Folsäure - Wissenschaftliche Betrachtung
Die präventiv-medizinische Bedeutung von Folsäure
Folsäure, ein wasserlösliches, hitzelabiles Vitamin aus der Reihe der B-Vitamine (B9), wurde in den frühen 40er Jahren entdeckt, hat aber während langer Zeit keine grosse Beachtung gefunden. Erst in den letzten 10-15 Jahren ist das Interesse an dieser Substanz fast sprunghaft angestiegen, weil es sich gezeigt hat, dass in ihr ein hohes präventiv-medizinisches Potential liegt.
Verschiedene Formen der Folsäure (FS)
Pharmakologisch reine Folsäure (Pteroylglutaminsäure) [Fig.1] tritt in der Natur nur in Spuren auf. Meistens liegt die in pflanzlicher und tierischer Nahrung vorkommende Wirksubstanz in verschiedenen Verbindungen vor. Die Gesamtheit dieser Verbindungen wird als "Nahrungsfolat" oder "Gesamtfolat" bezeichnet. Bei rund der Hälfte der FS-Verbindungen handelt es sich um "Polyglutamate", d.h. es sind dem eigentlichen FS-Molekül mehrere Glutaminsäuren angehängt, die bei der Verdauung zuerst abgespalten werden müssen, während "Monoglutamate" (= "freie" FS mit nur einer Glutaminsäure) vom Darm leichter aufgenommen werden. Die Bioverfügbarkeit von Nahrungsfolat ist deshalb unvollständig (ca. 55%). Der Nahrung zugesetzte, synthetische FS wird hingegen zu 90-95%, FS in Tablettenform zu fast 100% resorbiert.
Stoffwechsel
Folsäure greift an verschiedenen Schnittstellen des biochemischen Metabolismus ein. Der vom präventiv-medizinischen Standpunkt aus wichtigste Angriffspunkt ist das Homocystein (Hcy), eine schwefelhaltige Aminosäure, die heute für ihre schädigende Wirkung an der Innenauskleidung der arteriellen Gefässe bekannt ist. Folsäure vermag das Homocystein wirkungsvoll abzusenken, indem es dieses zu wertvollem Methionin "remethyliert" [Fig.2]. Zu diesem Stoffwechsel-schritt wird auch noch Vitamin B12 benötigt. Mit Vitamin B6 kann das Homocystein ausserdem über Cystathionin abgebaut werden.
Der tägliche Bedarf
Der Bedarf wird von verschiedenen Gremien sehr unterschiedlich definiert [Fig.3], je nachdem, ob man mit FS nur Mangelerscheinungen (z.B. Anämie) eliminieren möchte, oder ob man mit einer höheren Dosierung auch Langzeitschäden an den Gefässen und sogar foetale Fehlbildungen verhüten will. Die EU und damit auch die amtliche Schweiz umschreiben den täglichen Bedarf, noch ohne Berücksichtigung des zweitgenannten Standpunktes, mit 0,2 mg pro Tag für alle Erwachsenen. Die US Natl. Acad. of Science fordert auf Grund moderner wissenschaftlicher Daten 0,4 mg für Erwachsene, 0,6 mg für schwangere und 0,5 mg für stillende Frauen. Im Frühjahr 2000 haben sich die Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Ernährungsforschung (D-A-CH) darauf geeinigt, den Tagesbedarf ebenfalls einheitlich auf 400 µg (0,4 mg) festzulegen. Darin ist der Mehrbedarf für eine Folsäureprophylaxe zur Verhütung von Neuralrohrdefekten allerdings nicht berücksichtigt.
Diese letztgenannten Empfehlungen zum Tagesbedarf sind insofern nicht ganz problemlos, weil sie mit einer "normalen" Ernährung kaum mehr erfüllt werden können. Wir sehen uns deshalb mit einer ähnlichen Situation wie beim Jod oder Fluor konfrontiert: die gewöhnliche Alltagsnahrung reicht nicht ganz aus, um das volle Gesundheitspotential der Folsäure ausschöpfen zu können. Es muss also versucht werden, die FS-Zufuhr durch Anreicherung verschiedener Lebensmittel zu optimieren.
Ausserdem besteht international die Empfehlung, dass alle Frauen im gebärfähigen Alter, die Kinder haben möchten oder könnten, d.h. alle Frauen ohne zuverlässigen Konzeptionsschutz, täglich 0,4 mg FS in Tablettenform zur Verhütung von Neuralrohrdefekten zu sich nehmen sollten.
Gesundheitlich-präventive Aspekte
a.) Anämie: Echte Mangelerscheinungen, die zu einer Anämie führen würden, kommen heute kaum mehr vor; am ehesten noch bei Schwangeren, wenn sich diese trotz des hohen FS-Bedarfs des rasch wachsenden Foeten nur mangelhaft mit Gemüsen, Früchten und andern Vitaminträgern ernähren.
b.) Neuralrohrdefekte (Spina bifida) : Es ist das Verdienst von Prof. Smithells, Leeds UK, bereits 1980 nachgewiesen zu haben, dass sich durch zusätzliche Einnahme von Folsäure vor und zu Beginn der Schwangerschaft schwere Fehlbildungen des Rückenmarkes entscheidend verringern lassen. Diese Wirkung wurde seither in vielen, sorgfältig durchgeführten Studien an sehr grossen Kollektiven, d.h. an über 250'000 Frauen bestätigt. Die Verhütung dieser folgenschweren Missbildung, die zu einer lebenslänglichen Lähmung der Beine und des Beckenbodens führt, gehört zu den grossen medizinischen Errungenschaften des ausgehenden 20. Jahrhunderts. In Ländern mit hoher Inzidenz von Spina bifida (3-5 pro 1'000 Geburten) beträgt die Reduktion 70-90 %, in solchen mit geringer Inzidenz ist sie offensichtlich kleiner.
Zur optimalen Prophylaxe müssen aber höhere Mengen zugeführt werden, als dies mit der laufenden "Folsäure-Offensive" realisiert werden kann. Wie bereits erwähnt lauten die Empfehlungen auf zusätzliche 0,4 mg reiner FS, mindestens 1 Monat vor, bis 2 Monate nach Konzeption; also Zufuhr in galenischer Form. Eine Alternative dazu stellt die generelle Anreicherung von Brotmehl mit Folsäure dar, wie dies in ganz Nordamerika (USA und Kanada) sowie in Ungarn gesetzliche Vorschrift ist und auch in der Schweiz von einer Grossmüllerei im Welschland praktiziert wird.
c.) Gefässerkrankungen (Herzkranzgefässe, Hirn- und periphere Arterien): Der für die Volksgesundheit wertvollste Gewinn dürfte aber die Verminderung von Gefässwandschäden an den funktionell wichtigsten Arterien, d.h. den Herzkranzgefässen und den Hirnarterien sein. Durch eine Mehraufnahme von Folsäure kann das Homocystein im Blut wesentlich und zuverlässig abgesenkt werden [Fig.4]. Hohes Hcy ist nachgewiesenermassen mit einem erhöhten Risiko für coronare Herzkrankheit, also Herzinfarkt, und Hirnschlag (Apople-xie), sowie Thrombosen in peripheren Blutgefässen verkoppelt.
In den USA rechnet man dank der Brotanreicherung mit 50'000 weniger Herzinfarkten. In einer grossen prospektiven Studie an über 80'000 Frauen aus Pflegeberufen ("Nurses' Health Study") wurde das Auftreten von tödlicher und nicht tödlicher koronarer Herzkrankheit im bezüglich FS-Aufnahme obersten Fünftel um gute 30% seltener beobachtet als bei dem Fünftel mit der niedrigsten Aufnahme. Interessanterweise waren die Resultate noch besser, wenn zur hohen FS-Aufnahme noch ein moderater Alkoholgenuss von >15 g/Tag dazukam: 0,22 bei hoher FS-Aufnahme plus Alkohol, gegenüber 1 bei geringer FS-Aufnahme und Alkoholabstinenz [Fig.5]. Diese besten Resultate wurden allerdings bei FS-Zufuhr von über 0,6 mg festgestellt, also bei Nahrungsergänzung durch ein Vitaminpräparat. Bei einer optimierten FS-Aufnahme durch angereicherte Produkte von 0,35-0,4 mg pro Tag geht man von einer Verminderung der koronaren Herzkrankheit und der Einengung der Hirngefässe um ca. 10-12 % aus. Angesichts der Häufigkeit dieser Krankheiten ein beachtlicher Gewinn.
d.) Krebsverhütung: Auf Grund theoretischer Überlegungen und tierexperimenteller Ergebnisse scheinen sich auch für die Krebsverhütung positive Aspekte abzuzeichnen. Konkret liegen auch bezüglich Krebserkrankungen bei der obgenannten "Nurses' Health Study" Resultate vor, die einen eindeutig verhütenden Einfluss auf die Entstehung von Dickdarmtumoren nachweisen : 0,65 beim Fünftel mit der höchsten FS-Aufnahme gegenüber 1,0 bei geringer Zufuhr. Auch beim Alkoholinduzierten Brustkrebs ergeben sich entsprechende Resultate.
e.) Weitere Auswirkungen: In der modernen Fachliteratur erscheinen sehr häufige Berichte über zusätzliche positive Auswirkungen der Folsäure. So berichteten die Schwangeren, die an der grossen "Ungarn-Studie zur Verhütung von Neuralrohrdefekten" teilgenommen hatten, über weniger Übelkeit und Erbrechen in der Frühschwangerschaft. Es wurde eine höhere Fertilität beobachtet. Die Plazentagewichte sind bei tiefem Homocystein höher (bessere Gefässversorgung).
Von besonderem Interesse ist die Beobachtung, dass die Folatwerte im Blut bei depressiven Patienten tiefer sind als bei der Normalpopulation, und dass bei der Behandlung von Depressionen Folsäurepräparate mit Erfolg eingesetzt werden. Einzelne Berichte über Zusammenhänge zwischen Folsäure und M. Alzheimer sind noch zu wenig konkret, um dazu verlässliche Aussagen machen zu können.
Schlussfolgerungen
Die heutige Versorgung der Bevölkerung mit diesem wertvollen Vitamin ist suboptimal. Die hier vorgestellte "Folsäure-Offensive" will diese Versorgungslücke schliessen, indem ein Extrakt aus dem folsäurereichsten pflanzlichen Naturprodukt, dem Weizenkeim, in vermehrtem Ausmass verschiedenen Lebensmitteln zugesetzt wird, ein Extrakt, der seinerseits, wo wünschbar, noch mit zusätzlicher Folsäure angereichert ist. Auch wenn mit dieser Massnahme die optimale Ausschöpfung des Gesundheitspotentials der Folsäure noch nicht endgültig erreicht wird, so ist dies ein sehr vielversprechender, wertvoller Beginn. Auch mit der hiermit erzielten Verbesserung der FS-Versorgung werden sich positive Auswirkungen auf die Volksgesundheit ergeben. Eine wirksame Präventivmassnahme, die ausserdem sehr kostengünstig ist.
Prof. Dr. med. O. Tönz
6006 Luzern, 10.6.00
Quelle: http://www.folsaeuremed.ch/wissenschaft/pages/folmed.wissen.frame.html
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