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FAMILIENTHERAPIE

Familientherapie ist eine Form von Psychotherapie, die in der Interaktion von Angehörigen ansetzt und eine Veränderung der zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen diesen anstrebt. Durch diese Veränderungen sollen psychische Störungen bei einem oder mehreren Familienmitgliedern behoben bzw. gelindert werden.


Ursprung und theoretischer Ansatz

Ihren Ursprung hat die Familientherapie in der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern. Besserungen und Erfolge in der Therapie erwiesen sich hier oft als begrenzt und meist nicht von Dauer. Zudem beobachtete man, dass, wenn es dem zuvor psychisch belasteten Kind besser ging, plötzlich Veränderungen im Beziehungsgefüge der gesamten Familie vor sich gingen und dass sich teilweise das Befinden anderer Familienmitglieder verschlechterte.

Die Familientherapie erweiterte das individualistische Menschenbild der klassischen Psychopathologie. Sie geht davon aus, dass der Mensch in einem sozialen Gefüge lebt, der Familie. Die Familie wird als "System" betrachtet, die einzelnen Familienmitglieder sind Teile dieses Systems. Zwischen diesen Teilen wirken Systemkräfte, die das Verhalten und Erleben der einzelnen Systemmitglieder beeinflussen. Symptome und Erkrankungen eines Familienmitgliedes werden in der Familientherapie als Ausdruck gestörter zwischenmenschlicher Beziehungen angesehen. Der "Kranke" in der Familie ist der "Symptomträger", er nimmt das Symptom für die Familie stellvertretend auf sich und hält das System Familie damit im Gleichgewicht.

Dies sei an einem stark vereinfachten Beispiel erläutert: Ein Kind erlebt sich häufig streitende Eltern. Es entwickelt auffallendes Verhalten (z.B. Schulschwierigkeiten). Die Eltern erhalten dadurch die gemeinsame Aufgabe, die Schwierigkeiten des Kindes zu bewältigen, sie streiten sich weniger über ihre Beziehung (jetzt zumeist mehr wegen des Kindes). Geht die Störung des Kindes zurück, fehlt das gemeinsame bindende Glied zwischen den Eltern, die Eltern streiten wieder. Die Symptome des Kindes treten wieder auf, die Familie stabilisiert sich wieder.

Familientherapie bietet die Möglichkeit, solch gegenseitige familiäre Verstrickungen transparent zu machen und Veränderungen in den oft eingeschliffenen Beziehungsmustern zu initiieren.


Die verschiedenen Schulen und Strömungen, ihre Arbeitweise, ihre Schwerpunkte

Wenn von Familientherapie gesprochen wird, so bezeichnet dies heute ein sehr umfängliches Terrain verschiedener Schulen und Strömungen. Therapierichtungen die zunächst ausschließlich auf den Einzelnen ausgerichtet waren (Psychoanalyse, Verhaltenstherapie) entwickelten ihre eigenen familientherapeutischen Richtungen, ebenso gibt es selbständige Entwicklungen (systemische Therapie).

Gemeinsam ist allen Therapierichtungen, dass sie den Patienten in Gegenwart ihm naher Personen behandeln. Die Sicht und Interpretation des Problems wird von Seiten aller Familienmitglieder zusammengetragen, die Schwierigkeiten des Patienten werden dadurch zunehmend als Familienproblem kenntlich. Der Patient wird aus dem "Scheinwerferlicht" gebracht, andere Familienmitglieder können von ihren Schwierigkeiten sprechen, therapeutische Hilfe kann sich nun vielleicht auf denjenigen konzentrieren, der ihrer mindestens ebenso bedarf wie der Patient. Letztendlich soll es zu einer Veränderung der familiären Beziehungs- und Kommunikationsmuster kommen, so dass vermeidbare psychische Störungen eines einzelnen Familienmitgliedes nicht mehr als "Preis" für die Stabilität der gesamten Familie gezahlt werden müssen.

Die "Arbeitsmittel" der Familientherapeuten sind außerordentlich vielfältig und kreativ. Beispielhaft seien hier einige aufgeführt: Das Befragen eines jeden Anwesenden auf seine Sicht des Problems in Gegenwart aller anderen, die Aufstellung der Familienmitglieder im Raum (Kenntlichmachung der Beziehungsstruktur), durch den Therapeuten vorgenommene Veränderungen in der Sitzordnung (Veränderung von Allianzen), Vergabe von Redezeit an jedes Familienmitglied (Ausgleich), Hausaufgaben (etwas bestimmtes beobachten oder probeweise anders machen), das Festlegen bestimmter Spielregeln.

Im Behandlungsprozess setzen die einzelnen familientherapeutischen Richtungen unterschiedliche Schwerpunkte. So kann der Fokus in Anleihe bei der Psychoanalyse auf bewusste oder unbewusste Konflikte in der Familiengeschichte gerichtet werden, die dabei eingenommene Perspektive umfasst oft mehrere Generationen. Schuld- und Schamverstrickungen, Erwartungshaltungen und Projektionen, blockierte Trauer, dies sind hier oft die "Systemkräfte" die störungsverursachend in der Familie wirken und deren Bearbeitung und Auflösung angestrebt wird. Der Blick der Familientherapie kann sich jedoch auch statt auf diese familiengeschichtlichen Konflikte auf bestimmte Eigenheiten und Kommunikationsmuster im Umgang miteinander richten.

Bei diesem verhaltenstherapeutisch/kommunikationstherapeutischem Blickwinkel steht weniger die Einsicht in unbewusste familiäre Prozesse im Vordergrund, hier geht es vorrangig um die Veränderung festgefahrener Verhaltensweisen (z.B. ein bei Paaren oft zu beobachtendes Spiel von gegenseitiger Beschuldigung und Anklage).


Wo Familientherapie angeboten wird

Ambulante Familientherapie ist bei den Krankenkassen derzeit nur über Kinder- und Jugendpsychiater abrechenbar. Bei allen anderen ambulanten Psychotherapeuten müssen die Kosten privat bezahlt werden. Familientherapie wird jedoch oft durch institutionelle Einrichtungen angeboten: in Ehe- und Familien-Beratungsstellen, in stationären psychiatrischen und psychotherapeutischen Einrichtungen (vor allem, wenn dort Kinder und Jugendliche behandelt werden), in Ambulanzen die an Kliniken oder Universitäten angeschlossen sind. Hierdurch entstehen für den Patienten (bzw. die Familie) keine Kosten.


Was Familientherapie oft erschwert

Erschwert wird der familientherapeutische Behandlungsansatz oft durch lange "Karrieren" eines Familienmitgliedes in der Rolle als "Patient". Es scheint klar zu sein, wer das Problem hat, wer hilfebedürftig ist, um wen sich gekümmert werden muß. Oft sind es jedoch die als "gesund" und "erfolgreich" imponierenden Partner, die auf lange Sicht gesundheitlich erheblich belastet sind und deren Bedürfnis nach Zuwendung und Entspannung zu kurz kommt.

Ein anderer Punkt, der familientherapeutische Interventionen oft belastet, ist die eingeengte Sicht, Beziehungsstörungen in der Familie seien die Ursache für die Erkrankung eines Familienmitgliedes. Insbesondere den Familien psychisch kranker Menschen wurde durch diese Schuldzuweisung Unrecht getan und Schmerz zugefügt.


Ein Abstecher zur Familientherapie bei schizophrenen Erkrankungen

Als besonders unrühmliche Schuldzuweisung ist das Konzept der "schizophrenogenen Mutter" zu bewerten, welches die Mütter als alleinige Verursacher schizophrener Erkrankungen diskreditierte. In diesem Zusammenhang muß auch die einseitige Betrachtung des sogenannten High-EE-Konzeptes gesehen werden. High-EE (high-expressed-emotion) bezeichnet ein sehr starkes emotionales Verhalten in den Beziehungen zwischen Familienmitgliedern. Dies kann entweder sehr überfürsorglich, überbehütend und einengend sein oder aber kühl, kritisch und ablehnend. Beide Extremrichtungen des emotionalen Ausdrucks wurden als verursachend für schizophrene Erkrankungen eingeordnet, auch hier erfolgte wieder eine Schuldzuweisung an die Angehörigen.

Heute betrachtet man die Verhaltensweisen von Angehörigen sehr viel differenzierter. So hat man sich von dem Gedanken verabschiedet, psychische Erkrankungen würden durch das Verhalten der Angehörigen ausgelöst. Stattdessen weiß man, dass sich besondere Verhaltensweisen wie z.B. High-EE, erst dadurch entwickeln können, wenn ein Familienmitglied psychisch erkrankt. Da besonders die schizophrenen Erkrankungen mit einer Verletzlichkeit des Betroffenen einhergehen, die rückblickend oft schon Jahre zuvor deutlich wurde, bemerken gerade die Eltern oft seismographisch, dass ihr Kind sensibler und dünnhäutiger ist. Die Eltern versuchen durch besondere Hilfestellungen dem Kind Hilfe zu geben und kümmern sich vermehrt. Wenn dieses Engagement nicht fruchtet kann es zu einem Rückgang aller Bemühungen kommen, das Kind "will" sich ja nicht helfen lassen, Enttäuschung und Verbitterung kommen auf. Einem Betrachter der zu einem solchen Zeitpunkt die Interaktionen der Familienmitglieder mit dem Patienten beobachtet mag dies zu Recht als auffällig und veränderungsbedürftig erscheinen, als einseitige Ursache-Auslöser-Beziehung darf er sie jedoch nicht verstehen. Zudem ist zu erwähnen, dass sich zunächst als "typisch schizophrenieverursachende Interaktionsweisen" gesehene Verhaltensmuster im Nachhinein auch in Familien mit an anderen psychischen Erkrankungen leidenden Angehörigen fanden (Depression, Essstörungen).

Bei den Angehörigen schizophren Erkrankter hat sich gezeigt, dass oft schon die Informationsvermittlung bezüglich der Erkrankung deutliche Effekte auf die Interaktion zeigt ( Psychoedukation). Wenn die Angehörigen um Symptome und Eigenheiten der Erkrankung wissen, kommt es oft zu einer wesentlichen Entlastung des familiären Geschehens, was eine Stabilisierung des Gesundheitszustandes des Betroffenen nach sich zieht und die Lebensqualität für alle Beteiligten verbessert. Wenn die Informationsvermittlung nicht ausreicht um Veränderungsprozesse anzustoßen, können darüber hinausgehende familientherapeutische Interventionen ihre Berechtigung haben.

Quelle:
Psychiatrie aktuell, 2004
http://www.psychiatrie-aktuell.de/

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Aktualisiert: 25.11.2011  webmaster@geburtskanal.de
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