Die Weisheit der Hebammen
Professionalität und Intuition
Eva Fernandez-Thanheiser,
freie Hebamme in Österreich
Geburt, Tod und die Frage nach dem Sinn unseres Daseins beschäftigen die Menschheit seit Urzeiten. Hebammen, oft "weise Frauen" genannt, gelten seit jeher als Trägerinnen geheimen Wissens. Im Laufe der Entwicklung der Medizin in unserem Jahrhundert, erfuhr das Erleben rund um die Geburt in der Zivilisation gewaltige Veränderungen.
Der traditionelle Geburtsort im Hause der Gebärenden und die Begleitung durch eine vertraute Hebamme wurden ersetzt durch die Anonymität der Spitalsroutine. Die Hoffnung auf einen guten Ausgang der Geburt, oft verankert im Glauben der Frauen, wich dem Vertrauen in die moderne Technik und die vermeintliche Unfehlbarkeit der Naturwissenschaft. Hebammen erfuhren sich in der modernen Geburtshilfe eher als Assistentin des Arztes denn als kompetente Fachfrauen. Und auch die Schwangeren und Gebärenden selbst trauten den Laborbefunden mehr als ihrem subjektiven Erleben.
Im Zuge dieser Entwicklung ist viel altes Wissen verloren gegangen, wenn sich auch vieles zum Besseren gewendet hat. Es ist richtig, dass wir heute in der Geburtshilfe weniger Todesfälle denn je bei Müttern und Kindern zu beklagen haben, aber bedingt durch die zunehmende Anonymität der Betreuung, verschlechterte sich der psychosoziale Zustand der Frauen erheblich.
Unter diesem Aspekt erstaunt es nicht weiter, dass sich die Rate der Frühgeburten seit Einführung wehenhemmender Medikamente nicht verändert hat, da die psychische Situation der betroffenen Frauen meist außer Acht gelassen wurde. Bis heute wird der Einfluss seelischer Faktoren auf Schwangerschafts- und Geburtsverlauf unterschätzt oder sogar bewusst vernachlässigt. Das mag ein Grund sein, warum die Rate pathologischer Phänomene in den Krankenhäusern so zahlreich ist. Bei adäquater Betreuung haben auch Frauen mit pathologischem Schwangerschaftsverlauf eine gute Chance auf eine normale Geburt.
Nach langjähriger Praxis als Hebamme im Spital und bei Hausgeburten bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass wir ein neues Geburtsmanagement brauchen, wenn wir die Qualität der Ergebnisse in der Geburtshilfe verbessern wollen. Oft zieht gerade die beabsichtigte Vermeidung von Risiken neue, unbeabsichtigte Risiken nach sich. Die Arbeit und Begleitung durch eine Hebamme war immer eingebettet in den sozialen Kontext der betreffenden Frau. Oftmals kannte die Hebamme die Schwangere schon als Kind. Sie wusste, wie und wo die Frau lebte und mit welchen Problemen diese zu kämpfen hatte. So hatte sie optimale Voraussetzungen, der Frau seelische Unterstützung zu geben, wenn diese es brauchte. Mit dem verstärkten Augenmerk, das unsere Gesellschaft in den letzten Jahren auf seelische Prozesse richtete, entstand für diese besondere Qualität neben medizinischer Versorgung durch die Hebamme der viel strapazierte Begriff Ganzheitlichkeit.
Auf dem Weg zu einer Verbesserung in der Schwangerenbetreuung kommen wir an dieser Qualität nicht vorbei. Ganzheitliches Arbeiten versucht den ganzen Menschen in allen seinen Aspekten zu erkennen und wahrzunehmen. Daher findet beispielsweise nach meinem Verständnis auch eine pauschale Verteilung identischer homöopathischer Substanzen für alle Frauen um den Geburtstermin nicht meine Zustimmung (meist Pulsatilla und Caulophyllum).
In dieser Arbeitsweise offenbart sich der Denkfehler des modernen Menschen. Wir glauben, wir müssten nur die Substanzen austauschen, etwa allopathische gegen homöopathische, um unsere Ziele zu erreichen. Wir wechseln die Tapete im Gebärzimmer und machen Wassergeburten, aber die Betreuung und die Interventionen wie Blasensprengung, Wehentropf, Geburt in Rückenlage etc. bleiben die gleichen. Die Veränderungen finden nur im Außen statt.
Wir müssen umdenken und im Kopf, im Herzen und im Handeln neu werden. Das ist schwer. Denn die Veränderung alter Gewohnheiten ist eine harte Probe, bei jeder Frau, bei jeder Geburt aufs neue. Es ist eine unvergleichliche Leistung, nicht nur den alten Mantel abzustreifen. Es geht darum, daß wir den neuen Mantel nicht anziehen, weil er gerade in Mode ist, sondern, weil uns der alte von innen heraus nicht mehr passt.
Was ist nun der Schlüssel, der uns diese neuen Ziele erschließt?
Hier ist an erste Stelle Qualität zu setzen! Das bedeutet automatisch eine Reduzierung in der Anzahl der zu betreuenden Frauen. Denn in erster Linie ist dies ein zeitliches Problem, und jeder Arzt, der eine Kassenordination führt, wird mir zustimmen, Qualität ist mit Quantität oft nicht vereinbar.
Wenn wir uns Zeit für die Frau nehmen, können wir ihre Vertraute werden und befinden uns in der guten Tradition der alten, weisen Hebammen. Dann arbeiten wir plötzlich mit Menschen, mit Schicksalen statt mit Befunden und Organen.
Eine gute Hebamme arbeitet immer individuell, denn es gibt leider keine Patentlösungen. Sicherlich gibt es immer wieder probate Mittel, die etlichen Frauen geholfen haben, das bedeutet abe noch lange nicht, dass sie jeder Frau helfen müssen. Jedesmal neu sind wir herausgefordert unsere Kunst unter Beweis zu stellen und gemeinsam mit der Frau den für sie einzigartigen Weg zu ihrem Kind zu entdecken.
Die Werkzeuge guter Hebammenarbeit sind seit Jahrtausenden die gleichen und daher gut erprobt. Meist sind es natürliche Substanzen wie Heilkräuter, Tees, Aromatherapie, die Anwendung von Wärme oder Kälte, Massagen. Positionswechsel, Atemmuster, Visualisationen, bestimmte Trance- und Entspannungstechniken und vor allem die persönliche Betreuung durch eine vertraute Person. Blütenessenzen, Homöopathie und Aura-Soma stehen heute zur Verfügung.
Kräuter sind zum Teil die Vorläufer heute in der Schulmedizin gebräuchlicher Drogen, mit dem Unterschied, dass sie in Reinsubstanz direktere und intensivere Wirkung entfalten. Mit chemischen Reinsubstanzen können wir gezielter intervenieren, doch nehmen auch die Gefahr der Überdosierung oder eventuelle Nebenwirkungen zu.
Je besser wir die Frau kennen, desto spezieller können wir auf sie eingehen.
Je mehr Vertrauen die Frau zu uns hat, desto leichter kann sie sich öffnen.
Vertrauen braucht Zeit, um zu wachsen und ist eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Voraussetzung für einen positiven Geburtsverlauf.
Vertrauen ist also die wichtigste Voraussetzung für Sicherheit. Wenn wir ängstlich sind, werden wir Sicherheit im Außen suchen, messbare Sicherheit bekommt gleichzeitig einen überhöhten Stellenwert für uns. Die meiste Aufmerksamkeit bekommen dann Blutgasanalysen, Ultraschall und CTG-Kurven.
Die Aufarbeitung der persönlichen Geschichte ist Grundvoraussetzung für konstruktive Geburtshilfe. Wer von vornherein ängstlich ist, ist nicht krisenfest und kann in Notsituationen kaum klaren Kopf bewahren. Wer erfolgreiche Geburtshilfe betreiben will, kommt an der Aufarbeitung der eigenen Geburt nicht vorbei.
Alte Kulturen waren sich dessen wohl bewusst und so durfte nur Hebamme werden, welche selbst geboren hatte und zu dieser Aufgabe berufen wurde. Dies geschah durch ein Ritual, bei dem diese ihre eigene Angst besiegen musste. Diese Übergangsrituale bestanden aus drei Phasen. Abschiednehmen von Vergangenem, ein ritueller Tod und Wiedergeburt. Die alten Völker wussten: Wer in diesem Beruf Angst hat, ist am falschen Platz.
Persönlichkeitsbildung, Selbstkritik und stetige Entwicklung sind unsere erste Pflicht vor allen geburtshilflichen Verpflichtungen. Wir brauchen Respekt vor den Gesetzen des Lebens. Diese machen uns bewusst, dass Geburt und Tod zwei Seiten derselben Medaille sind, damit wir nicht hochmütig werden. Hebammenkunst erfüllt sich im Geiste von Liebe und Freiheit und nicht aus Angst.
Äußerster Respekt vor den Rhythmen des Lebens, vor der Wehenkraft und dem persönlichen Tempo von Mutter und Kind kennzeichnet gelebte Hebammenweisheit. Die Hebamme hat soviel Zeit, wie es braucht. Die Stunden der Geburt haben ihr eigenes Maß und werden nicht in Minuten gemessen. Die Zeiteinheiten der Geburt ist Geduld. Nichtsdestotrotz erfolgt Handeln rasch, wenn es erforderlich ist. Geduld hilft mit, Interventionen und Aufwand gering zu halten, was Ausdruck des Respekts und nicht zuletzt kostensenkend ist.
En protrahierter oder pathologischer Geburtsverlauf mag eine Hürde auf dem Weg zum Kind sein, zur Katastrophe wird er einzig durch mangelndes Verständnis der Geburtshelfer für das, was geschieht. Der zügig voranschreitende, physiologische Geburtsverlauf ist nicht der einzig mögliche Weg. Wer nicht lernt, dem Rhythmus der Gebärenden zu lauschen und ihm zu folgen, stört und verletzt das individuelle Muster der betreffenden Frau. Das Recht einzugreifen gibt uns nur die innere Klarheit, daß alle Geduld und alle unterstützenden Maßnahmen ausgeschöpft sind, alles andere wäre Vertrauensbruch und Machtmissbrauch. Wir sollten uns vor Augen halten: Wer bergsteigt, darf auch mal kurzatmig sein.
Große Veränderungsprozesse brauchen Chaostoleranz !!!
Diese Aussage gilt sowohl für Geburtskrisen als auch für Krisen im Wochenbett, wenn Frauen in Stress kommen, weil ihr Haushalt noch nicht so perfekt ist, wie sie ihn gerne hätten. Die vermeintliche Vollkommenheit der physiologischen Geburt, nach der wir uns sehnen, verstellt uns den Blick auf die Geheimnisse und die individuelle Vollkommenheit, die uns umgibt. Unser größter Feind ist die Angst, nicht die Probleme, die uns umgeben. Wir müssen etwas finden, was unser Herz weit macht. Wir müssen lernen, auch unter größtem Stress innezuhalten und unserer inneren Stimme zu lauschen. Sie enthüllt uns eine tiefe Quelle von Ruhe, Kraft und Klarheit.
Intuition statt CTG?
Intuition, lange Zeit verpönt als nicht einzuordnen, nicht überprüf- und reproduzierbar, erlebt momentan eine Renaissance. Mittlerweile hat auch die Wirtschaft den Wert der Intuition entdeckt und Manager werden zu Intuitions-Trainings geschickt. Der Duden definiert Intuition als unmittelbares, nicht auf Reflexion beruhendes Erkennen eines Sachverhaltes oder Vorgangs. Intuition ist ein bestimmter Zustand, in welchem man sich innerlich schauend, also fühlend, leiten lässt. Intuition, Gefühle und figuratives Denken ordnet man der rechten Hemisphäre zu, während Intellekt, Analyse und logisches Denken der linken Hemisphäre zugehören. Durch ihre unterschiedlichen Funktionen versteht es sich von selbst, dass wir beide Hemisphären brauchen, um zu optimalen Lösungen und Ergebnissen zu kommen. Dazu müssen wir das Spannungsfeld beider Gehirnhälften synchronisieren lernen.
Verschiedene Wissenschaftler konnten in Versuchsreihen beweisen, dass Methoden wie Selbsthypnose, Meditation und Feedbacktechnik zur zunehmenden Synchronisation der Gehirnhälften führen. Den höchsten erreichbaren Zustand der Synchronisation nannte der englische Physiker C. Maxwell Cade "luzide Bewusstheit". Menschen, die diesen Zustand erlebt haben, beschreiben ihn eher "wissend" als "denkend". Kreativität und Intuition sind uns also nicht in die Wiege gelegt, sondern vor allen Dingen erlernbar.
Naturwissenschaftliches Arbeiten lässt keinen Platz für Intuition und Vertrauen, sondern stützt sich vornehmlich auf Analysen und Beweise. Alles, was nicht bewiesen ist, nährt Zweifel und Misstrauen und provoziert den Spott der Fachwelt. Aber der schöpferische Geist der Wissenschaft wächst aus Neugierde und dem Drang nach Verbesserung. Die Sehnsucht nach den Grenzen des Horizontes, die Lust am spielerischen Experimentieren, all dies braucht Intuition und Weisheit.
Weisheit ist kein Verdienst, auf dem wir uns ausruhen, nichts, das wir fixieren können, sondern ein lebendiger Zustand, der stets gefährdet, weil veränderlich ist. Wie können wir ein Gleichgewicht schaffen, das uns in unsere Mitte bringt? Das kann eine Entspannungs- oder Meditationstechnik sein, die auf den Geist wirkt. Gleichzeitig ist es jedoch wichtig regelmäßig körperliche Bewegung zu üben, denn ein Körper, der nie gefordert wird, ist unfähig sich tief zu entspannen.
Alles was wir tun, die Art wie wir arbeiten, denken und leben, sind untrennbar miteinander verwoben und bestimmen unsere Lebensqualität. Wer sonst, wenn nicht wir hat die Kraft zu Veränderung, Erneuerung und Heilung? Wenn wir nicht in dem Bewusstsein leben, dass wir verantwortlich sind, handeln wir unverantwortlich. Hier gilt es zu bedenken: Je bequemer die Methode, desto länger der Schatten, den sie wirft.
Gerade die, die in Schwierigkeiten stecken, die Großes von uns verlangen, brauchen unsere ganze Kraft und Hilfe. Sie sind es, an denen wir wahrhaft wachsen können. Das heißt nicht, dass wir uferlos sind, denn gerade bei der Erprobung von Neuem sind wir gefordert, unsere Grenzen klar zu erkennen.
Die Verbindung von Professionalität und Intuition ist lebendige Hebammenkunst.
Hebammenweisheit ist weder Legende noch Anachronismus, sondern ein Qualitätsbegriff für gute Geburtshilfe. Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass wir angstfrei neue Wege gehen, dass wir unermüdlich nach alternativen und Ergänzungen zum Erprobten suchen, dass wir Entwicklungen fördern und gemeinsame Visionen entwickeln. Möge die Geburtshilfe an der Schwelle zum dritten Jahrtausend im Kopf Erfahrung, im Herzen Vision und im Handeln Freiheit sein.
Quelle:
Hebammen Forum
http://www.hebammen-forum.de/
2001
Der Artikel erschien ursprünglich in der
Österreichischen Hebammenzeitung
http://zeitung.hebammen.at/
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