Eine Geburt ohne Begleitung von geschultem Fachpersonal ist in unserer westlichen Gesellschaft kaum vorstellbar, ja eher beängstigend. Wir verbinden mit dieser Vorstellung heute den Gedanken an die benachteiligten Frauen in der dritten Welt, die keine andere Wahl haben, als so alleine gelassen gebären zu müssen. Umso erstaunlicher liest sich die folgende Geschichte von einer Frau, die fest davon überzeugt ist, dass Gebären ein natürlicher Prozess ist und dass Frauen absolut in der Lage sind, alleine zu gebären, wenn sie genug Vertrauen in sich selbst und in ihren eigenen Körper haben:



Gebären ohne Hebamme oder Arzt
Die Geschichte von John's Geburt

von Laura Shanley

Als mein Mann und ich uns erstmals entschieden, unser Baby zuhause ohne jegliche medizinische Unterstützung zu bekommen, hatten wir keine Ahnung davon, wie unnatürlich Klinikgeburten zu diesem Zeitpunkt eigentlich wirklich waren. Jedenfalls wussten wir, dass wir uns nicht wohlfühlen würden mit dem Wissen, uns in fremde Hände begeben zu müssen. Wir glaubten felsenfest an meine Fähigkeit, sicher und einfach gebären zu können, ohne irgendwelche Intervention von aussen.

Beide hatten wir Dick-Read's "Geburt ohne Angst" gelesen (David hatte es mir bereits an dem Abend ausgeliehen, an dem wir uns das erste Mal trafen!) und uns war bekannt, dass Probleme während der Geburt oftmals durch die mentale Haltung/Einstellung der Mutter oder durch die beteiligten Helfer verursacht werden. Gebären zuhause und alleine würde jeglichen äusseren Einfluss ausschliessen und die Auseinandersetzung mit meinen ganz eigenen Ängsten und Ansichten würde mich davor schützen, mir selbst im Weg zu stehen, wenn unser Kind zur Welt kommt. Mindestens ebenso wichtig waren in dieser Zeit für uns die Bücher von Jane Roberts (insbesondere "The Nature of Personal Reality"), die sich mit dem Konzept auseinander setzen, wonach wir unsere eigene Realität anhand unserer Vorstellungen, Bedürfnisse und Intentionen erschaffen. Das, woran wir glauben, wird wahr. Jeder Mensch verfügt über mehr Kräfte, als wir uns vorstellen können. Probleme tauchen erst auf, wenn wir aus Angst und Zweifeln unsere Kräfte verlieren.

Zu dem Zeitpunkt, als ich mit unserem ersten Kind John schwanger wurde, hatten wir bereits die Erfahrung gemacht, wie kraftvoll der Glaube an sich selbst sein kann und wussten, dass es keinen Grund gab, an uns zu zweifeln, wenn es zur Geburt kommen würde. Wenn wir uns eine sichere, schmerzfreie Geburt zu Hause vorstellen konnten, dann könnte das auch Wirklichkeit werden - vorausgesetzt, wir wären bereit, die notwendige innere Arbeit zu leisten.

Während meiner Schwangerschaft stellte ich mir täglich vor, wie einfach und problemlos ich gebären würde. Ich sagte mir vor, dass ich keine Angst haben würde und auch keine Scham empfinden würde, was meinen Körper und meine Sexualität betrifft. Ich sagte mir, dass ich mich selbst lieben und mit mir völlig im Reinen sein würde und ich wusste, dass ich eine gute Geburt verdient habe. Zusätzlich zu diesen Selbst-Versicherungen und inneren Vorstellungen arbeitete ich auch mit meinen Träumen. Am Beginn meiner Schwangerschaft träumte ich davon, in einem Krankenhaus zu sein in Gegenwart meines Vaters (der Arzt ist) und anderer Ärzte. Ich hatte Angst und Schmerzen. Im Verlauf der Schwangerschaft veränderten sich meine Träume und bald träumte ich von einer schmerzfreien und einfachen Hausgeburt. Als die Geburt dann begann und ich Wehen hatte, kam es mir so vor, als hätte ich das schon einmal erlebt. Die Träume erlaubten es mir, dieses so wichtige, lebensverändernde Ereignis regelrecht zu "üben".

Am Nachmittag des 20. August fühlte ich erstmals etwas, von dem ich dachte, es könnten Geburtswehen sein. Gegen Mitternacht war ich mir sicher. David rief drei Freunde von uns an (alles Männer), die gerne dabei sein wollten und einen Dokumentarfilmer, der einen Film über uns machen wollte.

Die nächste Stunde verbrachte ich auf der Toilette, das war der bequemste Ort für mich. Die Männer waren mit mir im Badezimmer und wir waren guter Laune und lachten und stellten uns vor, wie befremdlich es eigentlich sein musste - eine Frau in Wehen, auf der Toilette sitzend und umgeben von fünf Männern… David ermunterte mich, mir laut vorzusagen, dass ich keine Angst habe und dass ich meinen inereren Kräften vertraue.

Gegen 1:30 Uhr sprang die Fruchtblase - ich saß immer noch auf der Toilette - und Sekunden später spürte ich den starken Druck von John's Köpfchen auf meinem Damm. Ich hatte kein Bedürfnis, zu drücken - ich hatte das Gefühl, er kam einfach aus eigener Kraft auf die Welt. Ich beschloss, lieber rüber aufs Bett zu gehen. Ich erinnere mich, dass ich mich fühlte wie ein wildes Tier. Ich vertraute darauf, dass mein Körper wusste, was zu tun ist und ich wollte nicht, dass mich irgend jemand dabei stört.

Ich krabbelte aufs Bett und war auf meinen Händen und Knien gerade im Begriff mich hinzulegen, als ich eine Stimme in meinem Kopf sehr bestimmt sagen hörte: "Leg dich nicht hin!" Ich hatte während meiner Schwangerschaft nichts darüber gehört, wie ungünstig die Rückenlage als Gebärposition eigentlich ist, also hatte ich einfach geplant, mich hinzulegen und flach auf dem Rücken liegend zu gebären. Meine innere Stimme war jedoch nicht zu überhören und ich blieb in der knieenden Position. Sekunden später hatte ich das Bedürfnis, ein klein wenig mitzudrücken und John kam geradezu aus mir herausgeflogen. David fing ihn auf. Ich konnte die unsagbare Freude in seiner Stimme hören, als er sagte "Es ist ein Junge."

Ich drehte mich um und legte mich hin und David legte ihn auf meinen Bauch. Alles erschien mir völlig unwirklich - eben war er noch in meinem Bauch und in der nächsten Minute war er hier draussen auf der Welt… Nachdem wir John eine Weile Zeit gegeben hatten, sich an seine neue Umgebung zu gewöhnen, schlang David ein Band um die Nabelschnur und unser Freund Rick durchtrennte sie mit seinem Taschenmesser. Dann nahmen die Männer das Baby mit in den angrenzenden Raum und badeten ihn zum ersten Mal. Etwa eine Stunde danach stand ich auf und gebar die Plazenta in die Toilette. David brachte sie anschliessend in den Wald.

Später, als alle unsere Freunde nach Hause gegangen waren, fielen David und ich in einen tiefen Schlaf - unseren kleinen neugeborenen Sohn zwischen uns.


© http://unassistedchildbirth.com

aus dem Englischen,
übersetzt von Silvia Skolik

Anmerkung:
Laura Shanley hat alle ihre vier Kinder zuhause geboren, ohne Arzt oder Hebamme. Alle Kinder sind gesund und munter und mittlerweile erwachsen.

Quelle:
"John's Birth Story" - by Laura Shanley
Born Free. The Unassisted Childbirth Page
http://unassistedchildbirth.com

Literatur:
Unassisted Childbirth
von Laura Kaplan Shanley
Englisch, 174 Seiten
Bergin & Garvey,; ISBN: 0897893778

Lesenswertes im Kontext:
Meergeburt im Indischen Ozean
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