Ein Kind will ins Leben
Erlebnisbericht über eine Hausgeburt

von Hanna Strack


An einem Samstag im Frühjahr 2004 rief mich die Hebamme an: Ein Paar sei damit einverstanden, dass ich bei der Hausgeburt ihres dritten Kindes dabei sei. Das Kind kann jederzeit kommen. Ich sprach am Telefon kurz mit der Mutter. Die Tage vergingen. Warten gehört zur Geburt.

Am Donnerstagmorgen um 5.45 riefen die Hebamme und kurz danach auch der Vater an. Ich fuhr in die Stadt, fand die Wohnung in einem einfachen Mietshaus, und wurde vom Vater eingelassen in eine Atmosphäre der Stille, der Konzentration, der Ruhe. Ich sagte: "Ich heiße Hanna und danke, dass ich dabei sein darf." Die Frau lag auf dem Sofa, ich setzte mich auf einen Sessel. Die Mutter der Frau war da, sie filmte immer mal ein wenig. Die Hebamme kniete am Sofa, half atmen, das CGT tuckerte. Wenn die Wehen kamen, zischte die Frau leise den Atem aus. Das Wohnzimmer war in orangenen Farben gehalten, von einem Bild schaute ein Engel herein. Das Spielzeug des 2jährigen Sohnes lag auf der Seite. Gegen 7 Uhr wachte der 12 jährige Sohn auf und kam ins Wohnzimmer. Er hatte heute schulfrei. Die Hebamme gab der Frau aus ihrem Etui, in dem ich ca 300 Gläschen sah, verschiedene Homöopathika während der Wehen. Zwischendurch schrieb sie ihr Tagebuch und gab die Anweisung, jetzt Kaffee zu kochen. Aber nicht zum Trinken für die Hebamme sondern als Kreislaufmittel für die Wanne oder zum Dammschnitt. Dann lief die Frau zusammen mit ihrem Mann in der Wohnung auf und ab, und als sie wieder auf dem Sofa lag, stützte er sie im Rücken. Wir sprachen kaum. Immer noch diese Stille und Konzentration. Kein Stöhnen der Frau. Einmal sagte sie zu mir gewandt: "Wenn keine Wehen sind, geht es gut, aber die Wehen nehmen mich ganz in Beschlag", als wollte sie sich entschuldigen. Aber sie schrie nie. Ich vermutete, weil sie gut atmete.

Gegen 7.30 tastete die Hebamme wieder den Muttermund und sagte dann "Du kannst jetzt in die Badewanne, wenn Du möchtest, denn das Köpfchen ist bereits im Beckenausgang zu tasten." Erst blieb ich zurückhaltend im kleinen Flur stehen, dann lud mich die Hebamme ein, mich in dem engen Bad auf die Toilettendeckel zu setzen, zu Füßen der Frau. Ihr Mann legte kalte nasse Tücher auf ihre Stirne, die Großmutter schüttete auf Geheiß der Hebamme Kaffee in das Badewasser zur Belebung des Kreislaufes. Immer wieder ließ die Hebamme uns alle die Herztöne hören mit Hilfe eines Dopplergerätes zum Mithören, dem Aquatop. "Es tut allen gut, wenn sie hören, dass das Kind in Ordnung ist, sonst könnte ich auch das Hörrohr nehmen." Jetzt merkte ich an einem leisen Stöhnen der Frau, dass die Presswehen kamen. Ich ließ den Sohn auf meinen Schoß sitzen, er foto-grafierte.

Da sah ich auch schon die Kopfhaut des Kindes im sich öffnenden Scheideneingang. Auf Anregung der Hebamme berührte der Sohn den Scheitel des Kindes und bemerkte: "Beim Bruder war der Kopf weicher." Gleich danach sah ich den halben Kopf und beim nächsten leichten Stöhnen seiner Mutter glitt das Köpfchen mit dem Gesicht nach unten sicher und ruhig in das Badewasser. Und schon hob die Hebamme den Jungen hoch, ein erster zarter Schrei und der Junge lag an der Brust seiner Mutter, er schien zu lächeln. Das Kind war mit einzelnen Resten von Käseschmiere, der Schönheitscreme der Babys, überzogen, kein Blut. Dann durchschnitt der Vater die Nabelschnur, wie die Hebamme es ihm anwies. Ich sah jetzt auch die Plazenta an der Nabelschnur ins Wasser gleiten. Die Großmutter nahm das Kind im Badetuch mit in das Schlafzimmer, wo jetzt auch der kleine Sohn erwacht war und umher lief. Ich küsste die Mutter auf Stirn, konnte kaum "Ich gratuliere" stammeln. Die Hebamme ließ das Badewasser ab. Dann sah ich vom Flur aus, wie sie die Mutter abduschte und wie dann gleich die ganze Familie im Schlafzimmer auf den Elternbetten beieinander lag.

Jetzt schaute ich der Hebamme zu, die neben der leeren Wanne kniete, in der die Plazenta lag. Ein paar Blutflecken waren zu sehen. Sie ließ nun aus der Nabelschnur drei Blutproben in Fläschchen fließen, trocknete die Plazenta, entnahm aus ihr eine Gewebeprobe für ein bereit stehendes Glas. "Daraus wird ein Medikament für das Kind gemacht", erklärte sie mir. Dann nahm der Vater die Plazenta in eine Tüte und die Hebamme sagte: "Du weißt ja, unter welchen Baum du es vergraben willst." Zwischendurch rief sie zur Mutter ins Schlafzimmer rüber, sie solle ihre Beine überkreuz legen wegen der Blutung. Später akupunktierte sie die Mutter, um eine Blutung zu vermeiden, wie sie mir später erzählte. Aber da war ich schon weg.

Ich stand im Flur und hatte nur noch den Wunsch, allein zu sein. So verabschiedete ich mich mit großem Dank. Die Hebamme riet noch: "Aufpassen beim Autofahren!" Sie hatte Recht. An Autofahren war nicht zu denken.

Ich lief durch die Straßen, frühstückte in einem Café, konnte kaum die Augen öffnen, um der Bedienung zu sagen, was ich wollte. Ich lief weiter ums Schloss herum, meine Zähne klapperten, mein Kopf war benommen. Ich kaufte einen großen Blumenstrauß mit Kamille und Ringelblumen und übergab ihn dem Vater an der Wohnungstür, konnte gerade noch nach dem Namen des Kindes fragen. Langsam fuhr ich nachhause. Dort, gegen 11 Uhr, legte ich mich ins Bett für mehrere Stunden. Ich war so benommen, ein Rauschgefühl im Kopf.

Ich dachte immer nur: Wie einfach, wie einfach, wie natürlich, wie elementar, alles so selbstverständlich! Welch Schönheit sah ich, welch Würde, wie das Kind so sicher und bestimmt in die Familie und ins Leben glitt! Kein Arzt, eine erfahrene Hebamme, ein großes Vertrauen zwischen allen. Dass es so etwas gibt!!

Kann ich die starke Reaktion meines Körpers verstehen als ein Ergriffensein vom Heiligen?

Schwerin, März 2004



Die Autorin:
Hanna Strack ist Pastorin im Ruhestand und Mutter von drei Söhnen. Sie hat sich intensiv mit der Aufgabe der Hebammen befasst und verschiedene Aufsätze und Vorträge zum Thema Hebammen und Geburt auf ihrer Webseite publiziert, u.a. auch eine sehr schöne Segensliturgie für eine Hebamme. Sehr menschlich und sehr lesenswert! www.hanna-strack.de



Brief der Mutter:

Liebe Hanna,

endlich finde ich die Muße, dir ein paar Zeilen zu schreiben.

Erstmal möchte ich Dir für die Zusendung deines Berichtes danken; ich habe ihn ganz vorn in Laurins Fotoalbum geheftet zusammen mit ein paar Fotos von der Geburt. Er spiegelt wunderbar die Einfachheit und Natürlichkeit dieser Geburt wieder und jeder, der ihn liest einschließlich meiner selbst ist sehr bewegt.

Er zeigt schlicht und ergreifend, dass große Dinge einfach geschehen können ohne großes Getöse ohne große Aufregung und ohne Angst. Was geschehen soll, geschieht einfach.

Ich hoffe, dass Dein Text Frauen Mut macht, ihrer inneren Stimme zu folgen, auf ihren Körper und auf göttliche Führung vertrauend eine Geburt zu wagen, die eben kein angstvoll erwarteter, erschreckender Moment sein muss, sondern ein bewusst erlebtes, feierliches Ereignis, das zur großen Kraftquelle auch für spätere Zeiten werden kann.

Ich habe in meinen drei Schwangerschaften und vor allem in den beiden Hausgeburten sehr, sehr viel über mich und meine innewohnende Stärke erfahren. Wie viele Frauen lassen sich diese Möglichkeit, dem eigenen Rhythmus zu folgen, durch medizinisch geleitete Geburten nehmen, obwohl eigentlich keine Indikationen vorlagen, die dies nötig gemacht hätten.

Es macht mich traurig, mit Freundinnen darüber zu sprechen, die manchmal noch jahrelang die für sie schmerzliche Erfahrung "Geburt" verarbeiten müssen.

Aber nicht nur Schwangere, sondern auch die zukünftigen Väter und Großeltern, die Freunde der Familie und vor allem Mediziner sollten berichte wie Deine lesen, um die Angst zu verlieren und Geburt als das sehen zu können, was sie wirklich ist.

Danke, Hanna, für diesen Tropfen auf den Stein...


Daniela W., Juli 2004


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