Geschichte(n) weiblichen Heilens
von Leila Dregger
Für Frauen ist – entgegen anders lautender Gerüchte – der Heilberuf das älteste Gewerbe der Welt. Und das umkämpfteste. Ich möchte einladen zu einer Reise durch die Geschichte weiblichen Heilens. Da ich Geschichten liebe, wird einiges in Anekdoten erzählt.
Frauen, die heilen konnten oder es lernen wollten, wurden im Lauf der Geschichte verehrt und geheiligt, gefürchtet und verdächtigt, mit der Göttin gleichgesetzt, des Verkehrs mit dem Teufel bezichtigt, verbrannt, aus Gilden und Universitäten ausgeschlossen, mit Berufsverbot belegt, in ein technokratisches Gesundheitssystem eingereiht. Trotzdem haben sie es nicht aufgegeben: 80% aller im Gesundheitswesen tätigen Menschen sind heute weiblichen Geschlechts; schlechte Bezahlung und unmögliche Arbeitszeiten konnten ihnen diesen Berufswunsch nicht austreiben. Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts dürfen Frauen nicht nur pflegen und helfen, sondern auch selbst wieder den Arztberuf ergreifen; und erst seit wenigen Jahrzehnten erobern sich die ersten wieder eine Art ganzheitlich-weibliches Heilwissen. In den Frühkulturen, in denen die Schöpfungsgöttin als Tor zum Leben und zum Tod verehrt wurde, galten Frauen als ihre Stellvertreterinnen. Pflanzenheilkunde, Berührungstechniken, Gebet, Tanz, schamanische Techniken müssen in den Stämmen der Jungsteinzeit Teil eines schöpferischen Kontinuums gewesen sein.
Ein Nomadenstamm vor 40.000 Jahren in Südeuropa
Ein Unglück ist geschehen. Ilo wurde von einer Bärin angefallen und konnte schwer verletzt gerettet werden. Man hat ihn zum Stein der Heilerin getragen. Hohl klingen die Knochen auf dem Felsen; die Körper der Tänzer kreisen in der Dämmerung; kehliges Summen schwillt zum lauten Singen an, als der Abendstern über der großen Esche erscheint. Vor Ilos Augen tanzt es, alles wird zu tanzenden Funken, seine Schmerzen, die Sterne, die Stimme von der, die heilt.
Er erblickt den entblößten Leib der Großen Mutter. Seine Lebensenergie beginnt wieder zu fließen. Fremd klingt ihre Stimme, als sie zu seinem großen Ich spricht. Und während sein kleines Ich auf dem Leib der Erde liegt, während Hände nach ihm greifen, ihn berühren und die zerschlagenen Knochen richten, wandert er weit in das Land seiner Seele und versteht: die Tänzer und das ewige Muster des Lebens, den Zorn der Bärin, den gerissenen Faden zur Herrin der Tiere. Jäh spürt er Angst. In diesem Moment hört er den Ruf der Mutter der Tiere, er spürt ihn so klar wie nie, und er weiß: Er wird leben, und er hat ein Geschenk erhalten. Ab nun wird er im Stamm die Stimme der Bären repräsentieren. Erschöpft schläft er ein. Die Heilerin lächelt unter ihrer Maske; der Unfall des unvorsichtigen Jungen hat ein Ungleichgewicht in Ordnung gebracht, das schon länger im Stamm herrschte – eine Lücke im Wissen um die Tiere. Jetzt ist seine Seele geheilt; und sein Körper wird ohne Zweifel wieder ganz gesund werden.
Zur Zeit der ersten Stadtgründungen und Tempelkulturen in Kleinasien und Südeuropa konzentrierte sich das Heilwissen in den Händen der Priesterinnen. Tempel wurden für die Heilung, die Segnung der Fruchtbarkeit und den Handel aufgesucht; Priesterinnen übernahmen nicht nur die Verantwortung für die Gesundheit des Einzelnen, sondern auch für das Wohlbefinden des Stammes bzw. der Stadt, für seine Beziehungen zu Tieren und Pflanzen, zur göttlichen Welt, zu anderen Völkern. Heilungswissen war die Basis der Macht; Kunst und Kultur, Handwerk und Handel wurden von hier gelenkt; politische Macht wurde von der Göttin gesegnet.
Die höchste Göttin der Sumers hieß Innana. Die Göttin der Liebe, der Heilung und der Geburt war bekannt für ihr Mitgefühl. Zwischen 4000 und 2000 v.Chr. konnten Frauen viele Berufe ausüben, auch den der Heilerin. Durch Grabfunde und Schriftrollen kennen wir heute mehr als 800 Heilrezepte aus Sumer. Mehrere hundert Heilpflanzen wurden benutzt, es gab chirurgische Instrumente, destillierte Kräutermedikamente, Träume wurden gedeutet, Gebete, Talismane und Amulette genutzt.
Tempel der Astarte in Kleinasien, 4000 Jahre vor Christus
Zimbeln erklingen; das Licht vieler Kerzen erleuchtet die Wände. Vor dem Schlangenaltar wiegen zwei Schülerinnen ihren Körper. Der Bauer kann nicht genug bekommen von ihrem Anblick. “Schau doch nur, dort hinten! Ihre Brüste!” Milde überhört die Priesterin seine respektlose Rede. Sie sieht seine eingefallenen Wangen und seinen ausgezehrten Körper. Weitere Orakel sind nicht mehr notwendig. “Du hast der Göttin geopfert, dich gestärkt und geruht, Isarion. Nun setz dich zu mir, ich will dir sagen, was für eine Krankheit dein Dorf heimsucht. Sie geht zurück auf einen Wurm, den ihr einnehmt über euer Getreide. Der Grund ist, dass euch die Mutter des Lebens zürnt. Ihr habt den Wald gefällt, der ihr geweiht war – deshalb blieb zur Wachstumszeit der Regen aus, und das abgestandene Wasser der Zisterne brachte die Würmer. Ihr müsst eure gesamten Vorräte verbrennen; der Tempel wird euch bis zum nächsten jahr mit gesundem Getreide versorgen. Zum Zeichen, dass ihr die Göttin wieder ehrt, werdet ihr das kommende Fest der neuen Saat ausrichten und die Bewohner aller sieben Dörfer dazu einladen. Die Priesterinnen werden dasein und mit ihrem Tanz die Saat des neuen Waldes segnen. Und nun lass dir die Medizin für die Pflege deiner Leute geben.”
Um 2000 v.Chr. wurden in Sumer Göttinnen durch männliche Götter ersetzt; Frauen wurde das Recht auf Heilung aberkannt. Händler und Seefahrer brachten das medizinische Wissen nach Ägypten und Phönizien, später Griechenland und Rom, schliesslich durch jüdische Übersetzer nach Europa. So wurde Sumer zur Wiege westlicher Heilsysteme. Für die Frauen, die in den neuen Imperien Ägypten, Griechenland und Rom nur untergeordnete Stellungen hatten, war der Heilberuf und sein Wissen nicht mehr zugänglich.
Das war nicht das Ende weiblicher Heiltätigkeit. Frauen taten weiterhin, was sie immer tun: sie saßen am Bett von Gebärenden, Kranken oder Sterbenden und halfen ihnen mit dem, was sie hatten. Sie pflegten, beteten, kochten und heilten – unauffällig, alltäglich – mit Intuition, Anteilnahme, Kenntnis um Ernährung und Pflanzen und dem geheimnisvollen Wissen der Vorgänge rund um die Fortpflanzung. Die Essenz ihrer Erfahrungen wurde weitergegeben, verschlüsselt in Mythen und Märchen, Geschichten, Aberglaube, Ritualen, die eine Frau von der anderen übernahm. Im Mittelalter waren Heilerin und Hebamme ein Lehrberuf für Frauen, der von einer auf die andere weiterging. Geheimnisvoller waren weise Frauen, die auf Wissensquellen zurückgriffen, die wir heute nicht mehr nachvollziehen können. Im Hochmittelalter – als Frauen vorübergehend zu mehr Rechten und einem besseren Leben kamen – kam ihr Wissen zu einer neuen Blüte. Beruhigende und fiebersenkende Hausmittel, schmerzstillende und heilende Kräuter, Verhütung und Abtreibung, Massage- und Trancetechniken bis hin zu chirurgischen Eingriffen (Kaiserschnitt) sind dokumentiert. Magie – verschlüsselt in christliche Gebete – gehörte dazu. Die weisen Frauen nutzten Gebete oder Zaubersprüche, bewusstseinsverändernde Drogen, heilige Orte wie Quellen oder Berge, besondere Sonnen- und Mondstellungen und Tiere als Führer auf den Pfaden der Seele. Teile des Wissens der Hexen ähneln frappierend schamanischen Ritualen. Erst der Hexenhammer setzte diesem weiblichen Wissensstrom ein Ende.
1474, Würzburg
“Was höre ich da, du willst mich nicht bezahlen, Ekkehard? Habe ich dich nicht geheilt – besser als all deine Ärzte? Habe ich nicht Gebete über dich gesprochen, dir Pflaster mit Salben aufgelegt, wie sie niemand in deiner Umgebung kennt? Um Mitternacht habe ich die Pflanzen dafuer gesammelt – an Orten, an denen noch nicht einmal meine Katze mich begleitet. Die Frauen aus deinem Haushalt habe ich untersucht, weil kein Mann ihre Blöße sehen darf, habe ihnen gezeigt, wie sie für Sauberkeit sorgen können, weil Gesundheit Reinlichkeit braucht. Ich habe ihnen gezeigt, wie sie sich auf ihre Geburten vorbereiten können und was ihre Kinder essen sollen, damit ihnen die Zähne nicht ausfallen. Sogar dein Vieh habe ich mir angeschaut und den Segen über die kranke Kuh gesprochen – nun bezahle mich wie ausgemacht!” “Bezahlen soll ich Dich? Sei froh, dass ich dich nicht wegen Hexerei anzeige. Weibern wie dir, die nachts aus dem Haus gehen, um an einer Quelle zu sitzen und mit Tieren zu sprechen, sollte das Handwerk gelegt werden. Christlich waren deine Gebete nicht; wer weiß, wen du alles verhext hast. Verschwinde aus meinem Haus, du elendes Weib. Das größte Unglück des Mannes ist es, aus den stinkenden Geschlechtsteilen einer Frau geboren zu werden.”
Der letzte Satz ist ein Originalzitat des Fürstbischofs von Würzburg aus jener Zeit. Im Jahre 1487 wurde von zwei dominikanischen Mönchen ein Buch veröffentlicht, das bald zu einem Weltbestseller wurde: der Hexenhammer. Er rief auf zur Ermordung praktisch aller wissenden Frauen. Dieses böseste und verhängnisvollste aller Bücher dokumentiert die geschichtliche Urangst des Mannes vor der Frau. In 700 Jahren berbrannte die heilige Inquisition in Europa zwischen einigen hunderttausend und Millionen Frauen – der Hauptverdachtsmoment war weibliches Wissen, namentlich Heilwissen. Das weibliche Wissen war eine Konkurrenz für die aufkommenden Gilden und nicht durch Staat oder Kirche zu beherrschen. Die Frau musste bezwungen werden, ihr Heilwissen vernichtet, um Wirtschaft, Handwerk und Wissenschaft in männliche Hände zu bringen.
Medizin heute
Wie in allen gesellschaftlichen Bereichen, so hat das Fehlen der Weiblichen Stimme auch in der Medizin in eine Sackgasse geführt. Als eine der faszinierendsten Technologien unserer Zeit kann sie (unbemannte) Raumsonden von der Größe einer halben Kichererbse durch den Organismus schicken und Filme ausstrahlen, auf denen wir das Weiß im Auge der feindlichen Bazille sehen sehen, bevor sie ins Jenseits torpediert wird. Sie kann Tiere und bald auch Menschen klonen, sämtliche Körperorgane nachkonstruieren und einsetzen, die Lebensfunktionen eines Sterbenden über so viele Jahrzehnte erhalten, dass kein Lebender sich mehr an den Klang seiner Stimme erinnert.
Ich behaupte nicht, im Notfall auf sie verzichten zu können. Aber ich möchte dennoch auf einen ihrer Widersprüche aufmerksam machen. Jeder medizinische Fortschritt wird mit einer gigantischen Zahl an Opfern erkauft: mit dem Tod und dem unsagbaren Leiden von Versuchstieren. Dieses organisierte Verbrechen ist Teil des lebensverachtenden Systems, das uns ja erst krank gemacht hat. Wenn wir wirkliche Heilung wollen, werden wir uns für eine andere Medizin entscheiden müssen. Langsam kommen die Heilerinnen aus ihrer feministischen Schutznische, die sie in den letzten Jahrzehnten innehatten. Durch Austausch und Erfahrung am eigenen Leib haben sie Wissen gesammelt, das sie jetzt nicht mehr unter den Scheffel stellen, sondern leuchten und wirken lassen. Sie agieren nicht vor allem mit Messer und Maschine, sondern mit Stimme und Farbe, Sprache und Pendel, Pflanze, Tier und Stein. Sie haben nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele im Blick; nicht nur das Individuum, sondern auch das Umfeld, das es krank gemacht hat. Letztlich geht es nicht nur um Heilung des Menschen, sondern um Heilung der Erde; denn Heilung ist keine Privatsache.
© bei der Autorin.
Die Autorin:
Leila Dregger ist Journalistin und Herausgeberin der Zeitschrift “Die Weibliche Stimme”, im Internet: www.weibliche-stimme.de
Im Mai 2005 erscheint ihr Buch:
Ich bin noch nicht in Frieden.
Auf den Spuren einer neuen Frauenkraft
Verlag Meiga, ISBN: 3927266159
Herzlichen Dank an Frau Dregger für die freundliche Erlaubnis, diesen Artikel bei Geburtskanal zu publizieren. Er erschien zuerst in der Zeitschrift “Die Weibliche Stimme – für eine Politik des Herzens”, Ausgabe 10, 2003.

Links zum Thema:
Heilkunde als Beruf - Frauenheilkunde und ihre Verdrängung
http://www.frauenwissen.at/frauen_heilkunde.php
Frauen und Kräuter - von der Antike bis heute
http://www.ceiberweiber.at/ownpages/history/frauenkraeuter.htm
Altes Kräuterwissen und moderne Phytotherapie
http://www.heilpflanzentutorial.de
Frauengesundheit (Linkliste)
http://www.geburtskanal.de/Links/Frauengesundheit.php
Literatur rund ums Thema Frauenheilkunde:
Die Frau als Heilerin
von Jeanne Achterberg
Scherz; ISBN: 3502150028
Starke Medizin
von Luisa Francia
Frauenoffensive; ISBN: 3881042660
Hebammen und heilkundige Frauen
von Sibylla Flügge
Stroemfeld; ISBN: 3861091232
Die großen Heilerinnen
Elisabeth Brooke
Econ Tb.; ISBN: 3612263951
Hexen, Hebammen und Krankenschwestern
von Barbara Ehrenreich und Deirdre English
Frauenoffensive; ISBN: 3881040315
Das geheime Wissen der Frauen
von Barbara G. Walker
Arun-Verlag 2003; ISBN: 3935581262
Zur Heilerin berufen
von Helene Neumayr
Orlanda 2005; ISBN: 393693729X
Scivias, Wisse die Wege
von Hildegard von Bingen
Herder; ISBN: 3451041154
Hildegard Medizin
von Wighard Strehlow
Lüchow 2004; ISBN: 3363030401
An heymlichen orten
Männer und der weibliche Unterleib.
Eine andere Geschichte der Gynäkologie
von Marlene Faro
Reclam Leipzig 2002; ISBN: 3379007854
Das geheime Wissen der Mütter
von Deborah Jackson
Mosaik 2002; ISBN: 3576112286
MamaToto – Geheimnis Geburt
von Carroll Dunham, Frances Myers u.a.
vgs Verlagsgesellschaft; ISBN: 3802512618
Die Hexe und die Heilige (Roman)
von Ulrike Schweikert
Droemer/Knaur 2004; ISBN: 3426628708
Mehr in diesen Bücherlisten:
Naturheilkunde – Alternative Heilkunst
http://www.geburtskanal.de/Literatur/NaturHeilkunde.php
Literatur von Hebammen – Für Hebammen
http://www.geburtskanal.de/Literatur/Von_Hebammen_fuer_Hebammen.php
Ausgewählte Bücher von Frauen für Frauen
http://www.frauenwissen.at/buecher.php
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