Aus der Frankfurter Rundschau:
Wenn der Wunsch nach Kindern zurückgestellt wird
Weibliche Lebensentwürfe und moderne Reproduktionstechnologien
Die meisten Frauen streben danach, Beruf, Familie und Kinder "unter einen Hut" zu bekommen. Angesichts der Möglichkeiten und Karrieren auf dem Arbeitsmarkt ist das immer noch außerordentlich schwierig. Die persönliche Lösung vieler Frauen ist, das Kinderkriegen auf Ende zwanzig, Anfang dreißig zu verschieben. Auf die Folgen geht im folgenden, leicht gekürzten Beitrag die Bremer Publizistin Eva Schindele ein. Wir dokumentieren ihren Vortrag, den sie im Rahmen einer Tagung der Bündnisgrünen in Berlin mit dem Titel hielt: "Der (Alb)-Traum von der leidensfreien Gesellschaft".
Große wissenschaftliche und finanzielle Energie wurde in den letzten drei Jahrzehnten einerseits in die labortechnische Erzeugung von Embryonen und andererseits in die Optimierung der Schwangerschaft und des "Schwangerschaftsprodukts" (wie es inzwischen im medizinischen Fachjargon heißt) gesteckt. In Diskussionen verweisen medizinische Anbieter der Technologien gerne auf das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung, so als wären Frauen damals in den 70ern auf die Straße gegangen, um von WissenschaftlerInnen die Entwicklung von Reproduktionstechnologien, Pränataldiagnostik oder gar Präimplantationsdiagnostik zu fordern.
Zweifellos gibt es inzwischen Frauen, die diese ganze Palette moderner Reproduktionstechnologien für sich einfordern und Frauen (Paare), denen die Reproduktionsmedizin zu ihrem lang ersehnten Wunschkind verholfen hat. Doch daraus bereits den emanzipativen Charakter dieser Technologien abzuleiten, blendet die Lebensrealität von Frauen und auch den Preis den sie dafür bezahlen müssen, aus. Bisher steht die Perspektive derjenigen, die die medizinischen Techniken offerieren und der Konsumentinnen, die diese nutzen wollen, zu sehr im Mittelpunkt der Debatte. Wie einzelne Frauen ihr Leben planen und gestalten hat mit ihren Lebensbedingungen zu tun, aber auch mit dem gesellschaftlichen Klima für Kinder und Kinderkriegen, für Mutter- oder Elternschaft sowie die innerfamiliäre Aufgabenverteilung. Deshalb müssen die modernen Reproduktionstechnologien im Kontext weiblicher Lebensentwürfe diskutiert werden. Dabei darf auch die Perspektive der massenhaften Anwendung nicht durch die Diskussion von Einzelfällen aus dem Blick geraten, zum Beispiel die Frage, wie die medizinischen Angebote die individuelle und gesellschaftliche Lebensrealität von Frauen verändern, welche neuen Verpflichtungen für Frauen zukünftig daraus abgeleitet werden und wie sie unser zukünftiges gesellschaftliches Zusammenleben prägen könnten. Dies erweitert nicht nur die Perspektive, sondern auch den politischen Handlungsspielraum und zwar jenseits von Geboten und Verboten.
Verhütungspillen und Eierkonten
Vor kurzem habe ich den Chemiker und Schriftsteller Carl Djerassi interviewt. Djerassi entwickelte Anfang der 50er Jahre die chemische Formel für die Verhütungs-Pille. Seither können Frauen mit Hilfe hormoneller Kontrazeption ihren Körper so manipulieren, dass der Sex folgenlos bleibt. Gefeiert wurde die Pille als eine Möglichkeit, Sex und Fortpflanzung voneinander zu trennen. Tatsache ist, dass mit der Pille Zeitpunkt und Zahl des Nachwuchses für Frauen planbarer geworden sind. Nun propagiert Djerassi den anderen Schritt - nicht nur eine Schwangerschaft zu verhindern, sondern auch aktiv mit Hilfe der Reproduktionsmedizin Kinder (und deren genetische Beschaffenheit) zu planen. Seine Zukunftsvision: Frauen und Männer lassen sich mit 20 sterilisieren. Vorher legen sie ein Ei- und Samenzellkonto an, in dem die Keimzellen tiefgefroren und abrufbereit lagern. Nach abgeschlossener Karriere, vielleicht mit 40 oder 45 kann dann die Frau ihre junggebliebenen Eier mit dem ebenso jugendlich-gebliebenen Samen ihres Partners befruchten lassen. Die neun Monate der Schwangerschaft sollen dann natürlich sein. Ein intelligenter Vorschlag findet Djerassi, der es Frauen endlich ermögliche, die Hälfte des Himmels zu erobern.
Djerassis Idee wird voraussichtlich wegen technischer Probleme, der großen Strapazen des Verfahrens für Frauen und den gleichzeitig geringen Erfolgsaussichten sowie den hohen Kosten nicht im großen Maßstab funktionieren. Aber sein Denkansatz ist ehrlich und konsequent. Er propagiert die künstliche Befruchtung, verbunden mit dem Gesundheitscheck des Embryos in der Petrischale, als Sozialtechnologie.
Reproduktionsmedizin als Sozialtechnologie
Zurück ins Jahr 2000. Bei uns werden heute die Reproduktionstechnologien als medizinische Therapie von den Krankenkassen bezahlt. Ihre Anwendung verspricht "Krankheiten" wie ungewollte Kinderlosigkeit zu heilen oder das "Risiko", ein behindertes Kind zu gebären, durch "präventiven" Schwangerschaftsabbruch (bei der Pränataldiagnostik) oder bereits durch Selektion in der Petrischale (bei der bei uns bisher nicht zugelassenen Präimplantationsdiagnostik) zu minimieren. Eine solche medizinische Betrachtungsweise neutralisiert den gesellschaftlichen Kontext. Dabei werden bereits heute Reproduktionsmedizin und pränatale Diagnostik genutzt, um soziokulturelle und gesellschaftsbedingte Probleme individuell zu lösen. Die Tendenz wird weiter zunehmen.
Der Grund: Kinder und Berufstätigkeit (ich sage nicht mal Karriere!) sind in unserer gesellschaftlichen Realität für Frauen nur schwer kompatibel. Sind Kinder bereits da, so sind sie ein "soziales" Risiko vor allem für die Frauen. Die Folgen: Frauen geraten in ein Entscheidungsdilemma und schieben das Kinderkriegen auf. Dies erscheint ihnen sozial opportun, doch biologisch wird es mit zunehmenden Alter schwieriger schwanger zu werden. Außerdem nehmen die Chromosomenstörungen mit zunehmenden Alter leicht zu. Als Ausweg hoffen Frauen/Paare auf die Möglichkeiten künstlicher Befruchtung und vorgeburtlicher Diagnostik. Oft sind dabei ihre Erwartungen völlig überzogen - aber sie werden auch nur selten von medizinischer Seite korrigiert.
Kinder als biografisches Risiko
Die Lebensentwürfe von Frauen sind heute vielfältiger als vor 40 Jahren. Doch es gibt Trends: Der Wunsch nach Kindern nimmt ab bzw. wird zurückgestellt. Die Frauen, die sich ein Leben mit Kindern vorstellen, wollen mehrheitlich Berufstätigkeit und Familie verbinden.
Aber dieser Lebensentwurf wird, anders als bei unseren europäischen Nachbarn, in unserem Land politisch kaum unterstützt! Was nützt Frauen ein Anspruch auf einen Kindergartenplatz, wenn der Kindergarten nur von 8 -12 Uhr geöffnet ist, wo ist die Ganztagsschule, der Mittagstisch für Kinder, wo die Akzeptanz von Teilzeitstellen für Männer und für Frauen? Kinder werden heute beruflich Frauen angelastet - sie sind nach wie vor der Karriere-Killer Nr. 1. Außerdem verlangt der Arbeitsmarkt zeitliche und räumliche Flexibilität. Dies ist nicht nur eine Belastung für viele Partnerschaften, sondern es ist auch ein kinder- und elternfeindliches Konzept. Denn Kinder und ihre Mütter, die auch heute nach wie vor die Kinder großziehen und obendrein für die Entwicklung ihrer Sprösslinge verantwortlich gemacht werden, brauchen verlässliche soziale Strukturen.
Kinder sind das große biografische Risiko für Frauen - sie können den Verlust des Arbeitsplatzes bedeuten, abhängig machen vom Geld des Partners oder des Sozialamtes. In gar nicht so seltenen Fällen führen sie Frauen, vor allem die alleinerziehenden (und mit ihnen die Kinder) in die Armut. Immerhin ziehen fast 1/3 aller Mütter ihre Kinder inzwischen ohne Partner auf. Minutiös müssen vor allem alleinerziehende Mütter ihren Tagesablauf durchplanen um Erwerbstätigkeit und Kindererziehung gleichzeitig zu managen. Kranke Kinder, Unterrichtsausfall etc. bedrohen dieses enge Zeitmanagement.
Wie die jüngste Shell-Jugendstudie (2000) zeigt, bildet sich dieser Konflikt bereits in den Lebensentwürfen ganz junger Frauen ab. Auch sie wünschen sich heute in der Regel beides: eine Erwerbstätigkeit und ein Kind. Sie sehen realistisch die doppelten Anforderungen auf sich zukommen. Doch sie nehmen dies zumindest in den alten Bundesländern als gegeben, sozusagen schicksalhaft hin und suchen nach individuellen Lösungen. Sie äußern weder große Erwartungen an den Partner, noch stellen sie die Forderung an die Politik, Strukturen so zu verändern, dass sie beide Aspekte gut leben können.
Im übrigen wünschen sich heute auch junge Männer Familie und sie wollen sich auch an der Kindererziehung beteiligen. Doch laut Shell-Studie entwickeln sie kaum Ideen, wie sie beides managen könnten. Ein zeitweiser Ausstieg aus dem Beruf oder eine Teilzeitbeschäftigung liegt außerhalb ihres Horizonts. Dies ist nicht den jungen Männern anzulasten, denn schließlich erwartet in unserer Gesellschaft niemand ernsthaft, dass sie sich darüber Gedanken machen. Die alltägliche Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern wird in der Regel im individuellen Disput zwischen Vater und Mutter immer wieder aufs Neue ausgehandelt. Viele Ehen scheitern an diesen alltäglichen Anforderungen.
Kinderkriegen wird hinausgeschoben
Frauen/Paare reagieren auf diese Lebensrealität zunehmend, mit dem Verzicht auf Kinder oder indem sie das Kinderkriegen auf später verschieben. Laut Statistischem Bundesamt waren 1998 die Frauen bei der Geburt ihres ersten (ehelichen) Kindes durchschnittlich 29,4 Jahre alt. Bei einer repräsentativen Befragung, die der Leipziger Medizinsoziologe Elmar Brähler durchführte, nannten die Frauen als ideales Alter zum Kinderkriegen 32 Jahre. Vor allem gut ausgebildete Frauen schieben das Kinderkriegen immer mehr hinaus: So waren 1996 etwa 15 Prozent der westdeutschen Frauen zwischen 30 und 39 ohne Berufsabschluss kinderlos, bei Akademikerinnen haben 37 Prozent keine Kinder (Family and Fertility Survey, 1996). Die gewollte Kinderlosigkeit hat stark zugenommen. Die Soziologin Ive Stöbel-Richter fand in ihrer repräsentativen Studie, dass 38 Prozent der Frauen zwischen 25 und 35 Kinderlosigkeit als idealen Zustand sehen. Allerdings ändere sich das mit Mitte 30 schlagartig. Dann wollen nur noch 11 Prozent der Frauen ohne Kinder leben. Und nun fängt für viele das Problem an.
Zwischen einer gewollten Kinderlosigkeit und einer ungewollten Kinderlosigkeit können nur wenige Monate liegen. Je älter die Frau wird (in gewissem Umfang trifft das im Übrigen auch auf Männer zu), umso mehr tickt die biologische Uhr und umso ungeduldiger reagieren Frauen/Paare, wenn es nicht auf Anhieb mit dem Kinderzeugen klappt. Mitunter kann dies bei Frauen (und ihren Partnern) zu einer schweren Lebenskrise führen - hat frau doch erfolgreich planerisch verhütet, so muss sie jetzt erfahren, dass sich umgekehrt das Kind nicht einfach herbeiplanen lässt.
Als Ausweg hoffen Frauen/Paare auf die Reproduktionsmedizin, die ihnen jetzt im Labor ein Kind erzeugen soll. Dass dieser Weg körperlich und seelisch schwer zu verkraften ist und trotzdem meist nicht zum gewünschten Kind führt, zeigen die jüngsten Daten: Laut deutschem IVF-Register 1999 liegt die Geburtenrate unter 10 Prozent pro Behandlungszyklus. Und auch bei wiederholten und mehrjährigen Behandlungsversuchen überschreitet sie nicht die 30 Prozent Marke, so die vom Bundesforschungsministerium geförderte Verbundstudie "Fertilitätsstörungen". Das heißt mindestens 70 Prozent der Frauen gehen ohne Kind nach Hause. Die Reproduktionsmedizin war erfolglos.
Trotzdem sind die Erwartungen der Paare an die Reproduktionsmedizin hoch und sie werden auch von bundesweiten Kampagnen, in denen Selbsthilfegruppen mit den Zentren eng zusammenarbeiten weiter verstärkt. Auch werden Paare nicht immer umfassend aufgeklärt oder gar beraten (z.B über Risiken, auch über Alternativen zur High-Tech-Behandlung). Der psychosomatisch orientierte Gynäkologe Manfred Stauber (München), Reproduktionsmediziner der ersten Stunde, schrieb bereits 1996 in seinem Gutachten für das Bundesgesundheitsministerium: "Patientenpaare fragen oft mit großer Ungeduld - nach der erfolgversprechendsten Behandlungsmethode und fordern häufig diese mit grenzenloser Risikobereitschaft und ohne Rücksicht auf Kosten in den Spezialpraxen ein. Ärzte begeben sich dabei nicht selten in eine unheilvolle Allianz - nicht zuletzt auch aus profitorientierten Gründen."
Gleichzeitig wecken Reproduktionsmediziner inzwischen neue Begehrlichkeiten, wenn sie als Anwälte ihrer KinderwunschpatientInnen öffentlich auftreten und eine Liberalisierung des Embryonenschutzgesetzes fordern - zum Beispiel in Sachen Eizellspende, die in Deutschland bislang verboten ist und die gerade für ältere Klientinnen noch eine mögliche Option wäre. Schon heute kooperieren im Übrigen deutsche Zentren mit Reproduktionsmedizinern in Ländern wie Griechenland, Polen oder den USA, wo der Handel mit Eizellen nicht untersagt ist.
Zu hohe Erwartungen an die Reproduktionsmedizin
Ist es nicht paradox, dass Deutschland einerseits eine der niedrigsten Geburtenzahlen im Weltvergleich hat und sich gleichzeitig bei der Zahl der High-Tech-Laborbefruchtungen an der Weltspitze befindet? Mit rasant steigender Tendenz. Laut jüngstem IVF-Register befanden sich 1999 36 933 Frauen in reproduktionsmedizinischer Behandlung und 64 617 Behandlungszyklen wurden registriert. Das ist eine Steigerungsrate um 20 Prozent gegenüber 1998. Auch die Indikationen wurden in den letzten zehn Jahren immer mehr ausgeweitet. Inzwischen gehören sogenannte Hormonstörungen, aber auch zunehmend die schlechte Samenqualität des Mannes zu den häufigsten Indikationen. Hormonstörungen ebenso wie ein dürftiges Spermiogramm sind in vielen Fällen von Stress und zunehmendem Alter verursacht.
Ob es sich bei den Paaren, die sich in einer sogenannten Kinderwunschbehandlung befinden, immer um eine dauerhafte Sterilität oder nur um eine Fruchtbarkeitsstörung handelt - darüber sagen die Statistiken nichts aus. Eine europäische Studie zeigt, dass 1/3 der Frauen, die älter als 30 sind, länger als ein Jahr warten mussten, bevor sie schwanger wurden. Doch wer ermutigt die Paare zur Geduld? Das durchschnittliche Alter der IVF- oder ICSI-Patientin liegt bei 34 Jahren und etwa 16 Prozent der Paare geben an, dass der Kinderwunsch erst seit zwei Jahren oder noch kürzer besteht. Immer schneller, mitunter schon nach einem halben Jahr, nachdem die Verhütung abgesetzt worden ist, wird Paaren die High-Tech-Zeugung angeboten. Dabei hätten sie vielleicht nur zu ein wenig Geduld ermutigt werden müssen, um auch noch auf natürlichem Weg ein Kind zu zeugen. In den Niederlanden ist nach der "Fertilitätsprüfung durch einen Hausarzt" bei "weichen Indikationen" eine Wartezeit von mindestens einem Jahr verpflichtend und nach Aussagen der holländischen Gynäkologin Gunilla Kleiverda hat sich dann für die Hälfte der Paare eine assistierte Befruchtung von selbst erübrigt.
Ist es nicht tragisch, dass Frauen solange gewartet haben bis sie einen Weg gefunden haben, Beruf und Kind miteinander zu vereinbaren und dann stellt sich der Nachwuchs einfach nicht ein? Sie hoffen auf Hilfe durch die Reproduktionsmedizin und begeben sich in eine medizinische Behandlung, die aber mit einer Berufstätigkeit kaum kompatibel ist. Sie erleben die extreme Abhängigkeit von einem hochtechnisierten Ablauf, in den sie wie eine "hormonell manipulierte Marionette" (so eine ehemalige IVF-Patientin) eingebaut werden und nur noch funktionieren können. "Augen zu und durch!" Dazu kommen noch die gesundheitlichen Risiken für Frauen (Überstimulationssyndrom, Verletzungen des Darms usw.) und für die Kinder (Frühgeburtlichkeit, Mehrlingsschwangerschaften). Ist das die reproduktive Autonomie, die manche MedizinerInnen versprechen? Oder "reparieren Frauen mit ihrem Körper nicht vielmehr einen gesellschaftlichen Versorgungsskandal?" - wie die Bremer Landesbeauftragte für Frauen Ulrike Hauffe schreibt. Hauffe hat als ehemalige Klinikpsychologin auch Frauen begleitet, die sich in Sterilitätsbehandlungen befanden. Gerade an der Akzeptanz der künstlichen Befruchtung mit ihren enormen Zuwachsraten zeigt sich die gesellschaftliche Dimension einer gesundheitlichen Störung, die Frauen "selbstbestimmt" und individuell über die Medizin zu lösen versuchen, statt bereits im Vorfeld sozialpolitische Veränderungen einzufordern. (. . .)
Bewältigungsstrategie für Ängste
Schwangere Frauen nutzen pränataldiagnostische Untersuchungen häufig als ein zur Schwangerschaft gehörendes Ritual, von dessen Anwendung alleine sie sich schon gesunde Kinder versprechen (Friedrich et.al, Eine unmögliche Entscheidung, 1998). Sie sind zur Bewältigungsstrategie für Ängste und Ambivalenzen geworden, die heutzutage mit dem Kinderkriegen oder noch mehr mit dem Kinderhaben verbunden sind. Die Mutter eines Kindes hat es so ausgedrückt: "Ich bin doch schon mit meiner gesunden Lisa behindert, wie erst wenn das Kind behindert auf die Welt kommt?"
Die Ängste schwangerer Frauen vor einem behinderten Kind sind oft sehr diffus und häufig nur die Chiffre für ganz andere Probleme oder Konflikte in der Schwangerschaft: die Angst vor Veränderungen in der Beziehung, vor dem Verlassenwerden und dann alleine mit dem Kind dazustehen, den Beruf nicht mehr zu "schaffen", vor neuen Abhängigkeiten. Doch diese Ängste und Ambivalenzen sind für viele Frauen nicht kommunizierbar, schon gleich gar nicht in der gynäkologischen Praxis. Schließlich wird dort das medizinische Risiko "Schwangerschaft" behandelt, das soziale Risiko "Kind" ist dagegen meist weder dort noch an anderen öffentlichen Orten ein Thema. Da Frauen die sozialen Realitäten schon nicht ändern können, so hoffen sie, sich wenigstens medizinisch absichern zu können. Sie wissen, sie können nur funktionieren, wenn ihre Kinder funktionieren.
Im Übrigen geraten Frauen inzwischen unter Rechtfertigungsdruck, wenn sie diese Untersuchung nicht machen lassen. Innerhalb von nur 15 Jahren hat sich unter der Hand so etwas wie eine "Pflicht zum gesunden Kind" entwickelt. Frauen werden individuell dafür verantwortlich gemacht, wenn Kinder behindert oder krank auf die Welt kommen. Die Verantwortung für das gute Gelingen des Nachwuchses bezieht sich also inzwischen nicht mehr nur auf die Erziehung des Kindes, sondern hat sich bereits auf die vorgeburtliche Phase ausgedehnt. Zur Optimierung des Nachwuchses ist dann nur noch ein kleiner Schritt, der gesellschaftlich und auch von der einzelnen Frau/dem Paar vielleicht zukünftig als "vernünftig" angesehen werden könnte.
Diese Erfahrungen mit der Pränataldiagnostik, die Selbstbestimmung versprach, aber Frauen neue Verantwortlichkeiten zuschob bis hin zum "erwarteten" Schwangerschaftsabbruch, muss bei der Diskussion um die Einführung der Präimplantationsdiagnostik mitbedacht werden.
Gesundheitscheck in der Petrischale
Es ist nicht eindeutig gesetzlich geregelt, ob frühe Embryonen, die im Labor erzeugt werden, vor dem Transfer in die Gebärmutter der Frau auf ihren genetischen Zustand überprüft und je nach Ergebnis eingepflanzt oder verworfen werden dürfen.
Ein Richtlinienentwurf der Bundesärztekammer will nun diese sogenannte Präimplantationsdiagnostik Frauen, die ein hohes Risiko haben eine Krankheit zu vererben (z. B. Mukoviszidose) ermöglichen, um ihnen einen späten Schwangerschaftsabbruch zu "ersparen". Etwa 150 bis 200 Paare schätzen Reproduktionsmediziner würden jährlich für die heute noch hochkomplizierte Technik in Frage kommen. Unklar ist, wie diese Zahl zustande kommt. Es ist heuchlerisch, die Präimplantationsdiagnostik als Alternative zur Pränataldiagnostik und zum späten Abbruch zu setzen, denn auch nach dem Gencheck des Embryos in der Petrischale muss das Ergebnis zumindest heute noch mit einer Fruchtwasseruntersuchung überprüft werden. Das bedeutet: Man mutet den Frauen nicht nur die Strapazen der künstlichen Befruchtung mit den geringen Erfolgsquoten zu, sondern man erwartet dann auch noch von der Frau, dass sie das genetische Check-up-Programm in der Schwangerschaft durchzieht und wenn dann eine Abweichung gefunden wird, einen Abbruch zu machen. Ich kann darin nicht die barmherzige Tat sehen, die mancher Mediziner als Motiv für die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik herbeiredet. Vielmehr befürchte ich, dass an diesen ohnehin schon sehr belasteten Frauen dieses Verfahren auch hier zu Lande weiterentwickelt und etabliert werden soll, das heißt, dass diese sogenannten Hochrisikopaare nur instrumentalisiert werden könnten, um die Tür für eine Gesetzesänderung aufzustoßen.
Auf keinen Fall ist die Präimplantationsdiagnostik, wie von der Bundesärztekammer immer wieder betont wird, nur auf diese Gruppe zu beschränken. Alle Argumente für die Einführung der Präimplantationstechnik in Deutschland, die derzeit in der Diskussion genannt werden, wie "es ist nicht einzusehen, dass ein Achtzeller in der Petrischale mehr geschützt ist wie ein Fötus im Mutterleib" oder "der späte Abbruch ist für Frauen eine Tortur" usw. lassen sich auch auf alle IVF-Nutzerinnen beziehen.
Meine Prognose ist, dass der Gencheck in der Petrischale künftig den Frauen angeboten werden soll, die wegen einer Fruchtbarkeitsstörung ohnehin die IVF machen, d.h. dass in absehbarer Zeit alle Embryonen gescreent werden sollen, bevor sie der Frau eingesetzt werden. Damit - und das zeigen jüngste Zahlen aus den USA - kann das Verfahren der künstlichen Befruchtung effektiviert und die Erfolgsquote gesteigert werden. Auch die Autoren des gerade veröffentlichten IVF-Register 99 betonen wie wichtig die Zahl und die Qualität der zurücktransferierten Embryonen für die Schwangerschaftsrate sei. Deshalb fordern sie eine Anpassung des deutschen Embryonenschutzgesetzes: Denn die Möglichkeit, untersuchen zu können, welche Eizellen sich zu einnistungsfähigen Embryonen entwickeln, würde es zulassen, die Geburtenrate zu verbessern und gleichzeitig das Auftreten von Mehrlingen weiter reduzieren.
Welche Frau, die sich in der IVF-Behandlungsprozedur befindet, hätte etwas dagegen, wenn ihre Chance auf ein Kind und vielleicht auch noch auf ein gesundes verbessert werden würde? Auch heute schon macht ein hoher Prozentsatz von ihnen eine Fruchtwasseruntersuchung und lebt dadurch in der ständigen Bedrängnis, die herbeigesehnte Schwangerschaft dann doch noch vorzeitig beenden zu müssen. Wäre es da nicht viel einfacher, einen solchen "defekten" Embryo vorher einfach wegzukippen? Schließlich ist zu einem Achtzeller in der Petrischale eben noch keine Bindung da. "Um einen Achtzeller trauert man eben nicht," sagte einmal Regine Kollek, Professorin für Technikfolgenabschätzung, pointiert. Insofern liegt es im Interesse des Kinderwunschpatientin, nur vorher durchgecheckte "einwandfreie" Embryonen transferiert zu bekommen. Schließlich möchte sie für die Strapazen belohnt werden und ein gesundes Kind oder mehrere mit nach Hause nehmen. Sie könnte auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit plädieren, ein Argument, das nun häufig von denen bemüht wird, die gerne die Präimplantationsdiagnostik auch bei uns zumindest für die Hochrisikogruppe zugelassen sähen. Dieses Beispiel zeigt, wie problematisch es ist, den Selbstbestimmungsbegriff im Sinne einer autonomen Konsumentenentscheidung anzuwenden und zu verstümmeln. Jedenfalls haben die Frauen der Frauenbewegung, die die Selbstbestimmung auf ihre Fahnen geschrieben hatten, diesen Begriff im Kontext individueller und sozialer Lebensbedingungen diskutiert. Auch um zu einer gesellschaftlichen Bewertung der Techniken zu kommen, muss die Perspektive auf die sozialen Folgen erweitert werden.
Soziale statt technische Lösungen
Denn all diese Einzelentscheidungen, die Reproduktionstechnologien anzuwenden, wirken letztendlich auf die Gesellschaft und verändern das Klima, auf dessen Hintergrund letztendlich wieder die einzelne Frau ihre Entscheidungen trifft. So schleicht sich eine normative Veränderung des gesellschaftlichen Konsens ein, der da heißt: Pflicht zum gesunden Kind. Bereits heute ist dies an den Folgen pränataler Diagnostik abzulesen. Die Präimplantationsdiagnostik wird diesen Trend weiter potenzieren.
Die reproduktionsmedizinischen Angebote bieten "individuelle Lösungen" an, die als Selbstbestimmung "verkauft" und sicherlich auch von vielen Frauen (Paaren) so erlebt werden. Doch gesellschaftlich betrachtet fördern sie weiter den Individualisierungsprozess und setzen neue Normen von dem, was als "normal" gilt und was "ausgegrenzt" gehört. Die Selektion findet über den Körper der Frauen statt (auch bei der Präimplantationsdiagnostik) und zu befürchten ist, dass das, was als "Nächstenliebe" angedacht war, in der Realität zur sozialen Kälte beiträgt.
Deshalb heißt unsere Aufgabe heute nicht, neue Techniken zuzulassen, sondern die bereits vorhandenen kritisch auf ihre Sozialverträglichkeit zu prüfen. Gleichzeitig muss sich unsere Kreativität mehr auf die Entwicklung sozialer Lösungen richten. Schließlich sind Reproduktionsmedizin, Pränataldiagnostik und Präimplantationsdiagnostik medizinische Antworten auf soziale Fragen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Deshalb reicht es nicht aus, nur diese medizinischen Techniken zu regeln, sondern es müssen auch familienpolitische Anstrengungen (z. B. Aufbau von Ganztagsschulen, Teilzeitkonzepte, Besserstellung von Alleinerziehenden, Unterstützung von Eltern kranker Kinder etc.) unternommen werden, die Frauen und Männer ermutigen, Kinder zu bekommen. Das Geld, das in den weiteren Ausbau dieses medizinischen Angebots gesteckt wird, könnte in diesem Sinne anders und besser verteilt werden.
Quelle: Frankfurter Rundschau - online: www.fr-aktuell.de 2002
Eva Schindele ist Sozialwissenschaftlerin, freie Journalistin und Autorin (Gläserne GebärMütter, Pfusch an der Frau). Sie zeigt, wie die zunehmende Medikalisierung die Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung der Frauen verändert. Ihr Fokus richtet sich dabei auf Pubertät und Verhütung, Kinderkriegen und Wechseljahre.
Literatur:
Pfusch an der Frau
Krankmachende Normen - Überflüssige Operationen - Lukrative Geschäfte
Eva Schindele
Fischer Tb 1996; ISBN: 3596126797
Schwangerschaft
Zwischen guter Hoffnung und medizinischem Risiko
Eva Schindele
Rasch und Roehring 1995; ISBN: 3891365497
Gläserne Gebär-Mütter
Eva Schindele, Anne Waldschmidt, Anna D. Brockmann
Fischer Tb; ISBN: 3596247594
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