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2.2.2001
"Woher kommt der Mensch?" "Wo steht der Mensch?"
"Wohin geht der Mensch?"
Prof. Dr. Detlev Ganten zum Jahr der Lebenswissenschaften / Rede
[…] Das Jahr der "Lebenswissenschaften", - wäre es nicht formal deklariert worden, es hätte sich von alleine aufgedrängt: nicht nur wegen der direkten, persönlichen Betroffenheit vieler Menschen, sondern auch wegen der besonderen wissenschaftlichen Entwicklungen, die wir in den letzten Monaten erlebt haben.
Ich habe diesmal besonders darauf geachtet:
Bei allen Wünschen für das gerade begonnene neue Jahr wurde selbst in den trefflichsten Formulierungen am häufigsten der fast banale Zusatz - "und vor allem Gesundheit" gebraucht. Offensichtlich für viele wichtig, und deshalb sollten wir ihn ernst nehmen.
Wissenschaftlich sind wir Zeitzeugen einer ungeheuer dynamischen Entwicklung der Le-benswissenschaften, der modernen Biomedizin, der Lehre vom Leben, von Gesundheit und Krankheit.
Neben der Genomforschung, die in aller Munde ist, sind es viele traditionelle Disziplinen, die dazu beitragen - zum Beispiel die Genetik, die Zellbiologie, die Immunologie, die Biochemie und die Neurologie, um nur einige von ihnen zu nennen.
Es entstehen zahlreiche neue interdisziplinäre Formen der Wissenschaft, die sich durch Namen wie "Genetische Anthropologie", "Molekulare Medizin" oder "Bioinformatik" vorstellen. Es ist leicht zu prophezeien, dass unsere Zukunft davon geprägt werden wird.
Alle diese Wissenschaften erkunden das biologische Leben, und deshalb hat sich im Amerikanischen die Bezeichnung "life sciences" eingebürgert.
Die derzeitigen Erfolge der Lebenswissenschaften erweisen sich auf der einen Seite als außergewöhnlich spektakulär - sie reichen zum Beispiel von der Offenlegung des menschlichen Genoms über die Erkundung embryonaler Stammzellen bis zu den Möglichkeiten des therapeutischen Klonens - und sie zeigen sich auf der anderen Seite von hoher Relevanz, sowohl in ökonomischer als auch in philosophischer Hinsicht.
Die Biotechnologie entwickelt die Lebenswissenschaften mit ihren medizinischen Anwen-dungen nicht nur zu einem großen Wirtschaftsfaktor, sie stellt den Forschern zugleich auch Methoden zur Verfügung, die uralten Fragen nach der Entstehung und Entwicklung des Lebens und die Herkunft des Menschen in ein helleres Licht zu rücken und damit wissenschaftliche Antworten mit ganz neuer Qualität zu ermöglichen.
Je tiefer die sich selbst und ihrem eigenen Ursprung erforschenden Menschen dabei in die Geheimnisse des Lebens vordringen - und je nachhaltiger sich das dabei Erkannte nutzen lässt - , desto schwieriger werden die ethischen Fragen, die sich nach den Grenzen des menschlichen Eingriffs in das Leben stellen.
Die öffentliche Diskussion um Fragen z. B. der Gentechnologie hat längst begonnen und ein erfreulich hohes Niveau auf breiter Ebene bekommen.
Mit anderen Worten: Das Interesse der Öffentlichkeit an den Lebenswissenschaften ist in ho-hem Maße vorhanden, und es gilt, dieses zu nutzen, um den Menschen Fragen zu ermöglichen, damit sie sich besser orientieren können:
Gemeint sind Fragen, die sich auf Verstehen beziehen:
Was wissen wir, wenn wir die menschlichen Gene kennen?
Was hat eine Genvariante mit Schicksal zu tun?
Welche Rolle spielen meine Gene für meine Gesundheit?
Dürfen Gentests ein Teil der Arbeitsmedizin werden oder von privaten Versicherungsunternehmen gefordert werden?
Gemeint sind weiterhin Fragen, die das allgemeine Vorgehen der Wissenschaft betreffen:
Was kann passieren, wenn neue Wissenschaften wie Nanotechnologie und Biotechnologie zusammengeführt werden?
Welche Manipulationen dürfen an welchen embryonalen Stammzellen vorgenommen werden und welche wissenschaftlichen Möglichkeiten müssen ungenutzt bleiben?
Die Entwicklung der Lebenswissenschaften wird das äußere und das innere Bild unserer Gesellschaft verändern:
Im äußeren Bereich wird eine biotechnologische Industrie entstehen und zusammen mit der molekularen Medizin für ein Verständnis von Gesundheit sorgen, das nur sinnvoll zum Tragen kommen kann, wenn die Menschen Zugang zu dem entsprechenden Wissen haben. Das Jahr der Lebenswissenschaften muss zeigen, wie die entsprechenden Informationen verfügbar und vermittelbar sind.
Im inneren Bereich geht es um das Menschenbild, das die Lebenswissenschaften unter dem Eindruck ihrer Erkenntnisse entwerfen.
Damit habe ich schon die Fragen ins Visier genommen, die den Bogen spannen sollen, der das Jahr der Lebenswissenschaften unter ein Dach bringen soll.
Der Philosoph Immanuel Kant fasst seine Suche nach dem Menschen in folgenden Fragen zusammen:
"Was können wir wissen?"
"Was sollen wir tun?"
"Was dürfen wir hoffen?".
Der naturwissenschaftlichen Suche nach dem Menschen geben wir eine zeitliche Struktur:
"Woher kommt der Mensch?"
"Wo steht der Mensch?"
"Wohin geht der Mensch?".
In der poetischen Fassung finden wir diese Fragen in einem Brief, den Heinrich von Kleist vor ziemlich genau 200 Jahren geschrieben hat:
Ich komme, ich weiß nicht, von wo?
Ich bin, ich weiß nicht, was?
Ich fahre, ich weiß nicht wohin?
Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.
Meine Damen und Herren,
Es geht darum, in Frage zu stellen, Fragen zu formulieren aus philosophischer, naturwissenschaftlicher oder ganz persönlicher; vielleicht sogar poetischer, jedenfalls subjektiver Sicht. Ob wir Antworten finden, ist nicht sicher, aber wir müssen sie gemeinsam suchen - im Dialog. Wir hoffen auf fruchtbare Diskussionen.
Ich bin froh, dass wir das Jahr der Lebenswissenschaften feiern, die Forschungsorganisationen mit der Politik, mit dem Stifterverband für die Wissenschaft und mit vielen anderen Partnern. Ihnen allen Dank, dass Sie dabei sind.
Mich wundert nicht, dass viele von Ihnen nicht uneingeschränkt fröhlich sind und sich sogar Sorgen machen, wenn sie an die Zukunft denken.
Wissenschaft im Dialog, Gespräche über die Zukunft, die mehr und mehr durch Wissenschaft bestimmt wird, macht nur Sinn, wenn sich im Dialog etwas bewegen lässt, wenn der eine vom anderen lernt und dadurch zukünftiges Handeln - oder Unterlassen, wenn wissenschaftliche, gesellschaftliche Entwicklungen beeinflusst werden können.
Karl Popper hat das die "Pflicht zum Optimismus" genannt, weil wir die - offene - Zukunft gestalten können und gestalten müssen im Dialog - mit der ergebnisoffenen Suche nach dem besten Weg.
Zur ersten Frage:
I. WOHER KOMMT DER MENSCH?
Die Beschäftigung mit der Entwicklung des Lebens, - der Evolution, - ist eine naturwissenschaftliche Methode, das "Woher", das "Jetzt" und das "Wohin" des Menschen zu erforschen.
Die Evolution zeigt aus der Vergangenheit in die Zukunft und lehrt uns Perspektive und Bescheidenheit für die Momentaufnahme, die wir "Heute" oder "Gegenwart" nennen.
Vor mehr als 4 Milliarden Jahren, als der Feuerball "Erde" entstand und die Erdkruste sich langsam durch Erkaltung bildete, entwickelte sich erstes Leben möglicherweise auf den heißen Meeresvulkanen bei glühender Hitze und hoher Konzentration von Schwefel und Metallen. Sind wir dieser Hölle entronnen?
Die schwefel- und schwermetallhaltigen Moleküle der ersten Stunde gibt es noch heute bei hochentwickelten Lebewesen und bei uns Menschen. Leicht umgebaut, mit neuen Funktionen tragen wir noch heute gewissermaßen die Entwicklungsgeschichte mit uns herum, die Moleküle der "Extremophilen", die vor Urzeiten auf dem Vulkan tanzten und die den Exzess liebten.
Lebewesen kommen und gehen als Individuen und auch als ganze Spezies . Es wird geschätzt, dass eine biologische Spezies im Mittel 1 bis 10 Millionen Jahre überlebt, "Halbwertszeit" ist das wissenschaftliche Maß dafür.
Fast alle Pflanzen und Tiere, die es einmal auf unserer Mutter Erde gegeben hat, sind daher heute ausgestorben.
Einige Arten sind schlicht verdämmert, andere haben sich durch Genveränderungen umgewandelt in neue Arten.
Es gab aber auch Massensterben von globalen Ausmaßen, zum Beispiel durch Meteoriten-Einschläge, die zum Aussterben der Dinosaurier geführt haben oder durch Klimastürze oder andere Naturkatastrophen.
Seit dem Auftauchen der ersten Primaten vor 40 Millionen Jahren und dem Homo sapiens vor 400 000 Jahren ging es dann scheinbar beständig aufwärts mit uns Menschengeschlecht. Zwar ist der Neanderthaler vor 100 000 Jahren offensichtlich wieder ausgestorben, dafür gab es aber dann einen Trupp von einigen Tausend Menschen, die vor ziemlich genau 52 000 Jahren von Afrika aus die Welt kolonisiert haben und von denen wir alle abstammen.
Die Frage, woher kommt der Mensch ist naturwissenschaftlich somit gelöst: Adam und Eva kommen aus Afrika.
Dass es da noch wissenschaftlichen, theologischen und anderen Streit gibt, übergehe ich mal großzügig zur Feier des Tages und komme zur nächsten Frage:
II. WO STEHT DER MENSCH?
Die Kolonialisierung der Welt durch diese erfolgreiche Menschengruppe aus Afrika war verbunden mit einer wahrhaftigen Kulturrevolution, eingeleitet durch die Entwicklung von Kunst, Schrift, Sprache und damit Dialogfähigkeit, dokumentiert durch die Höhlenmalerei in Chauvet, in der Ardèche und 40.000 Jahre später die frühen Kulturen der Sumerer und Babylonier.
Die Entwicklung der Wissenschaft hat es dann ermöglicht, dass jetzt, die unglaubliche Zahl von 5 Milliarden Menschen auf der Erde ernährt und in Frieden leben könnten - im Prinzip.
Sicher ist, wir werden hier nicht stehen bleiben. Ob wir wollen oder nicht, wir Menschen werden uns weiter entwickeln, die Evolution, die wir lernen zu verstehen, macht auch bei uns nicht halt, sie geht weiter, unaufhaltsam.
Evolution aber ist nur möglich durch Ablesefehler im Kopierverfahren der Gene. Sehen Sie sich die Sammlung von Virchow in dieser Ausstellung an. Hautfarbe, Kieferknochen, Körpergröße, Hirnwindungen, nichts bleibt wie es ist.
Fehler sind unvermeidlich, sie sind wichtig, nicht immer hilfreich.
Die Frage, die wir uns stellen, ist, wie weit wir der natürlichen Entwicklung, den natürlich vorkommenden Veränderungen, die manchmal als Fehler angesehen und die dramatische Folgen haben können, freien Lauf lassen oder ob wir künstlich in sie eingreifen dürfen, wollen, sollen.
Im Grunde haben wir dieses schon entschieden, indem wir zunächst mit Religion und Kräutern, dann mit der Ernährung, der Hygiene, Wohnkultur und schließlich mit moderner Medizin, mit Antibiotika massiv in die natürliche Entwicklung, Überlebensfähigkeit und damit auch in die genomische Selektion eingreifen.
Unser heutiger Standpunkt wäre dann in der Tat nur ein festgefrorenes Standbild im laufenden Film unserer Evolution.
Wichtiger wäre die Frage:
III. WOHIN GEHT DER MENSCH?
Das Rätsel der Menschwerdung kann sich uns nicht aus genetischen Daten erschließen, auch nicht aus der Kenntnis des humanen Genoms oder gar der Subtraktionsanalyse unseres nächs-ten, aber noch nicht ganz so menschlichen Verwandten, dem Schimpansen.
Eine der zentralen Aufgaben der künftigen Lebenswissenschaften wird es sein, den Weg zu finden, der über das Genom hinausführt, um die Sonderstellung des Menschen zu verstehen - seine Menschlichkeit.
Als das Genomprojekt konkret umgesetzt zu werden begann, hat Walter Gilbert als eines sei-ner Ziele genannt, dass unser "genetic make-up" uns zuletzt zeigen kann, "how we ourselves are embedded in the sweep of evolution that created our world", wie wir also in die umfassende Bewegung der Evolution eingebettet sind, die unsere Welt und uns in ihr hervorgebracht hat.
Dies ist deshalb keineswegs selbstverständlich, weil die westliche Welt seit der Antike eher statisch denkt, eine Welt, in der Platon Wert auf unveränderliche (ewige) Ideen legte und in der Euklid unbewegliche geometrische Figuren berechnete.
Bis heute beweisen wir unsere ungebrochene Vorliebe für das Unbewegliche, den Augenblick ("...verweile doch, du bist so schön..."), indem wir ganz selbstverständlich Attribute wie "platonisch" für die Liebe - oder "euklidisch" - etwa für den Raum - verwenden, während wir der entsprechenden Wendung "heraklitisch" eher verständnislos gegenüber stehen. Dabei hat der Philosoph Heraklit die Aufmerksamkeit schon sehr früh auf das Werden lenken wollen.
"Niemand steigt zweimal in denselben Fluss" und "Alles fließt" lauten Einsichten, die von ihm überliefert sind und mehr Beachtung verdienen. Wir sollten in der Lage sein, ganz ungezwungen und selbstverständlich mit der heraklitischen Idee der Evolution, der Veränderung, dem Neuen umzugehen.
Die Evolution ist kein Ding, sondern ein Prozess, und daher ist anzunehmen, dass aus ihr keine Dinge - und also auch keine festen Genomsequenzen - , sondern Prozesse hervorgehen.
Die Evolution bringt in dieser heraklitischen Sicht weder Gene noch Lebewesen hervor.
Wir können die Evolution als Bewegung deuten, die das Leben hervorgebracht hat, das selbst Bewegung ist, und dann fragen, wie aus dieser Perspektive die besondere Rolle des Menschen aussieht. Können wir die eigentümliche Bewegung benennen, die ihn charakterisiert und auszeichnet?
Um hierauf antworten zu können, müssen wir uns dem Gehirn zuwenden, ohne dessen Einbeziehung keine Deutung der biologischen Menschwerdung gelingen kann. Das Gehirn ist das wichtigste Bindeglied zwischen Umwelt und Individuum.
Das Gehirn repräsentiert Außenwelt und Innenwelt des mit ihm ausgestatteten Lebewesens zugleich, und es generiert die Handlungsmuster, mit denen ein Organismus auf seine "Welterfahrung" antwortet.
Das Gehirn ist also in der Evolution der Tiere und darüber hinaus des Menschen das bestimmende Substrat, und unsere Frage lautet,
wie Evolution, Genome und Gehirn zusammenhängen und wie beide zusammen in ein Gesamtbild verwoben werden können, bei dem aus der Bewegung der Evolution zuletzt eine menschliche, humane Welt voller kreativer Kunst und produktiver neuer Wissenschaft hervorgeht.
Dies sind die Fragen, die der Lebenswissenschaft heute und künftig gestellt werden. Dies ist ein Grund, weshalb die Verbindung von Wissenschaft und Kunst, die wir in Berlin besonders pflegen wollen, so kreative Kräfte freisetzt.
"Theatrum naturae et artis", die wunderbare Ausstellung in diesem Gropius Bau, - wo könnte man besser darüber nachdenken und neue Assoziationen finden.
Ich denke, dass wir weiterkommen, wenn wir die Idee akzeptieren, dass die Arbeitsweise der Gene schon Ähnlichkeit hat mit der Arbeitsweise des Gehirns. Auch Gene agieren keineswegs isoliert.
Sie bekommen vielmehr die Möglichkeit, gezielt auf Eigenheiten der Umgebung reagieren zu können, und zwar dann, wenn die Zellen mit Mechanismen, Rezeptoren ausgestattet sind, mit denen Signale empfangen und verarbeitet werden können, die von der äußeren Welt kommen und nach innen über Signalketten wieder zurück in den Zellkern zu den Genen gelangen.
Wer will, kann hier den Ursprung der Kommunikation sehen: Der Dialog der Gene unterein-ander in ihrem Gehäuse, dem Kern und der Zelle sowie der Zellen untereinander im Organ, im Organismus schließlich mit fernen Botenstoffen wie den Hormonen, dem Licht, der Umwelt insgesamt.
Mit anderen Worten: Die Evolution stellt einen Vorgang dar, der alle Chancen hat, Kreativität in die Welt zu bringen, und im Gehirn mit seinen mehr als 100 Milliarden vielfach vernetzten Zellen ist dieses Potential in besonderer Weise genutzt worden.
Kreativität wird damit der Wissenschaft ebenso zugänglich wie die Evolution des Lebens und seine Gene. Wir können diese Beschreibung vom einzelnen Menschen auf die Gesellschaft ausweiten - zum Beispiel die Gesellschaft, die hier und heute versammelt ist.
In dieser Perspektive zeigt sich dann, dass die eigentliche, die eigentümliche kreative Bewegung des Menschen aus seiner Fähigkeit zum Dialog erwächst.
Diese Qualität zeichnet ihn aus, sie hebt ihn aus der Evolution und bringt unsere Kultur hervor.
Das Verstehen des Lebens mit genetischen und evolutionären Mitteln zeigt uns, dass der Dialog unsere eigentliche Qualität ausmacht. Wie anders als mit seiner Hilfe können wir mit den vielen Fragen umgehen, die uns heute gestellt sind?
Die Antwort der Evolution auf die Frage, woher kommt der Mensch, sagt auch, wo er steht, nämlich im Kontext mit anderen. In dieser Interaktion gestalten wir unsere Umwelt und damit die Bedingungen für die Zukunft.
Vielleicht war ja dieser eine Menschenstamm aus Afrika vor 52 000 Jahren, von dem wir alle abstammen, den anderen evolutionär weniger erfolgreichen homo sapiens-Typen besonders sprachlich und in seiner Fähigkeit zum Dialog überlegen.
Es gibt ernsthafte Anthropogenetiker und Sprachwissenschaftler, die dieses behaupten. Diese überlegene Form der Kommunikation hätte es dann erleichtert, neues Denken unter den Menschen entstehen zu lassen:
Anregende Gespräche, Mythen und Religionen, Regeln für das Zusammenleben, Phantasie, Kreativität, Kunst - Wissenschaft und - Humanität.
Sie werden einwenden, der Dialog alleine kann es aber nicht sein, den führen wir inhaltsreich und gefühlvoll auch mit unseren Haustieren, dem Schoßhund und der Hauskatze. Das eigentlich Menschliche kommt hinzu mit unserer differenzierten Sprache, mit originellen Einfällen, eigenwilligen Interpretationen, die ohne andressiertes oder genetisches Bewährungsfilter spontan und individuell sozial verfügbar gemacht werden können.
So können wir eigene neue Vorstellungen der menschlichen Bestimmung entwickeln, in immer weiter werdenden Grenzen, - bewusst auch gegen Prinzipien der natürlichen Auslese, der unsere humanen moralischen Werte erfreulich oft widersprechen. Wie sonst könnte Mitdenken, Mitgefühl und Mitleid unter den Menschen entstanden sein.
Aus den wachsenden Möglichkeiten selbst bestimmter Zielsetzungen erwachsen dann auch prompt die typisch menschlichen Probleme, auch, aber nicht nur, in der Biotechnologie.
Diese Freiheit der autochthonen Zielsetzung unterscheidet den Menschen von der gesamten anderen Lebewelt, sie erzeugt Unsicherheit und sie erfordert Mut und Verantwortungsbewusstsein.
Zum Schluss zurück zum Beginn dieser neuen Epoche der Menschheit vor 52 000 Jahren, - noch gar nicht so lange her, wenn man die 3 Milliarden Jahre Entwicklungsgeschichte des Lebens bedenkt.
Vielleicht sind damals die ersten Märchen erzählt und Dialoge geführt worden, wie bei Alice im Wunderland:
Alice hat sich im Wunderland verirrt, ist von einem großen Mädchen zu einem kleinen Ding geschrumpft und trifft eine Raupe. "Wer bist denn Du?" fragt die Raupe.
"Ich - ich weiß es selbst kaum", antwortet Alice: "Also, wer ich war, heute früh beim Aufstehen, dass weiß ich schon, aber inzwischen muss ich wohl vertauscht worden sein."
"Wie meinst Du das?", fragt die Raupe, "Erkläre Dich."
"Ich fürchte, ich kann mich nicht erklären", sagt Alice. Doch sie weiß, dass Raupen ja auch die Erfahrung der Verwandlung machen und sagt zur Raupe:
"Wenn Sie sich eines Tages verpuppen und danach zu einem Schmetterling werden, das wird doch gewiss auch für Sie sehr sonderbar sein."
"Keineswegs", antwortet die Raupe.
"Für mich wäre das sehr sonderbar."
"Ja", antwortet die Raupe, "für Dich - dann sage mir doch endlich, wer bist denn Du?"
Wissenschaft im Dialog - in Form eines Märchens.
Vielfältige Dialoge haben wir uns vorgenommen im Jahr der Lebenswissenschaften:
Antworten wollen wir geduldig suchen in einer lebhaften, lebendigen, möglichst menschlichen Gemeinsamkeit.
Und immer wieder wollen wir in Frage stellen, neue Fragen formulieren und auf sie hören:
Ich komme, ich weiß nicht, von wo?
Ich bin, ich weiß nicht, was?
Ich fahre, ich weiß nicht wohin?
Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.
[…]
Prof. Dr. Detlev Ganten
Wiss. Stiftungsvorstand des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch, Vorsitzender der Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren
Quelle:
Lifescience
Newsletter 2.2.2001
www.lifescience.de/news/article/06269/index.html
Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch,
verbindet molekularbiologische Grundlagenforschung und Genetik mit klinischer Forschung.
Das MDC ist nach dem deutsch-amerikanischen Nobelpreisträger Max Delbrück benannt. Gemeinsam mit Timoféeff-Ressovsky, der von 1930 bis 1945 in Buch arbeitete, legte Delbrück die Grundlagen für die molekulare Genetik. Richtungsweisend war ihre gemeinsam mit Karl Günter Zimmer 1935 veröffentlichte Schrift "Über die Natur der Genmutation und der Genstruktur".
Max Delbrück (4.9.1906 Berlin - 10.3.1981 Pasadena/USA):
In Berlin geborener Physiker; veröffentlichte zusammen mit Nikolai Wladimirovich Timoféeff-Ressovsky und Karl Günter Zimmer 1935 die wegweisende Schrift "Über die Natur der Genmutation und der Genstruktur". 1969 Nobelpreis für Physiologie und Medizin zusammen mit Alfred Hershey und Salvadore Luria für Entdeckungen auf dem Gebiet der Replikationsmechanismen und der genetischen Struktur von Viren. Delbrück gilt aufgrund seiner grundlegenden Arbeit über genetische Mechanismen und Bakteriophagen als einer der Väter der modernen Genetik.
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC)
13122 Berlin-Buch
Robert-Rössle-Str. 10
Tel.: +49- 30 - 94 06-0
Fax: +49- 30 - 9 49 4161
E-Mail:
presse@mdc-berlin.de
www.mdc.de
Wissenschaftlicher Vorstand
Prof. Dr. med. Detlev Ganten
Tel.: +49- 30 - 94 06 32 78
Fax: +49- 30 - 9 49 70 08
E-Mail: ganten@mdc-berlin.de
www.mdc-berlin.de/ueber_das_mdc/struktur/lebenslaeufe/lebenslauf_ganten.htm
Quelle und mehr Info:
www.mdc-berlin.de
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