Gegensätze
Geburt im KZ Birkenau 1942
Julias Geburt im Geburtshaus 2005
Julias Geburt
von Alexandra Winter
Es begann morgens um drei mit undefinierbaren Krämpfen. Tief in mir hatte ich jedoch die Gewissheit, dass das der Anfang der Geburt war.
Ich freute mich. Julia und ich hatten es geschafft. Unsere Körper haben die Signale verstanden und die Wehen haben tatsächlich eingesetzt. Ein Wunder. Ich schaute auf die Uhr. Doch damit konnte ich nichts anfangen. Diese "komischen Schmerzen", die ich nicht "Wehen" nennen wollte, weil sie so ganz anders waren, kamen nach einer Minute wieder. Dann mal nach zwei, dann mal nach 20 Minuten. Da war keine Regelmäßigkeit.
Ich ging in meiner Wohnung auf und ab und nahm mir Zeit, nachzudenken und mich zu sammeln. Das Wetter war, wie ich es mir für die Geburt gewünscht hatte: Es regnete. Noch war es stockdunkel, doch die Dämmerung setzte bald ein und ich rief Hebamme Renate an.
Sie empfahl mir die Badewanne und noch eine Runde Schlaf, aber ich wusste, dass ich das nicht mehr schaffen würde. Später sagte sie mir, dass sie sich verschätzt hatte. Ich wäre am Telefon so klar gewesen wie eine Frau ganz zu Beginn der Geburt. Dabei war ich zu dem Zeitpunkt bereits weit.
Trotz allem wollte ich die Hebammen-Erfahrung ernst nehmen und ließ Wasser in die Wanne. Nach wenigen Momenten musste ich da wieder raus. Die Wehen wurden stärker. Es war Zeit, meine beste Freundin anzurufen. Sechs Uhr.
Eine neue Erfahrung – Wehen auf der Autobahn
Im Auto hatte ich einige Wehen, die es mir schwer machten, still zu sitzen. Ich nahm mich zusammen – meine langjährige beste Freundin wollte ich nicht erschrecken. Sie wiederum wollte mich "ablenken" – und ich dachte an den teuren Ratschlag aus dem Vorbereitungskurs: Niemals während der Wehen mit der Frau sprechen ...
Die Straßen waren frei, der Berufsverkehr kam nur langsam in Gang und nach einer halben Stunde waren wir im Geburtshaus.
Renate öffnete die Tür. Die Treppen zum Gebärzimmer erschienen mir endlos. Oben angekommen, setzte ich mich auf die Bettkante. Die nächste Wehe kam. "Füße fest auf den Boden", sagte Renate. Das war das schwerste der ganzen Geburt: Immer wieder die Füße fest auf den Boden zu setzen.
Renate untersuchte mich. "Mensch, du hast aber gearbeitet! Dein Muttermund ist schon sechs Zentimeter auf!" Ich freute mich - so eine Überraschung! Die Hälfte lag also hinter mir. Noch vier Zentimeter und mein Baby würde kommen. Bis jetzt ging es doch alles ganz gut. Nur die Wehenpausen wurden erstaunlich kurz.
Fließendes Wasser
Renate dämmte das Licht, ließ mir Wasser in die Wanne laufen. Doch auch hier stellte ich schnell wieder fest: Es geht nicht. "Du brauchst fließendes Wasser, kein stehendes", sagte Renate. Was für ein Unterschied! Die Dusche war eine Wohltat. Doch bald musste ich meine endgültige Position finden. Die Schmerzen wurden so stark, dass ich nicht mehr lange beweglich war.
Ich tönte. Von Anfang an tönte ich. Das tat so gut. Im Vorbereitungskurs konnte ich mich zu den "Uuuhs" und "Ooohs" kaum durchringen. Jetzt jedoch war es das beste, was ich hatte. Es half mir, mich ganz zu konzentrieren. Nur noch ich und die Wehen. Um mich herum vergaß ich alles.
Wir entschieden uns für den Boden im Geburtszimmer. Renate machte es mir bequem und ich ging ganz in den Wehen auf. "Uuuuuh." Renate machte mit und gab mir so das Gefühl, mir ganz nah zu sein. Sie strich mir über die Innenseite des Oberschenkels – was für eine Erleichterung. Ich übergab mich. Wieder und wieder. Während des Übergebens hatte ich wenigstens keine Wehen. Ich war überrascht, wie weh das jetzt tat. Sanft fangen die Wehen an und steigern sich und fallen dann wieder ab. Doch sie fielen immer weniger ab. Jetzt kam der Punkt, den wir im Kurs so oft gehört hatten. Ich sagte zu Renate: "Jetzt ist es so weit: Ich will sterben. Oder aber ich komme nächste Woche wieder, das reicht mir für heute." Wir lachten zusammen. Mein letzter Scherz.
Das härteste: die letzten zwei Zentimeter ...
Draußen in der Ferne ein Rasenmäher. Ich konzentrierte mich in den Pausen darauf. Das Geräusch half mir, auf dem Boden zu bleiben: Da draußen ist Alltag und das Leben geht weiter. Es hatte etwas ungeheuer tröstliches. Mein Zeitgefühl war verschwunden. Es hätte zehn sein können oder zwei, ich weiß es nicht. Unendlich kamen mir diese Wehen vor. Renate tröstete mich: "Heute Mittag hast du dein Kind." Wie konnte sie so sicher sein?
"Jetzt bist du acht Zentimeter auf", sagte Renate. "Du hast doch nicht untersucht", zweifelte ich. Sie sagte, das könne sie an meinem Tönen hören. Stimmt, es veränderte sich. Die Oh- und Ah-Laute mochte ich jetzt lieber. Immer öfter kippte meine Stimme ins Schreien um. Sie wurde rau und der Hals begann zu schmerzen. "Nur nicht, dass meine Stimme versagt", betete ich.
Renate hatte mir einen Hocker geholt und ich fand mich darauf wieder. Irgendwann sagte sie: "Ich setze mich jetzt vor dich und fang dein Kind gleich auf." Ich konnte ihr kaum glauben. Wollte nicht enttäuscht werden. "Renate, das tut so weh", weinte ich. "Ja, das tut so weh", tröstete sie. Nie hätte ich gedacht, dass ein anderer Mensch so schnell so wichtig werden könnte.
Anstrengend wie ein Marathonlauf
Irgendjemand sagte, Presswehen seien eine Erleichterung und nicht mehr so schmerzhaft. Meine Presswehen setzten ein und ich dachte: "Was ist denn das? Das ist ja die Hölle!" Aus meinem Schreien heraus musste ich automatisch pressen. Ganz plötzlich. "Noch mal", sagte Renate. Anstrengend wie ein Marathonlauf. Doch auch hier gab es Pausen. Dabei dachte ich immer, Presswehen wären pausenlos. Komisch. Auf einer Ebene meines Geistes war ich ganz klar und dachte vollkommen logisch mit. Auf einer anderen Ebene war ich wie weg.
Am schlimmsten war dieser Druck. Dieser ungeheure Druck auf mein Steißbein, auf die Blase, auf den Darm. Ich dachte, alles öffnet sich, doch ich war leer. Es war einfach nur der Druck. Ich konzentrierte mich. Und hielt es aus.
Irgendwann fragte mich Renate, ob sie die Fruchtblase eröffnen soll. Ja, gerne, bitte, alles, damit die Geburt so schnell wie möglich zu Ende ist.
Renate sagte: "Jetzt schick deiner Tochter noch mal eine extra Portion Sauerstoff." Ich war froh, die Bauchatmung so lange geübt zu haben. Und atmete ganz tief. Und tönte noch einmal ganz sanft "Juuuliaaa".
Und dann ein – ja, was war es – ein Schmerz? Eher ein unbeschreiblich unangenehmes und doch angenehmes Gefühl. Meine Stimme überschlug sich. Ich spürte das Köpfchen und die Schultern und die Linksdrehung, die mein Baby nahm. Der klare Teil in mir dachte: "Das passt." Der entrückte Teil in mir schrie und schrie. Voller Entsetzen, voller Trauer über das, was da geschah. Gleich würde mein Baby nicht mehr in mir sein. Julia war draußen, ich spürte es, doch ich schrie weiter – ich konnte gar nicht aufhören. Dann verstummte ich. Stille. Und dann Julias Schrei! Endlich, unglaublich. Jetzt schon? Jetzt erst? Wirklich?
Julia ist da
Ich wunderte mich, dass ich gar nicht weinen musste. Ich sah nur die weiße Nabelschnur, die bis auf den Boden reichte. Vorsichtig beugte ich mich nach vorne und beäugte mein Baby. Lehnte mich zurück. Und beugte mich wieder vor. Einige Male. Dann reichte mir Renate das Kind. Bisher hatte ich immer Angst, kleine Kinder fallen zu lassen. Doch Julia hielt ich sicher – sie war mir so vertraut! Mein Baby.
Ich schnitt die Nabelschnur durch. Langsam kam das Glücksgefühl in mir auf. Ich presste noch einmal wie von selbst und die Nachgeburt war da. Die seidige Plazenta und das ganze Gewicht, das ich in den letzten Monaten in mir trug. Ein beeindruckendes Organ. Es hatte seine Dienste getan.
Ich ging zum Bett und bekam Julia in die Arme gelegt. Ich schaute sie an, hielt sie fest. WIR schauten uns an. Sie hatte dunkle Augen und einen tiefen Blick. Ganz ernsthaft. Ganz zart. So warm.
Ich legte sie an. Sie nahm meine Brustwarze und trank sofort. Mit kräftigen Schlucken. Dieses junge neue Wesen war mir schon jetzt ans Herz gewachsen. Entbunden. Und neu verbunden. Ich konnte gar nicht anders, als es lieben. Und werde wahrscheinlich nie anders können.
Die Autorin: Alexandra Winter ist Ärztin und Medizinjournalistin.
Ihre Tochter wurde im August 2005 geboren.

Geburt im KZ
Wir schreiben das Jahr 1942. Birkenau, das Konzentrationslager, wo Schmutz, Ungeziefer und Seuchen einander die Waage halten. Dunkel und voll Schlamm sind die Pferdebaracken, in denen wir wohnen und leben. Leben? Es ist Nacht. Wer um diese Zeit durch das Lager geht, hört das verzweifelte Weinen und Stöhnen der Frauen, die zu zehn und zwölf in den Kojen aufgestapelt sind; aufgestapelt im wahrsten Sinne des Wortes, denn zum Nebeneinanderliegen reicht nicht der Platz aus. Gib Acht, wenn du gehst, wohin du deinen Fuß setzt, damit du nicht über die Leichen fällst, die rings um die Blocks in Massen auf der Erde liegen. Störe sie nicht, lass sie schlafen - ihr Kampf ist zu Ende. Komm mit mir in den Krankenbau, ich werde dir ein Bild zeigen, das du nie vergessen wirst. Halte die Tür fest, damit der Wind sie dir nicht aus der Hand reißt. Und wundere dich nicht. Du darfst dich hier über nichts wundern.
Da liegt eine Frau auf der Erde. Sie hat ihre Zähne fest aufeinander gebissen. Ihre Hände suchen Halt im Schlamm, den man hier Fußboden nennt. Dicht daneben siehst du eine Pflegerin, die Zeitungspapier in der Hand hält und Stück für Stück anzündet. Warum tut sie das, will sie die Baracke in Brand setzen? Nein, sie leuchtet nur. Den hier wird ein Kind geboren, und mehr Licht haben wir nicht.
Du musst dir alles genau anschauen, und du wirst sehen, dass die Frau ohne Decke und ohne Laken im Schmutz der Erde liegt, sehen, dass kein Becken mit Wasser daneben steht, denn Wasser haben wir nur wenn es regnet.
Du darfst nicht vergessen, die junge Ärztin anzuschauen, die neben der Frau kniet und ihr hilft. Hast du schon einmal soviel Verzweiflung in einem jungen Gesicht gesehen? Sie trägt keinen weißen Kittel, ihre Hände stecken nicht in sterilen Gummihandschuhen, aber dafür hat sie den Kopf kahl geschoren, und ihr Gesicht ist nicht nur in dieser Nacht so bleich und verzweifelt. - "Ich kann keine kleinen Kinder mehr sehen", hat sie mir gestern gesagt. Verstehst du nun, warum? Und nun gib Acht, das Kindchen will gleich da sein.
Und die Frau auf der Erde gräbt ihre Hände noch tiefer in den Schmutz, und schreit - schreit. Die Ärztin kniet vor ihr, arbeitet schnell und geschickt mit ihren jungen mageren Händen. Noch ein letzter Schrei, ein letztes Aufbäumen und das Kindchen ist da. Erschöpft sinkt die Mutter zurück und schließt die Augen ... und weint. Schau dich um, und vergiss es nicht.
Sie weinen alle, alle die herumstehen. Kleines, süßes Kind, du kommst nun nicht in eine Wanne mit warmem Wasser. Du wirst nicht in zarte, weiße Windeln gelegt. Du weißt doch nicht, dass wir hier kein Wasser haben und dass wir uns beeilen müssen, denn unser Papier, das uns leuchtet, ist zu Ende. Und du weißt noch nicht, dass morgen in dein zartes weißes Ärmchen spitze Nadeln hineingedrückt werden und eine Nummer zurückbleiben wird, und du dann Häftling Nummer soundsoviel bist.
Wir lieben dich, kleines Wesen. Du wanderst von Arm zu Arm, und wir küssen deine kleinen Füßchen, die eben aus warmer Hülle in Not und Elend gesprungen sind, und das, was du auf deinem Gesicht fühlst ist nicht die Sonne. Es sind Tränen, heiße, bittere Tränen, die wir weinen um dich und vor Zorn über eine Menschheit, die solches geschehen lässt.
O.R. [Zeitungsartikel aus der Dresdener Zeitung "Union" vom 29.9.1946]
Dieser Artikel wurde uns zur Verfügung gestellt von Hanna Strack
www.hanna-strack.de
Dezember 2005
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