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Sind die Menschenzüchter noch zu retten?
von Jürgen Reuter

Es wird wieder diskutiert über Menschenzüchtung in unserem Land. Über die Züchtung maßgeschneiderter Nachkommen und die damit verbundene Selektion derer, deren Erbanlagen - aus heutiger Sicht - nicht zukunftstauglich erscheinen.

Als behinderter Mensch fühle ich mich durch die vom Philosophen Peter Sloterdijk ausgelöste Debatte bedroht. Vielleicht wäre ich vor oder bei der Geburt aussortiert worden. Vielleicht sind es bald (dumpfe) Zeitgenossen, die die "Gedankenspiele" von heute in die Tat umsetzen und mir ans Leder gehen.

Und dann habe ich mich geärgert. Ist der Autor derart in seiner Gedankenwelt gefangen, dass er die Tradition des Humanismus der Gelehrten zum Maßstab aller Erfahrungen macht? Und weiß Sloterdijk nicht, wem er durch den Gebrauch eines durch unsere Vergangenheit belasteten Vokabulars in die Hände spielt?

Es muss eine breite Diskussion geben

Immerhin, Sloterdijks Feststellung, dass die Menschen durch den wissenschaftlich-medizinischen "Fortschritt" immer mehr auf die aktive Seite der Selektionsmöglichkeiten geraten und damit die Zukunft der Spezies Mensch selbst in die Hand nehmen können, ist - leider- zuzustimmen. Zuzustimmen ist auch seiner Folgerung daraus, dass es Regeln und gesellschaftlicher Normen bedarf, um diese neue Situation zu meistern und dass es dazu eine breite Diskussion geben muss.

Also diskutieren wir. Ganz energisch zu kritisieren und abzulehnen ist in diesem Fall Sloterdijks gefährliches und überhebliches Liebäugeln mit der Züchtung von Menschen, gesteuert durch eine Wissenselite:

Gegenüber derartigen Züchtungsphantasien gilt es die Vielfalt der Schöpfung und die Würde jedes einzelnen Menschen zu verteidigen.

Angesichts des unaufhaltsamen Voranschreitens der Einflussmöglichkeiten des Menschen auf seine eigene Zukunft hege ich die Hoffnung, die mechanistischen Kausal-Ketten, nach denen sich alles Machbare automatisch durchsetzen wird, endlich zu sprengen durch einen "Quantensprung": Aus Überheblichkeit wird Demut, was die Stellung des Menschen in der Schöpfung angeht. Und aus Verzagtheit wird Mut, was den Einsatz für die Bewahrung unseres Lebensraumes und für ein menschliches, offenes und gelassenes Miteinander betrifft.

Ähnlich wie uns das der klassischen Physik entlehnte Ursache-Wirkung-Denken jahrhundertelang geprägt hat, bringen uns jetzt vielleicht Leihgaben aus der modernen Physik weiter, die auch Zufall, Vielfalt und Chaos als ordnende Kräfte einbezieht.

Vor der Zukunft habe ich dann - auch als behinderter Mensch - keine Angst mehr. Im Gegenteil.

Jürgen Reuter (38), Marketingleiter der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V.

Quelle:
www.aktion-mensch.de/magazin/gentechnik/gen02.html#content
März 2001

Der vollständige Artikel ist im
Magazin der Aktion Mensch, Ausgabe 4/99 erschienen:

Aktion Mensch
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