Portrait: Richard Seed
Ein Narr hält uns den Spiegel vor

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von Frank Miltner

Er will der erste sein, der Menschen klont, sagte Richard Seed. Und verursachte beträchtlichen Aufruhr in der Öffentlichkeit. Was kann er wirklich, der verrückte Professor aus Chicago?

Mal schreit er wie ein Jüngling im Stimmbruch, dann sinkt er wie ein Häuflein Elend in seinem Stuhl zusammen und spricht so leise, daß man ihn kaum mehr versteht. Mal imitiert Richard Seed den Leibhaftigen, fletscht die Zähne und krümmt seine Finger zu Krallen, das andere Mal gackert der etwa Siebzigjährige (sein wahres Alter verrät er nicht) wie ein Huhn, um die Aufregung seiner Gegner zu imitieren. Am liebsten aber reizt der in Harvard promovierte Physiker seine Gesprächspartner mit Schimpftiraden, vor allem Journalisten, die er als "Bande von Lügnern" bezeichnet.

Ein Kind der Medien
Dabei verdankt Richard Seed den Medien seine Popularität. Sein Bekanntheitsgrad erreichte denjenigen eines Hollywood-Akteurs, nachdem Journalisten im Februar 1998 die Nachricht um die Welt schickten: Seed wolle als erster Menschen klonen und dafür eine Klinik eröffnen. Seine Idee galt schnell als Inkarnation aller Horrorvisionen, die mit moderner Reproduktionsmedizin und Biotechnologie verbunden sind: Er spiele Schöpfer, indem er der menschlichen Einmaligkeit ein Ende setzen und Nachkommenschaft wie am Reißbrett planen wolle.

Darf man diesen Menschen ernst nehmen? Ist er überhaupt in der Lage, seinen ehrgeizigen Plan in die Tat umzusetzen? Bioethiker und Clinton-Berater Arthur Caplan meinte: "Er hat die gleichen Chancen, einen Menschen zu klonen, wie mein Onkel Morty." Ein anderer Wissenschaftler nannte Seed verrückt, fügte dann aber hinzu, daß er so verrückt sei, daß er es sogar schaffen könnte.

Hofnarr der Forschergemeinde
Das macht Seed so abstoßend und faszinierend zugleich: Er spielt den Hofnarren der Forschergemeinde, der ausspricht, was andere aus Angst vor Repressalien lediglich denken, wie er beteuert. Und er hält gerne seinem Publikum die Realität vor, die es sonst nicht wahrnehmen würde. Tatsächlich sind in den USA Klonversuche mit Embryonen erlaubt. Bald vielleicht sogar unterstützt mit staatlichen Mitteln, wie das NIH im Januar 1999 für bestimmte Fälle vorgeschlagen hat.

Allein in den USA gibt es 300 Fertilisationskliniken, die privatwirtschaftlich arbeiten. Sie entwickeln und wenden Methoden an, die Gesetzesbücher anderer Länder nicht zulassen würden. "Ich kenne rund 20 Forscherteams, die an der Klonierung arbeiten", beteuert Seed. Nennen will er sie nicht.
Sein eigenes Team umfasse ein halbes Dutzend Fertilitäts-Spezialisten. In etwa zwei Jahren will er dann die ersten Schwangerschaften vermelden. "Wenn das erste glückliche Baby in die TV-Kameras lacht, dann werden die Menschen begeistert sein." Der Mär vom "bad clone", so sein erklärtes Ziel, soll endlich die Geschichte vom "good clone" folgen.

Weil aber bis zum ersten gesunden Klonkind doch noch zu viele Aborte und Mißbildungen zu erwarten seien, will er selber den ersten Schritt machen. Am besten, sagt er, gleich in fünffacher Auflage. Immerhin habe seine Frau Gloria im September endlich zugestimmt, die Embryonen für ihn auszutragen. "Ihr Alter verrate ich Ihnen nicht, aber sie hat die Menopause schon hinter sich."

Abstruse Visionen von der Unsterblichkeit
Wahnsinnig ist Seed ganz sicher nicht, höchstens exzentrisch. Immer wieder zitiert er im Gespräch neueste Forschungsarbeiten, nimmt sie aber gleichzeitig als Basis für abstruse Visionen, etwa, wie das größte Ziel der Menschen, die Unsterblichkeit, erreicht werden könnte. Er ist ein Mann ohne Maß.

In den Siebzigern hatte er bereits eine gutgehende Viehbesamungsfirma gegründet. Das war ihm nicht genug. In der Übertragung einer Technologie auf den Menschen, die bei Kühen zur Routine geworden war, witterte er ein weiteres profitables Geschäft: Spenderfrauen sollten sich mit Sperma von Fremden inseminieren lassen. Das befruchtete Ei würde dann ausgespült und in die Plazenta der unfruchtbaren Frau eingepflanzt, die das Kind austrägt. Er fand Investoren und gründete die Aktiengesellschaft Fertility and Genetic Research. Er heuerte Wissenschaftler an, die Experimente durchführten. 1983 kamen tatsächlich zwei Babys zur Welt.

Geplatzte Geschäfte mit der Unfruchtbarkeit
Kurz vor dem Ziel wurde Seed seine Großmäuligkeit aber zum Verhängnis. Er kündigte an, das Verfahren patentieren zu lassen, was in der medizinischen Gemeinde als unmoralisch gilt. Sein Vorhaben wurde als widerlich abgestempelt, sein Ruf war ruiniert. Gleichzeitig etablierte sich die In-vitro-Fertilisation als die Methode der Wahl gegen Kinderlosigkeit. Seeds Konzept der Adoptivschwangerschaften hatte sich erübrigt, das erhoffte Geschäft war geplatzt.

Noch immer leidet er finanziell unter solchen gescheiterten Deals. Heute lebt er in einem bescheidenen kleinen Haus in Riverside bei Chicago, das seinen Söhnen gehört. "Richard", so sein Bruder Randolph, "war nie besonders gut im Umgang mit anderen Menschen. Er sagt immer gleich, was er denkt." Besonders häufig läßt er verlauten: "Ich bin der cleverste Mensch der Welt."

Es besteht Nachfrage
Ein Exzentriker wie Seed, dem es gleichgültig ist, was andere über ihn denken, gibt so schnell nicht auf. Noch immer lebt in ihm die Idee, Methoden der Reproduktionsbiologie vom Tier auf den Menschen zu übertragen. Das Schaf Dolly, der erste Klon von einem erwachsenen Tier, weckte seinen urkapitalistischen Instinkt. Als das Experiment im Februar 1997 veröffentlicht wurde, meldeten sich kinderlose Paare bei Ärzten, um sich zu erkundigen, ob sie mit dieser Methode doch noch Nachwuchs bekommen könnten.

Hier besteht Nachfrage, wurde es Seed schlagartig klar. Und die muß man befriedigen. "Ich habe mir zum Ziel gesetzt, der erste zu sein", sagt Seed. "Ich sehe das als Mission, mit der ich vielen Menschen helfen kann." Tatsächlich habe er auch seit seinen Medienauftritten rund 500 fast ausschließlich aufmunternde Briefe und Telefonate erhalten. "Ich könnte auf Anhieb 300 Paare bekommen, die gerne ein Klonkind haben wollen", meint er.

Dazu gehören unfruchtbare Ehepaare genauso wie solche, die Sohn oder Tochter frühzeitig durch Unfall oder Krankheit verloren haben. Auch homosexuelle Paare hoffen auf die geschlechtsunabhängige Fortpflanzung. "In den Reproduktionskliniken werden bereits Techniken angewendet, die schon 60 Prozent der Klonierung ausmachen", sagt Seed. Er denkt dabei etwa an ICSI, eine Methode, mit der Spermien direkt in die Eizelle injiziert werden, wenn diese nicht fähig sind, die Eihülle selbständig zu durchwandern. Probleme sieht Seed lediglich noch darin, die biologischen Uhren von Spender-Zellkern und Empfänger-Eizelle zu synchronisieren.

Technisch gesehen wird das Klonen von Menschen bald möglich sein
Die rasante Entwicklung bei Tieren weckt jedoch Hoffnungen. Im August 1998 etwa teilten hawaiische Forscher mit, sie hätten Mäuse bis in die dritte Generation geklont, eine Spezies, von der man bis vor kurzem noch annahm, daß sie nicht zu klonen wäre. Anfang 1999 behaupteten koreanische Wissenschaftler, sie hätten menschlichen Eizellen nach der Dolly-Technik geklont, aber den Versuch nach den ersten Teilungen des befruchteten Embryos abgebrochen.

Ob ausgerechnet Seed mit seiner kleinen und finanziell nicht besonders gut ausgestatteten Mannschaft den zweifelhaften Durchbruch beim Menschen schafft, ist fraglich. Doch selbst seriöse Wissenschaftler sind inzwischen der Meinung, daß die Duplikation von Menschen rein technisch gesehen in absehbarer Zeit möglich sein wird.

"Es wird nicht mehr lange dauern, bis es gelingt, einen Menschen zu klonen", sagt der deutsche Genforscher Günter Gassen. Auch Carl Djerassi, Erfinder der Antibaby-Pille, ist überzeugt, daß es irgendwann, irgendwo passieren wird: "Sie werden Menschen klonen." Der amerikanische Molekularbiologe Lee Silver nennt gar einen Zeitrahmen: In etwa fünf bis zehn Jahren soll es soweit sein.
Vielleicht ist das die eigentliche Mission, die Seed erfüllt: Er provoziert und regt zur Diskussion an über das, was möglich ist, und das, was die Menschen wirklich wollen.

Quelle: www.lifescience.de 2000

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