Der leuchtende Pfad ins Disneyland
Interview der Süddeutschen Zeitung mit Jeremy Rifkin, Gentechnik-Kritiker, 9.8.2000
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Wahnsinn und Chancen der Biotechnologie: Jeremy Rifkin über eine Gen-Moral und die Unterschiede zwischen Europa und Amerika.
Vor etwas mehr als zwanzig Jahren stürmte der junge, unbekannte Jeremy Rifkin in eine Tagung der National Academy of Sciences und skandierte: "Wir lassen uns nicht klonen!" Inzwischen ist er weltweit zu einem der berühmtesten Gesellschafts- und Technologiekritiker geworden, in der letzteren Rolle hat er es gar zum "meistgehassten Mann der Wissenschaft" gebracht, wie Time ihn titulierte. Seine Voraussage, das 21. Jahrhundert werde im Zeichen der Biologie stehen, belächelten viele vor ein paar Jahren noch als Wichtigtuerei, jetzt ist es Allgemeingut. Doch auch er konnte nicht ahnen, welche dramatische Bedeutung seine Prognose seit der Genomentschlüsselung und der schlagartig wachsenden Zahl von Biopatenten bekommen würde. Mit Rifkin sprachen Jeanne Rubner und Andreas Zielcke.
SZ: Während in den USA schon ein Drittel des angebauten Mais gentechnisch verändert ist, gibt sich Europa zurückhaltender. Nun aber will die Europäische Kommission das Moratorium beim Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen vorzeitig aufheben und solche Produkte für den Markt zulassen. Drohen uns amerikanische Verhältnisse?
Rifkin: Möglicherweise. Dabei ist die bisherige Zurückhaltung Europas berechtigt. Nehmen Sie das Beispiel von speziellen Genen, die Gras am Wachsen hindern, damit man nicht mehr den Rasen mähen muss. Eine schöne Errungenschaft! Die jüngsten Studien haben ergeben, dass diese Gene sich einen Kilometer weit ausbreiten können. Dass sie sich letztlich auf alle Ökosysteme übertragen, kann man daher nicht ausschließen. Kürzlich habe ich zusammen mit der Amerikanischen Gesellschaft für Landschaftsarchitektur eine Petition bei der US-Regierung eingereicht. Wir verlangen einen Aufschub für solche Versuche - ähnlich wie wir in den 80er Jahren gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel gekämpft haben. Ein anderes Beispiel: Firmen wollen Gras mit einem Glühwürmchen-Gen versehen, damit es Nachts leuchtet.
Wozu soll das gut sein?
Das ist die Disneyfizierung Amerikas. Man überlegt auch, farbiges Gras an Sportvereine zu verkaufen, damit diese den Rasen in ihren Farben wachsen lassen können. Ist das nicht pervers? Ich glaube, das wäre in Europa nicht möglich. Abgesehen davon, wenn wir die in tausenden von Jahren entstandene Vielfalt durch solche Manipulationen vernichten, ist sie in jedem Fall unwiederbringlich verloren.
Warum ist man in den USA so begeistert von der Gentechnik?
Die USA sind ein schizophrenes Land, das einerseits zutiefst religiös ist. Andererseits maßen wir uns an, selbst Gott zu spielen, indem wir derartige Technologien erschaffen. In Europa geht kaum noch einer in die Kirche, aber es ist Europa, das die moralische Debatte über Biotechnologie führt - mit dem Ergebnis, dass man hier das Klonen verboten hat. Doch Amerikas Liebesbeziehung zu Wissenschaft und Technik ist so stark, dass wir meist versuchen, auch noch so weitreichende technischen Eingriffe mit unseren religiösen Ansichten zu vereinbaren - nach dem Motto: Was gemacht werden kann, wird gemacht. Ich finde es faszinierend, wie man in Deutschland - das hängt wohl vor allem mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen - nachdenkt über die Fragen: Was bedeutet es eigentlich, ein menschliches Wesen zu sein? Welche Verantwortung trägt die Gegenwart gegenüber den kommenden Generationen? Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, Amerika habe seinen moralischen Kompass verloren. Aber es wird wohl Europa sein, das hier nicht nur eine bedeutende ökonomische Rolle spielen wird, sondern wegen seiner kulturellen Diversität vor allem eine starke moralische.
Amerikas Religiosität ist womöglich zu fundamental, um als moralische Instanz fungieren zu können.
Das mag sein, obwohl es Ausnahmen gibt. 1995 habe ich eine Koalition religiöser Führer zusammengebracht, die sich alle gegen die Patentierung von Genen aussprachen - Evangelisten, Juden, Moslems. Wissen Sie, was der Führer der Southern Baptists damals gesagt hat? Dies ist die einzige Gelegenheit, bei der Sie uns alle gemeinsam auf einem Podium sitzen sehen werden. Was ich damit sagen will: Sobald unsere Ressourcen nicht mehr Erdöl und Mineralien, sondern Gene sind, verschieben sich die politischen Gewichte. Die industrielle Revolution hat sich zwischen den Fronten Links und Rechts abgespielt. In diesem Jahrhundert, dem Jahrhundert der Biotechnologie, verändert sich das Spektrum: Auf der einen Seite wird der inhärente Wert des Lebens stehen, auf der anderen der instrumentelle. Man sieht das an der Diskussion um Patente auf Leben, um Genfood, um genetische Profile. Traditionelle Konservative werden sich mit linken Grünen verbünden. Sehen Sie doch, wie Tony Blair, der ein modernes England auch mit Hilfe von Biotechnologie schaffen will, gescheitert ist: Fast die gesamte Bevölkerung lehnt Genfood ab. Was Amerika nicht versteht: Gesundheit und Sicherheit sind zwar Teil der Diskussion um genmanipulierte Lebensmittel, aber es geht um mehr, es geht darum, die kulturelle Vielfalt zu wahren.
Sie warnen vor genetischer Diskriminierung und sagen voraus, dass die Diskriminierten sich auflehnen werden. Aber werden nicht alle in der einen oder anderen Richtung diskriminiert werden - manche wegen ihrer braunen Augen, andere wegen ihrer langen Nase, wiederum andere wegen ihrer sexuellen Präferenz?
Selbst wenn jeder selbst Opfer werden kann, weil theoretisch nunmal jeder wegen seines Erbguts diskriminiert werden kann, bleibt die Gefahr, dass die neue Idee "Der Mensch ist durch seine Gene festgelegt" mächtig um sich greift. Denn Gesellschaften legen stets Standards fest, an denen sich ihre Mitglieder messen lassen müssen. Ich kenne zwar keinen Unternehmer, der Genprofile nutzen will, aber alle betonen: Wenn unsere Konkurrenten es machen, dann werden wir auch dazu gezwungen sein. Diskriminierung entsteht, wenn man Leute nach ihren Genen bewertet, obwohl diese im Grunde nur etwas über Prädispositionen aussagen. Nehmen wir an, eine Firma hat drei Stellenbewerber zur Auswahl, von denen einer die Anlage zur Prostatakrebs besitzt, die andere zu Brustkrebs, während der dritte keine "schlechten" Gene hat. Wen sollen Sie fünf Jahre lang für einen Manager-Posten trainieren? Wenn die ersten beiden sich richtig ernähren und Sport treiben, der dritte aber übergewichtig ist, raucht und trinkt - wird dieser Dritte möglicherweise früher krank werden als die ersten zwei. Leider haben wir schon eine ganze Generation von Kindern für eine eugenische Ära vorbereitet, indem wir ihnen eingeimpft haben: Ihr seid eure Gene. Zwischen fünf und 20 Prozent aller Kinder in den USA nehmen Medikamente gegen so genannte genetisch bedingte Stimmungskrankheiten - und das vermittelt ihnen und ihren Eltern die falsche Botschaft. Sie glauben an die zwingende Logik: Medizin, Gentherapie, Keimbahn-Therapie.
Je mehr Biologen über das Genom forschen, desto schneller werden sie herausfinden, dass es keine einfachen Beziehungen gibt zwischen Genen und Verhalten oder zwischen Genen und Krankheiten.
Lassen Sie mich eine kleine Anekdote erzählen. Vor etwa einem Jahr war ich in einem englischen Hotel und saß beim Frühstück neben einem älteren Ehepaar. Sie lasen beide den Guardian, und die Frau sagte zu ihrem Mann: Du, die haben das Gen für Faulheit entdeckt. Und er sagte: Das gibt es doch nicht. Doch, erwidert sie, man hat es lokalisiert. In der Tat, in der Community der Molekularbiologen herrscht ein ungeheurer Druck, Gene zu finden, die Verhalten und Krankheiten erklären. Ein Harvard-Forscher sucht nach dem Gen für Verbrechen.
Inzwischen leuchtet ja auch Fachleuten ein, dass Gentherapie nicht so funktioniert wie gewünscht, schon weil die meisten Krankheiten eine Vielzahl von Genen betreffen.
Vor zehn Jahren war ich Mitglied einer Kommission zur Gentherapie und habe davor gewarnt, Viren als Genfähren zu benutzen. Niemand hat auf mich gehört. Im Februar ist ein Patient gestorben, jetzt versucht man hastig, die Bestimmungen zu ändern. Ich bin nicht gegen somatische Therapien, auch wenn ich befürchte, dass sie viel zu eindimensional angelegt sind. Aber spielt es noch eine Rolle, ob eine Gentherapie funktioniert? Eine Firma, die behauptet, ein bestimmtes Gen gefunden zu haben, ist im Zweifel über Nacht Millionen an der Börse wert.
Welche Ethik müsste für die Übergangszeit entworfen werden, bis man genauer weiß, wie die Gene wirken? Es geht um eine Interimsmoral.
Bisher kreiste die Diskussion um die Frage: Bist Du gegen die Zukunft oder dafür? Das ist die falsche Debatte - es geht nicht um die Wissenschaft selbst, sondern wie eh und je darum, was wir mit ihren Ergebnissen anstellen. Nichts spricht dagegen, Gene zu erforschen, wenn wir die Resultate in einer nicht-reduktionistische Weise behandeln. Ich sehe zwei Wege zum genetischen Zeitalter, den harten, rein reduktionistischen und den weichen, eher systemischen. Zur Zeit verfolgen alle Firmen, von Novartis bis Celera, den harten Weg, etwa indem sie Gentherapie oder gentechnisch manipulierte Lebensmittel forcieren. Die Idee ist: Die Natur ist der Gegner, und wir brauchen Gensoldaten, um sie zu bekämpfen. Der weiche Pfad führt zwar auch über die genetische Karte, aber wir können mit ihr gezielter die klassischen Heilmittel verbessern. In der Medizin würde der weiche Pfad dieselben Daten nutzen, die man auch für die Gentherapie braucht, nur würde man daraus neue Strategien der Prävention entwickeln.
Da werden die Pharmafirmen aber die Zähne knirschen. Wo bleibt der Profit?
Sie verdienen dann zwar kaum mehr Geld durch Medikamente, sehr wohl aber durch Krankheitsmanagement. Die Firma Eli Lily etwa hat schon jetzt Programme entwickelt, die vorsehen, die Patienten rund um die Uhr zu betreuen und sie vorbeugend zu behandeln. Diese Patienten kosten die Versicherungen am Ende weniger Geld. Das Ersparte können sie sich mit den Pharmafirmen teilen.
Sie haben gemeinsam mit einem Forscher ein Patent auf Zwitterwesen, die so genannten "Chimären", beantragt. Was verfolgen Sie damit?
Wir wollen die Absurdität der Patentierung deutlich machen und damit Gesetze erzwingen. Wenn uns das Patent erteilt wird, ist es gut, weil dann keiner ohne unsere Erlaubnis Chimären züchten kann. Wenn das Patent abgelehnt wird, kann künftig auch niemand für sich beanspruchen, die Zwitterwesen zu züchten.
Die Pharmaindustrie argumentiert, Gensequenzen müssten patentierbar sein, weil andernfalls niemand in der Lage sei, die Investionen für die Medikamente aufzubringen.
Das ist Unsinn, eben weil in Zukunft das Geld nicht mehr mit Medikamenten gemacht werden wird. Die menschlichen Gene gehören niemandem, weder den Industrieländern noch Monsanto oder Novartis.
Manche schlagen vor, Regierungen sollten über Genpools wachen.
Dann wird es Genkriege geben. Nein, wir brauchen ein Abkommen, das die Genpatentierung und den Machtmissbrauch von Genpools regelt. So etwas wie das Antarktis-Abkommen, das festschreibt, dass die Schätze des Südpols niemanden gehören. Ich könnte mir vorstellen, dass sogar der Deutsche Bundestag die Initiative ergreifen könnte. Das wäre doch kein schlechter Anfang für das Zeitalter des Genoms.
Quelle: www.sueddeutsche.de 2000
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