"...Eltern sein dagegen sehr!"
Aus Paaren werden Eltern!

ANZEIGE

von Markus Wilken

  1. Einleitung
  2. Vor der Geburt
  3. Vom Paar zum Eltern-Paar
  4. Die Geburt eines Kindes und die Geburt von Mutter und Vater
  5. Die Perspektive der BeraterIn
  6. Vom Übergang zur Elternschaft zur Entstehung einer Familie
  7. Literatur

Ein paar Zeilen vorweg...

Diese Arbeit spricht im Wesentlichen die Sprache wissenschaftlicher Publikationen. Trotzdem ist sie im engeren Sinne keine wissenschaftliche, sondern eine persönliche Arbeit. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema führte mich natürlich zu den Ergebnissen empirischer oder phänomenologischer Forschung. Sie führte mich aber auch zu meiner eigenen Erfahrung als Sohn, Bruder und Partner. Diese Erfahrungen prägen mein Bild von Familie, von Entwicklung und auch von Beratung und Therapie. Es ist ein persönliches Bild, mit Grenzen und Möglichkeiten. Aus diesem Grunde könnte diese Arbeit vollkommen anders aussehen, wenn sie jemand vollkommen anderes geschrieben hätte. Ich hoffe, meine Perspektive macht Neugierde zum Weiterdiskutieren, -lesen und -denken.
Mein Dank gilt allen, bei denen das Wort Familie mit Leben gefüllt wurde. Zuerst natürlich meine eigene Familie. Aber auch meinen Freunden, und besonders meiner besten Freundin Sabine Klecker, mit der ich über die letzten zehn Jahre ein großes Stück Leben geteilt habe und für das ich mich nur selten bedankt habe.
Zu guter letzt danke ich den Teilnehmern des Workshops "...Eltern sein dagegen sehr!" im Rahmen des 21. AFS-Stillkongresses in Köln, die mich zu dieser Arbeit ermutigt haben, und letztens natürlich Barbara Bredner für die undankbare Aufgabe der Korrektur.


1. Einleitung

Die Veränderungen, die mit der Geburt eines Kindes auf ein Paar zukommen, werden oft unterschätzt und selten als Entwicklungsaufgabe betrachtet. Dennoch berichten viele Eltern von massiven Problemen bei dem Prozess, sich auf die neue Situation einzustellen. Sie erfordert mehr als nur die Bereitstellung von ausreichender ökonomischer und sozialer Sicherheit, sie erfordert die Transformation der Identität von der Frau zur Mutter, vom Mann zum Vater und vom Paar zur Familie (und Paar). Deshalb werden hier kurz Entwicklungsschritte vorgestellt, die einer erfolgreichen Anpassung förderlich sind. Mit erfolgreicher Anpassung ist kein Kriterium oder messbares Konstrukt gemeint. Vielmehr ist ein positives Selbstverständnis als Familie das Ergebnis einer erfolgreichen Anpassung, in der Mutter, Vater und Kind ihren Raum haben und ihre eigenständigen Beziehung zueinander pflegen. Da es einen zunehmenden Bedarf oder ein zunehmendes Bedürfnis zur Beratung von werdenden Eltern gibt, soll hier Hilfestellung zum Verständnis des Entwicklungsprozesses, in dem Eltern sich befinden, gegeben werden. Das Ziel ist es, in der konkreten Beratungspraxis sei es als Stillberaterin, PsychologIn, PädiaterIn, SozialarbeiterIn oder GynäkologIn oder in der Vorbereitung von werdenden Eltern Hilfestellung bei der Öffnung der eigenen Umwelt für das Kind und der Reflexion der Wünsche bezüglich des Kindes zu geben.


2. Vor der Geburt:

"Ein Tisch für zwei?" fragt der Kellner. "Und bald auch für drei." Die Leute nehmen sich anscheinend die Freiheit, Bemerkungen über meine Schwangerschaft zu machen, nachdem man sie nun auch sieht. Irgendwie ist dieser Zustand so öffentlich. Jim läßt mich eine Minute lang allein am Tisch, und ich starre hinaus auf die Lichter im Wasser. Der Kellner hat recht, bald brauchen wir einen Tisch für drei. Wahrscheinlich fehlt mir dann die Zeit mit Jim allein, aber vielleicht liebe ich das Baby automatisch so sehr, daß mir das nichts ausmacht. Mütter lieben doch ihr Baby automatisch, oder?"
(Stern et al. 2000, S. 57)

Mit der Schwangerschaft finden nicht nur körperliche Veränderungen bei der Frau statt, sondern auch emotionale und soziale Veränderungen bei den werdenden Eltern. Bei werdenden Vätern und Müttern stellen sich Phantasien, Wünsche und Ängste in Bezug auf das Kind ein:

Neben diesen oft sehr rational zu begründenden Fragestellungen tauchen Eltern in Tagträume und Vorstellungen von der Interaktion zwischen ihnen und ihrem Kind ein. Oft sind diese Bilder geprägt von den eigenen Erfahrungen als Säugling. Diese Erfahrungen tauchen in der Phase der Schwangerschaft häufig, wenn auch nicht bewusst, auf und können Freude, Angst, Wut, Geborgenheit in uns auslösen (Stern, 1998, Bruchweiler-Stern, Stern, 1998). Ein Prozess, der bei Vätern und Müttern stattfindet, auch wenn Väter weniger Aufmerksamkeit in der Forschung geschenkt wurde (Brazelton & Cramer, 1994).
Aber auch sozial geprägte Bilder wie die Körperproportionen, Haarfarbe des Kindes und Hautfarbe können bereits in der Schwangerschaft Raum einnehmen. Diese Phantasien sind eine erste Vorbereitung auf die neue Situation der Elternschaft. Die Phantasien sind notwendig, um dem Säugling bereits vorgeburtlich emotionalen Raum zur Verfügung zu stellen und nicht von der Elternschaft überrascht zu werden. Sind diese Phantasien flexibel und eher offen in der Gestaltung - mit der Neugierde auf den Säugling gefüllt- so erleichtern sie das Einstellen auf den Säugling und öffnen den Raum für die spätere Interaktion mit dem Säugling (Fivaz-Depeursinge et al. 1994). Sind die Phantasien rigide oder deterministisch, kommt es eher zu Konflikten, weil sie den Raum für den Säugling verschließen. Der Säugling hat keine Möglichkeit, sich in diesem emotionalen Umfeld zu entfalten. Er hat die Möglichkeit, sich in das vorgegebene Skript seiner Eltern zu ergeben oder einen aktiven Kampf dagegen zu führen (Berne, 1967, Satir, 1975). Beides ist für den Säugling nicht entwicklungsfördernd, da es entweder eine Entwicklung in ein vorgegebenes Schicksal oder eine Entwicklung gegen eine Determinierung ist. Die eigenständige Entwicklung als Individuum wird behindert.


3. Vom Paar zum Eltern-Paar

Mit der Schwangerschaft muss sich das Paar sich mit dem Gedanken einer Familienbildung auseinandersetzen. Auch wenn ein Paar diese Auseinandersetzung vermeidet oder gar die Schwangerschaft als Thema verdrängt, so bleibt das Thema doch präsent und zwar als "Unthema" oder als Bedrohung. Das Paar richtet seine Energie darauf, nicht auf diesen Prozess einzugehen, sondern andere Aktivitäten in den Vordergrund zu stellen (Freud, 1972).
Mit der Schwangerschaft strukturiert sich das Paar um, was Lebensgewohnheiten, Lebensräume und die Regeln des Zusammenlebens betrifft. Nicht aus jeder Paarbeziehung wird sich automatisch eine Elternbeziehung entwickeln. Nicht jedes Paar wünscht sich Kinder und für manches Paar ist ein Kind eine Art Vertragsbruch. Wenn mindestens einer der beiden Partner kein Kind mit dem anderen wollte sind Konflikte vorprogrammiert. Das Kind kann bereits pränatal als Problem wahrgenommen und behandelt werden. Je stärker die Problemwahrnehmung ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu frühkindlichen Störungen kommt (Fava-Vizzielo et al. 1993, Wilken et al. 1998).
Eltern machen sich Bilder über die Veränderungen mit dem Beginn der Schwangerschaft. Sie beziehen auch den Partner in diese Bilder mit ein. So entwickeln sie Phantasien über den neuen Vater und die neue Mutter.
Wie wird er / sie sich verhalten, dem Baby, sich selbst und mir gegenüber? Wie wird sich das Baby auf unser Leben als Paar auswirken? Werden wir als Paar weiterbestehen bleiben oder werden wir nur noch als Vater und Mutter nebeneinander existieren und geben unsere Bindung/ Beziehung zueinander auf?
Diese Fragen lassen sich erst dann beantworten, wenn die Familie geboren ist und damit die Belastungsprobe vor der Tür steht. Dennoch lassen sich Konflikte und Störungen in Vorhinein erahnen, zumeist sind diese Konflikte bereits lange in der Paardynamik existent, ohne jemals angesprochen worden zu sein. Um Konflikte und Veränderungen, die mit der Schwangerschaft und Geburt einhergehen werden, zu bewältigen, braucht das Paar eine Ebene offener Kommunikation. Offene Kommunikation bedeutet die Möglichkeit, alles anzusprechen und Regeln neu festlegen zu dürfen (Schulz von Thun, 1981). So kann die Frage: "Wer von uns beiden wird die Windeln zum Mülleimer tragen?" bereits zu einem Ausbruch von einer Reihe von Konflikten führen. Weitere Themen von größerer Relevanz sind Fragen nach der Arbeitsplatzaufgabe, Sexualität und Bindung an die eigenen Eltern. Die Diskussionen um diese Themen sollten lustvoll oder humorvoll geführt werden, statt sie wie einen Mühlstein um den Hals zu tragen. Die Frage, ob die emotionale Leichtigkeit eines Liebespaares auch mit Kind möglich sein wird, kann bereits in dieser Diskussion deutlich werden.


4. Die Geburt eines Kindes und die Geburt von Mutter und Vater

Die Geburt eines Kindes ist gleichzeitig die Geburt einer Mutter und eines Vaters. Nichts ist danach wie vorher und es wird auch nie wieder wie vorher sein. Ein Kind tritt sehr real und sehr deutlich in das Leben der Eltern. Es möchte versorgt und beschützt werden und fordert dieses von seinen Eltern ein. Die Erfüllung der Kinderwünsche kostet Eltern sehr viel ihrer Energie. Diese Energie aufzubringen fällt Eltern leichter, wenn sie positive Erfahrungen damit für sich verbinden, wie beispielsweise eine als sehr lustvoll oder schön beschriebene Stillbeziehung. Die schönen Momente wahrzunehmen und zu schätzen fällt einem Paar leichter, das sich gegenseitig mit ihren Stärken und Schwächen stehen lassen kann. Neid, Missgunst, Ablehnung zwischen dem Elternpaar führt eher zu einer Ablehnung des eigenen Mutter- oder Vaterseins.
Am Anfang einer Familie steht dennoch die Entwicklung von Mutter und Vater als Individuen. Es handelt sich um einen sehr tief greifenden Entwicklungsschritt, der mit der Geburt des Kindes eine erste Prüfung bestehen muss (es wird im Laufe des Lebens noch viele solcher Prüfungen geben). Nach der Geburt zeigt sich, inwieweit die Bilder, die sich Mutter und Vater von sich, dem Paar und dem Kind gemacht haben, hilfreich sind. Können die Eltern sich den neuen Gegebenheiten anpassen und können sie einen Platz für ihr Bild von sich in diesen Gegebenheiten finden? So haben manche Männer ein Bild von sich als groß und stark. Sie haben gelernt, einiges wegzustecken aber auch auszuteilen. Deshalb ist es schwierig zu integrieren, dass sie von dem Anblick ihres Kindes gerührt sind, ihnen vielleicht Tränen in die Augen steigen, nur durch dieses hilflose, kleine Wesen, dessen Vater sie sind. Es konfrontiert sie mit einer Seite von sich selbst, die sie bisher gut verborgen hatten (Bell, 1984).
Auch für die Mutter ist es ähnlich schwierig, einen Platz für ihr neues Bild von sich in der Gesellschaft und in ihrem Selbstverständnis zu finden. So werden sie auf einmal als Mutter gefordert, ihr Kind zu erziehen, zu schützen und zu nähren. Ein Wettkampf, wie es ihn teilweise unter Müttern gibt, wer denn das "Superkind" hat, erschwert diesen Übergang (Gauda, 1997).
Wo werde ich bleiben, wenn nur noch das Kind da ist? Wird mich meine Umwelt auch als Mutter akzeptieren?
Häufig empfinden sie, dass sie mit Kind statt als Frau nur noch als Mutter mit Kind wahrgenommen werden. Mutter sein geht mit einem Verlust an Individualität einher und eine neue Identität ist häufig noch nicht in Sicht, auch nicht, was die neue Beziehungskonstellation betrifft.
Die Geburt von Vater, Mutter und Kind bedeutet nicht gleichzeitig, dass auch eine Familie geboren wird (Fivaz-Depeursinge & Corbow-Warnery, 2001). Die Bindungen innerhalb einer Familie müssen erst geknüpft werden. Dies geschieht umso leichter, je mehr sich die einzelnen Personen in einem Beziehungssystem sehen können. Versucht ein Vater, eine Mutter oder ein Kind die Bindung zum anderen streitig zu machen, wird die Kommunikation mit dem Partner, mit dem er konkurriert, zu Missverständnissen führen. So werden die Bindungsprozesse zueinander gestört. Mit einer fortlaufenden Reihe von Missverständnissen und der engeren Bindung von zwei Personen kann eine Person ausgeschlossen werden. Beratung setzt genau an diesem Punkt an. Prävention versucht Muster dieser Art zu verhindern. Die Möglichkeiten von Prävention in der Geburtsvorbereitung soll im Folgenden diskutiert werden.


5. Die Perspektive der Beraterin (vor der Geburt)

Probleme sind überall dort, wo wir sie wahrnehmen. Wird das Kinderkriegen als eine Bedrohung mit pathologischem Charakter beschrieben, werden Eltern verschreckt. Dem Paar wird dadurch jede lust- und freudvolle Phantasie genommen. Vorbereitung auf die Geburt eines Kindes sollte daher nicht darin bestehen, die Krisenwahrnehmung zu schärfen, sondern sie sollte versuchen, Eltern zu ermöglichen, lustvolle Momente miteinander, mit dem Kind und alleine zu erleben.
Auf der anderen Seite sollte sie Eltern angemessen über mögliche Probleme und Krisen vollständig informieren. Der Trend, Eltern nicht vor der Geburt mit möglichen Komplikationen zu konfrontieren, führt dazu, dass Eltern in einer Krisensituation verunsichert sind und sich nicht in der Lage fühlen angemessen zu reagieren. Dieses bezieht sich konkret auf mögliche Geburtkomplikationen. So wird der Schrecken, den Worte wie "Zangengeburt", "Kaiserschnitt" oder "Frühgeburt" auslösen, durch fehlende Informationen nicht kleiner, sondern größer. Zu einem Kompromiss zwischen notwendiger Information und der Vermittlung von Freude zu gelangen ist nicht einfach. Im Wesentlichen sollte dennoch versucht werden, die psychologische Dynamik des Übergangs zur Elternschaft einzugehen, und werdende Eltern zu stärken.
Auch wenn Elternsein ein hohes Maß an Verantwortung bedeutet, so ist es doch kein neuer Job für den Eltern, der eine neue Ausbildung brauchen würde. Mütter und Väter haben sehr viel intuitives Wissen über Beziehungsgestaltung und ihre Art des Caregivings (Papousek & Papousek, 1987). Vor den Eltern liegt ein langer Weg der Entwicklung, der notwendigerweise Krisen beinhaltet.
Scheinbar im Widerspruch dazu steht die Wahrnehmung vieler Probleme bei den Eltern, der Wunsch, Eltern zu sagen, was alles problematisch werden kann oder wird, und wie man lernen kann, mit den Krisen umzugehen. Von Nutzen für Eltern und GeburtsvorbereitIn ist es, die Räume für Problemdiskussionen anzubieten, ohne sie zu erzwingen. D. h. zum Beispiel eigene oder gelernte Erfahrungen darzustellen und sie so auch zu markieren, so dass die Entscheidung der werdenden Eltern bleibt, das Angebot anzunehmen oder abzulehnen. Wir können nicht sehen, was in den Paaren vorgeht und auf welcher Ebene wir sie ansprechen. Wir wissen nicht was wir auslösen, wir wissen auch nicht, was sie brauchen. Wir können nur Angebote machen, die von werdenden Eltern gefüllt werden können. Dabei ist es wiederum wichtig, nicht in eine Diskussion einzusteigen, die Angst macht, sondern Mut zur Lösung von Problemen. Ein kleines Beispiel dazu aus dem Buch von Stern, Bruchweiler-Stern und Freeland (2000):

"Als mein Sohn gerade eine Woche alt war, fing er an abzunehmen. Die Stimmte des Arztes klang besorgt, als er zu mir sagte, das Baby müsse wachsen. Ich geriet in Panik. Je größer diese Panik wurde, desto weniger Milch schien ich zu haben, und bald war mein Sohn auf sein Geburtsgewicht zurückgefallen. Der Arzt sorgte sich noch mehr, und er empfahl mir, zuzufütten. Nie habe ich mich so hilflos gefühlt.
Ich hielt mein Kind im Arm, als ginge es um mein Leben, dachte nur noch darüber nach, wie ich es füttern könnte, versuchte es immer wieder, ließ es aufstoßen und fragte mich unablässig, wieviel es jetzt wohl wog."
(Stern et al. 2000 S. 109)´

Auch wenn es sich bei diesem Beispiel um ein Problem handelt, welches frühestens nach der Geburt auftritt, so spielen sich viele Ängste im Kopf von Eltern in dieser Form der Kommunikation mit sich selbst ab. "Es wird schlimm und dann nur noch schlimmer!"

Folgende Probleme nehme ich persönlich in dieser interaktive Szene war:

Möglichkeiten, die Kommunikation anders zu gestalten, liegen hier gerade in der Art des Kommunizierens. Ein ernster Blick, gedämpfte Stimmen und eine düstere Miene erzeugen eher auch düstere Gefühle und eine verengte Blickweise. Die Wahrnehmung wird zum Tunnelblick, auf das Problem zentriert. Hoffentlich wird er endlich zunehmen!Hoffentlich hört sie endlich auf zu schreien! Hoffentlich schläft sie bald! Diese Vorwegnahme der Zukunft in unserer Wahrnehmung kann so andauernde Furcht erzeugen (Kriz, 1999). Die Antizipation zieht uns dann genau dorthin, wo wir nicht hin wollen. So kann man/frau bereits nach dem Aufstehen denken: Hoffentlich wird er heute genug trinken, damit er heute abend genug auf die Waage bringt! Hoffentlich wird sie heute nicht wieder den ganzen Tag durchschreien, damit ich nicht wieder das Gefühl habe, total versagt zu haben! Hoffentlich muss ich sie nicht wieder zwei Stunden auf dem Arm tragen, bevor sie einschläft!
Ergänzend kann auf der Paarebene noch hinzukommen:
Hoffentlich lässt er mich heute Nacht in Ruhe! Hoffentlich drückt sie mir nicht das Kind in den Arm, wenn ich nach Hause komme!
Ich denke, es lassen sich ohne viel Phantasie eine Reihe von Problemszenarien erstellen. Diese helfen aber nicht weiter. Direkte Lösungsangebote auf der Verhaltensebene sind meist wirkungslos. Sie erreichen viele Eltern nicht in ihren Ängsten und Problemen. Indirekte Lösungsangebote wirken besser. So gäbe es die Möglichkeit, statt in die Problembeschreibung in eine Lösungsbeschreibung einzusteigen. Also statt über das Schreien über das Beruhigen zu sprechen und die Eltern selber Phantasien darüber entwickeln zu lassen, wie das Beruhigen für sie angemessen laufen könnte.
Wichtig ist, dass Eltern mit den Konflikten nicht in eine Isolation hineinfallen, die ihnen Lösungen als unmöglich erscheinen lässt. So kann bereits vorgeburtlich darüber informiert werden, welche Möglichkeiten, Angebote es im weiteren Umkreis an Beratungen oder Therapien gibt. Eltern haben dann die Möglichkeit, auf diese zurückzugreifen. Auch kann bereits in einer Vorbereitungsgruppe ein Verständnis dafür vermittelt werden, dass manche Probleme sich gut in manchen Gruppen lösen lassen (Stillgruppe, Krabbelgruppe, PEKIP-Gruppe, Religiöse Gemeinschaft etc.), wenn man sich traut zu fragen und sich nicht unter Leistungsdruck fühlt. Auch sollte die Atmosphäre offen sein für individuelle Probleme, Lösungen und Sorgen, d. h. dass die Gruppenhierarchie nicht durch wenige Eltern bestimmt wird, dass offen geredet werden darf und dass Lösungen angeboten und nicht aufgezwungen werden. Hier gilt wieder, dass der Wettkampf, wer die Super-Mutter ist und das Super-Kind hat, Probleme nur forciert, statt sie zu lösen.

Konkret könnten einige Beratungsfragen, die an die oben gegebene Beschreibung anschließen, andere, weniger problemzentrierte Akzente setzen: Auch wenn diese Frage trivial ist, so eröffnet sie doch der Mutter die Möglichkeit darüber zu sprechen und ihre Ängste mitzuteilen. Die relative Formulieren "....schlechter gedeihen als..." soll ein wenig verdeutlichen, dass es sich um ein relatives Phänomen und noch nicht um eine diagnostizierte Erkrankung handelt. Vielleicht sollte versucht werden herauszufinden, warum das Kind nicht gedeiht. Erfahrungsgemäß sind Eltern dabei mehr Experten als Fachleute, was die Eindrucksdiagnostik betrifft. Hier wird ein konkreter Hilfswunsch und damit ein Auftrag formuliert, an den wir uns halten können und müssen. In diesem Zusammenhang ist es ebenfalls ratsam, möglichst wenig Vorschläge zu generieren und stattdessen zusammen mit den Eltern eine Suchexpedition nach Lösungen zu starten. Wichtig ist auch eine Zeitperspektive miteinzubeziehen.
Was wünschen Sie sich im Allgemeinen (Untersuchungen / Beratung / Therapie) und was können Sie jetzt gemeinsam in dieser Situation im Hier und Jetzt verändern? In der Beratungsstelle "Menschenskinder" in Hamburg lädt die Leiterin - Renate Barth - die Eltern ein, dann zu kommen, wenn ihr Kind mit der größten Wahrscheinlichkeit schreit, und bietet ihnen an so lange zu bleiben, bis sie ihr Kind beruhigen konnten (Barth, 1998), so dass Eltern aus der Beratung herausgehen mit dem Gefühl, es zumindest einmal geschafft zu haben, ihren Säugling zu beruhigen. Die Perspektive soll auch dahingehend geöffnet werden, dass Eltern auch äußern "dürfen", was sie nicht wollen. Dies hat sich als äußerst fruchtbar erwiesen. Die Eltern fühlen sich mit ihren Wünschen, Ängsten und Grenzen ernst und angenommen. Die Veränderung dieser Grenzen können Teil eines therapeutischen, sollten aber nicht Teil eines Beratungsprozesses sein.


6. Vom Übergang zur Elternschaft zur Entstehung einer Familie

Der Begriff Familie weckt bei jedem von uns verschiedene Assoziationen, die von den eigenen Erfahrungen bis zum gesellschaftlichen Bild reichen. Würden wir eine kleine Studie machen, die z. B. nur alle Leser dieser kleinen Arbeit als Stichprobe nehmen würde, so bekämen wir wahrscheinlich ein sehr breit gefächertes Bild, was und wer zu einer Familie dazu gehört und was auf keinen Fall. So gibt es interkulturell eine sehr breite Differenzierung, was den Begriff der Tanten (aunts) angeht. Als Erwachsene in einem nordeuropäischen Kontext würden wir zumeist nur die Schwestern unserer Eltern als Tanten bezeichnen, im zentralen Afrika oder in Indien würden wir weniger die leibliche Verwandtschaft als vielmehr die Frauen, die in unserem näheren Umfeld leben und an unserer Erziehung mitgewirkt haben, als Tanten bezeichnen. Dort beschreibt das Wort "Tante" (aunt) eher ein Beziehungsverhältnis (Abels, persönliche Kommunikation). Die Beziehungen und die Kommunikation, die wir miteinander pflegen, halten eine Familie zusammen. Entscheidend ist dabei nicht unbedingt, dass positiv oder liebevoll von und miteinander gesprochen wird, sondern dass mit und von einander gesprochen wird (Schneewind, 1998). Brugees sagte bereits 1926 dazu:

"Die Familie ist eine Einheit interagierender Persönlichkeiten. Mit Einheit interagierender Persönlichkeiten ist ein lebendes, sich veränderndes, wachsendes Etwas gemeint. Beinahe hätte ich es als eine Superpersönlichkeit bezeichnet. Auf jeden Fall besteht die tatsächliche Einheit des Familienlebens weder in irgendeinem Rechtsbegriff oder irgendeinem formellen Kontrakt sondern in der Interaktion der Mitglieder. Denn, ob eine Familien überlebt, hängt nicht von harmonischen Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern ab, und sie löst sich auch nicht notwendigerweise auf, wenn es zwischen ihren Mitgliedern zu Konflikten gekommen ist. Die Familie lebt so lange, wie Interaktion stattfindet."
(Burgess, 1926 zitiert nach Schneewind & Scmidt, 1999, S. 270)´

Wann entsteht die Kommunikation und wann endet sie? Wann sie entsteht ist sehr einfach zu bestimmen: Mit dem ersten Wort, welches das Paar wechselt. Sie besteht fort mit der Kommunikation, die zwischen dem Paar stattfindet. Viele Paare, die auf ein langes Eheleben zurückblicken, sagen, dass mit den Kindern das Paar verschwunden und seither nicht mehr wiedergekehrt ist. Das Paar hat den gemeinsamen Faden verloren und nicht mehr wiedergefunden. Die Pflege der Paarebene tritt hinter der Erziehung der Kinder zurück. Gedacht ist dieses Handeln zum Wohle der Kinder, doch kommt es den Kindern nicht zugute. Vielmehr leiden sie zumeist unter der relativen Isolierung der Partner.
Ein Paar braucht Pflege, um die Zeit, die es miteinander verbringt, auch nach Jahren noch genießen zu können. Es braucht einen Rahmen und Raum, in dem es als Paar miteinander interagieren und leben kann, ohne gleichzeitig Eltern sein zu müssen. Diese Räume muss sich ein Paar schaffen dürfen. Es muss sich Freiraum ohne Kinder gestalten dürfen. Diese Räume müssen nicht groß sein. Es kann ein tägliches gemeinsames Bad, ein kurzer Plausch am Abend oder ein Fernsehritual sein. Er sollte vom Paar als Paarmoment erlebt werden. Dies kommt der Entwicklung der Eltern, des Kindes und der Familie zugute, damit der Faden nicht abreißt.


7. Literatur

    Bücher:

  1. Bell, D. H. (1984). Being a Man: The Paradox of Masculinity. New York: Javanovich.
  2. Berne, E. (1967). Spiele der Erwachsenen. Reinbek: Rowohlt.
  3. Brazelton, T. B. & Cramer, B. G. (1994). Die frühe Bindung. Stuttgart: Klett-Cotta.
  4. Brisch, K. H. (1999). Bindungsstörungen. Stuttgart: Klett-Cotta.
  5. Fivaz-Depeursinge, E. & Corbow-Warnery, A. (2001). Das primäre Dreieck. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.
  6. Freud, S. (1972). Abriß der Psychoanalyse. Frankfurt: Fischer.
  7. Klitzingen. K. v. (1998). Psychotherapie in der frühen Kindheit. Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht.
  8. Satir, V. (1975). Selbstwert und Kongruenz. München: Pfeiffer.
  9. Schneewind, K. A. (1998). Familienpsychologie. 2. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer.
  10. Stern, D. N. (1990). Die Lebenserfahrungen des Säuglings. Stuttgart: Klett-Cotta.
  11. Stern, D. N. (1998). Die Mutterschaftskonstellation. Stuttgart: Klett-Cotta.
  12. Stern, D. N., Bruchweiler-Stern, N. & Freeland, A. (2000). Geburt einer Mutter. München: Piper.

  13. Fachartikel:

  14. Corboz-Warnery, A., Fivaz-Depeursinge, E., Gertsch-Bettens, C., & Favez, N. (1993). Systemic analysis of triadic father-mother-baby interactions. Infant Mental Health Journal. 14, 298-316.
  15. Engl, J. (1997). Determinanten der Ehequalität. München: Institut für Forschung und Ausbildung in Kommunikationstherapie e. V.
  16. Field, T. (1987). Affective and interactive Disturbances in infants. In: J. D. Osofsky (Hrsg.) Handbook of Infant Development. New York: Wiley.
  17. Fava-Vizziello, G. M., Antonioli, M., Cocci, V., Invernizzi, R. & Cristante, F. (1993). From pregnancy to motherhood: The structure of representative and narrative change. Infant Mental Health Journal. 14, 4-16.
  18. Fivaz-Depeursinge, E. Stern, D. N., Bürgin, D., Byng-Hall, J., Corboz-Warnery, A., Lamour, M., Lebovici, S. & Emde, R. (1994). The dynamics of interface. Seven authors in search of encounters across levels of description of an event involving mother, father and baby. Infant Mental Health Journal. 15, 69-89.
  19. Papousek, H. & Papousek, M. (1987). Intuitive parenting: A dialectic counterpart to the infant's integrative competence. In: J. D. Osofsky (Hrsg.). Handbook of infant development. 2 eds. New York: Wiley. S. 69-720.
  20. Schneewind, K. A. & Schmidt, M. (1999). Familiendiagnostik im Kontext der klinischen Entwicklungspsychologie. In R. Oerter, C. V. Hagen, G. Röper & G. Noam (Hrsg.) Klinische Entwicklungspsychologie. Weinheim: Beltz/PVU. S. 270-298.
  21. Simoni, H. (1998). Von der Prä- zur Postnatalzeit. Psychotherapeutische Begleitung im Übergang zur Elternschaft. In K. v. Klitzingen (Hrsg.). Psychotherapie in der frühen Kindheit. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 32-49.
  22. Stern-Bruchweiler, N. & Stern, N. D. (1989). A model for conceptualizing the role of the mother´s representational world in various mother-infant therapies. Infant Mental Health Journal. 10, 142-156
© by Markus Wilken 19.5.01
http://www.markus-wilken.de/

Zum Autor

Markus Wilken ist Diplom-Psychologe (Entwicklungspsychologie und klinische Psychologie als Schwerpunkte im Studium: in Osnabrück bei Prof. Heidi Keller und in Graz bei Prof. Peter Scheer und Prof. Marguerite Dunitz-Scheer). Herr Wilken hat sich spezialisiert auf Säuglingspsychologie, intensive Auseinandersetzung mit frühkindlichen Fütterungsstörungen und Sondenentwöhnung. Derzeit Arbeit an der Dissertation zum Thema "Entwicklung des Eßverhaltens im ersten Lebensjahr bei frühgeborenen Säuglingen".

zurück
© 2000-2010 Geburtskanal ™
Impressum

Aktualisiert: 29.11.2011  webmaster@geburtskanal.de
ANZEIGE