Der Heidelberger Philosoph Hans-Georg Gadamer zur Genforschung
An Genen scheiden sich die Geister

Namhafte deutsche Wissenschaftler haben eine stärkere Förderung der Genomforschung in Deutschland gefordert. Der Heidelberger Philosoph Hans-Georg Gadamer meint dagegen, es sei Zeit, "endlich ethische Grenzen zu setzen".

Vor dem Hintergrund der in der vergangenen Woche in den USA verkündeten Entschlüsselung der Erbanlagen des Menschen legten Forscher ein Memorandum zur Genomforschung vor, berichtete die Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren in Bonn. Darin plädieren sie für eine gemeinsame Initiative von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zur umfassenden Förderung von Genomforschung und Biomedizin in Deutschland. Kritik kam unterdessen von dem Heidelberger Philosophen Hans-Georg Gadamer. Er forderte ethische Grenzen für die Gen-Forschung.

"Die nächsten fünf Jahre werden darüber entscheiden, ob Deutschland einen bedeutsamen Anteil zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und den sich daraus ergebenden Innovationen beisteuern kann, oder ob die USA schon bald praktisch der alleinige Motor dieser Forschungsbereiche sind", schrieben die Professoren in ihrem Memorandum.

Deutschland habe als Hochtechnologieland zu spät "und dann auch noch unzureichend auf die Entwicklung in der Genomforschung und Biomedizin reagiert". Staatliche Förderung reiche allein nicht aus. Vielmehr müssten wie in den USA und Großbritannien "Mittel aus Wirtschaft, Stiftungs- und Privatvermögen die staatlichen Mittel wirkungsvoll ergänzen."

Hans-Georg Gadamer hingegen warnte vor den Folgen der Entschlüsselung menschlichen Erbgutes. "Für mich ist das alles ganz erschreckend. Ich sehe eine Entwicklung hin zum vollkommen künstlichen, seines Schicksals und seiner Individualität beraubten Menschen. Wir bauen uns einen Homunkulus", sagte er der "Welt am Sonntag".

Der Philosoph, der im Februar seinen 100. Geburtstag gefeiert hatte, forderte nachdrücklich, der Forschung - und vor allem auch der mit den Forschungsergebnissen arbeitenden Wirtschaft - "endlich ethische Grenzen" zu setzen.

In den Labors der Gen-Forscher findet nach Ansicht Gadamers ein "Angriff auf die Mutterschaft" statt.

Widerstand lasse sich daher am ehesten durch eine Mobilisierung der Mütter organisieren. Vor allem sie liefen Gefahr, von einem blinden Emanzipationsprozess gesellschaftlicher wie physischer Art um ihr Sosein betrogen zu werden. Die Politik aber müsse die Grenzen setzen und das Machbare nicht der Wirtschaft überlassen. "Ohne eine solche Einsicht in die Grenzen des Machbaren ist das Überleben der Menschheit nicht denkbar", sagte der Philosoph.

Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, warnte vor dem Überschreiten von Grenzen: "Auch wenn nach der Genom-Entschlüsselung viele denken, jetzt sei alles machbar, so haben wir damit jetzt nicht die Verantwortung für die Evolution übernommen." Er habe sich wegen der Möglichkeit, künftig verstärkt Krankheiten zu erkennen und zu therapieren, über die Nachricht von der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts gefreut, sagte der Kirchenmann in Freiburg.

Dennoch müsse streng darauf geachtet werden, dass sich die Würde des Menschen künftig nicht durch Leistung, Geld, Herkunft oder die Summe seiner Gene definiere.

Quelle: spiegel.de Juli 2000

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