu
erledigen, daß ihm nie Zeit blieb, mit Emil auch nur ein einziges Wort zu
sprechen. So eilte es weiter, während die anderen Chromosomen respektvoll beiseite
traten, und Emil blieb wieder allein.

Eines Tages - Emil war gerade wieder einmal umgestoßen worden und lag noch ganz
benommen am Boden - passierte etwas, womit Emil niemals gerechnet hätte: Da
half ihm jemand wieder auf die Beinchen, und als Emil aufschaute, erblickte er
ein Chromosom, das genauso aussah wie er!
"Wer
bist Du denn?", fragte Emil. "Ich heiße Emilie", antwortete das
andere Chromosom, und ich arbeite hier wie Du als Chromosom 21. Ich werde auch
andauernd von den großen Chromosomen umgerannt."
"Ich wußte gar nicht, daß es zwei von uns
gibt", wunderte sich Emil. "Doch", erklärte ihm Emilie,
"alle Chromosomen haben ein Geschwisterchromosom, aber in diesem
Durcheinander hier ist es oft gar nicht leicht, einander zu finden."
"Es ist schön, daß Du mich gefunden hast",
sagte Emil zu Emilie, "denn bevor ich dich gesehen habe, war ich hier sehr
einsam."
"Ich
auch", antwortete Emilie, und dann sagte sie: "Hör mal, Emil, ich
hätte einen Vorschlag: Wie wäre es, wenn wir von nun an immer zusammenblieben?
Wir wären nie mehr einsam, und vielleicht werden wir, wenn wir zu zweit sind,
auch nicht mehr so leicht übersehen?"
"Das ist eine großartige Idee", meinte Emil.
Und von diesem Moment an waren Emil und Emilie immer zu
zweit unterwegs. Sie hatten viel Spaß miteinander, und das Leben machte beiden
wieder Freude, denn sie waren nicht mehr allein.

Nun geschah es aber, daß eines Tages ein Aufruf an alle Chromosomen erging, man
möge sich unverzüglich paarweise aufstellen.
Im Nu ließen alle liegen und stehen, woran sie gerade
arbeiteten, und begannen geschwind nach ihren Geschwistern zu suchen.
Hatten sie einander gefunden, ordneten sie sich ein in
die lange Reihe der Chromosomenpaare, bis auch das letzte Chromosom seinen
Partner gefunden hatte.

Nur das X-Chromosom mußte ein bißchen länger suchen. Erst ganz zuletzt
entdeckte es, daß es einen kleinen Bruder mit Namen Y hatte.
Als
sich nun alle Chromosomen aufgestellt hatten, erging ein weiterer Aufruf:Es
hieß, man wolle neue Zellen bauen und von jedem Chromosomenpärchen möge sich
jeweils ein Partner zum Aufbau dieser neuen Zellen begeben.
Emil und Emilie erschraken fürchterlich. Da hatten sie
sich nun endlich gefunden und waren so glücklich gewesen zu zweit, und jetzt
sollte jeder in eine andere Zelle geschickt werden?
"Niemals lasse ich Dich allein!", sagte Emil
zu Emilie.
"Niemals lasse ich Dich gehen!", sagte Emilie
zu Emil.
Und
in dem allgemeinen Aufbruchstrubel hielten sich Emil und Emilie ganz fest bei
den Händen, und zwischen einem riesigen Chromosom 2 und einem nicht minder
großen Chromosom 4 schlüpften Emil und Emilie heimlich zusammen in die neue
Zelle.
"Geschafft!", freuten sie sich, "Wir sind
zusammengeblieben! "
Und voller Freude tanzten sie mitten durch die neue
Zelle.
"Hey, ihr beiden!", ließ sich plötzlich ein
Stimmchen vernehmen , darf ich auch mittanzen?"
Emil und Fmilie schauten sich um, und sie wollten ihren
Augen nicht trauen: da war noch einmal so ein kleines Kerlchen, das ihnen zum
Verwechseln ähnlich sah.
"Meine
Güte!", rief Emilie, "wer bist denn Du?"
"Und wie bist Du hierhergekommen?", wunderte
sich Emil.
"Ich bin Emily", antwortete das kleine
Chromosom, "ich wurde aus meiner Heimatzelle hierhergeschickt, um beim Bau
neuer Zellen zu helfen. Ich arbeite hier als Chromosom 21."
"Wir auch!", riefen Emil und Emilie. Und sie
erzählten Emily, wie es geschehen war, daß sie zu zweit in die neue Zelle
gerutscht waren.
Emily war begeistert, als sie sah, daß sie nun einen
Bruder und eine Schwester hatte, denn auch sie hatte sich immer ein bißchen
gefürchtet so allein unter all den großen Chromosomen.
Und
Emil und Emilie nahmen Emily bei der Hand und so tanzten sie zu dritt zwischen
den anderen Chromosomen durch die Zelle.
Jetzt wurden auch die anderen Chromosomen aufmerksam.
"Guck mal", sagte Chromosom 8 zu Chromosom 9,
"was für einen Spaß die kleinen Kerlchen dort haben!" Auch die 11 er
und 12er blieben stehen und sahen dem lustigen Treiben zu.
Ein hektisches Chromosom 6, das dahergerannt kam,
stolperte über die drei Freunde, und das Chromosom 22, das sonst immer so
eifrig war, suchte nach seinem Geschwisterchen, um auch ein Tänzchen zu wagen.

Natürlich verlief in der neuen Zelle nun nicht mehr alles so glatt wie in der
früheren Zelle, als Emil, Emilie und Emily noch allein gewesen waren.
Manches dauerte jetzt ein wenig länger, weil immer
wieder Chromosomen stehen blieben, um dem lustigen Trio zuzusehen, oder um sich
dem Tanz für ein Weilchen anzuschließen.
Vielleicht wurde ein wenig geschludert, vielleicht
klappte nicht mehr alles so reibungslos, aber man darf es mir glauben:

Quelle:
http://www-user.uni-bremen.de/~downsyn/down15.html
Arbeitskreis Down-Syndrom e.V.
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