Ein Christkind unserer Zeit
Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

von D. Wolf-Stiegemeyer

Auch in diesem Jahr sollte es Heiligabend wieder den selbstgemachten Heringssalat geben. Lorna stand in der Küche und schnitt die Äpfel klein. Plötzlich durchfuhr sie ein stechender Schmerz. Vom Rücken zog er sich wie ein tiefer Messerschnitt bis zu ihrem schon erkennbar gewölbten Bauch. "Nein!". Das konnte nicht sein. Ihr Baby sollte ein "Aprilscherz" werden, aber bestimmt kein Christkind. Das Kleine war viel zu früh!

Am 24. Dezember 1999 um 17 Uhr 36 erblickte per Kaiserschnitt ein kleiner Junge das Licht der Welt: 920 g, 36 cm.

Anders als das Christkind vor 1999 Jahren liegt er in keiner Krippe in einem Stall, sondern in einem gläsernen Brutkasten auf der Frühchenstation eines Krankenhauses. Statt der Geräusche der Tiere im Stall hört er die regelmäßigen rhythmischen Geräusche der Beatmungsmaschine, Tag und Nacht umgeben von dem hellen Schein der Neonröhren. Konnte Maria ihr Kind in den Arm nehmen, so bleibt Lorna zunächst nur die Möglichkeit - nach gründlicher Desinfizierung - ihr Kind durch zwei an der Seite des Brutkastens angebrachte runde Öffnungen zu berühren. Statt der heiligen drei Könige erhält er immer wieder "Besuch" von weiß gekleideten Ärzten und Schwestern.

Genau so wie das Christuskind vor fast 2 Jahrtausenden, so hat auch dieser kleine Erdenbürger eine wichtige Aufgabe in dieser Welt. Auch er wird keinen "normalen" Lebensweg gehen. Auch er wird auf Ablehnung stoßen. Auch er wird oft unverstanden bleiben.

Lorna wird Phasen haben, in denen sie - wie Maria - verzweifelt ist und Schwierigkeiten hat ihren Sohn zu verstehen. Auch sie wird unter der besonderen sozialen Situation ihres Kindes leiden! Auch sie wird die Ablehnung spüren, die Menschen dem Anderssein ihres Sohnes entgegenbringen.

Anders als das Geburtstagskind vor 2000 Jahren wird dieser Junge niemals auf einem Esel reiten können. Seine Fortbewegung wird der Rollstuhl sein. Ob er überhaupt 33 Jahre alt werden wird, ist nicht erkennbar.

Bei der Diagnose "schwere cerebrale Schädigung bei Sauerstoffmangel" wird er wohl niemals Reden halten können. Aber auch er wird Liebe in die Welt tragen! Seine Augen werden von dieser Liebe erzählen. Diese Liebe wird auch trotz vielfach entgegengebrachter direkter und indirekter Ablehnung ausstrahlen!

Mit dieser Behinderung wird der Junge in seinem Leben immer wieder an die Werte der traditionellen christlichen Lehre erinnern. Ein neuer Erdenbürger ist auf die Welt gesandt worden, um viele Menschen "anzusprechen" und diese zu selbstlosem Verhalten und Solidarität zu befähigen. Uns wurde ein Zeichen der Liebe gegeben, die wir aufnehmen und widerspiegeln können. Durch diesen besonderen Jungen bekommen wir die Chance uns als Menschen zu bewähren!



Mehr über Mütter und ihre besonderen Kinder:
http://www.muetter.besondere-kinder.de/

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