von Klaudia Laupichler
Dieser Beitrag entstand auf der Grundlage des Vortrages "Ernährung in der Schwangerschaft, ausgedehnt auch auf die Risikoschwangerschaft am Beispiel der EPH-Gestose" vom 14.06.2000 (Gynäkologen-Kongress in München).
Ein wichtiger Anteil der Schwangerenvorsorge ist die Ernährungsberatung. Sie ist jedoch zeitaufwendig und so für niedergelassene Gynäkologen nicht leistbar. Die Hebamme kann diese Beratung in einer von ihr durchgeführten Schwangerenvorsorge integrieren oder sie in Zusammenarbeit mit einem Gynäkologen/ einer Gynäkologin durchführen - besonders bei bestehenden Risiken, wie einer EPH-Gestose
Beispiel der Ernährungsberatung in der Praxis:
- Ermitteln des Body-Maß-Index (BMI), der vor der Schwangerschaft bestand.
- Informationen an die Schwangere über die empfohlene Gewichtszunahme: Bei einem BMI unter 20 sind das mindestens 18 Kilogramm pro Kind; liegt der BMI über 26 sollten es nicht mehr als acht bis zehn Kilogramm pro Kind sein.
- Ein ausführliches Gespräch über die bisherigen Ernährungsgewohnheiten. Denn die meisten Frauen sind nicht in der Lage, ihre bisherigen Gewohnheiten kurzfristig umzustellen. Es reicht, einzelne Nahrungsbestandteile auszutauschen.
- Ermitteln anamnestischer Ernährungsstörungen (wie Status nach EPH-Gestose, HELLP-Syndrom) und Risiken, die eine EPH-Gestose begünstigen können (Nierenerkrankungen oder Hypertonie).
Ernährungsberatung zur Vermeidung einer EPH-Gestose:
Der tägliche Kalorienbedarf steigert sich in der ersten Schwangerschaftshälfte um 300 kcal pro Kind und der zweiten um 600 kcal.
Der Mehrbedarf ist notwendig, um den Aufbau der plazentaren Spiralarterien zu fördern.
- Lieber häufig kleine Mahlzeiten (fünf anstatt drei) mit ausgeglichenen Anteilen. Gesamtmenge für einen Tag: 80-100 Gramm Eiweiß, 300-400 Gramm Kohlenhydrate, 70 Gramm Fett (möglichst ungesättigte Fettsäuren).
- Mindestens zwei bis zweieinhalb Liter am Tag trinken.
- Obst und Gemüse in ausreichender Menge ersetzen durchaus die Einnahme von Vitamin-, Mineralstoff- und Spurenelement-Tabletten.
- Zur Förderung des kindlichen Wachstums sind Vitamin-B-Anteile nötig. Sie werden durch Kartoffeln, Vollkornmehle und Hülsenfrüchte gedeckt.
- Es erfolgt keine Salzeinschränkung. Zunächst wird nach Geschmack gesalzen. Acht bis 15 Gramm sind nötig, um das erhöhte Flüssigkeitsvolumen im Gewebe zu binden. Lieber Jodsalz nehmen um den Grundbedarf an Jod von 200 Milligramm täglich zu decken. Bei Neigung zur Hypertonie lieber Natriumbikarbonat (Natronsalz) als Natriumclorid (Kochsalz) benutzen.
Zum Abschluss wird der Schwangeren eine weitere Beratungszeit angeboten, für den Fall, dass sie Hilfe bei der Zusammenstellung der Nahrung benötigt.
Ernährungsberatung bei Ödemen
...wegen Nährstoffmangels, beziehungsweise primärer Ödeme - eventuell spätere Folge-Hypertonie.
Bestandsaufnahme der bestehenden Essgewohnheiten (Anzahl und Inhalt der Mahlzeiten). Daraus wird speziell Eiweiß- und Natriumaufnahme berechnet.
- Der Eiweißgrundbedarf beträgt 70 Gramm pro Tag.
Pro Kind werden 20-30 Gramm zusätzlich benötigt
- Die empfohlene Natriumaufnahme während der Schwangerschaft beträgt 15 Gramm pro Tag.
Ernährungsberatung und weitere Maßnahmen bei Gestosesymptomen
- Satt essen mit hochwertiger Kost: Vollkorn, Fleisch, Gemüse, Kartoffeln, Eier.
- Zusätzlich: Einen halben Teelöffel Kochsalz (jodhaltig) in einem Liter Mineralwasser auflösen und relativ zügig austrinken. Dies nach zwölf Stunden wiederholen.
Daraufhin setzt nach wenigen Stunden eine gesteigerte Nierenausscheidung ein. Ein leicht erhöhter Blutdruck normalisiert sich innerhalb von 24-48 Stunden
Diese Maßnahmen sollten während der Schwangerschaft fortgesetzt werden.
Wichtig: Je schwerer eine Frau ist, umso größer ist ihr Flüssigkeitsvolumen und also auch ihr Salzbedarf. Deshalb muss die Dosis eventuell auf bis zu drei Teelöffel pro Tag gesteigert werden.
Sollte der Blutdruck trotzdem weiter steigen, besteht wahrscheinlich eine Chloridüberreaktion. Dann muss das Salz durch Kaisernatron (Natriumbikarbonat) ersetzt werden.
Bei der fortgeschrittenen Gestose werden meist Infusionen mit Humanalbumin und Elektrolyten benötigt.
Vorgehen bei frühem Nährstoffmangel
... macht keine oder sekundäre Ödeme
Wann ist damit zu rechnen?
- bei einer Hypotonie in der Frühschwangerschaft
- bei Diäten vor der Schwangerschaft (sinnvoll ist eine ausgewogene Ernährung drei Monate vor der Empfängnis)
- Hyperemesis
- Unzureichender Endometriumaufbau (Schwangerschaft kurz nach Abrasio, Blutungen in der frühen Schwangerschaft)
- Schwangerschaft nach habituellen Aborten; hier hat es vielleicht immunologische Ursachen und es besteht vor allem die Gefahr eines HELLP-Syndroms
Physiologie:
Das Prostaglandin zur Bildung der Spiralarterien ist durch den Nährstoffmangel beeinflusst. Es wird mehr Thromboxan A2 (Verantwortlich für die Gefäßverengung) als Prostazyklin (Verantwortlich für die Gefäßerweiterung) ausgeschüttet.
Problem:
Eine bessere Ernährung hilft bei beginnenden Symptomen (kompensatorische Hypertonie) nur ausgesprochen begrenzt, da das Gefäßsystem bereits gestört ist (vor der Hypertonie besteht bereits eine Plazentainsuffizienz).
Allerdings zeigen Erfahrungsberichte, dass eine verstärkte Eiweiß- und Flüssigkeitsaufnahme das Gefäßsystem unterstützen.
Werden nach der Blutdruckerhöhung sowohl die Flüssigkeitszufuhr, als auch die Gabe von Salzen reduziert, verschlechtert sich der Zustand von Mutter und Kind schnell; teilweise entstehen Ödeme.
Gute Erfahrungen beim Zustand nach Plazentainsuffiziens wurden nach der Gabe von etwa 50 mg Acetylsalicinsäure gemacht. Alternativ dazu empfehlen Hebammen und die Gestose-Gemeinschaft Lachskapselöl.
Literatur:
Enkin; Keirse; Neilson: Effektive Betreuung während Schwangerschaft und Geburt; Ullstein medical Verlag, 1998
Höß, Dr. med. Cornelia: Übergewicht in der Schwangerschaft, aus Die Hebamme Jahrgang 11, Enkeverlag, Dezember 1998
Kelm-Kahl, Inge: Essen für zwei, rororo, 1996
Kuse, Sabine: Immunologische Ursachen für EPH-Gestose mit HELLP-Syndrom, Theorie und Erfahrungswerte; Infobroschüre der AG Gestosefrauen
Kuse, Sabine; Retzke Prof. Dr. U.: Salz in der Schwangerschaft, Infobroschüre der AG Gestosefrauen
Kuse, Sabine: EPH-Gestose aus meiner Sicht, Infobroschüre der AG Gestosefrauen
Mändle, von; Opitz-Kreuter; Wehling: Das Hebammenlehrbuch, Schattauer-Verlag 1999
Retzke, v. U.;Spitz, B.: Ernährung in der Schwangerschaft und Gestosepropylaxe, Gynäkoloische Praxis 22 S. 225-234, Hans Marseille Verlag GmbH München 1998
Ergänzungen zum Artikel "Ernährungsberatung bei EPH-Gestose"
Zur EPH-Gestose speziell:
Über die Ursachen der EPH-Gestose wird noch immer geforscht. Sehr oft spielen wohl auch immunologische Faktoren eine Rolle. Aber auch wenn die Ursache nicht primär ein Nährstoffmangel ist, kann eine Ernährung den Verlauf dieser Krankheit günstig beeinflussen. So können Frühgeburtlichkeit und Sectiorate gesenkt werden.
Formen der EPH-Gestose durch Nährstoffmangel:
- akuter Nährstoffmangel zeigt sich ab der 28. Schwangerschaftswoche durch Ödeme. Wird dieser Mangel nicht ausgeglichen, folgen später Hypertonie und Eiweißausscheidungen.
- chronischer Nähstoffmangel verhindert bereits in der frühen Schwangerschaft eine ausreichende Bildung der Plazentastruktur. Oft hat das Kind vor den ersten mütterlichen Symptomen eine Mangelsituation entwickelt. Bei der Mutter fällt zuerst die kompensatorische Hypertonie auf.
Ödeme ...
... sind ab der 34. Schwangerschaftswoche physiologisch. Sie entstehen durch den erhöhten Gestagenspiegel (gut fürs Stillen) und oft auch durch eine "relative Durchblutungsstörung" - dies trifft vor allem bei Mehrgebärenden zu, z.B. durch erweiterte Venen, überdehntes Bindegewebe oder so genannte Gewebsversackung - hier reicht als Therapie: Ruhe, Beine hoch lagern, Verbessern des hydrostatischen Druckes durch Schwimmen oder baden (bei 2° Celsius unter der Körpertemperatur).
So wird der
Body
Mass-
Index (BMI) ermittelt:
Tatsächliches Gewicht der Frau
geteilt durch das Quadrat der Körperlänge in Metern.
Eine 170cm grosse und 70kg schwere Frau hat also einen BMI von:
70 : (1,7m)
2 = 24,2
Untergewicht: BMI unter 19,8
Normalgewicht: BMI 19,8-26
Übergewicht, mäßig: BMI 26,1-29
Übergewicht, stark: BMI über 29
Eiweiß:
Aus dem Protein wird körpereigenes Albumin hergestellt, welches die Flüssigkeit im Blutkreislauf bindet - damit ist es an den Nierenkreislauf gebunden.
Albuminmangel bedeutet Plasmaproteinmangel; der senkt den kolloid-osmotischen Druck, sodass die Gefäßwände mehr Flüssigkeit ins Gewebe durchlassen.
Besonders betroffen sind: Allergikerinnen, Vegetarierinnen, Frauen mit Hyperemesis, Frauen mit insgesamt verringerter Nährstoffaufnahme (Mode!).
Frauen mit unausgewogenen Nahrungsanteile, wie:
a) zu wenig Gemüse (Vitamin B6 zur Proteinaufspaltung fehlt)
b) zu wenig Kohlenhydrate: zu viel Eiweiß wird ersatzweise verbrannt, bevor es in Albumin umgewandelt werden konnte.
Natrium
Da Natrium - ebenso wie Albumin - die Flüssigkeit im Blutkreislauf bindet, führt ein Natriummangel zur Flüssigkeitsansammlung im Gewebe.
- Hypovolämie und Hämokonzentration im Blut.
- Der Blutdruck steigt kompensatorisch
- Das Nierenparenchym wird erweitert
- Proteinurie
Kalzium
Grundsätzlich kann eine ausreichende Kalziumzufuhr den arteriellen Druck senken. Dass eine verstärkte Kalziumzufuhr die Gestoserate beeinflusst, ist bislang jedoch noch nicht belegt. Allerdings sind die großen Eiweißernährer (Fleisch, Milch, Eier, Geflügel, Fisch, Käse) auch die idealen Kalziumlieferanten.
Quelle:
Hebammen-Forum
http://www.hebammen-forum.de
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