Sanfte Musik fördert die Entwicklung von Frühgeborenen
Ergebnisse einer Studie zur Musiktherapie bei Frühgeborenen
Winzig klein sind sie und wiegen gerade einmal 500 Gramm. Um sie herum stehen Glaskästen, Schläuche und Geräte, die seltsame Geräusche von sich geben. Die durchschnittlich 45 Babys auf der Frühgeborenenstation in der Heidelberger Universitätsklinik haben nicht gerade einen leichten Start ins Leben. Um das zu verbessern, haben Professor Otwin Linderkamp und sein Team eine Studie zur Musiktherapie bei Frühgeborenen ins Leben gerufen. Das Ziel: Verbesserung der physisch-psychischen Entwicklung der Kleinsten der Kleinen.
Im Rahmen der Studie untersucht Linderkamp, wie die Gehirne der Babys während der Musiktherapie mit Sauerstoff versorgt werden. Die vor zwei Jahren gestartete Untersuchung besteht aus drei Teilen. Die Kinder bekommen zum einen die Musik zu hören, die ihre Mutter während der Schwangerschaft bevorzugt hat. Anschließend werden sie aufregender und danach beruhigender Musik ausgesetzt und das sechs Mal am Tag eine halbe Stunde lang. Die jeweiligen Stücke werden auf einem CD-Player über kleine Lautsprecher mit etwa 70 Dezibel 20 Zentimeter vom Kopf der Babys entfernt abgespielt. Zum Vergleich: Im Mutterleib herrscht ein Geräuschpegel von bis zu 90 Dezibel.
Zur Sauerstoffmessung während der Musiktherapie verwendet Linderkamp ein Gerät, das mit unbedenklichem Infrarotlicht arbeitet. Es registriert den Sauerstoffgehalt des Blutfarbstoffs Hämoglobin. Dieser schimmert bläulich, wenn er kaum Sauerstoff enthält. Ist er jedoch mit Sauerstoff angereichert, erscheint er tief rot.
Die vorläufigen Messergebnisse sind viel versprechend. So zeigten die in der Regel um die 23. Schwangerschaftswoche Frühgeborenen unmittelbare Reaktionen auf die Musik. Bei der ruhigen und von der Mutter bevorzugten Musik fiel die meist erhöhte Herzfrequenz deutlich ab. Die Atmung wurde regelmäßig. Und das Gehirn wurde insgesamt besser mit Sauerstoff versorgt. Die Stressfaktoren gingen also zurück. Bei aufgeregter Musik kam es zu keinen messbaren Effekten.
"Alles, was Stress vermeidet, ist positiv", erläutert Linderkamp. Seiner Ansicht nach ist die Musiktherapie ein Mittel, die Sterblichkeitsrate von Frühgeborenen zu senken. Ein weiteres Hauptziel seiner Arbeit sei aber auch zugleich die Förderung der Langzeitentwicklung der Kinder.
Kritiker der Therapie behaupten, die Frühgeborenen würden durch das sechsmalige Beschallen am Tag zusätzlichem Stress ausgesetzt. Dem halten die an der Studie beteiligten Mediziner eine frühere Studie entgegen. Bei dieser Untersuchung wurden die Babys der Stimme ihrer Mutter ausgesetzt. Sechs Jahre später zeigte sich, dass die so behandelten Kinder deutlich mehr Nervenverbindungen im Gehirn ausgebildet hatten als nicht behandelte Frühgeborene. Sprachverständnis und Sprechen entwickelten sich besser, und die behandelten Kinder zeichneten sich durch höhere emotionale Stabilität aus. Ähnliche Ergebnisse erwartet sich Linderkamp jetzt auch von der Musiktherapie.
Abgesehen davon sei aber auch die so genannte "Känguru-Pflege" unbedingt notwendig. Dabei liegen die Frühgeborenen stundenweise nackt auf dem unbekleideten Körper ihrer Eltern. Auch die taktile Stimulation, sprich das Streicheln, sei dabei wichtig für die weitere Entwicklung der Frühgeborenen.
Die experimentelle Studie zur Musiktherapie haben Linderkamp und seine Mitarbeiter inzwischen abgeschlossen. In einem halben Jahr werden die genauen Ergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Vielleicht kommt dann diese viel versprechende und zugleich einfache Behandlungsform weit mehr Frühgeborenen zu Gute.
Quelle:
Die Welt online, www.welt.de
2002
Informationen zur Wahrnehmung unserer Kleinsten finden Sie auch hier:
Projekt Erdling
www.projekt-erdling.de
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