Jedes Kind ist anders
Großfamilienerfahrungen
von Anna Schreiber
Immer schon hatten wir uns viele Kinder gewünscht, mein Mann Gerno und ich. Schon als ich in die Schule kam, fand ich, dass dort das Verspielte fehlte, dass es zu steif zuging und die größeren Kinder schon zu erwachsen waren, zu ernst. Immer wieder machte ich Besuche im Kindergarten, ganz besonders, nachdem mein vier Jahre jüngerer Bruder einen Kindergartenplatz bekommen hatte. Ich ging einfach hin und bot meine Hilfe an, fand die Kinder einfach super, so direkt, ehrlich und gefühlvoll, ganz anders als die Erwachsenen, die bereits gelernt hatten, ihre Gefühle zu verbergen und sich angepasst zu verhalten. Gegen Ende meiner Schulzeit machte ich ein Schulpraktikum im Kindergarten, und nun stand endgültig fest: Ich wollte mal eine ganz große Familie haben!
Auch mein Mann bewunderte die wundervolle Art, wie kleinere Kinder auf die Welt und die Menschen zugingen, schon sehr früh. Bei Familienfesten war es für ihn das Größte, auf eine Schar Kinder aufzupassen und mit ihnen zu spielen. Er selbst war Einzelkind und hatte sich immer vergeblich ein Geschwisterchen gewünscht. Da beschloss er, dass wenigstens seine Kinder mal immer jemanden zum Spielen haben sollten.
Als ich 21 war und Gerno 31, haben wir schließlich Ernst gemacht und mit John, unserem ersten Kind, sozusagen den Grundstein für unsere Großfamilie gelegt. Und wenngleich ich heute sagen muss, dass sich längst nicht alle unsere Wünsche erfüllt haben (weil im Leben eben vieles anders kommt, als man denkt), so bin ich doch dankbar für all die Erfahrungen, die ich mit meinen vielen Kindern machen durfte, Erfahrungen, die mich sehr viel über das Leben lehrten und die ich niemehr missen möchte.
Die erste Erfahrung, die wir rund ums Kinderkriegen machten, war die, dass das Zeugen eines Kindes nicht unbedingt in jedem Fall bedeutet, nur die bisher "gefährlichen Tage", an denen man früher verhütete, zu den "richtigen" Tagen zu erklären. Und die wichtigste Erfahrung, die wir machen durften, war die, dass jedes Kind anders, eben ein Individuum, ist, egal wieviele Kinder man bekommt!
Was aber ist es, das uns Menschen zu Individuen macht, und das auch noch dann, wenn sie, wie das bei Geschwistern der Fall ist, aus dem "Genpool" von nur zwei Menschen, eben ihrer Eltern, schöpfen? Was macht uns zu dem, was wir sind, sind es vorrangig unsere Erbanlagen oder sind wir doch vor allem geprägt von den Erfahrungen, die wir von frühester Kindheit an machen? Nun, die Psychologen und Pädagogen streiten sich darüber schon sehr lange: Galt bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts noch die Erziehung als der Hauptfaktor dessen, was uns prägt, so gibt es heute, zu Beginn des neuen Jahrtausends, immer mehr Vertreter der Theorie, dass wir doch zu einem viel höheren Maß von unseren Genen bestimmt werden als wir das bisher vermuteten. Zu dieser Wandlung haben sicher auch die enormen Entdeckungen in der Genforschung beigetragen, die allerdings, wie uns bewusst sein muss, immer noch in ihren Kinderschuhen steckt und sicher künftig noch so manche Überraschung für uns bereit hält.
Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich selbst die Kinder in unserer Familie, die wir nach bestem Wissen und Gewissen gleich erzogen haben, vollkommen unterschiedlich entwickelt haben. Andererseits, wer kann schon sicher sein, dass man überhaupt in der Lage ist, mehrere Kinder gleich zu erziehen! Immerhin bringen sich die Kinder oft mit so unterschiedlichen Verhaltensweisen ein, dass man darauf nur schwerlich gleich reagieren und sie somit letztlich wohl auch nicht gleich erziehen kann! Wenn ich zwei Jungen im gleichen Alter beibringen möchte, mehr selbst zu laufen anstatt sich noch im Buggy schieben zu lassen, kann dennoch das eine Kind willig mitmachen, während sich das andere schlichtweg querstellt! Bleibe ich aber konsequent und versuche es mit dem "widerspenstigen" Kind einfach immer wieder, wird sich auch hier - wenngleich mit erheblich höherem Aufwand - ein Erfolg einstellen. Ich habe also ein Verhalten anerzogen.
Nach sieben Kindern, von denen heute zwei bereits erwachsen und zwei noch Kleinkinder sind, kann ich wohl von mir behaupten, dass mich der "pädagogische Realismus" wohl am ehesten überzeugt hat, sprich die Annahme, dass sich das, was wir sind, sowohl aus genetisch festgelegten Eigenschaften als auch aus all den Erfahrungen, die wir im Laufe eines Lebens machen, zusammen setzt. Weder den "pädagogischen Optimismus" (Erziehung ist alles) noch den "pädagogischen Pessimismus" (alles wird durch die Erbanlagen bestimmt) fand ich jemals überzeugend, wenn ich mir so meine Kinder ansah, wie sie sich - eins ums andere - entwickelten.
Unsere Kinder sind - das kann jeder bestätigen, der sie kennt - grundverschieden: John, der Erste, heute 20, erinnert noch immer am meisten an ein Einzelkind, beschäftigt sich viel und gerne mit sich selbst (vor allem am PC), ist ernst, sensibel und gerecht und tut sich ein klein wenig schwer, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Timo, 19, ist kontaktfreudig, noch der gleiche "Quatschkopf", der er bereits im zarten Alter von einem Jahr war, ist viel sportlicher als John und trotz seiner Kontaktfreudigkeit tief drinnen dennoch ein wenig schüchtern. Cora, 17, ist unser Familienrebell, verwechselt Gleichberechtigung mit Bevorzugung und versteckt hinter viel Aufmüpfigkeit ihre leisen Seiten, die sie mit Sicherheit hat (sie singt zum Beispiel sehr gerne Lovesongs!). Ronny, 13, ist ein "Mixkind", zeigt ganz unterschiedliche Seiten, von liebevoll bis jähzornig, von vernünftig bis Kleinkind, von lustig bis viel zu ernst, aber durchweg sehr sensibel. Wolfi, 5, ist ein echter Floh, der am liebsten auf der Couch herumhüpft, ständig irgendjemandem die Ohren vollquasselt und Witze macht, tolle Sachen baut und nie genug Action haben kann. Arne, 3, ist superlieb, supersensibel, supergefühlvoll, und manchmal tiiiierisch eifersüchtig auf seine kleine Schwester Felicity, 1, die sich momentan zu einer Art weiblichem Gegenstück (Typ Clown) zu Timo zu entwickeln scheint, vielleicht mit einer Prise mehr Ungeduld.
Doch wie konnten die Kids so unterschiedlich werden!?
Was die Erbanlagen betrifft, so hatten mein Mann und ich von Anfang an den Eindruck, dass gewisse grundlegende Charakterzüge tatsächlich von Geburt an das Verhalten der Kinder beeinflussten. John war eher ruhig und geduldig, Timo eher vom Typ laut und charmant, Cora versuchte es schon sehr früh (vor allem bei ihrem Papa) mit großen wimpernklimpernden Augen, Ronny spielte eigentlich immer das Baby, Wolfi versuchte sein Glück schon in frühester Zeit mit einer Mischung aus fordern und witzigen Blicken, Arne zeigt sich schon immer teils gefühlvoll, teils tapfer und Felicity war immer schon das weibliche Gegenstück zu Timo, schelmisch und zielstrebig.
Alles andere hat sich meiner Meinung nach aus den Erfahrungen heraus ergeben, die die Kinder alle gemacht haben. So merkt man doch, wie die Einflüsse, denen sich die Kids gegenüber sahen, sie deutlich mit geprägt haben, wobei sich sicher verstärkende Erziehungseinflüsse deutlicher bemerkbar machten als abschwächende. Schließlich ist es leichter, ein Kind, das zum Beispiel von Anfang an gerne alle Spielangebote im Kindergarten angenommen hat, darin zu bestärken, dies auch weiterhin zu tun, als eines, das Kindergartenspiele "doof" findet, dazu zu bringen, dem Ganzen erstmal eine Chance zu geben!
Ein "Erziehungseinfluss", der ganz sicher auch eine nicht unerhebliche Rolle spielt, ist die Zeit, in die das jeweilige Kind hineingeboren wird, und der jeweilige Zeitgeist. So hat sich beispielsweise die lieblose Art, wie man bis in die 70er-Jahre hinein mit Neugeborenen umgegangen ist (Trennung von der Mutter gleich nach der Geburt, nur alle vier Stunden zum Stillen bringen usw.), mit Sicherheit negativ auf die Mutter-Kind-Beziehung ausgewirkt, denn die Prägung, die bekanntlich in den Stunden nach der Geburt statt findet, blieb aus, und die Mütter wie die Kinder waren allein. So musste erst nach und nach eine Beziehung aufgebaut werden, die sonst meist ganz natürlich von alleine entstanden wäre.
Doch welche Erfahrungen waren es, die unsere eigenen Kinder geprägt haben?
Da ist zunächst mal unser John. Als er geboren wurde, hatte ich das deutliche Gefühl, dass er genauso unsicher war wie ich selbst. Und ich bin überzeugt, dass ihn all die Erfahrungen, die wir vor und während der Schwangerschaft mit ihm so machten, mit geprägt haben. So zum Beispiel der Fakt, dass wir fast ein Jahr auf den Eintritt der Schwangerschaft hatten warten müssen. Denn es ist doch etwas anderes, ob man einfach mal so schwanger wird oder ob die Zeit davor der pure Stress war! Die ersten "Übungsmonate" gingen ja noch, aber da die Leute, die ich kannte, immer nur davon sprachen, wie überaus schnell sie schwanger geworden waren, dachte ich recht schnell, dass bei uns wohl etwas nicht stimmen konnte. Und so gingen wir von Arzt zu Arzt und hörten so allerhand Aufregendes, zum Beispiel, dass "es" selten am Mann liegt und man zuerst alle Untersuchungen bei der Frau macht, bevor man den Mann untersucht. Nun, bevor sie mir letzten Endes mal prophylaktisch den Eileiter durchpusteten, ging mein Mann schließlich freiwillig zum Arzt und ich zu einem andern Gynäkologen - mit dem Resultat, dass organisch nichts zu finden war und wir uns wohl "verkrampften" vor lauter Kinderwunsch, wir sollten das Ganze entspannter angehen und ich vielleicht auch noch eventuellen psychologischen Problemen auf den Grund gehen, so unentspannt wie ich sei! Nun, mag sein, dass es Zufall war, mag sein, dass die therapeutischen Gespräche etwas genützt haben (obwohl ich das Ganze unbeendet abgebrochen habe!), wie auch immer: Jedenfalls war ich dann doch endlich schwanger und freute mich riesig! Ich dachte von Anfang an dauernd an mein Kind, stellte mir vor, wie es wuchs, was es empfand, hatte Angst vor einer Fehlgeburt, weil so manche Geschlechtsgenossin mir erzählt hatte, dass "es" oft noch in den ersten drei Monaten "abgeht" und war durchweg hin- und hergerissen zwischen Glückseligkeit und panischer Angst. Und als ich John endlich hatte, war ich selbst erstaunt, dass alles gut gegangen war: Mein "Mutterpass" dokumentierte einen ganz normalen Ablauf von Schwangerschaft und Geburt!
John wurde als einer der ersten Jahrgänge "sanft" geboren, das heißt, man nahm Rücksicht auf die empfindlichen Sinne des neugeborenen Kindes, dämpfte das Licht und den Geräuschpegel und trennte die Nabelschnur erst durch, nachdem sie aufgehört hatte zu pulsieren. Auch der bis wenige Jahre zuvor noch übliche Klaps auf den Popo (angeblich des Atmens wegen) unterblieb. John schien auch ganz zufrieden und blinzelte uns aus seinen blauen Augen heraus unverwandt an. Auch die Nachgeburtszeit verbrachten wir "neumodisch": Gerno und ich hatten auf Rooming-in bestanden (ich wollte mein Kind Tag und Nacht selbst versorgen und bei mir behalten). Allerdings gab es viel Stress deswegen: Ich wurde weitab von allen Wöchnerinnen in ein Einzelzimmer gelegt, damit ich die anderen jungen Mütter nicht mit meinen "Extrawürsten" infizierte. Außerdem nervte die Nachtschwester weit mehr als wir verkrafteten. Sie gab dem Kind ungefragt Tee, sprach mir mein Stillvermögen ab und bezeichnete meinen Mann, nur weil er in der EDV arbeitete, als unfähig, Kinder zu erziehen! Also packten wir in der zweiten Nacht einfach die Sachen und verließen unter größtem Gezeter seitens einiger Klinikangestellter, aber doch immerhin mit dem OK des Oberarztes, nachts um etwa halb eins die Klinik!
John´s Kindheit war gezeichnet von Bemerkungen Außenstehender (Spielgruppe, Kindergarten, Schule usw.), er sei immer sehr höflich, hilfsbereit, ruhig usw., allerdings machte sich der eine oder andere auch mal Sorgen, ob John nicht etwas zu einsam sei (er hat sich schon immer mit Kontakten schwer getan!). Mir persönlich fiel vor allem auf, dass er sehr familiär veranlagt war und einen gutmütigen Charakter hatte. Als er größer wurde, bekam er so allerlei an Allergien, was ihn dann doch aus der Ruhe zu bringen schien, denn nun wechselten sich ruhige und weniger ruhige Phasen ab. Doch John blieb John, und deshalb sitzt er schon seit Jahren sehr gerne am PC, wo er nicht nur spielt, sondern auch programmiert, mir mit meiner Homepage hilft und vieles mehr. Ins Kino geht er zwar auch ab und zu, aber wie es scheint, genauso gern alleine wie in Gesellschaft. Ich denke, Menschen sind ihm einfach zu kompliziert! Und in der Computerei geht es logischer, berechenbarer zu!
Wahrscheinlich ist er innerlich viel unsicherer als es nach außen hin scheint, und das würde wieder perfekt zusammen passen mit meiner eigenen Unsicherheit, als ich John bekam. Vielleicht ist ja doch was dran an der Behauptung "Das geht alles auf´s Kind über!" und John hat meine Unsicherheit gespürt, die sich auf ihn übertrug und ihn selbst unsicher machte. Vielleicht ist das aber auch psychologischer Unfug,...jedenfalls ist es nicht an mir, dies zu entscheiden.
Bei unserem zweiten Kind war alles komplett anders: Zunächst mal hatten wir uns auf viel Wartezeit bis zum Eintritt einer Schwangerschaft eingestellt, und dann wurde ich - am Ende der Stillzeit - auf Anhieb schwanger! Das heißt, der angestrebte Abstand der Kinder zueinander war nun nicht ungefähr zwei Jahre, sondern gerade mal vierzehn Monate! Das bedeutete Stress! Auch für John änderte sich einiges, denn ich musste ihm so sicherlich mehr abverlangen als bei einem größeren Altersunterschied der Kinder; so brachte ich ihm beispielsweise beizeiten bei, die große Treppe, die in unsere Wohnung führte, zu überwinden, ohne dass ich ihn unbedingt tragen musste, denn ich konnte mir nicht recht vorstellen, wie ich - womöglich mit zwei Einkaufstüten - später zwei Kinder gleichzeitig hoch tragen sollte! Doch John war ja "pflegeleicht", und das Hochkrabbeln und später das Hochgehen machten ihm richtig Spaß! Dennoch denke ich, dass sich ein Kind, das schon früh zur Selbständigkeit erzogen wird, anders entwickelt als eines, bei dem man dafür keinen Zeitpunkt festlegen muss.
Die Schwangerschaft mit Timo war wesentlich anstrengender als die mit John, schließlich hatte ich nun ein Baby/Kleinkind zu versorgen und konnte mich nicht ausruhen, wann immer ich es brauchte. Zwar war John sehr brav, doch musste man natürlich auch ihm erst einmal erklären, was ging und was nicht, dass Blumentöpfe und Kabel tabu waren usw., und abgesehen davon war er unentwegt bei mir, wollte spielen, hoch genommen werden und was sonst noch so alles dazu gehört. So bekam ich im vierten Monat vorzeitige Wehen und "verschliss" von da ab eine (von der Krankenkasse bezahlte) Haushaltshilfe nach der anderen, bis endlich, einige Wochen vor dem Geburtstermin, die Wehen hemmenden Medikamente abgesetzt werden konnten. Die Angst vor einer Frühgeburt, die ich bis dahin ausgestanden hatte, spürte sicher auch Timo, doch es war nicht zu ändern. Ich empfand diese Schwangerschaft als äußerst stressig! Immerhin, so dachten wir, kannten wir nun schon die Entbindungsklinik, den Oberarzt usw., und so gingen wir davon aus, dass unsere Wünsche noch von John her bekannt waren, und sparten uns wenigstens den Stress, extra Gesprächstermine mit dem Oberarzt auszumachen. Doch es wäre besser gewesen, wir hätten das getan, denn Timo kam nachts, und die Hebamme, die ganz allein Dienst hatte, bewies so viel Unfähigkeit, dass ihr wegen dieser Entbindung gekündigt wurde. Sie hatte mich nur beschimpft, wie wehleidig ich sei, und hatte es nicht für nötig erachtet, den Arzt zu holen.
So kam es, dass Timos Geburt für mich zur schlimmsten je erlebten wurde. Und Timo musste erst einmal bis zum Morgen in ein Wärmebett, weil auch er ganz gestresst war! Organisch war Gott sei Dank sowohl bei ihm als auch bei mir alles paletti, und so verließ ich die Klinik bereits am Vormittag wieder, um mich zu Hause von einer niedergelassenen Hebamme weiter betreuen zu lassen.
Timo war ein echter Wirbelwind. Fegte John einmal mit dem Rutschauto über den Flur, so tat es Timo in der gleichen Zeit zweimal. Er lachte viel und spielte vor allem bei weiblichen Besucherinnen zu gern den Charmeur! Er war fordernd, was seine Bedürfnisse anging und brachte mich mit seiner ausgeprägten Trotzphase gehörig ins Schwitzen!
Im Kindergarten gab es sehr bald Beschwerden von Seiten der betreuenden Nonnen, Timo würde die anderen immer nur ärgern und sei für die Gruppe nur gerade noch tragbar.
Während der ersten Schuljahre gab es ganz ähnliche Schwierigkeiten, angeblich fing Timo stets mit Raufereien an. Allerdings hörte dies - etwa im vierten Schuljahr - sehr plötzlich auf, als sowohl wir Eltern als auch die Lehrer endlich begriffen hatten, dass Timo keineswegs immer der Unruhestifter war, sondern lediglich lauter auf - auch unauffälligere und leisere - Angriffe reagierte. Timo war einfach nur ehrlich und weniger "hintenrum" als manche seiner Widersacher.
Von da an ging es aufwärts mit Timo, die schulischen Leistungen besserten sich immer weiter. Und heute ist Timo nicht nur allseits beliebt, sondern muss sich auch so manches Mal "Streber" nennen lassen...Timo hat es im Laufe seiner Kindheit und Jugend hervorragend gelernt, Situationen diplomatischer zu lösen, geht auch heute noch ehrlich mit sich und der Welt um und wird sicher seinen Weg machen! Im Moment verfolgt er sein Ziel, Psychologe, Erzieher oder etwas Ähnliches zu werden, und ich sehe keinen Grund, warum er das nicht schaffen sollte!
Ich selbst war, seit wir zwei Kinder hatten, zwar viel im Stress, aber auch zuversichtlich, es zu packen. Unsicherheit verspürte ich nur noch hinsichtlich der Frage, ob es mir gelingen würde, meine Jungs auch zu lebensfrohen Menschen erziehen zu können.
Je länger ich meine beiden Jungs hatte, umso mehr fühlte ich mich wie auf einsamem Posten in unserer Familie - und wünschte mir ein Mädchen! Diesmal verhüteten wir eine Zeit lang, pokerten dann ein wenig, wie lange es bis zum Eintritt der Schwangerschaft dauern würde und kriegten den gewünschten Zwei-Jahres-Abstand einigermaßen hin: Cora wurde ein Jahr und zehn Monate nach Timo geboren.
Die Schwangerschaft mit ihr war ziemlich ereignislos. Es gab das eine Zipperlein hier und das andere dort, aber mit ein wenig Babysittereinsatz hie und da lief eigentlich alles recht gut und diesmal ohne zu viel Stress. Denn mittlerweile hatte ich gelernt, lieber rechtzeitig - zum Beispiel auch von meinem Mann - anzunehmen als die Supermutter zu spielen und hinterher Wehen zu bekommen.
Coras Geburt war dann schon weniger ereignislos: Zwei Tage vor dem errechneten Termin gab es ein nächtliches Gewitter, ich schreckte vom Donner hoch - und die Fruchtblase platzte. Und da das Köpfchen bei der letzten Schwangerschaftsvorsorge noch nicht weit genug ins Becken eingetreten war, bestand die Möglichkeit einer Komplikation durch Nabelschnurvorfall, und so musste ich liegend ins Krankenhaus transportiert werden! Die Wehen setzten augenblicklich ein, und vor lauter Aufregung hatte ich im Nu alle Entspannungs- und Atemtechniken vergessen, und als während der Fahrt im Krankenwagen die Wehen stärker wurden, packte mich die komplette Panik! Ich fühlte mich so hilflos, und wollte unter gar keinen Umständen nochmal eine so traumatische Entbindung erleben wie bei Timo! Also erbettelte ich mir eine Geburt unter Periduralanästhesie, da diese mir wenigstens die Schmerzen teilweise nehmen würde. So hatte ich zwar keine natürliche Geburt, aber wenigstens die Aussicht, das Ganze seelisch einigermaßen unbeschadet zu überstehen! Doch es blieb aufregend: Der Anästhesist verschätzte sich wohl ein wenig in der Menge des zu verabreichenden Medikaments, und als ich wieder im Schmerzrausch war und die kindlichen Herztöne "runter gingen", fiel plötzlich das Wort "Sectio"! Vielleicht dachten die das nicht bei einer Vierundzwanzig-Jährigen, aber ich hatte stapelweise Schwangerschaftslektüre verschlungen und verstand sehr gut, dass es um einen Kaiserschnitt ging. Ich sprach den Arzt darauf an, verlangte, man solle nicht über mich, sondern mit mir reden und mir sagen, wie viele Minuten man mir noch geben könne, bevor ein Kaiserschnitt unausweichlich sei. Der Arzt und seine Kollegen waren sichtlich überrascht und beeindruckt und gaben mir fünf Minuten. Ich sagte von nun an, was geschehen sollte und verlangte nach mehr Schmerzmittel. Wenn es so sei, wie ich vermutete, so erklärte ich, könne ich mich danach entspannen, dadurch besser atmen und dann ginge es dem Kind sicher auch wieder besser! Und genau so war es: Innerhalb von knapp fünf Minuten gab es absolut keine Veranlassung mehr für eine Sectio! Und ich wunderte mich selbst, wie sehr ich über mich selbst hinaus gewachsen war! Es war ein absolutes Schlüsselerlebnis für mich, das mir sehr viel Zuversicht in meine eigenen Fähigkeiten gab!
Cora wurde einige Stunden später - mit der Hand voraus - ganz normal geboren. Und wir waren überglücklich, tatsächlich ein Mädchen bekommen zu haben! Stolz verließ ich nach einigen Stunden die Klinik, diesmal, wie auch schon bei Timo, geplanterweise.
Ich weiß nicht, ob sich meine neu gewonnene Selbstsicherheit auf meine Kinder übertrug, aber sie kamen mir in den Folgejahren wirklich glücklich vor. Sie lachten und weinten, zeigten Intelligenz und entwickelten sich prächtig.
Dann zogen wir um nach Augsburg. Augsburg war total anders als die Stuttgarter Gegend. Die Leute kamen uns relativ "bärbeißig" vor, wie man das dort nannte. Und ich bin mir heute sicher, dass meine Kinder in der kleinen Reihenhaussiedlung, die wir anfangs so "idyllisch" fanden, einige schlechte Erfahrungen mit Menschen machen mussten, die sie nachhaltig veränderten. So stellte ich zum Beispiel nach einigen Jahren fest, dass ein Nachbar seine drei oder vier Töchter missbrauchte (zumindest, bis ich ihm mit der Polizei drohte!), und eine Nachbarin drohte uns mit schwarzer Magie, wenn wir nicht leiser würden usw. Doch die Situation auf dem Arbeitsmarkt und unsere Finanzen ließen es erst nach vielen Jahren zu, dass wir erneut umzogen.
Hätten wir die Situation früher erkannt, hätten wir zumindest darauf verzichtet, ausgerechnet hier ein Kind zur Welt zu bringen: Ronny wurde 1988 geboren - es war eine Hausgeburt!
Nun ja, ich muss sagen, es war schon eine schöne Geburt - und die einzige, die ich ohne auch nur die geringste medizinische Intervention durchleben konnte und durfte. Zu Hause hatten wir uns auch prima auf alles vorbereiten können: Zu Wehenbeginn haben wir noch langsam getanzt, später unsere Lieblingsmusik gehört und am Schluss ganz entspannt das Kind zur Welt gebracht. Die Hebamme meinte irgendwann während des Wehenverlaufs, sie fühle sich irgendwie überflüssig, weil wir das alles so toll alleine hinkriegten, aber ich versicherte ihr, dass ihre bloße Anwesenheit genau die Hilfe sei, die ich mir wünschte. Ich denke, sie war froh, als die Presswehen kamen und sie endlich aktiv werden konnte!
Übrigens: Als wir nach der Geburt die Kinder hinzu riefen, steckte Cora den Kopf zur Tür herein und fragte: "Und? Was ist es? Ein Junge oder ein Mädchen?" Und als wir sagten, es sei ein Junge, strahlte sie, stellte sich auf die Zehen, stolzierte auf uns zu und sagte (teils auch zu Hebamme und Arzt): "Und hier kommt die Tochter!" Sie war ziemlich stolz auf ihre Sonderposition als einziges Mädchen, und das bereits mit dreieinhalb Jahren!
Wir haben uns übrigens damals wie heute immer redlich bemüht, unsere Kinder beiderlei Geschlechts gerecht zu erziehen, und dennoch stellten wir fest, dass Cora wesentlich mehr mit Puppen spielte als John oder Timo dies zum Beispiel taten. Die Jungs "spezialisierten" sich - ganz jungengemäß - auf Autos und Eisenbahnspielen. Nichts desto Trotz mussten die Jungen bei uns ebenso mithelfen wie Cora, egal ob es sich um Saubermachen oder Spülmaschine bedienen handelte.
Als schwierig in Bezug auf die Erziehung zur Selbständigkeit empfanden wir bei Cora den Umstand, dass sie sich allzu gern "hinter ihren Brüdern versteckte"! Sie schien sehr wenig Lust zu haben, ihre eigenen Fähigkeiten auszubauen und fand es viel einfacher, den Jungen den Vortritt zu überlassen. Dies führte langfristig dazu, dass Cora schließlich doch eine Rolle übernahm, die man wohl eher bei Mädchen findet, nämlich die der armen Kleinen, der man alles abnehmen muss, weil sie es ohnehin nicht kann. Obgleich uns diese Entwicklung nicht verborgen blieb, war es uns dennoch trotz einiger Versuche, dem entgegen zu steuern, nicht möglich, Cora wieder aus dieser Rolle heraus zu bekommen. Sie blieb lange Zeit das arme, kleine, hilfsbedürftige Mädchen, dem die großen Brüder helfen mussten, und John und Timo akzeptierten sehr gern ihre Position als Gentlemen und Gönner.
Den kleinen Ronny empfand Cora nicht als Konkurrenz. Sie fand durch ihn endlich wenigstens zeitweilig zu einer anderen Rolle - der der fürsorglichen großen Schwester. Sie wollte sogar beim Wickeln tatkräftig mit anpacken! Ronny war für sie wie eine ihrer Puppen, denn eigentlich war sie ja noch zu klein für eine mutterähnliche Rolle. Und so wandelte sich nach Ronnys Ankunft Coras Rolle insofern, als dass sie fortan wechselte zwischen selbst das Baby spielen und andererseits sich gegenüber Ronny als die Größere zu fühlen. John und Timo spielten nach wie vor eher die Beschützer für Cora, wohingegen Cora nun diese Rolle gegenüber Ronny einnahm.
Bis wir aus Augsburg wegzogen, bemerkte ich, dass unsere Kinder etwas hektischer und weniger fröhlich geworden waren. Aber auch uns hatte der ewige Kleinkram mit den seltsamen Nachbarn ziemlich zugesetzt! So waren wir froh, als irgendwann alle von uns außerhalb der vier Wände zu tun hatten: Die Großen gingen zur Schule, Ronny ein Vierteljahr lang zur Tagesmutter und danach in den Kindergarten, Gerno zur Arbeit und ich zur Schule, um meine Fremdsprachen-Ausbildung nachzuholen. Wir hatten den Eindruck, dass diese Zeit zwar ziemlich stressig war, auch für die größeren Kinder, die nun fleißig im Haushalt mithalfen, dass aber vor allem unsere Schüler davon profitierten, dass ihre Mama nun wieder hautnah zu spüren bekam, wie es ist, Angst vor Klassenarbeiten zu haben und es mit Lehrern zu tun zu haben, die einen zur Weißglut bringen konnten.
Kurz danach zogen wir um. Wir wohnten fortan zwar nur einige Kilometer entfernt, waren aber mit einer Nachbarschaft gesegnet, die uns nichts Böses wollte und wo wir uns akzeptiert und nicht bedroht fühlten.
Mit dem Umzug hatte vor allem Timo ein wenig Probleme. Er fürchtete, über eine lange Zeit keine neuen Freunde zu finden und hatte zu der Zeit ziemliche Schwierigkeiten, sich an Regeln zu halten. Doch glücklicherweise hielt dieser Zustand nur wenige Wochen an, denn Timo hatte schneller wieder Freunde gefunden als er es je für möglich gehalten hätte!
Ronny kam nun bald in die Schule. Dort hatte er mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen, weil er für sein Alter noch sehr kindlich und somit den harten Anforderungen seitens Lehrer und Schüler nicht wirklich gewachsen war. Anfangs ging es noch so einigermaßen, aber nach der fünften Klasse mussten wir ihn vorübergehend in eine besondere Schule tun, bis er so viel innere Sicherheit hinzugewonnen hatte, dass er klar kam und nicht mehr jeden dummen Spruch persönlich nahm. Interessanterweise erwies sich hier die ausnahmsweise Aufnahme an der Körperbehindertenschule als besser für Ronny als eine Schule für Kinder mit sozialen Schwierigkeiten, zu denen ein zu kindliches Verhalten ja gerechnet wird. Doch weder wir noch die Experten fanden es eine gute Idee, ein sensibles Kind in die gleiche Schule zu stecken wie eines, das zum Beispiel wegen Schlägereien umgeschult werden musste!
Als Ronny acht war, wurde Wolfi geboren (Juni 1996). Wolfi war das erste unserer Kinder, das eine "ältere Mutter" hatte, der erste, bei dem es mittlerweile normal war, unter vielen verschiedenen Schwangerschaftskursen zu wählen, und auch ein Rooming-in war mittlerweile normal, wenigstens tagsüber. Wolfi war entstanden, noch bevor sich sein Vater so richtig auf ihn eingestellt hatte, deswegen empfand ich diese Schwangerschaft als meine einsamste. Zwar gab sich Gerno weiß Gott alle Mühe, doch es war einfach nicht das Gleiche, als wäre es eine hundertprozentig-gemeinsame Entscheidung gewesen. Keine Ahnung, ob Wolfi etwas von meiner schlechten psychischen Verfassung während dieser Schwangerschaft zurückbehalten hat. Ich hoffe nicht!
Mit Wolfis Ankunft änderten sich natürlich die Familienstrukturen erneut, und ich musste feststellen, dass die Psychologen in der Hinsicht Recht haben, wenn sie behaupten, dass es in einer Familie mit wachsender Personenzahl immer kompliziertere Beziehungen gibt, weil einfach jeder zu jedem eine bestimmte Beziehung aufbaut und diese sich total von dem unterscheiden kann, was ein anderes Familienmitglied empfindet. Außerdem hat man nicht nur eine oder zwei Personen, die einen so oder anders sehen, sondern gleich mehrere, die einen unter Umständen auch ganz verschieden betrachten. Das das Bild, das ich von mir habe - die Psychologen nennen dies "Selbstbild" - kann sich somit von dem Bild, das die anderen von mir haben - dem "Fremdbild" - gleich in mehreren Fällen unterscheiden. Das bedeutet, man bekommt ständig verschiedene "Feedbacks" seitens der Familie, die man mit dem eigenen Selbstbild vergleichen kann. Das kann einen manchmal verwirren, entpuppt sich aber meiner Meinung nach langfristig als ein Faktor, der wesentlich dazu beiträgt, dass man sich letztlich selbst findet und besser einschätzen kann - in meinen Augen ein unschätzbares Gut für die persönliche Entwicklung und Reifung!
All diese psychologischen Gedanken beschäftigen mich besonders, seit Wolfi zu uns gehört. Denn für mich wurden mit seiner Geburt die Familienstrukturen endgültig unüberschaubar. Aus meiner Warte hatte ich vorher noch einigermaßen den Überblick, wer wem wie gesonnen war, wer wem am meisten half usw.. Doch von nun an musste ich lernen, ein wenig loszulassen, Verantwortung für die Entwicklung der einzelnen Kinder abzugeben - in die Verantwortung der gesamten Familie. Das heißt, ab diesem Zeitpunkt musste ich auch immer häufiger einfach mal Vertrauen haben, dass zum Beispiel John, wenn er mal mit Wolfi spielte, das auch richtig macht.
Nach diesen Lernerfolgen war es mir auch möglich, Wolfis Babyzeit besonders zu genießen. Er durfte sich einfach entwickeln, ohne dass ich ständig, wie ich es bei seinen größeren Geschwistern noch oft getan hatte, das was er tat, mit dem verglich, was in irgendwelchen Entwicklungstabellen stand! Es reichte mir nun, wenn die Kinderärztin bei jeder Vorsorgeuntersuchung bestätigte, dass Wolfis Entwicklung absolut in geregelten Bahnen verlief!
Doch Wolfi machte es mir auch leicht, denn er war eher schnell in seiner Entwicklung, außerdem genauso musikalisch wie seine Schwester und ein absolut lustiges, wonniges Baby. Sobald er laufen konnte, begann er zu klettern, und noch heute - er ist jetzt fünf - müssen wir ihn manches Mal "vom Schrank pflücken". Er rechnet schon bis zehn und redet über sehr viele anspruchsvolle Themen, die sogar den Erzieherinnen im Kindergarten auffallen.
Als Wolfi zweieinviertel Jahre alt war, wurde unser Arne geboren (November 1998). Die Schwangerschaft mit Arne verlief wieder recht schön, ich konnte die Menschwerdung genießen. Nur am Ende gab es ein paar Probleme mit Wassereinlagerungen. Aber es ging soweit alles glatt, bis drei Wochen vor dem Termin schließlich Arne ans Licht der Welt drängte.
Ich wünschte mir - wie bei Cora - eine Periduralanästhesie gegen die Wehenschmerzen. Denn die Erinnerung an Wolfis Geburt machte mir ziemlich Angst: Sie war äußerst schmerzhaft gewesen, die schmerzhafteste Entbindung, die ich bis heute erlebt habe! Wir hatten ihn - so wie Ronny - zu Hause bekommen wollen, mussten schließlich jedoch in die Klinik, weil der Wehenverlauf so unangenehm wie nie zuvor war und wir - die Hebamme, mein Mann und ich - ganz richtig vermuteten, dass dies einen guten Grund haben würde. Das Problem, das sich schließlich zeigte, waren Wolfis breite Schultern und sein relativ hohes Geburtsgewicht - er brachte stolze 4530 Gramm auf die Waage! Doch mit viel Mühe konnte Wolfi dennoch normal geboren werden.
Dennoch: Bei Arne wollte ich es etwas leichter haben, und mein Gynäkologe spielte auch mit. Ich bekam eine supertolle PDA, die nicht, wie damals bei Cora, von der Taille abwärts vorübergehend lähmte, sondern wirklich nur die Schmerzen ausschaltete. Es wurde eine absolut leichte Geburt, ich hätte nie gedacht, dass so etwas möglich ist! Fast hätten wir Arnes Ankunft sogar verpasst, denn ich war so gelassen, dass das Klinikteam sich gemütlich unterhielt und dachte, es würde sicher noch längere Zeit dauern. Die Situation war regelrecht bizarr: Das Team unterhielt sich, Gerno und John, der diesmal mit dabei sein wollte, aßen - in Vorbereitung auf anstrengende Stunden - ein Brötchen, und ich dachte, ich müsse mich wohl irren und könne demnach wohl kaum schon (schmerzlose) Presswehen haben! Doch der Druck Richtung "Ausgang" wurde schließlich enorm, und da dachte ich, vielleicht sollte doch mal jemand unter meinem Laken nachschauen, was los war. Also informierte ich die Hebamme mit den Worten: "Also irgendwie drückt´s da nach außen!" Schwupps war sie da, schwupps raste John, den Fotoapparat zu holen, schwupps schmiss auch Gerno sein Brötchen weg, schwupps kam noch eine dicke Wehe und schwupps schoss Arne heraus! Fast hätten ihn die Hebamme und der Arzt nicht auffangen können, denn er kam heraus wie eine Kanonenkugel, und alle mussten irgendwie lachen!
Als der Arzt mir Arne reichte, fiel mir auf, dass das Baby irgendwie seltsam schaute - oder eben nicht schaute! Ich war es von früheren Geburten her gewöhnt, dass die Kinder im ersten Lebensmoment entweder die Augen zukniffen oder aber interessiert oder höchstens verwundert in die Gegend sahen. Doch Arne schaute irgendwie starr, und die Hebamme meinte, er sehe gestresst aus, vielleicht durch die schnelle Austreibungsphase.
Weiter dachten wir uns erstmal nichts. Arne fühlte sich so kuschelig weich und warm an, es war auch beim sechsten Mal das absolute Mega-Ereignis für uns! Es ist sooo süß, wenn man nach der Geburt dieses lang ersehnte Baby endlich Haut an Haut spüren darf! Und auch Arne schien es zu genießen, weinte aber sofort, wenn man ihn nicht in Ruhe hinfühlen ließ! (Die Babys wissen eben schon sehr früh, was ihnen gut tut!)
Arnes Ohrmuscheln sahen obenherum irgendwie unreif aus, so wie bei manchen Frühchen. Doch die Hebamme meinte, das würde sich bald geben. Ich fragte mich, ob das damit zu tun hatte, dass Arne drei Wochen vor dem Termin geboren wurde.
Nach einer Weile versuchte ich Arne anzulegen. Ich wollte ihn wie alle meine Kinder stillen. Doch es klappte nicht, er "schnappte" nicht zu. Also ließ ich ihn erstmal in Ruhe, wahrscheinlich, so dachte ich, war er einfach noch zu geschafft. Sowas kam ja durchaus vor!
Das Klinikpersonal war unübertrefflich: So viel Zuwendung und Freundlichkeit wie in diesem kleinen Kreiskrankenhaus in Schrobenhausen, einem kleinen bayrischen Städtchen, war uns noch nie entgegen gebracht worden. Man betreute uns nicht nur während der Geburt besonders nett, sondern brachte uns im Nachhinein noch Sekt, Schokoriegel und Kerzen zum Feiern des frohen Ereignisses! Es war einfach superschön!
Wie geplant verließen wir etwa zwei Stunden nach Arnes Geburt die Klinik. Zu Hause hatte Timo ein Willkommensschild gemalt und aufgehängt, und die ganze Familie bestaunte Arne und begrüßte ihn ganz lieb!
Während der ersten Nacht stellte ich fest, dass Arne immer noch nicht trank. Konnte er derart müde sein? Er schien immer schlafen zu wollen. Verzweifelt flößte ich ihm wenigstens ein bisschen abgedrückte Muttermilch mit dem Löffel ein, doch viel ging leider nicht.
Im Laufe der nächsten Tage überschlugen sich dann die Ereignisse: Arne bereitete das Trinken nach wie vor große Schwierigkeiten, ich pumpte Milch ab, die ich ihm nur mittels einer Flasche mit sehr großem Saugerloch (Breisauger) geben konnte. Fast hätte er in die Klinik gemusst, um mittels Sonde ernährt zu werden. Doch mit Hilfe von Hebamme, Still- und Laktationsberatung und einer guten elektrischen Milchpumpe kam Arne gerade noch einmal ohne Sondierung davon. Doch auch sonst hatte ich ein ungutes Gefühl: Arne erinnerte mich an das, was ich über Frühchen gelernt hatte, kam mir irgendwie unreif vor, auch wenn ich nicht genau sagen konnte, warum. Das Einzige, was ich sehr schnell bemerkte, war, dass Arne praktisch nicht strampelte und außerdem seine Schulterpartie oft nach hinten überstreckte, so als wolle er etwas hinter ihm ansehen. Als er wenige Tage alt war, fielen der Hebamme und mir Arnes eingeschlagene Daumen auf, die uns an eine Chromosomenstörung denken ließen. Doch es dauerte viele Wochen, bis wir die Kinderärztin dazu brachten, uns an einen Kinderneurologen zu überweisen. Als Arne schließlich zwölf Wochen alt war, stellten wir ihn in einem Sozialpädiatrischen Zentrum vor, wo auch ein Neurologe arbeitete. Er stellte nach eingehender Untersuchung - hauptsächlich auf Grund der adduzierten Daumen - die Verdachtsdiagnose "MASA-Syndrom". Er bereitete uns nach einigem Nachbohren unsererseits auf eine ungewisse Zukunft vor: Es konnte sein, dass Arne nur einige Lernschwierigkeiten übrig behalten würde, es konnte aber auch passieren, dass wir später einen schwer geistig und körperlich behinderten Sohn im Rollstuhl haben würden!
Der Schock war riesengroß: Mir war von einer Sekunde zur anderen klar, dass wir hier und heute eine Grenze überschritten hatten, die Grenze zur Welt der Behinderten, die Grenze zwischen der Welt der Eltern, die stolz die Erfolge ihrer Kinder beobachten und der Welt der Eltern, die sich über jeden noch so kleinen Fortschritt wie über ein kleines Wunder freuen! Irgendwie empfand ich diesen Moment auch als "das Ende der Unschuld", wie ich es später nannte: Nie wieder würde ich so blauäugig denken, dass mich irgendetwas wohl nie tangieren würde! Wie alle Eltern hatten wir uns unser Baby vorgestellt als ein vollkommenes Baby, das alle lieben würden, das gesund und munter war. Und nun mussten wir uns daran gewöhnen, dass gerade unser Baby anders war, es schwer haben würde und uns sehr viel mehr brauchen würde als wir uns vielleicht vorstellen konnten.
Die Diagnose bestätigte sich später, und ich musste nun auch noch damit klar kommen, dass ich dieses defekte Gen an meinen Sohn, den ich doch so liebte, weitervererbt hatte. Gedanken an Menschen kamen hoch, die Arne wie mich am liebsten loswerden würden, rechtsextreme Menschen. Doch mein Mann half mir sehr, und irgendwann schaffte ich es, diese Gedanken hinter mir zu lassen. Als ich nach einigen Monaten gut mit der Tatsache zurecht kam, dass unser Baby behindert war, hatte ich die vielfältigsten Gefühle und Phasen hinter mich gebracht: Trauer, Wut, Verzweiflung, Hoffnung, Überaktivität und vieles mehr. Doch ich hatte mich wieder einmal besser kennen gelernt und habe dies nie bereut! Heute leben wir ganz normal mit Arnes Behinderung. Wir lieben ihn alle sehr und so wie er ist. Und wir freuen uns alle, dass er weit mehr gelernt hat, als anfangs zu erwarten gewesen war: Er kann laufen, fast sogar rennen, er spricht genug, um sich verständlich zu machen und er begreift wesentlich mehr als wir nach den ersten Prognosen zu hoffen gewagt hatten! Und was das Beste ist: Er hat ein total sonniges Gemüt und unheimlich viel Verständnis für zwischenmenschliche Beziehungen, fast vermute ich sogar, mehr als die meisten anderen Kinder! Nach allem anfänglichen Kummer möchte ich heute sagen, dass ich mir keinen besseren Sohn als Arne vorstellen kann, auch wenn seine Qualitäten nicht alle innerhalb der derzeit gültigen gesellschaftlichen Normen zu finden sind! Aber was sind schon gesellschaftliche Normen! Arne ist genauso gut wie jeder andere Mensch, und für mich eben genauso gut wie jedes seiner Geschwister - nur eben anders!
Eine ganz besondere Erfahrung durften wir mit Arne machen, als er etwa fünfeinhalb Monate alt war. Dass er an Balkenmangel litt, wussten wir bereits. Gemeint ist das Fehlen der Verbindung zwischen den beiden Großhirnhälften, das bei unserem Besuch beim Kinderneurologen diagnostiziert worden war. Die Prognosen standen nicht allzu gut. Einige Tage nach dieser Untersuchung wurde Arne getauft. Jeder der anwesenden Familienangehörigen und Paten sollte, soweit möglich, seinen Beitrag zur Tauffeier beitragen. Irgendwann konnte ich das, was uns der Pfarrer von Akzeptanz des Zustandes unseres Kindes so alles erzählte, nicht mehr ertragen und sagte: "Herr, ich akzeptiere wohl, nun ein behindertes Kind zu haben. Aber als seine Mutter bin ich auch gefordert, das Beste für mein Kind zu verlangen, auch wenn das vielleicht unbescheiden klingt! Ich bitte dich, unserem Kind wenigstens ein bisschen mehr an Voraussetzungen für sein Weiterkommen zu geben!" Der Pfarrer sah mich ziemlich seltsam an. Doch ich dachte: Ich bin nicht sehr religiös, doch wenn es wirklich einen Gott gibt, wird er wissen, wie ich es gemeint habe! Ein paar Tage danach wurde Arne noch einmal von einem anderen Arzt untersucht. Er stellte den Balkenmangel im Ultraschall genauso dar wie sein Kollege, und auf den ersten Blick sahen auch die (bei Arne erweiterten) Ventrikel (Hirnhohlräume) genauso aus, wie ich es vom ersten Arzt her kannte. Doch plötzlich entdeckte der Arzt etwas, das, wie ich, die ich ja auch alles gesehen habe, bestätigen konnte, vorher noch nicht dagewesen war: Innerhalb der Ventrikel, an den Wänden entlang, hatten sich Nervenstrukturen gebildet, die wahrscheinlich eine neue Verbindung der beiden Großhirnhälften darstellten. Mit ihnen konnte der Informationsaustausch zwar nicht so schnell vonstatten gehen wie bei einem gesunden Kind, aber es war mehr, als wir zu hoffen gewagt hätten! Arnes "Hardware-Voraussetzungen", wie mein Mann es einmal salopp ausdrückte, hatten sich eindeutig verbessert!
Sicher kann man diese Tatsache auf zweierlei Weise betrachten: Man kann sie entweder dem vielen Training zuschreiben, das wir nach Studium von Stapeln von Fachbüchern unserm kleinen Arne hatten angedeihen lassen, außerdem der Krankengymnastik, die er seit zweieinhalb Monaten bekam. Doch man kann ebenso gut den religiösen Standpunkt vertreten und dies als Beweis dafür sehen, dass Gott auch heutzutage noch Wunder geschehen lässt!
Wie auch immer, jedenfalls ging es nach unserem Gefühl fortan bergauf - wir waren zuversichtlicher geworden!
Alles in Allem hat Arne unsere Familie sehr verändert: Einerseits haben wir durch ihn ein sehr viel anstrengenderes Leben als zuvor, denn wir mussten lernen, eine Vielzahl von Terminen, sei es Arzttermine, Krankengymnastik, Logopädie oder Ergotherapie, in unser Leben mit einzubauen. Andererseits sehen wir heute vieles anders, und dafür sind wir - wenigstens die Großen von uns, die das schon verstehen - auch dankbar. Wir haben andere Prioritäten, finden noch mehr als früher, dass Glück und Gesundheit wichtiger sind als das Streben nach immer mehr Materiellem usw. Auch die Kinder haben sich verändert. Alle drei Großen möchten - zum Teil entgegen früheren Plänen - soziale Berufe erlernen, und John und Timo befinden sich bereits in entsprechenden Praktika.
Nachdem wir uns einigermaßen auf die neue Situation mit unserem behinderten Kind eingestellt hatten, verspürten wir einerseits die Sehnsucht, noch einmal ein "total langweiliges" Kind zu haben, das sich ohne viel Krankengymnastik, Logopädie usw. entwickelt und weder unter- noch überdurchschnittlich abschneidet, was die Erwartungen der Ärzte und Mitmenschen betrifft - ein Kind einfach so zum Genießen!
Und obwohl es nicht von der Hand zu weisen war, dass eine gewisse Gefahr bestand, noch einmal ein behindertes Kind zu bekommen, hatten wir nicht das Gefühl, dass es so kommen würde. Und so wurde ich Anfang 2000 wieder schwanger. Es war etwas schwierig, dies zu bewerkstelligen, denn bereits seit Arne litt ich unter hormonellen Störungen. Doch es klappte noch einmal. Aber die Schwangerschaft war nicht einfach: Es stand plötzlich nicht mehr nur die Gefahr einer Chromosomenstörung im Raum, sondern auch noch die einer Behinderung durch Rötelnembryopathie, denn mein Rötelnschutz hatte sich unerwartet abgebaut (sowas gibt es in einem von hundert Fällen). Und zu alledem - in unserem Ort gab es eine regelrechte Epidemie - machte ich dann auch noch eine Rötelninfektion durch! Wir wurden darauf hingewiesen, dass ein eindeutiger Fall für eine "medizinische Indikation" für einen Schwangerschaftsabbruch vorlag, weil die Infektion im dritten Monat erfolgt war. Doch wir wollten das Kind und baten unter anderem die Kinderärztin um Infos über Rötelnembryopathie, um uns auf die jeweiligen Krankheitsbilder vorzubereiten. Mit dem Erfolg, dass uns die Kinderärztin - angeblich gemäß der einschlägigen Literatur - zu einem Abbruch riet! Wir fanden das ziemlich ungeheuerlich, denn schließlich war es unsere Entscheidung, und die hatten wir ja längst schon getroffen! Nun, ich beschaffte mir alle nötigen Informationen anderweitig und erfuhr, dass die einschlägige Literatur lediglich klar stellt, in welchen Schwangerschaftsstadien eine Rötelninfektion die medizinische Indikation nach sich zieht. Mehr nicht! Und wir stellten uns auf alle möglichen Krankheitsbilder ein, zum Teil sehr schlimme inklusive geistiger Behinderung, Blindheit und Taubheit. Die Fahrtkosten zu dem Arzt, den mir mein Gynäkologe für die genauere Ultraschalldiagnostik empfahl, mussten wir letzten Endes selbst zahlen - die Kasse fand allerhand Ausreden! Doch es hatte sich gelohnt: Das Kind sah in der 22. Woche absolut unauffällig aus und hatte zudem keine adduzierten Daumen! Außerdem betrug die Wahrscheinlichkeit für ein Mädchen nunmehr ca. 80 %, was ebenfalls im Hinblick auf das MASA-Syndrom günstig war, denn Mädchen können nicht daran erkranken!
Endlich konnte ich die Schwangerschaft genießen! Ich freute mich riesig auf mein Mädchen, mit dem ich eigentlich schon ziemlich rechnete. Und einige Wochen später lag Felicity dann auch bei der normalen Ultraschalluntersuchung bei meinem Gynäkologen so günstig, dass er sagte: "Doch, das ist eine junge Dame, da leg´ ich mich fest!" Und er behielt Recht.
Im Oktober 2000 wurde Felicity, unsere zweite Tochter, geboren. Und: Sie war gesund! Wir waren glücklich, wie man es nur sein kann bei der Geburt eines Kindes. Sicher, mancher könnte denken, dass die Ankunft eines Kindes beim siebten Mal nicht mehr so ein großes Ereignis sei wie beim ersten oder zweiten Kind, aber wir fühlten ganz anders: Erstens hatten wir unsere Kinder immer schon als Individuen und jedes für sich als etwas ganz Besonderes angesehen, und zweitens wussten wir diesmal die Tatsache, dass unser Kind gesund war, ganz besonders zu schätzen. Wir betrachteten dies als ganz großes Geschenk!
Seit Felicity bei uns ist - eigentlich sogar bereits, seit wir wussten, dass wir ein Mädchen bekommen würden -, hat sich vor allem Cora verändert. Sie würde es wohl nie zugeben, aber ich denke, sie ist sehr eifersüchtig, nun nicht mehr die einzige Tochter zu sein. Denn seither ist sie nicht mehr nur eine normale rebellierende Pubertierende, sondern derart starrköpfig, dass sie sogar bei ihren Geschwistern damit aneckt. Doch wir hoffen, dass sie sich wieder fängt, wenn sie erst merkt, dass wir sie noch immer genauso lieben wie vor der Ankunft von Felicity!
Felicity tut jedenfalls ihr Bestes, um Cora bei Laune zu halten. Die beiden sind zwar nicht allzu oft zusammen, aber ich denke, sie beginnen gerade zu begreifen, dass sie eine ganz besondere Beziehung haben - sie sind Schwestern! Nie werden sie sich voneinander Witze über Frauen anhören müssen, nie werden sie sich langatmig erklären müssen, was es bedeutet, Mädchen beziehungsweise Frau zu sein! Sie werden es irgendwann einfach so empfinden!
Felicity ist ein Kind, das es gut versteht, sich Freunde zu machen! Sie spielt mit jedem von uns anders, und dabei gibt sie jedem von uns das Gefühl, dass es gerade diese Art des Umgangs miteinander ist, die sie besonders schätzt! Ganz bestimmt hat das damit zu tun, dass ein Kind, das als Jüngstes so viele verschiedene Menschen um sich herum kennen lernt, die Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen, in besonderem Maße erwirbt. Ich sehe bei Felicity auch nicht die Gefahr, dass sie sich zu viele Dinge abnehmen lässt wie früher Cora. Denn schon jetzt weiß sie sich zu behaupten! Bei einem siebten Kind, das einen behinderten Bruder hat, und bei dem man sich immer wieder fragt, ob man auch noch genug Zeit für es hat, empfinde ich es als äußerst beruhigend, wie gut sich Felicity bisher entwickelt, und kann nur hoffen, dass dies auch weiterhin so bleibt!
Wenn ich so zurück blicke auf die 20 Jahre, die ich nun bereits Mutter bin, und in denen meine Familie immer weiter gewachsen ist, so kann ich feststellen, dass zwar einige Dinge schwierig sind - zum Beispiel die Finanzen -, wir aber auch einiges Wertvolle durch unsere Familie bekommen haben. Abgesehen von all dem, was ich bereits erwähnt habe, haben wir zum Beispiel gelernt, mit den Erwartungen, die andere an uns stellen, anders umzugehen, indem wir an einem gewissen Punkt aufhören, sie erfüllen zu wollen. So ist es zum Beispiel nicht möglich, wenn man vier Schüler und zudem viele Termine wegen des behinderten Kleinkindes hat, zu allen anberaumten Elternsprechtagen zu gehen, egal, wie das nach außen hin ankommt. Es würde einfach zu viel! Und so lernt man, auszuwählen, was wirklich wichtig ist, zur Schule zu gehen, wenn es Dinge zu besprechen gibt, anstatt prophylaktisch. Natürlich ist es manchmal unpraktisch, das eine oder andere, was dann auf den Elternsprechtagen besprochen wurde, verpasst zu haben, aber was nicht geht, geht nun mal nicht!
Ähnlich ist es mit Vorurteilen: Man kann sie den Leuten nicht immer nehmen, damit muss man lernen zu leben. Wenn einer denkt, ich sei dumm, weil ich korpulent bin oder kinderreich, ist das seine Sache. Wenn er mir deswegen Kummer macht, wehre ich mich eben, so gut ich kann. Andere Leute haben andere Probleme! Wenn uns jemand nach den billigen Möbeln in unserem Hause misst, passt er ohnehin nicht zu uns! Fertig! Immerhin gibt es auch einige Menschen, die uns einfach nehmen, wie wir sind. Auf diese Freunde kommt es an und sonst auf niemanden!
Vor allem habe ich gelernt, dass Vorsicht bei all jenen geboten ist, die von sich behaupten, keinerlei Probleme zu haben oder niemals zu streiten. Solche Leute sind mir von vornherein suspekt! Schließlich hat jeder Mensch sein Päckchen zu tragen und insofern auch Probleme, und da Menschen von Natur aus nun mal verschieden sind, müssen sie auch miteinander streiten, um wirklich zueinander finden zu können. Wer etwas anderes behauptet, belügt sich meiner Meinung nach lediglich selbst!
Ich bin stolz auf meine große Familie, mit all ihren Freuden, mit allen Problemen, mit Streitereien und Versöhnungen - und vor allem mit dem ganzen Haufen Leben, den wir repräsentieren. Das ist mir allemal wichtiger als ein spießig-steriles Haus und gut dressierte, möglichst perfekte Kinder! Seit unserem Umzug an den Niederrhein wohnen wir in einem Haus, das vor ziemlich chaotischer Architektur - es ist total verwinkelt - nur so strotzt, zur Straße hin relativ unscheinbar wirkt und innen super viel Platz bietet. Manchmal fällt der Strom aus, weil die elektrischen Leitungen überlastet sind - logisch, bei neun Bewohnern statt früher vier! Und der Anblick einer der Mauern zum Garten hin ist erst zu ertragen, seit Timo dort ein Graffity hingesprüht hat. Doch genauso muss das Haus aussehen, das zu uns passt! Ein schnieker Neubau, das wäre nichts für uns!
Manchmal könnten die Geldprobleme weniger sein, die man quasi zwangsläufig hat, wenn man als "Otto-Normalverbraucher" sieben Kinder in die Welt setzt. Dann wäre manches leichter. Aber Kinder sind auch Reichtum!
Zu meinem Glück kann ich feststellen, dass ich die Erfahrung machen durfte, dass unsere Familie zwar viele Höhen und Tiefen erlebt hat, dass wir aber, egal wie geteilter Meinung wir manches Mal waren, irgendwie immer wieder eine für alle einvernehmliche Lösung gefunden haben. Das finde ich das Tollste an unserer Familie!
Manchmal, wenn ich eine Entscheidung treffen muss oder eine bereits getroffene Entscheidung auf ihre Tauglichkeit überprüfen möchte, stelle ich mir vor, ich sei am Ende meines Lebens angekommen und hätte die Möglichkeit, noch einen langen Blick auf mein Leben zu werfen. Dann stelle ich mir die Frage, wie ich wohl dann, am Ende meiner Tage, über diese Entscheidung denken würde und ob ich die darauf basierenden Folgen wohl gutheißen würde. Manchmal finde ich darauf (noch?) keine Antwort. Doch wenn ich mir vorstelle, es ginge darum, ob die Entscheidung zu einer Großfamilie richtig war, denke ich, dass ich am Lebensende mit mir zufrieden sein werde. Vielleicht macht mich diese Entscheidung finanziell gesehen ärmer. Aber ich denke nicht nur, dass sie mich menschlich gesehen reicher macht, sondern mich auch vor etwas bewahrt, das ich für den größten Feind des Alters halte: Vor der Einsamkeit! Denn bei sieben Kindern kann man doch einigermaßen sicher davon ausgehen, dass auch Enkelkinder kommen werden, und auf die freue ich mich schon jetzt.
Und sollte ich jemals zu Geld kommen, dann sieht mein Rentnertraum so aus, dass ich im Alter noch den Busführerschein mache, mir einen alten kleineren Reisebus kaufe und ab und zu alle interessierten Kinder und Enkel zu einem Ausflug mitnehme. So etwas bedeutet für mich wahres Glück!
zurück
|
|
|
© 2000-2010 Geburtskanal ™
Impressum Aktualisiert: 25.11.2011 webmaster@geburtskanal.de |
|
|
Aktuelles Artikel Kurzmeldungen Gesundheit Unterhaltsames Aufgelesen Veranstaltungen Archiv |
|
Wissen A-Z Umfassende Wissensbasis zu Familienplanung, Schwangerschaft, Geburt und Leben mit Kindern |
|
Hot News Brandaktuelles In eigener Sache Newsletter ...und mehr |
|
Suchen & Finden im unserem Fachleute-Verzeichnis: Hebammen, -praxen Geburtshäuser Fachärzte/-innen Kliniken und Institutionen ExpertInnen der Frauen- und Familiengesundheit Organisationen und BeraterInnen Selbsthilfegruppen ...und mehr |
|
Literatur Themenspezifische Bücherlisten Buchbesprechungen Neue Bücher Unsere Buch-Tips Aktuelle Fachliteratur Besonderes J |
|
Pinnwand Kontakte Marktplatz Tauschbörse Geburtsanzeigen ... kostenlos inserieren |
|
Bildergalerie Kinder der Welt Wie Leben entsteht Fotokunst Malerei Eindrücke Abbildungen ... und mehr |
|
Bequem Einkaufen Online Shops Neue Produkte Besondere Angebote Unsere Empfehlungen Anbieter-Verzeichnis |
|
Über uns Impressum Unsere Zielsetzung Mitmachen ? Service - Kontakt Kooperationen Werbung - Statistik Rechtliches |
|
Links Linksammlungen zu verschiedenen Themenbereichen |