Kopfgeburten
Wehenschmerz im Cyberspace
von Jutta Riedel-Henck
Seit einiger Zeit bin ich am Grübeln. Denn auch ich möchte einmal, wenigstens ein einziges Mal beim Patentamt vorstellig werden. Tage um Wochen um Monate sitze ich am Schreibtisch, mein Gehirn geht bereits im 11. Monat schwanger, Gedankenübertragung nennt man das heute.
Erst gestern erlitt ich ein schweres vorgeburtliches Hirntrauma, als das Ikea-Regal Bingo, Bulli oder Kurt oder Konrad oder wie war das noch mit der Wettervorhersage, den weiblichen Hochs und männlichen Tiefs?
Verdammt! Der Wehenschreiber hat gerade einen deftigen Zacken aufs Blatt gemeißelt, um mir zu signalisieren, dass ich den Faden, also die gedankliche Nabelschnur fast durchtrennt hätte, bevor ein in sich geschlossener logisch strukturierter Satz in den Kasten elektronischer Bits und Beits in aller Reife durch die Nervenbahnen in die Hände und Tasten und ... ja, wie eigentlich? Wie werden Gedanken geboren, gezeugt und ausgetragen? Und was bitte schön hat dieser dämliche Kasten hier vor meinen Augen damit zu tun? Moderne Geburtshilfe? Klinisch rein und unbefleckt, schmerzfrei gebären mit Windows 98?
Big Brother im Kreißsaal. Biolek hält es mit sanften Geburten, gekreischt wird in der Mittagszeit bei Bärbel, Vera, Arabella und ... wo ist eigentlich die männliche Hebamme Hans geblieben? Auch Jürgen ist von der weichen Sorte, obwohl im Sternzeichen des Widders geboren, während Löwe Harald Schmidt bei der Spätschicht direkt zur Sache kommt: rauf auf den Gymnastikball, rein in die Badewanne, ab durch die Gänge zum Parkplatz in den Swimmingpool und 30 Minuten Lachmuskel-Entspannungs-Training zur Förderung der Wehentätigkeit nach alarmierenden Staumeldungen im Vorstellungsspeicher.
An eine Umschulung sollte Kollege Johannes B. Kerner denken, der sich von zwei kinderlosen weiblichen Gästen an der Nase herumführen ließ. Selbst die Presse fiel auf den Trick mit der Scheinschwangerschaft rein und brachte Ultraschallfotos von Spinatbriketts aus der Tiefkühltruhe ohne Spenderausweis des Instituts für geniale Gedankenakrobatik. Mit einem banalen Blubb war der Spinat geboren, doch warten die Gäste bis heute auf den ersten Schrei: vergeblich, wie ich meine.
Dass auch Alice im Wunderland der Technik ihre Ohrfeigen mit einem bemühten Lächeln schluckte, lässt mich an ihrer Durchsetzungskraft zweifeln oder dem Mut, der Geschlechtsgenossin dem Männlichen gleichberechtigt, und damit energisch kämpfend zu begegnen.
Ist das Rationale nun männlich oder weiblich? Oder keins von beidem? Und das Denken? Der Intellekt? Aber klar doch: objektiv! Und wie war das mit dem Subjektivismus des Weiblichen?
Nein, ich wollte zum Patentamt! Ganz objektiv und sachlich meine neueste Erfindung an den Mann bringen, weil Frauen ja nur mit dem Gefühl denken und Männer besser rechnen können. Was kostet das eigentlich? So eine Anmeldung?
Wenn ich doch nur, wenn ich doch nur, wenn ich doch nur irgendwas hätte ... eine Hebamme für Kopfgeburten, das wärs, aber weiblich darf sie nicht sein, und schon gar nicht mit Herz, ein Korkenzieher für den Gedankenpfropfen, den Hirnwindungen nachempfunden, ein Flaschenöffner aus trocken gepresstem Blattspinat mit eingebautem Mikrochip für den ersten Plopp - stopp, sagt mein Herz, was schreibst du hier für einen seltenen Schwachsinn?
Kopfgeburten. Ich wollte doch bloß auch mal ein bisschen Geld verdienen wie Arabella und Johannes und Verona und die anderen medial-genialen Schwätzer am Mittag und Abend und jeden Tag der gleiche Quatsch in der Kiste, während ich noch nicht mal eine Bierflasche öffnen kann, weil meine Hände gerade auf dem megabeherzten Schlüsselbrett Staub wischen, wobei ich für die Zwischenräume einen kleinen Pinsel bräuchte und das Ü sowie die Zeichen ´ und ` unter Berührungsängsten leiden, oder wie sonst soll ich mir erklären, dass sie dreimal so dreckig sind wie e, a, s, d, f, j, k, l und n mit ihren Geschwistern?
Sie haben mich ertappt, ich gebs ja zu, vor lauter Hirnakrobatik vernachlässige ich meinen Haushalt, versäume den täglichen Gang ins Fitnessstudio und die Polierung meiner Frauen-ab-Vierzig-Haut mit Deckweiß und Reliefgips. Eines aber, auch wenn sie es mir kaum glauben mögen nach diesen Zeilen, habe ich sicher nicht: einen Sprung in der Schüssel! Wobei das runde Ding auf dem Haus durchaus als Dachschaden durchgehen könnte. Leider kein Einzelfall ... oder womit empfangen Sie Ihren täglichen Gedankenbildermüll aus dem gesattelten Weltall?
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