Viele Herzen schlugen für herzkranke Kinder
von Michael Lehnberg
50 000 Menschen spendeten 18 Millionen Mark fürs Kinderherzzentrum. Einmaliges Konzept - Moderne Technik ermöglicht 700 Operationen im Jahr "Sankt Augustin ist beispielhaft für die ganze Welt"
Sankt Augustin. Ein kühner Plan ist Wirklichkeit geworden, ein Traum hat sich erfüllt. Das große Gemeinschaftswerk Deutsches Kinderherzzentrum in Sankt Augustin ist vollendet. Viele Menschen haben am Entstehen der hierzulande einmaligen Einrichtung mitgewirkt. Genauer gesagt: 50 000 Spender und noch ein paar mehr. Als die Johanniter am MIttwoch ihren richtungsweisende Erweiterungsbau einweihten, kamen viele Freunde und Förderer, Angestellte und Ärzte, Politiker und Aufsichtsräte, um sich das gelungene Werk anzuschauen. Sie sprachen Grußworte und dankten, und vor allen Dingen staunten sie.
Kinderklinik und Herzzentrum: 44 Millionen Mark kostet der architektonisch gelungene Neubau, den Bund, Land, Johanniter und Fördergemeinschaft finanzierten.
Ob Landrat Frithjof Kühn und Regierungspräsident Jürgen Roters, ob NRW-Gesundheitsministerin Birgit Fischer oder der Staatssekretär des Bundesbauministers, Henner Wittling, ob Bundestagsabgeordneter Norbert Röttgen oder Augustins Ex-Bürgermeisterin Anke Riefers: Alle waren sie beeindruckt. Nach knapp drei Jahren Bauzeit steht auf dem Gelände der Kinderklinik eines der modernsten Kinderherzzentren der Welt, in dem Chirurgen jedes Jahr 700 Herzoperationen durchführen können.
44 Millionen Mark hat es gekostet. Der Bund, das Land, die Johanniter-Gesellschaft und die Fördergemeinschaft tragen die Kosten zu gleichen Teilen. Einen außerordentlichen Beitrag leistet die Fördergemeinschaft Herzzentrum. 50 000 Menschen haben binnen elf Jahren 18 Millionen Mark gespendet. "Ich bin so glücklich. Was wir hier vor uns sehen, zeigt, dass uns auch das Zeitalter digitaler Nüchternheit noch Raum für Träume lässt und die Chance, sie zu verwirklichen", sagte Friedhelm Rentrop, Schatzmeister der Fördergemeinschaft. "Dieses Beispiel zeigt, wie durch gemeinsame Anstrengungen von möglichst vielen Beteiligten des Gesundheitswesens eine Idee bis zur Realisierung gebracht werden kann", sagte Ministerin Fischer. Für Landrat Kühn ist das Kinderherzzentrum nicht nur eine hervorragende Einrichtung für Sankt Augustin, den Kreis und die Region. "Sie ist auch eine wesentliche Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit der Kinderklinik."
Das neue Zentrum verfügt auf drei Ebenen über eine Herzchirurgie mit 25 Betten, dazu eine Intensivstation mit 18 Betten und eine Kinderkardiologie mit zwölf Betten sowie eine kardiologische Ambulanz. Herzstücke sind die beiden OP, ausgestattet mit den modernsten Geräten, die derzeit zu haben sind. "Wir brauchen das Zentrum, weil wir in Deutschland international hinterher hinken", sagte Andreas Urban, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Herz- und Thoraxchirurgie. "Und wir brauchen diese Kompetenz des Herzzentrums."
In 56 der bundesweit 80 Herzzentren werden auch Kinderherzen operiert. Das sind im Schnitt 48 Operationen pro Klinik und Jahr, hat Urban ausgerechnet. "Das ist zu wenig. Im Sinne einer Qualitätssicherung werden mindestens 200 Operationen im Jahr gefordert." Das Augustiner Herzzentrum sei deshalb so wichtig, um zu gewährleisten, dass noch weniger Kinder mit angeborenem Herzfehler sterben und nicht so lange auf eine Operation warten müssen. Jedes Jahr kommen in Deutschland etwa 7 000 Kinder mit angeborenem Herzfehler zur Welt. Etwa 4 500 müssen mit Herz-Lungen-Maschine operiert werden. Das heißt: Ihr Herz steht für mehr als eine Stunde still. 95 Prozent dieser Kinder können nach einer Operation ein ganz normales Leben führen.
Das Konzept des Kinderherzzentrums ist einmalig in Deutschland. Alle Einbett-Zimmer sind als Mutter-Kind-Zimmer angelegt. Aufenthalts- und Spielräume sorgen in einem hellen, übersichtlichen sowie kind- und elterngerechten, freundlichen Gebäude, dass der Gedanke an ein Krankenhaus nicht aufkommt. Medizinisch betrachtet findet sich alles unter einem Dach wieder. Kurze Wege gewährleisten schnelles Handeln. Kinder mit Herzfehlern, die wegen eines anderen Befundes operiert werden müssen, sei es an der Leiste oder der Nase, finden so ideale Voraussetzungen vor. "Besser kann es gar nicht sein", sagte Lutz Grävinghoff, Chefarzt der Kardiologie.
Obwohl noch nicht fest steht, wann der erste Patient im neuen Herzzentrum operiert wird, hallt deren guter Ruf schon weit über Sankt Augustins Grenzen hinaus. Eine chinesische Delegation hat ihren Besuch angekündigt. Für Urbans Chirurgielehrer, Professor Waldemar Hecker, indes nicht verwunderlich: "Dieses Zentrum ist beispielhaft für die ganze Welt."
Quelle: Bonner General Anzeiger, 14.06.2000
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