Zur Situation der angestellten Hebammen in Kliniken
Versorgung der Schwangeren gefährdet

Die personelle Unterbesetzung in Kreißsälen ist ein offenes Geheimnis und die Überlastung der angestellten Hebammen mittlerweile an einem Punkt angelangt, der schon unmenschliche Züge annimmt. Die Qualität der deutschen Entbindungsabteilungen ist akut gefährdet. 12 oder 16 Stunden Dienst am Stück ist kein Ausnahmefall mehr. Arbeitsausfälle wegen Krankheit als Folge von Dauerüberlastung sind keine Seltenheit – ein Zustand mit Folgen.

Die Betreuung der Schwangeren und Gebärenden kommt dabei immer mehr zu kurz. Die totale Überlastung durch völlig unzumutbare Dienste, Rufdienste und Zusatzdienste erlaubt es den Hebammen noch nicht einmal mehr, sich gegen diese Zustände zu wehren. Die noch verbleibenden Kräfte werden voll im Berufsalltag verschlissen. Zeit für berufpolitisches Engagement bleibt den Wenigsten, Freizeit und Privatleben ist auf ein Minimum reduziert.

Richtlinien zur Personalbesetzung gehen in aller Regel meilenweit an den Bedürfnissen der geburtshilflichen Abteilungen und vor allem an denen der Menschen vorbei. Die Gefahr ist gross, dass durch Überarbeitung Fehler passieren – Fehler, die fatale Folgen für Mutter und Kind haben können!

Das Problem ist seit Jahren bekannt und hat zu formalistischen Verwaltungsakten geführt wie etwa die geforderte schriftliche Benachrichtigung der Hebammen an die Pflegedienstleitung über eine “gefährliche Situation im Kreißsaal”. (wenn es denn die Zeit erlaubt). Zweck ist die juristische Absicherung der Hebammen. Die Klinikverwaltungen legen diese Benachrichtungen – Notsignale – ad acta. Dem Formalismus ist Genüge getan. Konsequenzen in Form von Personalaufstockung gibt es so gut wie nie. Offene Stellen werden oft gar nicht erst neu besetzt. Die finanzielle Situation der Krankenhausträger erlaubt es nicht.

Leidtragende dieser unglückseligen Situation sind die schwangeren und gebärenden Frauen und ihre Kinder. Selbst wenn ‘alles gutgeht’, bleibt sehr häufig nicht genug Zeit für menschliche Zuwendung und Betreuung. In erster Linie muss die medizinische Kontrolle und Dokumentation gewährleistet sein. Juristisch muss der Geburtsverlauf unantastbar sein. Die Folgen liegen auf der Hand.

Oberstes Gesetz in der Geburtshilfe ist: Ruhe und Geduld. Eine Utopie, wenn den Hebammen im Kreißsaal die Hektik anzumerken ist, weil sie vor lauter Arbeitsaufkommen nicht mehr wissen, wo sie zuerst hinspringen sollen. In dem Bemühen, den sich ihnen anvertrauenden Frauen eine gute Betreuung zu gewähren, sind viele angestellte Hebammen heute völlig überfordert. Neben ihrer hochqualifizierten Arbeit müssen sie vielerorts auch noch die Reinigungsarbeiten im Kreißsaal übernehmen, weil kein entsprechendes Personal zur Verfügung steht. Viele Kolleginnen steigen notgedrungen aus, weil sie dieser Dauerbelastung gesundheitlich nicht gewachsen sind.

Die ganzen fantastischen Bilder von ruhiger und entspannter Atmosphäre im Kreißsaal mögen vielleicht noch für die ein oder andere geburtshilfliche Abteilung gelten, auf die meisten trifft sie sicherlich nicht zu. Glück kann man als Schwangere haben, wenn man zufällig einen Zeitpunkt erwischt, wo man die Einzige ist, die gerade entbindet. Sollte man aber eine unter 3 oder 4 sein, mit einer Hebamme im Dienst, dann bereite man sich besser schon in der Schwangerschaft darauf vor, die lange Wehenzeit überwiegend alleine zu verbringen oder suche sich eine Alternative. Dann nutzen neben fetzigen Prospekten und Elterninformationsabenden nämlich auch die ganzen Aushängeschilder wie Romarad, Geburtswanne, Gebärhocker, bunte Gardinchen und runde Familienbetten nichts.

Die Seele der guten Betreuung im Kreißsaal ist und bleibt die Hebamme. Eine Geburt braucht Zeit, Ruhe und persönliche Zuwendung. Ist das nicht gewährleistet, leidet zwangsläufig die Qualität der Betreuung, die Hebamme kann ihrer Aufgabe im Dienste für Mutter und Kind nicht mehr in vollem Umfang gerecht werden.

Die klinische Geburtshilfe ist in Gefahr, ein rascher Richtungswechsel ist unumgänglich – im Interesse von Müttern und Kindern!



Lesen Sie dazu auch:

Pressemitteilung vom Bund Deutscher Hebammen e.V.
www.bdh.de.

Hebammen rotieren im Kreißsaal
Zukunft der Entbindungsabteilungen zunehmend ungewiß

Maike Feltgen weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Seit 16 Stunden ist die erfahrene Hebamme ununterbrochen im Streß. Eine anstrengende Spätschicht hat sich wieder einmal nahtlos an einen ebenso kräfteraubenden Bereitschaftsdienst angeschlossen. Und dabei muß sie immer den Anforderungen ihres verantwortungsvollen Berufes gerecht werden: Sie hat nicht nur den Geburtsverlauf bei derzeit drei Frauen parallel zu beobachten und sicherzustellen, daß keine Unregelmäßigkeiten auftreten. Sie muß auch Kraft spenden, Geborgenheit vermitteln und dort Zuspruch und Beistand leisten, wo er gebraucht wird. Zusätzlich muß sie fehlende Reinigungskräfte ersetzen und zwischendurch putzen und wischen, wo es nötig ist.
Ein solcher Arbeitstag ist für Hebammen an den Kliniken leider keine Seltenheit. Im Zuge finanzieller Engpässe und wirtschaftlicher Überlegungen werden immer häufiger offene Stellen nicht besetzt oder Planstellen reduziert. Die anstehende Arbeit verteilt sich auf eine immer geringer werdende Personenzahl und führt hierdurch zu einer steten Zunahme der ohnehin hohen Überstundenzahl.

Der Bund Deutscher Hebammen e.V. (BDH) fürchtet, daß auf Dauer neben der Motivation und der Freude an der Arbeit zwangsläufig auch die Qualität der Betreuung leiden wird. Schon heute beklagen sich viele Frauen über die bescheidene Weiterbetreuung auf der Station. Viele Hebammen fühlen sich ausgebrannt und sind frustriert. Durch die meist ausschließliche Kreißsaalarbeit kommen wesentliche Aspekte der Hebammentätigkeit zu kurz. So bleibt meist eine angemessene Betreuung vor und nach der Geburt auf der Strecke. Die Möglichkeit, mit den Gebärenden eine Atmosphäre der Geborgenheit und Ruhe zu gestalten, ist immer seltener gegeben. Für das Weiterbestehen der Entbindungsabteilungen wird jedoch die Qualität der Versorgung von Mutter und Kind eine entscheidende Rolle spielen. Und hierzu gehört neben einer medizinischen Versorgung auch die kompetente persönliche Betreuung durch die Hebammen. Dies kann jedoch bei einer oft chronischen Unterbesetzung im Kreißsaal nicht geleistet werden. Sollte die derzeitige Entwicklung in den Kliniken unverändert fortlaufen, werden sich nach Überzeugung des BDH Frauen zunehmend gegen eine Geburt in der Klinik entscheiden. Dies wird langfristig gesehen das Aus für die kleinen Entbindungsabteilungen bedeuten.


Mehrarbeit für Hebammen bedeutet Qualitätsverlust
Bei derArbeitszeitgestaltung ist nur noch wenig Spielraum

Bereits im Vorfeld der anstehenden Tarifverhandlungen zur Arbeitszeitgestaltung in den kommunalen Krankenhäusern und Unikliniken am 19. April in Stuttgart macht der Bund Deutscher Hebammen e.V. (BDH) auf die besonderen Arbeitsbedingungen für Hebammen aufmerksam. Ein wesentlicher Aspekt der Hebammentätigkeit ist die individuelle Betreuung und der persönliche Kontakt zur Schwangeren, für die die Hebamme im Regelfall eine Vertrauensperson darstellt. Die physische wie psychische Belastung, die eine solch umfassende und intensive Betreuung mit sich bringt, wird vom Arbeitgeber oftmals nicht erkannt. Die von den Arbeitgebern angestrebte Verlängerung der Schichtdienste von normalerweise 8 auf maximal 13 Stunden und die Reduzierung der Ruhezeiten von 10 auf 8 Stunden bergen die Gefahr des Qualitätsverlustes in der Schwangerenbetreuung. Denn mit zunehmender Schichtlänge und damit steigender Überlastung der Hebamme wird auf Dauer zwangsläufig die Qualität und die Versorgung der Schwangeren leiden. Zudem wird bei der vorgesehenen Pausenregelung, nach der die Hebamme vorgeschriebenerweise 30 Minuten Pause machen muß, offensichtlich das Berufsbild der Hebamme nicht berücksichtigt. So ist es gerade auf personell dünn besetzten Stationen häufig gar nicht möglich den Kreißsaal zu verlassen.

Insgesamt legen die Vorschläge der Arbeitgeber zur Arbeitszeitregelung die Vermutung nahe, daß die Finanzierungsprobleme der Krankenhäuser auf die Beschäftigten abgewälzt werden sollen. So sollen mit der Ausdehnung der täglichen Arbeitszeit offensichtlich die Kosten der Überstunden gespart werden. Dies geht nicht nur zu Lasten der Gesundheit der Beschäftigten, sondern wird auch verheerende Folgen für die zu betreuenden Schwangeren haben. Deshalb muß nach Ansicht des BDH für die Krankenhausfinanzierung eine politische Lösung gefunden werden. Bei der Diskussion um die Verlängerung der Arbeitszeiten sollte nicht übersehen werden, daß gerade im Gesundheitswesen ausgeruhtes Personal von besonderer Bedeutung ist.

Quelle:
www.bdh.de
März 2001

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