Dieser Artikel erschien in der Österreichischen Hebammenzeitung
http://zeitung.hebammen.atim Juni 2006
Help bei HELLP
Sechs Wünsche an die Hebammen
Das HELLP-Syndrom trifft eine von 150 bis 300
Schwangeren. Claudia Girardi ist eine von ihnen. 1998 kam ihr Sohn
auf die Welt, 2002 ihre Tochter bei schwerem HELLP-Syndrom. Ihre
Erfahrungen haben sie zu einem Wunschbrief einer Mutter an die
Hebammen veranlasst:
Es gibt wohl nichts Inkompatibleres
als Intensivstationen und werdende Mütter. Zur Geburt ein Spital
aufzusuchen, hat für die meisten Schwangeren a priori nichts
ausgesprochen Bedrohliches oder Schreckliches, hat frau doch Wochen,
ja Monate lang ihre rosahellblau weichgespülte Vorstellung von
einer sanften Traumgeburt mit Duftkerze, Bach-Kantaten oder Sarah
Brightman-Gesäusel gepflegt. Aber plötzlich ist alles
anders. Nichts ist es mit Duftkerze, Bach-Gesäusel und schon gar
nicht mit sanft und Traum! Denn urplötzlich, quasi mit Urgewalt,
kann eine Geburt in eine äußerst bedrohliche Situation
kippen, wie wir Gestose- und HELLP-Frauen häufig erleben müssen.
Ich erfuhr bei meiner zweiten Geburt, wie nahe Tod und Leben einander
sein können. Ich wurde als „Wunder“ bestaunt, hatte
eine gesunde Tochter und ein intaktes Familienleben. Doch ich
verarbeitete die Erlebnisse rund um meinen geburtshilflichen Notfall
erst, als ich sie zu „verworten“ begann.
In meinem Buch „HELLP! Eine
Albtraumnovelle oder ein Lehrbuch über ein Syndrom“ konnte
ich das Furchtbare ablegen und gleichzeitig etwas bewirken:
Vielen Frauen konnte ich Sprachrohr sein und eine willige Öffentlichkeit
über die Erkrankung informieren. Unsere Schwangerschaften
verlaufen zunächst oft scheinbar unkompliziert – das
bisschen Bluthochdruck, die Ödemchen, das Kreuzerl in der
Eiweißspalte des Mutter-Kind-Passes, mein Gott, nur nicht
kopfscheu werden, nicht hysterisch sein!
Arzt und Hebamme haben das sicherlich
schon bemerkt. Sie würden uns auf eventuelle Schwierigkeiten
doch professionell, also sachlich kompetent und feinfühlig
aufmerksam machen. Oder etwa nicht?
Rund 5 bis 8 % der Geburten in
Österreich sind Gestose- oder Präeklampsie-Geburten. Ein
großer Teil davon wird nicht oder erst sehr spät erkannt.
Der Hypertonie-Aufklärungs-Pass, der unter Univ.-Prof. Harald
Zeisler an der Hypertonie-Risiko- Ambulanz des Wiener AKH entwickelt
wurde, listet unmissverständlich die Symptome auf, bei denen
eine Schwangere eine Klinik aufsuchen sollte: Blutdruck permanent >
140/90, bzw. zwei Mal > 160/110; Kopfschmerzen, Sehstörungen,
Oberbauchschmerz, Übelkeit, Erbrechen, Blutung, starke
Ödembildung, Gewichtszunahme mehr als 2 kg. pro Woche oder (!)
Abnahme der Kindesbewegungen. Die frühzeitige Diagnose dieser
hypertensiven Schwangerschaftserkrankung kann eine unproblematische
Behandlung und eine terminnahe Geburt ermöglichen. Sicherlich
kontraindiziert und nicht hilfreich sind die immer noch von manchen
Ärzten und Hebammen empfohlenen Reis- und Obsttage oder
Entwässerungstees.
1. Wunsch: Bitte nehmen Sie die Anzeichen einer nahenden
Gestose/ Präeklampsie ernst. Beraten Sie die Schwangere über
die Notwendigkeit einer dichteren medizinischen Überwachung
(ggf. Laboruntersuchungen), die Vorteile körperlicher Schonung
(evt. Unterstützung bei der Entscheidung, in Frühkarenz zu
gehen) und die ausgewogene Ernährung. (Vgl. dazu etwa den
Ernährungsplan auf der Homepage der Gestose-Frauen-Österreich)
Doch manchmal kündigen sich
Gestose und Co. nicht an, sondern brechen unvermittelt über
Schwangere herein. Besonders die schweren Verlaufsformen Eklampsie
und HELLP-Syndrom entwickeln sich oft rasch. Allerdings bahnt sich
letzteres in den meisten Fällen schon Tage zuvor an.
„Magenschmerzen“ nennen das dann die Frauen meist. Den
Begriff „Oberbauchschmerzen“ verwenden wohl nur
Eingeweihte, um die höchst beunruhigenden, gar nicht an Virus
oder Wehentätigkeit erinnernden Bauchschmerzen zu beschreiben,
die sie meist schon Tage lang quälen. Die charakteristischen
Oberbauchbeschwerden rechts werden in bis zu 90% der Fälle
beobachtet (Vgl. Grospietsch 2000, S. 209) Dass diese oft durch
bohrende Kopfschmerzen oder andere Irritationen begleitet werden,
fällt meist schon gar nicht mehr so ins Gewicht und wird oft
Hebammen und Ärzten gegenüber nicht erwähnt. Man ist
ja nicht wehleidig oder hysterisch sein, so ein bissel Schmerzen
aushalten, das gehört zum Mutterwerden halt dazu…
2. Wunsch: Bitte sensibilisieren Sie die Schwangeren für
Oberbauchschmerzen. Fast jede werdende Mutter weiß, was sie
gegen Krampfadern tun kann, aber fast keine weiss, dass
Oberbauchschmerzen Anzeichen eines für sie und ihr Kind
lebensbedrohlichen HELLP-Syndroms sein können!
Wenn eine klinische Abklärung
notwendig erscheint und eine Schwangere mit Anzeichen einer schweren
Gestose im Krankenhaus ist, lechzt sie nach Information! Sie schnappt
aufgeregt und verwirrt einzelne Begriffe aus den Wortwolken rund um
sie herum auf, versteht sie nicht oder falsch und ist dankbar für
jede Erklärung. Sie ist ängstlich, besorgt, vielleicht
enerviert-enervierend, aber nicht spontan verblödet. Sie kann
zuhören und will begreifen, was passiert, was mit ihr geschieht,
was gemacht werden muss, wie ihre Chancen und die ihres Kindes
stehen. Und sie will es gleich und genau erfahren, will es so oft
hören, bis sie es begriffen hat – vielleicht nach drei
Minuten noch einmal, weil es so schrecklich klang, dass sie es nicht
erfassen konnte. Freundliche Zuwendung ersehnen Frauen in dieser für
sie furchtbaren Situation. Das höfliche Verlesen des
Info-Blattes der Klinik über mögliche Risiken und
Spätfolgen reicht nicht aus.
3. Wunsch: Bitte informieren Sie die Schwangere professionell,
d.h. ihrem körperlichen Zustand und ihrer seelischen Verfassung
entsprechend, so bald wie irgend möglich, ausführlich,
geduldig, verständlich und „wohlwollend“ (!) über
die notwendige Behandlung oder Therapie.
Sollte ein operativer Eingriff nötig
sein und eine Mutter auf einer Intensivstation aufwachen, sind im
Normalfall leider keine Hebammen um sie. Dabei wären gerade dort
deren Fähigkeiten bitter nötig. Aus eigener Erfahrung und
vielen Erzählungen anderer Frauen nach „intensiven“
Geburten weiß ich, wie traumatisch und mikroskopisch fein man
das Erwachen nach tagelanger Sedierung erlebt, womöglich
intubiert gegen beängstigende Halluzinationen kämpft.
Irgendwann taucht die Erinnerung an die Geburt aus diesem albtraumhaften Strudel
auf und das Wissen: Hallo, da war doch auch ein Kind? Wenn man Glück
und liebevolles Intensiv-Pflegepersonal hat, pickt irgendwo ein Photo
mit einem Baby. Langsam reimt man sich die Wirklichkeit zusammen: Wo
ist das Kind? Wie geht es ihm? Wer ist bei ihm? Wer ernährt es?
Meist werden Mütter auf
Intensivstationen abgestillt. Das empfinden sie oft als schrecklich,
zumal ihnen im besten Fall erklärt wird, das es einfach
notwendig sei. Sie haben keinen Einfluss darauf und können zu
diesem frühen Zeitpunkt auch nicht ahnen, dass ein späteres
Anstillen durchaus im Bereich des Möglichen liegt.
4. Wunsch: Bitte suchen Sie, so dies irgendwie möglich ist,
„Ihre“ Mütter auf der Intensivstation auf. Betreuen
Sie sie dort in ihrer Rolle als Mutter – im schlimmsten Fall
auch eines verstorbenen Kindes. Mutter ist sie in jedem Fall
geworden. Auf Intensivstationen ist sie meist „nur“
Patientin.
In vielen Fällen beginnen Frauen
um den vierten Tag nach dem Erwachen aus der Narkose die Schrecknisse
der hinter ihr liegenden Ereignisse zu begreifen. Sie erleiden
schlimme seelische Schmerzen, die sie unterschiedlich artikulieren.
Manche weinen dauernd. Einige ziehen sich in sich zurück und
verschließen sich, andere werden durch Flashbacks an das
traumatische Geschehen erinnert, wieder andere wollen ihre Geschichte
tausendmal erzählen. Die Trauer nach einer möglichen
Totgeburt, Wut und Ärger über den Kontrollverlust, Angst
vor den Folgen ihrer Erkrankung für weitere Schwangerschaften
quälen sie.
Ob Mütter nach
„Intensiv-Geburten“ eine postpartale Depression
entwickeln, oder ob sie durch kundige Gespräche in die Lage
versetzt werden, ihr Trauma – eventuell später –
professionell zu verarbeiten, liegt an der Betreuung und Beratung,
die sie auf der Intensivstation oder danach erfahren. Es könnte
gerade die Hebamme um die seelische Bedürftigkeit einer
operierten oder/und traumatisierten Mutter wissen und diese darauf
hinweisen.
5. Wunsch: Bitte kümmern Sie sich auch um die
psychologische Betreuung von Müttern nach schlimmen Geburten.
Die Nähte des Körpers werden in unseren Krankenanstalten
bestens versorgt. Die Narben der Seele hingegen bleiben oft
unbeachtet und reißen größere Wunden – für
Mutter und Kind/ er – als man glauben möchte.
Nach der Entlassung –
vermutlich gab es nach der Operation einige Tage oder Wochen der
Rekonvaleszenz – wird erwartet, dass die Frauen möglichst
bald wieder funktionieren und ihren Verpflichtungen, im besten Fall
als Mutter eines Neugeborenen, nachkommen. In unserer Gesellschaft
herrscht noch immer die flapsige Meinung vor: „Na, Gott sei
Dank, hast es eh’ überlebt. Sei froh und schau nach vorn!
Das wird schon wieder!“ Dabei hat die Frau optimistisch, adrett
und belastbar zu sein, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren und
nicht über das Vergangene nachzudenken, „denn das ist ja
eh schon vorbei“.
Auch hier, in der Wiederaufnahme des
Alltagslebens, wären Erfahrung und Kompetenz der Hebamme
dringend gefragt. Zum einen muss der Frau der Rücken dahingehend
gestärkt werden, dass sie Hilfe braucht und annehmen muss. Zum
anderen benötigt sie praktische Anleitung und Tipps, wie sie den
belastenden Alltag nun bewältigen soll. Auch wenn sie bereits
Erfahrung als Mutter hat, diesmal ist alles anders!
6. Wunsch: Bedenken Sie bitte die familiäre Situation, in
die die Mutter entlassen wird und helfen Sie ihr dabei, Hilfen jeder
Art anzunehmen. Unterstützen Sie sie auch noch in der
praktischen Inangriffnahme dieses Problems. (Infos, Buchtipps,
Kontakte zu Selbsthilfegruppen, Psychologen, Komplementärmedizinern)
Und vergessen Sie nicht auf die psychologisch meist vernachlässigten
Väter!
Meine Hebamme versetzte mir, als ich
Tage nach meiner zweiten Geburt (38. SSW, Oberbauchschmerzen,
Blasensprung, Sectio, HELLP-Syndrom, Thrombozyten bei 52 000 mm3,
zwei mehrstündige OPs, darunter Hysterektomie, Teilovarektomie,
vier Tage bewusstlos und drei weitere wach auf ISS, dann Gyn. Nach
insgesamt 12 Tagen erstes Zusammentreffen mit meinem Kind) meinen
Kopf wieder einigermaßen auf den Schultern trug, einen
heilsamen Schock: Es werde wohl ein Jahr dauern, bis ich meine
Kraftreserven wieder ganz aufgefüllt haben werde, erklärte
sie mir. Sie legte mir köstliche Rezepte für starke
Knochenbrühen ans Herz, die mich tatsächlich in kürzerer
Zeit wieder in die Höhe brachten. Hätte sie mir meinen
Zustand nicht so ruhig und zugleich drastisch vor Augen geführt,
hätte ich wohl nie in eine psychologische Krisenintervention
eingewilligt. Dafür und für vieles andere möchte ich
ihr und den anderen Hebammen hier meinen Dank sagen!


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